City Night - einmal Ku´damm und zurück

Berliner Abende Kolumne

Überall Party. Die ganze Stadt scheint aus dem Häuschen. Das Olympiastadion lässt bitten. Nach vier Jahren mühevollen Umbaus präsentiert es sich nun in Superlativen, preist sich eine der modernsten und schönsten High-Tech-Arenen der Welt ... Ein "Ring of Fire" im Dach, eine einzigartige Soundanlage, Top-Stars und ein grandioses Licht- und Tonspektakel zur Eröffnungsshow. Nach dem rauschenden Fest werden dann die Herthaner in ihr neues Zuhause einziehen.

Es heißt, Konkurrenz belebt das Geschäft, na ja zumindest kann man mit ihr leben. Was ist ein grandioses Lichtspektakel gegen eine ganze Stadt voller Werbung für den City-Night-Lauf. Die Bewag als Hauptsponsor machte es möglich. Und daher, so war in einer beliebten Hauptstadtzeitung zu lesen, "hat Mark Milde zur Zeit gute Laune". Mark Milde ist Renndirektor und er hat noch mehr Grund zur Freude. Wie in jedem Jahr gibt es auch in diesem einen neuen Teilnehmerrekord beim City-Night-Lauf. Die Höchstmarke des Vorjahres wurde nochmals um über zehn Prozent übertroffen. Außerdem sollen rund 55.000 Zuschauer - so viele wie nie zuvor! - die Strecke umsäumt haben.

Ja, und dann laden auch noch die Kaulsdorfer Kleingartenanlieger zum traditionellen Sommerfest mit Spiel, Spaß, Volksmusik - ob denn der alte Holzmichel ...? und Feuerwerk.

Wir haben nicht die Wahl, wir haben die Qual. Denn schon Wochen zuvor hatten wir uns für den City-Night-Lauf entschieden. Starttickets per Internet-Buchung - einmal Ku´damm und zurück, bitte! - waren schnell geordert. Die zehn Kilometer Laufstrecke später über Kurfürstendamm und Kantstraße dauert ihre Zeit, selbst bei lautstarkem Rekordzuschauer-Saum. Das liegt zum einen natürlich an der Zahl an sich, 10.000 Meter, Meter für Meter laufen und das bei ebenfalls laufender Zeit. (Zur Messung binden wir uns freiwillig einen kleinen, gelben Chip ans Bein.) Aber zum anderen auch an der sich ständig steigernden Zahl der Mitläufer. Der Veranstalter hatte zwar die Startblöcke nach voraussichtlich erreichbaren Zeiten eingeteilt, aber als wir nach dem Warming up auf dem Breitscheidplatz uns einreihen wollen, sind bereits alle Blöcke dicht belegt. Also heißt es, wie so oft im Leben, hinten anstellen. Bestraft fühlen wir uns dennoch nicht, denn Aerobic zum Aufwärmen zwischen Würstchenstand, Souvenirverkäufer, bauchnabelfreien Muskelprotzen und einer von Kopf bis Fuß schwarz verhüllten Person, deren einzig sichtbarer Kontakt zur Außenwelt zwei Brillengläser zu sein scheinen, hat seinen besonderen Reiz. Bei jedem Armkreisen nach links streife ich einen bierbäuchigen Gaffer, was ihn aber nicht dazu bewegt auch nur einen Zentimeter Blickrichtung ins Dekolletee der Vorturnerin aufzugeben. Mein Blick hängt plötzlich an der Aufschrift einer nahe stehenden Bude. In großen Lettern lese ich ohne Brille SCHWEINKRAM und stoße meine Nachbarin irritiert an. "Schweinekamm", sagt Karin, "würde ich jetzt vor dem Lauf aber nicht mehr essen."

Stimmt, konzentrieren wir uns also auf den Lauf. Schnell noch ein drittes Mal hinter der blauen Tür des Dixi-Häuschens verschwinden. Nicht nur Top-Athleten sind nervös vor dem Start, wenngleich die natürlich im Rampenlicht stehen. So auch Robert, der beste Freund meines Sohnes. Er hatte seine Fangemeinde damit gelockt, dass seine Mutter hinterher alle zum Essen einlade. Das behauptet jedenfalls eine mir vertraute lästernde Zunge. So legten sich die Freunde mächtig ins Zeug, und, das sei vorweg genommen, es hat sich gelohnt, Robert erkämpfte den neunten Platz von 6.193 Läufern und Walkern. Da kann man nur neidlos gratulieren. Karin und ich hatten dafür länger etwas von der Strecke. Es gab einen Moment, da hätte ich die einsetzende Dämmerung und den leicht kühlenden Windhauch fast genießen können, wenn sich Karin nicht so ab Kilometer "7" plötzlich warm gelaufen hätte und nun wie eine gute Zugmaschine das Tempo forcierte. Ich wusste gar nicht, wie lang der Kurfürstendamm und vor allem wie trocken so eine schnaufende Kehle sein kann. Zum Glück dichtet sich der Zuschauersaum allmählich, die Geräuschkulisse wird euphorischer, Mama ruft es von der Seite und ein Schild streckt sich mir entgegen. Einen Leseversuch starte ich nicht, aber ein Lächeln gelingt mir noch. Dann ist es geschafft. Jetzt gibt es Tee mit Zitrone und dann, nein, keinen Schweinekamm, aber eine feine Portion Spaghetti Carbonara.

Am nächsten Morgen suche ich die Ergebnisliste im Internet und lese: "Bei warmem, trockenem Wetter musste 84 Mal Erste Hilfe geleistet werden, fünf Teilnehmer kamen ins Krankenhaus." - Leute, verderbt Mark Milde die Laune nicht. Im nächsten Jahr wird der Teilnehmerrekord erneut gebrochen. Laufen - marsch, marsch!


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00:00 06.08.2004

Ausgabe 38/2020

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