Coolness und OLympia

Sportplatz Kolumne

"Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt", behauptete einst die Hamburger Band Tocotronic. Die muss es wissen, gehört Musik doch zu den Phänomenen, welche bevorzugt am Maßstab der Populärkultur gemessen werden: der Coolness. Sport ist dagegen, wiewohl populär, eher ein Feld, in dem, mit Tocotronic gesprochen, "man sich fühlt". Davon zeugt bereits die Sprache. Wenn nach verlorenem Spiel der Stürmer vor dem Reportermikrofon nach Gründen für die Niederlage sucht, bemerkt er erstaunt, "dass wir uns eigentlich ganz gut gefühlt hatten". Die für den Erfolg im Radsport eminent wichtigen "guten Beine" wollen gespürt, also gefühlt werden. Der finalen Attacke im Skilauf geht ein Update der Gefühle voraus. Nur wer am letzten Berg noch Reserven und Selbstbewusstsein im eigenen Körper ausmacht, wird zum Angriff blasen.

Nun geht es bei der Popmusik anders als im Sport nicht um technische Perfektion, sondern um die Attitüde, mit der ein Selbstentwurf präsentiert wird. Cool ist nicht, um bei Tocotronic zu bleiben, das Schlagzeugspiel von Arne Zank. Zumindest spricht niemand davon. Cool ist Arne Zank als Teil eines Erzählung, eines Images, nämlich der Band Tocotronic. Und als dieser Teil ist er zufällig Schlagzeuger.

Im Sport unterliegt dagegen der Stil des Athleten den Bewertungen, die in der Musik nebensächlich sind. Das führt dazu, dass der Begriff des Cool nicht als Gütesiegel für Zeitgeistführerschaft verwendet wird. Cool ist hier eher im ursprünglichen Sinne gemeint, bezeichnet Nervenstärke (so gesehen wäre Michael Ballack "cool") oder Understatement gegenüber den Medien (so galt der "coole" Biathlet Mark Kirchner als großer Schweiger). Daraus ist zu lernen, das Coolness im Sport ebenfalls an den Oberflächen zu suchen ist. Insofern ist die Frage interessant, ob nicht der einen oder anderen Sportart das Ruch des Coolen anhaftet.

Das Spannungsfeld des Coolen in der Popmusik ist durch Mainstream und Subkultur begrenzt. Der Mainstream des Sports ist das Großereignis, also etwa Olympia. Mit Blick auf die Winterspiele von Turin wäre es ein Leichtes, erst jüngst nobilitierte Disziplinen wie Shorttrack-Eisschnelllauf oder Snowboarding als cool zu preisen. Tatsächlich fallen aber diese Sportarten aus dem Rahmen - gerade wegen ihrer ostentativen Rückbindung an einen coolen Lebensentwurf. Vor allem dem Snowboarding eignet im olympischen System etwas Lächerliches: Dem gebotenen Ernst des sportlichen Wettstreits wird es nicht gerecht, weil der Sport von seinen Begleiterscheinungen (Musik, Aussehen, Auftreten) nicht zu lösen ist.

Bleiben die traditionelleren Disziplinen. Hier trennen sich eher hauptkulturelle und eher subkulturelle Sportarten in das Raster von Königsdisziplinen und Randerscheinungen. Zu ersteren zählt der Skilauf, zu letzteren etwa das Eisstockschießen oder Rodeln. Das hat mit Geschichte, aber auch mit medialer Vermittlung zu tun. Dem aufrechten Skilanglauf eignet etwas Stolzes im Fernsehbild, während umgekehrt man sich kaum etwas Absurderes vorstellen mag, als alle Bemühung um Körperertüchtigung auf einen Einsatz im Doppelrodeln zu konzentrieren.

Dass die Unterschiede nicht auf ewig zementiert sind, zeigt das Beispiel des Biathlons, der dabei ist, medial befeuert, den bloßen Langlauf an Bedeutung zu übertreffen. Dieser Wettstreit um Aufmerksamkeit ist, popmusikalisch gesehen, vielleicht mit der alten Frage zu vergleichen, ob man mit Beatles oder Rolling Stones sympathisiert. Spiegelfechterei.

Die Subkulturen dagegen, auch die des Sports, zeichnen sich durch die Möglichkeit zur Aufwertung aus. Ihre Randständigkeit macht sie offen für zweite und dritte Lesarten, wofür es in der Popmusik den Begriff Revival gibt. So hat Stefan Raab, bezeichnenderweise ein Mann der Medien und der Popmusik, vorgeführt, dass man dem Rodeln (und analog dem Springreiten und Turmspringen) durchaus etwas abgewinnen kann. Er veranstaltete eine Wok-WM, die in drei Wochen erneut ausgetragen werden soll, und bei der Prominente und Sportler statt auf einem Schlitten mit einem Wok durch den Eiskanal fahren. Raabs ernsthafter Dilettantismus hätte sich schwerlich auf einen Mainstream-Sport wie Skilanglauf richten können, weil das Nicht-Können nur bei nicht-coolen Sportarten gut aussieht. Zwar wäre es falsch zu behaupten, dass Rodeln nun cool sei. Eine andere Aufmerksamkeit, in den Worten der Populärkultur: mehr Respekt, hat der mediale Zirkus dem Sport aber eingebracht. Oder um es mit Tocotronic zu sagen: Es gibt nur cool und uncool und Rodeln. Nämlich irgendwo dazwischen.


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00:00 17.02.2006

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