Concetto Spaziale Trionfale!

MUSEUMSNEUBAU Die vorzügliche Sammlung Kurt Fried in Ulm

Als der Sammler und Zeitungsmann Kurt Fried 1978 seine Sammlung der Klassischen Moderne dem Ulmer Museum schenkte, war klar: Man wollte diese Werke nicht nur ab und zu einmal ausstellen. Die auf über 400 Exponate angewachsene Privatsammlung brauchte vielmehr ein eigenes Haus. Dieses Bau-Versprechen, das die Stadt Ulm der Familie Fried nach dem Tod des Sammlers 1981 gab, wurde nun (etwas verspätet) eingelöst - mit einer großen und zugleich großartigen Erweiterung des Museums.

Zwölf Millionen Mark hat sie gekostet. Das Ulmer Museum besteht nun aus fünf alten, jetzt ineinander verschachtelten Bürgerhäusern (zum Teil aus dem 17. Jahrhundert), die mittelalterliche Kunst, Volkskundliches und Archäologie beherbergen, und eben aus jenem riesigen luftigen Anbau, der selber das Zentralstück des Museums werden könnte - denn er zeigt die Entwicklung dieses Jahrhunderts von der Konkreten Kunst bis zur Pop Art, vom Bauhaus bis zur Neuen Figuration, von Willi Baumeister bis Keith Haring.

Den Ulmern ist mit diesem Museum also etwas gelungen, was Stuttgart mit der (jetzt versteigerten!) Sammlung des Musical-Parvenus Rolf Deyhle nicht geschaffen hat. Es gibt ein lichtdurchflutetes Haus, das dem, was darin gezeigt werden soll, sehr adäquat ist. Metallene Wege und Stege, die immer neue Perspektiven auf die Bilder ermöglichen, ein Versammlungs-Forum, Glasböden und überdachte Innenhöfe: Die Architekten Johannes Manderscheid und Eberhard Raupp haben bescheiden und klug gearbeitet. Das Licht fällt vom Dach durch Lichtschächte und -schlitze bis ins Erdgeschoss, alles wirkt leicht und spielerisch - und dabei wurde auf engstem Raum gebaut.

Die Ulmer Museumsdirektorin Brigitte Reinhard hat schon seit Jahren Gegenwartskünstler und Klassische Moderne ausgestellt, und nun kann sie in die Vollen greifen. Besonders den großformatigen aureatischen Werken der amerikanischen Farbfeldmalerei wird da ein Altar gebaut. Mark Rothko, Morris Louis, Frank Stella und Kenneth Noland zeigen uns in diesen kahlen, weißen Räumen, welche Suggestionswirkung Farbe haben kann. Kurt Fried hat sehr gezielt gesammelt, er hat mit Klee, Schwitters und Man Ray angefangen und sich dann konsequent vorangearbeitet: Die Kopflastigkeit der Konkreten wie Josef Albers und Max Bill, die auch an der Ulmer Hochschule für Gestaltung gelehrt haben, wird konterkariert von den wilden Intuitionen der amerikanischen Farbschleuderer um Jackson Pollock. Es gibt Nagelbilder von Günther Uecker, depressiv-schwarze Bild-Mauern von Antoni Tapiès, Lichtspiele von Heinz Mack, monochrome Exerzitien und das die Leinwand aufreißende Raum-Konzept des Lucio Fontana, das "Concetto Spaziale".

Wer lachen will, bekommt von Jean Tinguely einen Federwisch plus Ventilator vorgeführt und von Daniel Spoerri ein Ensemble mit Essensresten serviert. Der frühe Christo bietet einen verpackten Sessel, Roy Lichtenstein einen poppig gepunkteten gelben Himmel. Joseph Beuys bepackt einen Schlitten mit einer wärmenden Decke und einer Taschenlampe, Franz Erhardt Walter steckt die vier Jahreszeiten in einen Sack, Arnulf Rainer übermalt sein Selbstportrait. Und Otto Piene zeigt uns die kraftvolle "Schwarze Sonne", einen dunkel eingebrannten Farbfleck inmitten eines wild leuchtenden Rot. Es war viel Aggression, Humor, Kritikfähigkeit und Erfindungsgeist vorhanden in diesen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Und mancher, der sich später in die Privatmythologie verabschiedet hat, war zu Beginn ein kämpferischer Zero-Künstler oder ein Neuer Realist.

Kulturpolitisch ist dieses runderneuerte Ulmer Museum ein großer Coup - denn hier hat eine kleine Großstadt aus eigener Kraft, mit eigenem Geld einen Parcours eröffnet, der wie ein Lehrpfad durchs Labyrinth der neuen Kunst konzipiert ist. Das stellt manch großspurige und nun etwas kleiner geratene Vorhaben der baden-württembergischen Landesregierung in den Senkel. Das Land hatjahrelang um die eher konventionelle Sammlung des Pleitiers Rolf Deyhle gebuhlt und muss ihr Sammler-Museum in Karls ruhe, im ZKM, nun mit etwas bescheideneren Kollektionen füllen.

Das Tolle an der Ulmer Unternehmung aber ist, dass derzeit nur 50 Prozent der Sammlung Kurt Fried ausgestellt sind (sonst hätte der Neubau doppelt so hoch werden müssen) - und dass die Ausstellung sich also ständig aus sich selbst heraus erneuern wird. Immer wieder wollen die Ulmer Teile der Schau verändern und austauschen - und wer da dann nicht hingeht, der ist selber schuld. n

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 41/2021

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