Contra: Weder Ghandi noch Quäker

Contra Nicholson Bakers Ehrenrettung des Pazfismus in „Menschenrauch“ mag ehrenwert sein, bagatellisiert aber den deutschen Rassismus

„Die Einfühlung in den Sieger kommt den jeweils Herrschenden allemal zu gute“, meinte einst der kritische Theoretiker Walter Benjamin. Und der US-amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker hat mit seinem jüngsten Collagenroman „Menschenrauch“ versucht, diesen Satz auf den Zweiten Weltkrieg zu beziehen.

Einfühlung in die damaligen Sieger, vor allem die USA und Großbritannien, verbietet sich für den Kriegsgegner Baker schon alleine aus aktuellem Anlass und aus geschichtspolitischen Gründen. Denn der Sieg über den Faschismus wurde in US-amerikanischen Debatten wiederholt zur Legitimation heutiger Kriege wie im Irak oder in Afghanistan herangezogen. „In jeder Diskussion darüber, warum die USA in einen Krieg eintreten sollten oder nicht, das heißt: In allen gefährlichen politischen Situationen seit 1945, wird der Zweite Weltkrieg als Beispiel vor allen anderen angerufen“, erklärte der 52jährige US-amerikanische Schriftsteller.

Deswegen will Baker das Urbild des „gerechten Krieges“, den Zweiten Weltkrieg, gegen den Strich bürsten. Bei keinem anderen Krieg sind die Rollen der Guten und der Bösen so klar verteilt, und diesen Schein will Baker dekonstruieren.
Der Romancier zeigte sich schon in der Vergangenheit als streitlustiger Provokateur. So mit seinem 2004 veröffentlichten Buch Checkpoint, indem er einen geplanten Mordanschlag auf den amtierenden Präsidenten der USA, George W. Bush, während des Wahlkampfs beschrieb und damit in den USA eine Debatte auslöste.

Baker ist ein eher links orientierter, religiöser Pazifist, der in Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg weiß, dass eine Anti-Kriegshaltung auch von weit rechts außen kommen konnte. Die echten Pazifisten sind für ihn: der Versöhnungsbund, der Keep America out of War Congress, die Quäker, die Friedensprediger und Rabbiner und vor allem die Ghandi-Anhänger sowie die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit.

Der schreckliche Krieg

Die Isolationisten dahingegen lehnt Baker ab, sie waren für ihn keine prinzipiellen Pazifisten, sondern sie wollten, so schreibt Baker, dass „die Vereinigten Staaten Deutschland in Ruhe ließen, weil Deutschland ihrer Meinung nach das einzige Bollwerk war, das Stalin aufhalten konnte.“

Für Baker offenbart sich die schreckliche Wahrheit des Krieges, jedes Krieges im Offensichtlichen, in seinen zerstörerischen Folgen für die Zivilbevölkerung. Nicht eine besondere Theorie, etwa eine elaborierte Imperialismustheorie kann für den Schriftsteller eine Ablehnung von Krieg ausreichend begründen. Es reichen schon die Ansammlung von nachprüfbaren Fakten und schlichten Nachrichten aus dem Krieg, die vom Tod erzählen.
So begab sich Baker in Zeitungsarchive und präsentiert mal mehr mal weniger bedeutende Nachrichtenschnipsel aus der Zeit des Krieges. Dem Leser tischt er außerdem Lesefrüchte aus Memoiren und Tagebüchern auf, die das klar manichäische Bild vom „good war“ ins Wanken geraten lassen soll.

Immer wieder verweist Baker auf die Indifferenz gegenüber dem Schicksal der Juden bei den politisch Verantwortlichen in England und den USA. Doch das ist nicht alles, worauf er hinauswill, er will als radikaler Quäker-Pazifist sowohl die Kriegsanstrengungen Englands gegen Hitler-Deutschland moralisch anfechten, als auch die Rooseveltsche Politik, die zuvörderst im pazifischen Raum auf einen Kriegseintritt der USA drängte. So wird Churchill wiederholt als kriegslüsternes Monstrum geschildert. Wiederholt weist er auf Massenbombardements und Hungerblockaden hin, die von England gegenüber Deutschland ausgeübt werden. Das Buch suggeriert an mehreren Stellen, dass nicht Deutschland eine aggressive, von Anfang an auf Krieg und Expansion setzende Politik verfolgt habe, sondern England und die USA.

Gelänge es dem Leser, angesichts solch starken Tobaks, seine Abneigung gegen die  Lektüre zu überwinden, so könnte er  Menschenrauch auch als mutiges Dokument eines prinzipiellen Pazfismus lesen, der selbst den Zweiten Weltkrieg nicht scheut, um seiner Weltanschauung treu zu bleiben. Baker unterzieht mit seinem jüngsten Werk den radikalen Pazifismus einer Prüfung, die dieser letztlich aber  nicht bestehen kann.Pazifismus erscheint beispielsweise in der Person Ghandis mit seinen naiv-kindlichen Vorschlägen, wie ein Krieg gegen Deutschland zu verhindern sei, als das, was er zuweilen ist: realitätsfremd.

Gesellschaften im Krieg

Was dieses Buch als historische Collage zur Begründung einer Politik prinzipieller Gewaltfreiheit so unbrauchbar  macht, ist, dass man dem Zweiten Weltkrieg nicht mit moralischer Prinzipientreue beikommen kann und noch weniger mit einem radikalen Nominalismus.

Denn bei aller Brutalität, bei aller Zögerlichkeit, bei aller Geistesverwandtschaft mit dem Gegner, die man den einzelnen Staatsmännern aus der Anti-Hitler-Koalition zu Recht oder zu Unrecht vorhalten mag, sie haben schließlich aus den falschen Gründen das Richtige gemacht. Und das Richtige ist schlicht: die Nationalsozialisten besiegt. Kein Ghandi, kein pazifistischer Quäker, keine – wie der Philosoph Hegel sagen würde – „schöne Seele“ der Welt hätte dieses bewerkstelligen können. Und das ist bereits das entscheidende Argument gegen den prinzipienfesten Pazifismus.

Dabei muss man Bakers Buch nicht gleich in der Luft zerreißen wie viele andere deutschsprachige Rezensenten. Denn er präsentiert wichtige Erkenntnisse über jeden Krieg: er ist vor allem ein Geschäft und selten bis nie entscheiden moralische Gründe über Kriegseintritte, sondern viel eher nackte Interessen. In Menschenrauch wird auch plastisch, was mit Gesellschaften im Kriegszustand passiert.

Baker schildert eindrucksvoll die ab 1940 in England praktizierte Internierung von deutschen Emigranten als sogenannte „feindliche Ausländern“, eine Praxis, die nicht wenige deutsche Juden, die vor dem Nationalsozialismus geflogen waren, traf. Er zeigt, wie in Kriegszeiten Streiks niedergeschlagen werden und der Burgfrieden auch unter Preisgabe demokratischer Rechte aufrecht erhalten werden soll.

Hier spricht kein „Feind der Demokratie“, wie sein deutscher Schriftstellerkollege Daniel Kehlmann Baker unterstellte, sondern ein Radikaldemokrat, der Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus verabscheut. Doch noch mehr verabscheut er den Krieg, so sehr, dass er die besondere Qualität, die Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus in Deutschland angenommen haben, aus den Augen verliert.

Nicholson Baker, Aus dem Englischen von Sabine Hedinger und Christiane Bergfeld. Rowolth Verlag, Hamburg 2009, 639 S., 24.90

11:15 01.09.2009

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