Christopherus oder Waldfrevler

Winterspaziergang Beim Gang durch den Wald begegnet unserem Autor und seinem Begleiter ein Jogger. Diese Erscheinung regt zu vielfältigen Gedankenspielen über Männer und ihre Körper an

An einem der letzten Tage des Jahres ging ich mit meinem Freund Klaas bei strahlendem Sonnenschein durch die klare und kalte Winterluft spazieren. Am tiefblauen Himmel kreisten Bussarde. Ihre schrillen Rufe waren weithin hörbar. Ansonsten war es still und es begegnete uns lang kein Mensch. Als wir in der Nähe von Waldgirmes einen gewundenen Waldweg hinaufgingen, der zu der Stelle führt, an der ein stelenartiger Gedenkstein - in keltischer Manier von stehenden Steinen umgeben - an den ersten Umweltminister eines deutschen Bundeslandes, den Hessischen Sozialdemokraten Werner Best, erinnert (der 1973 in Folge des Hanauer Giftmüllskandals zurücktreten musste und auf einem nahe gelegenen Hofgut lebte und starb), kam uns ein junger Mann entgegen.

Er joggte, trug die von der Sportartikelindustrie dafür vorgesehene Kleidung, Baseballkappe, Sonnenbrille und hörte über seinen MP-3-Player und Ohrenstöpsel Musik. Zusätzlich hatte er sich einen etwa zwei Meter langen Baumstamm auf seine Schultern geladen, über dessen Enden er seine Unterarme gelegt hatte. Als er grußlos an uns vorbei hechelte, verrenkte er sich, um auf seine Armbanduhr zu sehen und sich zu vergewissern, ob er auch noch gut in der Zeit läge. Kopfschüttelnd sahen wir ihm nach und fragten uns, ob er überhaupt mitbekäme, wie schön dieser Tag und die winterlich-besonnte Landschaft sei. „Warum tut er sich das an?“, fragte Klaas, „warum kasteit er sich dermaßen, wofür büßt er?“ Und obwohl dies mehr als rhetorische Frage gemeint war, auf die die Antwort nur lauten konnte: „Weil er nicht alle Latten am Zaun hat!“, kamen wir doch ins Nachdenken und redeten den ganzen Rest des Weges über das zeitgenössische Sportgebaren.

Ich erinnerte mich daran, dass mein Freund Heiko im Kontext seiner Forschungen über die deutsche Jugendbewegung, im Vorfeld des Faschismus und in ihn mündend, auf ähnliche Phänomene gestoßen war. Er hatte mir Bilder gezeigt, auf denen man junge Männer in Turnhosen und mit bloßem Oberkörper dabei besichtigen kann, wie sie auf Waldlichtungen Kniebeugen absolvieren und dabei Baumstämme auf ihren Schultern liegen haben. Das verstärkte die Tortur, schuf Stärke und härtete ab für die bevorstehenden zivilen und kriegerischen Auseinandersetzungen. Der Körperpanzer aus Muskulatur, mit dem die jungen Männer sich umgaben, diente dem Schutz vor alten und der Abwehr neuer Verletzungen und war in gewisser Weise der ins Fleisch gewachsene Nachfolger der Rüstung, die die Ritter einst über der Kleidung und auf dem Körper trugen.

Außen soll sich nichts bewegen und innen kein Gefühl sein

Der unter wilhelminischen Sozialisationsbedingungen nicht zu Ende geborene Mann, so hat Klaus Theweleit in seinem Buch Männerphantasien gezeigt, schützt sich vor der stets drohenden Gefahr der psychischen Fragmentierung und Dekompensation durch das Antrainieren eines Körperpanzers und das Tragen von Uniformen. Helm, Uniform und Lederriemen hielten den Mann zusammen, bildeten eine Art von psychischer Prothese. Das letztlich tödliche und todbringende Programm dieser Männer lautete: „Außen soll sich nichts bewegen und innen kein Gefühl sein!“ Das Phänomen ist mit dem Ende des Faschismus offenbar nicht verschwunden und feiert im Gewand zeitgenössischer Fitness- und Körper-Kulte und in gewissen athletischen Subkulturen seine - je nach Sichtweise - fröhliche oder traurige Auferstehung.

Wir alle leben ja nach wie vor unter gesellschaftlichen Bedingungen, die uns von frühester Jugend an zumuten, mehr auszuhalten, als gut für uns ist. Von klein auf lehrt uns die Schule, dass wir morgens irgendwohin müssen, wohin wir nicht wollen. Die Kinder sitzen ein paar Stunden lang traurig da, und Vieles geht dabei kaputt: der Spaß, die Neugierde, die Freude am Erfolg. Die Hauptfächer, in denen sie unterrichtet werden, stehen nicht im Stundenplan und lauten: Stillsitzen, Pünktlichkeit und unproduktive Zwangsanwesenheit.

Ganz zu Anfang des Lebens glauben wir unter dem Einfluss mütterlicher Fürsorge und Liebe, dass die Welt es gut mit uns meint. Ein folgenreicher Irrtum. Denn bald geraten wir unter andere Einflüsse und die Dressur beginnt. Wir müssen eine gewisse Grundhärte erwerben, um das, was da auf uns zukommt, aushalten zu können: Ein Leben unter dem Diktat der entfremdeten Arbeit als Vollzeitbeschäftigung. Manche Menschen versuchen nun, der erzwungenen Selbstverhärtung den Anschein von Freiwilligkeit zu geben und nehmen ihre systematische Desensibilisierung in eigene Regie. Sie versuchen, mit freiwilligen Anstrengungen die erzwungenen Belastungen zu überholen und zu überbieten. Sie verfahren dabei nach dem Motto, das Sloterdijk in seinem Buch Weltfremdheit so umschreibt: „Man muss das unvermeidliche Leiden gesteigert inszenieren, um das reale Pensum tragbar zu machen.“ Möglicherweise, so resümierte ich, lädt sich unser Mann im Wald also einen Baumstamm auf, um seine Existenz als Sachbearbeiter bei der Barmer Ersatzkasse oder in einer Werbeagentur besser ertragen zu können und sich gegen Angriffe von Konkurrenten zu wappnen.

Ehy, Opfer!

„Mir fällt allerdings auf“, meldete sich Klaas zu Wort, „dass ich in letzter Zeit auch immer mehr hochgedopte, in gewisser Weise vermännlichte Frauen sehe. Schrecklich sehen die aus. Ich habe den Eindruck, dass die globale Körperleitlinie immer mehr dieser Mannpanzer oder auch Krieger wird und auch Frauen dieses Konzept mehr und mehr übernehmen.“ In dem Maß, wie Frauen ihre heiß ersehnte Gleichstellung erreichen und Markt- und Geldsubjekte werden, erleiden sie dasselbe Schicksal wie die Männer und es ist nur konsequent, wenn sie nun auch vermehrt in den Kampf um Härteprämien eintreten.
Nach einer kurzen Pause, während der wir unsere Gesichter der bleichen Wintersonne zugewandt hatten, kam ich noch einmal auf Theweleit und das von ihm beschriebene Motiv der Panzerung zurück, das in der Gegenwart eine neue Aktualität gewinnt.


Junge Männer leiden unter einem Mangel an männlichen Rollenvorbildern in ihren Nahbereich. Selbst wo noch Väter existieren, sind sie oft keine Väter mehr, mit denen zu identifizieren sich lohnt. Gleichzeitig setzen die Jugendlichen aus anderen, meist süd- und osteuropäischen Kulturen neue Maßstäbe in puncto männlichem Habitus, an denen gemessen viele deutsche Jugendliche als „Weicheier“ und „Opfer“ erscheinen.

„Ey Opfer“ – unter Schülern ist diese Anrede heute ein gängiges Schimpfwort und ein probates Mittel der Beleidigung. Als "schwul" wird bezeichnet, was missfällt, "schwule Sau" ist immer noch das beliebteste Schimpfwort unter jungen Leuten. All diesen Benennungen ist gemeinsam, dass sie den Schwachen gerade wegen seiner Schwäche verhöhnen. Wer einmal Opfer geworden ist, verdient kein Mitleid mehr, sondern qualifiziert sich lediglich dafür, immer wieder Opfer zu sein. „Ey Opfer, was rennst du so? Hast du Schiss vor uns oder was?“ So beginnt eine Anmache, die mit einer Beraubung oder einem Kieferbruch enden kann.

Bloß nicht zu viel Weibliches zeigen

Das Thema lautet Symbiose: Wie man aus ihr herausfindet und vermeidet, von ihr verschlungen zu werden. Häufig gelingt das nur gewaltsam. Wie wir anlässlich der Erwähnung von Klaus Theweleits Männerphantasien schon gezeigt haben, konnten viele deutsche Jünglinge in der vorfaschistischen Zeit ihre Symbiose mit dem Körper der eigenen Mutter nur lösen durch die Militarisierung des eigenen Körpers, durch eine affektive Vernichtung des Mutterkörpers also. Die heute grassierende Vaterlosigkeit und die weibliche Dominanz in Kindergärten, Grund- und Hauptschulen verleihen der Problematik eine neue Aktualität und Brisanz. Gerade in deutsch-russischen und südeuropäischen Familien gestaltet sich die Mutter-Sohn-Beziehung äußerst eng und intensiv und die Jungen haben es schwer, eine eigene männliche Identität hervorzubringen. Sie werden von der Sorge umgetrieben, es kö

Die männliche Identität ist stets prekär und von Fragmentierung bedroht, besonders an der Grenze zum Weiblichen. Die Angst vor Fragmentierung und Identitätsverlust wird in der Folge gewaltsam abgewehrt, nach dem Motto: „Unsere Entschlossenheit zur Gewalttätigkeit beweist, dass wir keine Schwuchteln und Muttersöhnchen sind.“ Der Zweifel an der eigenen Männlichkeit wird durch Demonstrieren von Hypervirilität, ostentative Gefühllosigkeit und starke Muskeln zerstreut. Man zieht sich Rambo-Filme rein, findet die frauenfeindlichen Texte von Bushido cool, der singt:„Wir stürzen ab, und ich ficke mit der Stewardess“, und geht möglichst täglich an die Gewichte und Maschinen im Fitness-Studio.

Wäre man sich seiner Männlichkeit einigermaßen sicher, müsste man sie nicht ständig unter Beweis stellen und sich künstlich aufblasen. Wer wirklich über Männlichkeit verfügt, hat sie und strahlt sie ruhig und gelassen aus. Je prekärer die Männlichkeit organisiert ist, desto mehr muss man sie durch peinliches Prollgehabe und das Vorzeigen bestimmter Luxusgegenstände unterstreichen. Als männliche Selbstwertprothesen fungieren neben einem muskelbepacktem und durchgestyltem Körper bestimmte materielle Objekte: Jacken, teure Sportschuhe, tiefergelegte und getunte Autos, Uhren bestimmter Marken und vor allem Goldschmuck. Diese Dinge sind das Viagra des schwächelnden männlichen Selbst, blasen es auf und erhalten es künstlich aufrecht. Je unsicherer man sich seiner Männlichkeit ist, desto mehr pocht man bestimmte Formen von Anerkennung, die Respekt genannt werden.

Respekt ist die Währung, die zählt

Joachim Kersten hat anlässlich der sogenannten U-Bahn-Attacke von München darauf hingewiesen, dass das Leben auf der Straße durch einen Katalog informeller Regeln bestimmt wird, in deren Zentrum der Begriff Respekt steht. Das ist die Währung, die zählt und in der Anerkennung berechnet wird. Respekt ist eine Art Tributzahlung an die gesellschaftlich Nichtrespektablen. Respekt ist für den, der ihn gezollt haben will, ein äußerst hochwertiges Objekt: schwer erkämpft und leicht verloren. Für den Vorwurf und die Ahndung der Missachtung, des Dissing, gilt der Code der Straßenregeln, nicht das bürgerliche Gesetzbuch. Wer auf Respekt angewiesen ist und seine Männlichkeit auf Muskeln und Goldketten stützt, ist extrem empfindlich gegenüber kleinsten Andeutungen nonverbaler oder verbaler Missachtung und Beleidigung und ungeheuer leicht kränkbar.

Zeichen der Missachtung werden als Angriffsverhalten aufgefasst und mit verbaler und physischer Gewalt beantwortet: „Wenn dich jemand anmacht, zahl es ihm zurück, wenn dich jemand disst, mach ihn fertig.“ Schlagen, verbales Herabsetzen, Beschimpfen gehören zur Sozialisation in der Straßenkultur. Nur, wer Gewalt praktiziert oder durch das Demonstrieren von Muskeln und Körperkraft glaubhaft androhen kann, genießt Respekt und wird verschont.

Das Leben in einer vom Markt und seinen Gesetzen vollkommen beherrschten Gesellschaft zwingt die Menschen zu einem Leben in einem Zustand permanenter Verteidigung und Aggression. Wer vorwärts kommen und nicht irgendwann zu den Herausgefallenen und Überflüssigen gehören will, muss treibhausmäßig sozialdarwinistische Tugenden und Haltungen wie Skrupellosigkeit, Härte und kalte Schonungslosigkeit entwickeln. Mitgefühl mit sich und anderen bedeutet in einer Marktgesellschaft Untergang und sozialen Tod.

Ich muss nur schneller laufen können als du

Robert Stern hat in seinem Buch Intelligenz des Erfolgs das Wirken des darwinistischen Prinzips in der Gesellschaft mit folgender Geschichte illustriert: Zwei Jungen begegnen irgendwo in den amerikanischen Wäldern einem aggressiven Grizzlybären. Während der eine in Panik gerät, setzt sich der andere seelenruhig hin und zieht sich seine Tennisschuhe an. Da sagt der in Panik Geratene: „Bist du verrückt? Niemals werden wir schneller laufen können als der Grizzlybär.“ Und sein Freund entgegnet ihm: „Du hast Recht. Aber ich muss nur schneller laufen können als du.“

Die Fähigkeit dazu muss geübt werden und womöglich haben wir den Mann, der wie ein moderner Christopherus den Baumstamm auf seinen Schultern trug, beim Training für das zeitgenössischen Rattenrennen angetroffen. „Was wäre denn“, gab Klaas am Ende unseres Spaziergangs zu bedenken, „wenn die ganze Joggerei nur Tarnung gewesen ist und wir es in Wahrheit mit einem Fall von Holzdiebstahl zu tun haben? Du kennst doch diesen alten Witz von dem Zöllner, der regelmäßig einen Mann filzt, der permanent mit dem Fahrrad über die Grenze fährt. Nie findet er was und erst ganz zum Schluss schnallt er, dass der Mann keine Zigaretten oder Schnaps schmuggelt, sondern Fahrräder.

Bei unserem Mann läge der Trick darin, dass alle denken, er würde sich joggend selbst kasteien, dabei holt er täglich einen Holzblock aus dem Wald, um seine Wohnung zu heizen. Du wirst doch auch gemerkt haben, wie stark die Heizkosten gestiegen sind in der letzten Zeit.“ „Ja“, sagte ich, „in der Tat. Mit dem Pauperismus kehrt auch der gute, alte ‚Holzfrevel’ in neuem Gewand wieder. So nannte man das zu Marx’ Zeiten. Er schrieb darüber 1842 in der Rheinischen Zeitung und sah in ihm eine ‚Notwehr gegen Hunger und Obdachlosigkeit’.“

Unterdessen waren wir beim Auto angekommen. Wir fuhren nach Hause und alles blieb in der Schwebe.

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10:03 04.02.2009

Ausgabe 39/2020

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