Crash, boom, bang

Schleudertrauma Der Schweizer Polizist Arnold Odermatt bessert seine Pension im Kunstbetrieb auf

Was sich an jenem Wintermorgen des Jahres 1957 in der Nähe der schweizer Ortschaft Buochs genau zugetragen hat, ist nur zu erahnen. Dokumentiert ist lediglich das Ergebnis: Ein VW-Käfer, der kopfüber im ufernahen Wasser eines nebelumhangenen Sees dümpelt. Hilflos starrt sein Räderwerk gen Himmel, während sich Dach und Scheiben bereits leicht im Uferschlamm eingegraben haben. Vom Fahrer fehlt jede Spur. Um genaueren Aufschluss über den Unglückshergang zu bekommen, müsste man die Polizeiakten des Kantons Niewalden durchstöbern. Doch 46 Jahre später dürfte die Angelegenheit längst verjährt sein. Das einzige, was jetzt noch von diesem nassen Verkehrsunfall zeugt, sind zwei satt getönte Schwarzweißfotografien, aufgenommen vom damaligen Kantonspolizisten Arnold Odermatt.

Vermutlich wären auch diese längst im Aktenschrädder gelandet, wäre nicht 1993, drei Jahre nach der Pensionierung Odermatts, dessen Sohn Urs über einen Bilderberg gestolpert, auf dem fein säuberlich Hunderte Karambolagen aus gut vierzig Jahren Verkehrsgeschichte rund um die Gemeinden Oberdorf, Hergiswill und Wolfenschiessen festgehalten sind. Alte Daimler, die sich um Straßenlaternen gewickelt, VW-Busse, die sich mehrmals überschlagen und Renaults des Bautyps R4, die einen entgegenkommenden Volkswagen gerammt haben. Kurz: All die Highlights aus einer vergangenen Epoche Automobildesigns, wenige Minuten nach ihrem Aufprall.

1998 wurde der renommierte Kurator Harald Szeemann auf diese Fotografien aufmerksam. Ihm hatten es die Bildern des einstigen Polizeifotografen derart angetan, dass er noch im darauf folgenden Jahr die ungezählten verbeulten Knautschzonen auf die Biennale di Venezia schickte. So kam es, dass aus der Gebrauchsfotografie für Verkehrsgerichte und Versicherungen über Nacht große Fotokunst wurden. Die Aufnahmen, die für Odermatts einstige Vorgesetzte zunächst nicht einmal das Papier wert waren, da sie lange Zeit klassische Unfallskizzen den neuen Bildern vorzogen, erzielten bei der letztjährigen New Yorker Kunstausstellung Armory Show bereits Preise von 2.500 Dollar.

Soviel Glück dürfte wohl selbst Arnold Odermatt nicht fassen können. Als er einst mit Stativ und Rolleiflex auf dem Dach seines Gendarmerie-Bullis turnte, da wollte er stets nur die besten Ansichten auf zerdellte Autokarosserien einfangen. Dass diese einmal im Art Institute of Chicago oder im Heidelberger Kunstverein landen würden, daran hat er damals nie gedacht. Als strebsamer Beamter hat er Unfallhergänge aufgeklärt, Schäden festgehalten und Schuldfragen erhellt. Um Kunst war es ihm dabei nicht gegangen. Auch wenn er oft interessante Perspektiven festhielt und mit Tiefenschärfen operierte, die nicht nur Beulen, sondern oft auch Landschaften und Milieus fokussierten.

Doch gerade das ist es, was Arnold Odermatts Fotografien längst der ursprünglichen Funktion enthoben und was den Göttinger Steidl-Verlag nun veranlasst hat, sie auf gut 400 Seiten zu veröffentlichen. Denn Arnold Odermatt zeigt mehr als Blech, Asphalt und Scherben. In gewisser Weise dokumentiert er den Einbruch der Katastrophe in ein einstiges Idyll. Berge, Seen und serpentinenumwobene Panoramen tauchen nicht mehr auf, weil sie per se fotogen wären, sondern weil sie zu einer gruseligen Kulisse für das Zeitalter der Beschleunigung geworden sind. Längst ist hier der Unfalltod wahrscheinlicher geworden, als der Anblick eines Gletscherfalters.

Als Odermatt 1958 eine nostalgisch erscheinende Bergbahn vor den felsigen Hängen der Vierwaldstätter Alpen fotografierte, da hätte das ein traumhaftes Postkartenmotiv werden können. Enge Straßen, kleine Dörfer und fern im Hintergrund einsam gelegene Sennhütten. Lediglich die rechte Bildmitte wirkt verstörend. Dort nämlich ist ein Volkswagen zwischen einem Zugcaravan und einem hölzernen Signalmasten gequetscht worden. Wo über Jahrhunderte die Landschaft der eigentliche eye-catcher gewesen ist, wird jetzt nur noch im Angesicht der großen Sensation auf den Auslöser gedrückt. Nicht mehr der Wanderer, sondern der Voyeur erobert sich den Alpenraum.

Menschen gibt es auf diesen Fotografien selten. Wenn doch, dann sind sie ohnmächtig. Leicht fassungslos tasten sie sich an Uferböschungen heran, hinter denen jüngst die rasenden Mobilitätsträume verschwunden sind. Neugierig kreisen sie um LKWs, die sich bedrohlich gegen Schienenbusse oder Kleinlaster geschoben haben. Die Akteure der Moderne sind einzig noch zu passiven Betrachtern ihre eigenen Schöpfung geworden. Erst in der Stille nach dem Aufprall, tritt bei ihnen so etwas wie meditative Besinnung ein.

So wirken Arnold Odermatts Fotos immer auch kontemplativ. Wie alte Folgen des frühen Reality-Schockers Der siebte Sinn im Deutschen Fernsehen legen sie die dunklen Seiten unserer gern erzählten Mobilitäts-Mythen offen. Wo 50 Jahre zuvor noch Futuristen und Fortschrittliche die "Schönheit der Geschwindigkeit" priesen, da erzählen Odermatts Bilder vom nachmodernen Schleudertrauma. "Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Achse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt", so pries noch Filippo Tommaso Marinetti den Rausch der lockenden Temposünde. Pathosbereinigt nahm die Zivilgesellschaft diese Order der Avantgarde in sich auf und machte daraus die "freie Fahrt für freie Bürger".

Die Schönheit der Straßen, die Formvollendung gebogenen Karosserieblechs - all das gehört seither zum Chic moderner Individualität. Er findet seinen Ausdruck in den frühen Bildern des Bauhaus-Fotografen Umbo, wie in den Aufnahmen, die die Gruppe "fotoform" in den Fünfzigern aus den Wolfsburger VW-Werken mitbrachten. Selbst die schnurgeraden Autobahnbildchen, mit denen sich einst ein Volk seinen doch angeblich so schmerzlich vermissten Raum begradigen ließ, zielen in diese Richtung. Und all diese Dinge fahren mit, wenn Arnold Odermatt die technische Moderne immer wieder gegen die friedlich daliegende Romantik prallen lässt.

Dabei sind seine Bilder letztlich nur Andeutungen. Leerstellen, die den Platz warm halten für das eigentliche Unglück: den unerwarteten Tod im Straßenverkehr. Denn trotz aller Detailgenauigkeit und Dokumentationswut - nie zeigen die Aufnahmen Verletzte oder Unfallopfer. Odermatt fotografiert immer erst dann, wenn die humanen Schäden beseitigt worden sind. Und doch schaudert der Exitus beim Anblick dieser Szenerien immer mit. Anders als etwa die Autowrack-Fotografien Valérie Belins, der mittels eigenwilliger Beleuchtung die Schrottreste zu ästhetischen Skulpturen veredelt, weisen Odermatts Fotos immer auf das Schicksal hinter den Blechschäden, auf den schmalen Grad zwischen Diesseits und Jenseits.

In dieser Hinsicht erinnern seine Bilder stark an die skurrilen Tatortfotografien Weegees. Auch der schaute der Brutalität selten direkt ins Gesicht, sondern dokumentierte lieber ihre kühlen Hinterlassenschaften. Polizeilich gezogene Kreidezeichnungen etwa, die auf Straßen und Bürgersteigen die einstigen Fundstellen von Leichen markierten. Weiße Silhouetten, die dem öffentlichen Raum die Spuren des gewaltsamen Endes einschrieben.

Weegee wie auch Odermatt haben mit diesen Fotografien moderne Todesembleme geschaffen. Vanitassymbole für eine Epoche, die hinter jeder Straßenecke den Tod als Möglichkeit mitdenken muss. Denn trotz aller polizeilichen Präzision, leben diese Bilder doch vom Konjunktiv. Von der bohrenden Frage, wer den Aufprall überlebt haben mag, und wer nicht. Sie markieren die Ungewissheit einer Gesellschaft, die zwar Bremswege und Fallkräfte genau bemessen kann, die über die letzten Dinge aber nichts mehr zu sagen weiß.

Und doch: Auch die Moderne sucht nach ihrer Heilsgewissheit. Im Winter 1977, als auf der Straße von Oberdorf nach Luzern ein VW-Käfer auf spiegelglatter Fahrbahn ins Schleudern geriet und anschließend auf die Seite stürzte, hat Odermatt neben den üblichen Fahrzeugtrümmern auch die alten Hoffnungssymbole mit ins Bild gesetzt. Ein kreuzförmiger Wegweiser, der Orientierung auf den Pfaden des Diesseits geben sollte. Und auf diesem Schild, da war die Route des Käferfahrers eigentlich klar festgelegt. Der weiße Richtungspfeil, er zeigt nach oben.

Arnold Odermatt: Karambolage. Herausgegeben von Urs Odermatt. Steidl 2003, 408 S., 65,- EUR

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00:00 09.01.2004

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