Crime Watch No. 32

KRIMINALROMANE Es ist ein Merkmal der Warenwirtschaft, dass neue Produkte immer einem Komparativ gehorchen müssen. Schneller, toller, geiler. Oder möglichst viele ...

Es ist ein Merkmal der Warenwirtschaft, dass neue Produkte immer einem Komparativ gehorchen müssen. Schneller, toller, geiler. Oder möglichst viele Funktionen in sich vereinen. Am Produkt "Buch" kann man das sehr schön sehen. Gerade erscheinen zwei Romane, deren einziges Generierungsprinzip nur dieser Logik folgt. Lupenrein.

Der eine heißt Der Vogelmann und ist der Erstling der Engländerin Mo Hayder. Seine Design-Formel lautet - gut rhetorisch - Überbieten. Überboten werden alle Gräueltaten, an die wir uns im Zuge der Serial-Killer-Welle inzwischen gewöhnt haben. Wo bei Thomas Harris wenigstens noch der Intention nach die Überspitzung ironisch angelegt ist (wenn Dr. Lecter und sein FBI-Groupie lebendes Menschenhirn löffeln), ist bei Hayder die Überbietung rein agonal verkrampft und insofern garantiert ironiefrei. Die einfachste, aber effektivste Überbietungsstrategie liegt in der Verdoppelung. "Jetzt mit doppelt soviel Waschkraft" - oder "Jetzt mit zwei Unholden", das Prinzip ist evident. Also läßt Mo Hayder zwei Monster schlachten und schlitzen. Aber da doppelt soviel Waschkraft allein nicht überzeugt, muss noch ein besonderer Aprilfrische-Effekt hinzu. Was aber könnte noch aprilfrischer, in unserem Falle noch schauderhafter sein, als bestialisches Serial-Killen ? Kannibalismus ((c) Thomas Harris) oder Kinderschänden ((c) Andrew Vachss) sind schon von der Konkurrenz besetzte Produktstrategien. Dito Häuten, Kettensägen, Ausweiden, Häckseln, Scheibeln, Abkochen, Ausstopfen. Es wird eng. Nun aber gilt in postmodernen Zeiten ein Produkt als besonders wertvoll, wenn es "Tradition" verspricht ("Großmutters Backmischung", für besonders synthetische Mampe) und dafür haben wir die Literaturgeschichte. In diesem Fall Edgar Allen Poe, weil man im 19. Jahrhundert aus ästhetischen und erkenntnistheoretischen Gründen in den Schlünden und Schründen der menschlichen Psyche noch sinnvoll wühlen konnte. Bei Poe gibt es Figuren, die obsessiv an ihren großen verstorbenen Lieben hängen. Sowas lässt sich mit dem Begriff "Nekrophilie" grob bezeichnen. Wie das bei Poe (und in der Romantik und in der Décadance: alles kulturhistorisch erledigte Fälle) so genau war, muss man nicht wissen. Höpp, drauf auf die (tote) Mutter, reicht als Sinn-Bit. Und so höppt der eine Unhold bei Hayder eben auf jede Leiche, bis sie ein wenig verbraucht ist. Das reicht für die eine Hälfte des Buches. Für die zweite Hälfte (die Produktrichtlinie sagt: 400 Seiten müssen sein) tritt dann der gedoppelte Unhold an. Der übernimmt die vom Vorgänger schon bearbeiteten Leichen, näht ihnen lebende Vögelchen in die Brust, damit die Leben simulieren - und: Höpp, drauf auf die Mutter. Es ist im Grunde so peinlich, dass man's kaum nacherzählen mag. Dumm dabei ist allerdings, dass man auch das noch steigern muss eines Tages. Ich tippe auf Sodomie mit toten Schafen. Titel The Dolly Busters.

Eine knuffige Alternative zum Sachzwang der Überbietung ist die Kumulativ-Methode. Die finden wir beispielhaft vorgeführt in Mark T. Sullivans Roman Geistertanz. Ein wenig Nekrophilie ist dabei nur eine Komponente ("stellen Sie sich ihr Lieblingsmenü selbst zusammen"). Dazu kommen: Grausliche Wasserleichen ("Ophelias Gruselmischung"), böse Geheimdienste, Spiritismus, Genozid an den Lakota, Lynchjustiz, Knabenschänden im Internat, Familienschande ("Family Values"), New-England-Horror, Outback-Gehüpfe ("für Ihre Fitness"), Rudelvergewaltigung, Allohollismus (hick), Spökenkiekerei (New Age) und indianische Mysterien (More New Age). Das ist beileibe nicht alles, ergibt aber schon einen schönen Katalog. Soweit war der Marquis de Sade auch schon mal, bis es ihm zu blöde wurde und er nur noch Statistiken zu Papier brachte ("Sodomiert: 35 Pers.").

Aber vielleicht deutet das schon auf die Zukunft des Produkts "Thriller" hin. Einzel-Gräuel zum Runterladen mit Kombi-Zwischenhandlungen je nach Gusto. Dann besteht auch endgültig keine Gefahr mehr, dass man sowas mit Literatur verwechselt, gar mit "Ausschnitten aus der Wirklichkeit" oder sonstwie kategorial.

Allerdings ist all diesen Produkten das Verfallsdatum auf die ISBN gestempelt. Selbst schockgefrostet sind sie alle zusammen nicht annähernd so haltbar, wie 150 Seiten von Georges Simenon.

Mo Hayder: Der Vogelmann (The Birdman, 2000). Roman. Dt. von Angela Felenda. München 2000: Goldmann. 411 Seiten, DM 42, 90
Mark T. Sullivan: Geistertanz (Ghost Danve, 1999). Roman. Dt. von Lutz Kliche. Hamburg 2000: Hoffmann und Campe. 381 Seiten, DM 44, 90

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 28.01.2000

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare