Coronas Kurven

Essay Das Virus stellt die Frage nach der Normalität. Und nach transnormalistischen Alternativen
Coronas Kurven

Grafik: der Freitag

Seit einem halben Jahr dreht sich mehr als je zuvor alles um die „Normalität“: um die alte, die durch die Corona-Maßnahmen verloren wurde (wann wieder ins Stadion, wieder in den Club, wieder in den Hörsaal, wieder ins Flugzeug?) – mehr noch aber um die „neue“, das rätselhafte „New Normal“. Sollen ganze Büros, Unikomplexe oder Fabriken durch Homeoffice und/oder voll digitalisierte Produktion ersetzt werden? Die Reaktionen der Betroffenen sind gespalten: Die einen schwärmen von der neuen Normalität und feiern sie bereits an den Börsen, die anderen halten solche Aussichten für „überhaupt nicht normal“ und fordern ihr „Old Normal“ zurück. Derweil wächst eine Massenstimmung ängstlicher Sorge, in der sich die Ahnung verbirgt, dass die Entscheidungseliten nicht nur nicht wüssten, was genau es mit dem Virus auf sich habe, sondern auch nicht, welche Art Normalität eigentlich ihre Geschäftsgrundlage bilde. Es ist, als ob es für die Wirksamkeit von Normalität gerade notwendig sei, sie spontanen subjektiven Stimmungen zu überlassen und nicht genau nachzufragen, ob diesen nicht doch objektive strukturelle und funktionale Korrelate entsprechen.

Die Corona-Krise wird oft als „Lupe“ bezeichnet, die übersehene Strukturen (etwa Lieferketten) sichtbar macht – sollte das nicht auch für die Normalität gelten? Woran messen Experten den Grad von Denormalisierung und Normalisierung? An statistikbasierten Kurven, etwa der R-Kurve der „Reproduktion“ durch Ansteckung. Geht diese Kurve wieder hoch, wächst erneut die Denormalisierung, sinkt sie auf null, ist die Normalisierung erreicht. Die Lupe Corona zeigt also, dass statistische Kurven Normalitäten nicht bloß im Zyklus der Gesundheit messen, sondern querbeet durch die gesamte „verdatete Gesellschaft“.

Überall sind Zyklen

Das beste Beispiel dafür ist die V-Kurve mehrerer wirtschaftlicher Zyklen: vor allem der Aktien an den Börsen, dann aber auch des erhofften neuerlichen Wirtschaftswachstums. „V“ steht für eine Kurve mit „Crash“ und Wiederaufschwung. Beim näheren Hinschauen erweist sich dann, dass sämtliche Zyklen der verdateten Gesellschaft in Kurven erfasst werden: vom Konsum bis zum Sex, vom IQ bis zum CO₂. Ihre Gesamtheit bildet eine „normalistische Kurvenlandschaft“, die wie ein riesiges Kuppeldach über unserer Gesellschaft hängt und einen Schutzschild für die alltägliche Normalität bildet. Zwischen der Kurvenlandschaft und dem Alltag vermitteln die Massenmedien, deren Funktion es ist, die Kurvenlandschaft der Experten „herunterzubrechen“, mit Hilfe exemplarischer Bilder und Kollektivsymbole. Typisch dafür ist die Exponentialkurve, die den Experten tiefe Stirnfalten einprägt, weil sie droht, „durch die Decke zu gehen“ und in einen katastrophalen Crash, ja den Kollaps eines Zyklus, also irreversible Denormalisierung umzuschlagen. Das Virus dient nun als Kollektivsymbol der Exponentialkurve: Es ist gleichzeitig real und symbolisch für die Gefahren des „irrationalen“ Börsenhypes wie auch aller Utopien oder Dystopien neuer Normalität. Es spielt die Rolle eines Kollektivsymbols der eingangs erwähnten massenhaften Sorge vor einem drohenden epochalen „Normalitätsbruch“.

Verdatete Gesellschaft, Kurvenlandschaft und mittels dieser medial vermittelte Stimmung verlässlicher oder bedrohter Normalität sind Aspekte, die im Rahmen einer Theorie des Normalismus systematisch und historisch zu analysieren waren. Normalismus steht für die Produktion und Reproduktion spezifisch moderner Normalitäten, die sich von allen früheren „Alltäglichkeiten“ unterscheiden. Verdatung ist die Voraussetzung – Normalismus ist eine Klaviatur der Kontrolle und Adjustierung von Massenverteilungen (Menschen, Dinge, Geld). Der Königsweg dieser Klaviatur ist die Um-Verteilung, um spontane Massenverteilungen zu normalisieren. Das geschieht nach Maßstab zweier idealtypischer Kurven, die den Kern der gesamten Kurvenlandschaft bilden: Normalverteilung in der Synchronie und Normalwachstum in der Diachronie. Die symbolische Quasi-Normalverteilung ist symmetrisch zwischen oben und unten (Sozialstruktur mit mittlerem „Glockenbauch“ aus Mittelklassen zwischen wenigen Reichen und wenigen Armen) oder zwischen links und rechts (wie das politische Normalspektrum) – das Normalwachstum ist eine endlos wachsende Schlange von Aufschwüngen und Abflachungen wie beim Idealtyp der Konjunktur. Beispiel Corona-Krise: Einbruch des Normalwachstums, Normalisierung durch Um-Verteilung von staatlichen Geldern – Gefahr eines wachsenden Armutssockels und eines Absturzes unterer Mittelklassen, Normalisierung ebenso durch Um-Verteilung staatlicher Gelder.

In seiner über 200-jährigen Entwicklung hat der moderne Normalismus sich zwischen zwei Idealtypen bewegt. Diese hängen von den Normalitätsgrenzen des mittleren Normalspektrums auf der Normalverteilung ab. Wenn das Normalspektrum eng ist, ist das Anormalspektrum breit, und umgekehrt. Aus historischen Gründen heißt der erste, rigide Typ „Protonormalismus“ und der zweite, im Westen (grob gesagt) seit 1945 dominierende „flexibler Normalismus“. Beispiel Corona-Krise: Jede Pandemie tendiert zu rigiden, notständischen Abgrenzungen der schrumpfenden Normalität gegen die als anormal markierten „Risikogruppen“. Inzwischen ist die Maske zu einer Art Kollektivsymbol der Normalitätsgrenze geworden. Dagegen stellen die jugendlichen Fans von Popmusik und Tanz typisch flexibel-normalistische Subjekte dar, die die Normalitätsgrenzen spontan für zu eng gesetzt erachten und daher nicht respektieren. Ein analoger Konflikt zeichnet sich beim Normalwachstum ab: Sollten die zyklischen Kurven der Konjunktur nicht bald spontan wieder „anspringen“, so droht der Absturz von Kurzarbeit in Arbeitslosigkeit und damit eine fallende Kurve des Normalwachstums. Zwar gibt es optimistische Kurven der Zukunft, aber sie werden sehr verschieden begründet.

Wichtige Stimmen definieren die neue Normalität radikal: Sie plädieren für Disruption. Was das hieße, hat Naomi Klein als „shock doctrine“ analysiert: Es ist das Konzept der Chicago Boys – ein künstlich herbeigeführter Kollaps der symbolischen sozialen Normalverteilung durch Wegsäbeln der um-verteilenden sozialen Netze, von dem ein exponentielles Wachstum des Kapitals und in der Folge durch „trickle-down“ auch eine neue Normalisierung der Sozialstruktur erwartet wird. Die aktuellen Plädoyers für diese Art von disruptiver neuer Normalität laufen auf eine radikale Spaltung der bisherigen normalen Wirtschaft und Alltagskultur hinaus: zwischen einem Sektor neuen exponentiellen Wachstums um die Digitalisierung und einem Sektor des langsam oder schnell kollabierenden „Old Normal“ der klassischen Industrie, etwa des klassischen Autos. Für den Sektor des „Old Normal“ stünde dann aber kein ausreichender Fonds für kompensierende Um-Verteilung mehr zur Verfügung.

Hier zeichnet sich schlimmstenfalls eine Konvergenz disruptiver neuer Normalität und protonormalistischer Reaktion ab: Werden große „abgehängte Unterschichten“, also eine große Verschiefung der sozialen Normalverteilung, für unvermeidlich gehalten, droht der schon endgültig als normalisiert erachtete alte Marx’sche Antagonismus zwischen Kapital und menschlicher Arbeitskraft, Reich und Arm auch bei uns wieder auszubrechen. (Dass die armen Länder der südlichen Hemisphäre serienweise kollabieren, klammern die Disruptoren aus.) Symbolisch exponentiell wachsende arme Unterschichten wurden früher protonormalistisch, konkret repressiv bis hin zu notständisch, normalisiert. Heute stehen dafür Dispositive digitaler Verdatung zur Verfügung – das Modell China unter Xi fasziniert Disruptoren wie Protonormalisten. Digitale Kontrollinstrumente, die gegen Corona entwickelt wurden, könnten leicht umfunktioniert werden.

Eine solche Situation stellt also die Frage, ob es auch transnormalistische Alternativen geben könnte. Diese Frage ist identisch mit dem Problem, was eigentlich genau unter „Nachhaltigkeit“ als epochal neuer Basisregel zu verstehen ist. Eine fundamentale Alternative bei Konkretisierungen besteht darin, ob Nachhaltigkeit im Rahmen des Normalwachstums verstanden werden soll oder ob dieser Rahmen – eventuell eine Zwangsjacke – aufgegeben werden kann, was also je nach Zyklus negatives Wachstum und als Resultat Nullwachstum, mithin Transnormalismus zulassen würde.

Der wesentliche Zyklus im Kontext von Nachhaltigkeit ist der ökologische, und es herrscht weitgehend Konsens darüber, dass die Normalisierung der Corona-Krise mit der Schaffung einer nachhaltigen Ökologie einhergehen müsse. Normalistische Nachhaltigkeit, die auf Fortsetzung des Normalwachstums setzt, konkretisiert sich in Klaviaturen wie Digitalisierung, Emissionshandel, Elektromobilität, schuldenfinanzierte Kompensationen und Entschädigungen, eventuell auch stark begrenzte monetäre Um-Verteilungen.

Schulden statt Ansteckung

Normalistische Nachhaltigkeit ist also mit einer disruptiven neuen Normalität kompatibel, vielleicht identisch. Transnormalistische Nachhaltigkeit müsste, weil sie Nullwachstum akzeptieren und dazu das Instrument der Abschaltung fatal antagonistischer Zyklen einsetzen könnte, sehr viel stärkere Um-Verteilungen riskieren. Eine solche Spielart von Nachhaltigkeit könnte sich damit legitimieren, dass auch die radikale Schock-Normalisierung mit Abschaltungen (zum Beispiel der sozialen Netze) arbeitet, allerdings mit solchen, die fatale Antagonismen verstärken.

Die bisherige Strategie zur Normalisierung der Corona-Krise ist typisch flexibel-normalistisch: große Um-Verteilungen zur Glättung oder zum „Wieder-Hochfahren“, wie es heißt, der abgestürzten Kurven. Sie nimmt das Risiko einer Exponentialkurve der Schulden in Kauf. Diese Strategie ist tendenziell antagonistisch zur Strategie einer disruptiven, auf totale Digitalisierung setzenden, neuen Normalität. Es scheint, als ob die momentane Massenstimmung großen Unbehagens in der Normalität diesen drohenden Riss in der schützenden Kurvenlandschaft über unserem Alltag wahrnehmen und fürchten würde: Gibt es keine Rückkehr zur alten Normalität, und ist die neue Normalität für große Teile der Massen bedrohlich? Das wäre ein GAU des Normalismus – das Zerbrechen des normalistischen Urvertrauens in verlässliche Normalisierung einer jeden Denormalisierung.

Jürgen Link, geboren 1940, war Professor für Literaturwissenschaft. Seine Normalismus-Theorie fand weltweit Resonanz. Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne (Vandenhoeck & Ruprecht 2018), an dem auch David Link mitwirkte, fragt in Auseinandersetzung mit dem Denken Antonio Negris und Michael Hardts, Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes, Jacques Rancières oder Niklas Luhmanns nach dem vemeintlichen Verschwinden unauflösbarer Gegensätze in heutigen Gesellschaften

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06:00 02.09.2020

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