Currywurst und Stolpersteine

Identität Immer mehr junge Israelis ziehen nach Berlin. In ihrer Heimat diskutiert man unterdessen, ob sie damit ihr Land verraten
Hanno Hauenstein | Ausgabe 06/2014 11

Es geschah auf Facebook. Heute sind Posts, Chats und Likes die eigentlichen Schrittmacher politischer Kampagnen. Politiker überall auf der Welt haben das verstanden. So auch Yair Lapid, Finanzminister an der Seite Benjamin Netanjahus. Er holte im vergangenen Jahr auf Facebook zu einem Rundumschlag gegen jene Israelis aus, die heute in immer größeren Zahlen nach Berlin ziehen. Vordergründig.

Eigentlich jedoch zielte er auf das kollektive Gewissen des ganzen Landes, wenn er schrieb: „Ich bin ins ungarische Parlament gereist, um mich gegen Antisemitismus auszusprechen. Und um daran zu erinnern, wie sie versuchten, meinen Vater zu ermorden, lediglich, weil die Juden noch keinen Staat hatten, wie mein Großvater im KZ umkam, wie sie meine Onkel aushungerten und meine Großmutter im letzten Moment gerettet wurde. Vergebt mir also, wenn ich etwas ungeduldig bin mit Leuten, die den einzig existierenden jüdischen Staat im Müll entsorgen wollen, nur weil es leichter ist in Berlin zu leben.“ 

Die Erinnerung an den Holocaust hält in Israel politische Argumentationsketten zusammen, das ist nichts Neues. Neu ist, dass der Exodus von Israelis in die deutsche Hauptstadt eine gesellschaftliche Debatte ausgelöst hat. Noch vor ein paar Jahren galt Berlin in Israel als Fluchtpunkt für Künstler und Akademiker, als Symbol eines zwanglosen Lebens. Berghain, Stolperstein, Currywurst, die Supermarktpreise. „Billiges Bier und ein Mix aus Kapitalismus, kommunistischem Erbe und einer Prise Narzismus, das sagen sie über Berlin“, las man in der links-liberalen Tageszeitung Ha’Aretz

Heute scheint Berlin im israelischen Mainstream angekommen und damit mehr als eine schillernde Traumwelt zu sein. An die 20.000 Israelis leben inzwischen hier. Der deutsch-hebräische Radiosender „Kol Berlin“ oder das Magazin Spitz, die erste hebräische Publikation in Deutschland seit den Dreißiger Jahren, sprechen dafür: Viele sind gekommen um zu bleiben. Verlassen sie Israel aus Enttäuschung über den anwachsenden Siedlungsbau im Westjordanland und den Aufstieg von Politikern am rechten Rand wie dem neuen Wirtschaftsminister Naftali Benett? Oder über die kaum eingelösten Versprechen der Sozialproteste aus dem Jahr 2011/2012? Klar ist: Mehr Israelis denn je stellen sich die Frage, ob sie sich in ihrer Heimat noch zuhause fühlen. 

Yeridah heißt Abstieg

Wer meint, Israel zu verlassen, sei eine Entscheidung, die sich mal so nebenbei treffen ließe, liegt falsch. Im Hebräischen gibt es für den Wegzug ein Wort: „Yeridah“. Übersetzt bedeutet das Abstieg. Viele der Berlinliebhaber sehen sich großem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Durch Politiker wie Lapid, gegenüber der Familie, Freunden, den eigenen Überzeugungen.

Tal Alon kam vor einem Jahr mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Berlin, mittlerweile ist sie Chefredakteurin von Spitz. „Anfangs habe ich gesagt, auf gar keinen Fall ziehe ich in diese Stadt“, erinnert sie sich lächelnd. „Inzwischen sehe ich das anders. Unsere Generation ist heute viel flexibler in Identitätsfragen. In Israel hinkt man mit all dem etwas hinterher.“ Tal ist 38, wenn sie von Israelis in Berlin spricht, meint sie „Mobilisatoren“, nicht Immigranten: „Das ist ein dynamischer Prozess. Mir ist es wichtig, dass meine Kinder sehr gut Hebräisch sprechen. Sie singen zum Beispiel gern Weihnachtslieder, das ist okay. Aber ich will natürlich, dass sie auch Chanukka-Lieder singen. Beides steht ihnen offen. Ich denke, das ist ein Geschenk.“ 

Spitz ist Tals persönlicher Weg der Integration. „Es trägt zur Wiederbelebung jüdischen Lebens in Berlin bei. Die Gemeinde hier basiert zwar auf Religion und Vergangenheit, die israelische Community hingegen auf Sprache und Gegenwart, da zeigen sich immer mehr Verbindungen.“ Ob die deutsche Vergangenheit ein Problem darstellt? „Meine Familie väterlicherseits waren Holocaustüberlebende. Sicher ist das ein Thema, aber das ist auch ambivalent. Für mich stellen sich solche Fragen vor allem im Sozialen.“

Zweifel am zionistischen Versprechen

Yair Lapids Facebook-Kommentar fand Tal lächerlich: „Die israelische Politik betrügt sich selbst. Um der zionistischen Idee heute noch Glauben zu schenken, brauchen wir eine Zwei-Staaten-Lösung.“ Damit steht Tal nicht allein. Viele Israelis zweifeln am zionistischen Versprechen beziehungsweise daran, wie es politisch umgesetzt wird.

Vielleicht sind deshalb die Zahlen der Einwanderer nach Israel sehr gut dokumentiert. Beim israelischen Zentralbüro für Statistik ist jeder, der seit 1948 kam, gelistet. Nach genauen Zahlen derer, die abwanderten, hingegen sucht man vergeblich. „Die dem jüdischen Staat innenwohnende Philosophie“, kommentiert Diaspora-Forscher Steven J. Gold, „beansprucht die Rückkehr der Juden nach Israel, weshalb die gegenteilige Bewegung ein ideologisch-demographisches Problem darstellt“.

Ein Problem, dass Israels Regierung schon im Jahr 2007 zu lösen versuchte, indem sie knapp vier Millionen Euro investierte, um vermeintliche Absteiger mittels Anreize zurückzuholen. 2012 lebten an die 230.000 Israelis im Ausland, 75 Prozent in den USA, Kanada, Australien, die restlichen 25 Prozent in Europa. Der Abwanderungsindex liegt damit im Durchschnitt, ähnlich wie in anderen Industriestaaten emigriere vor allem die gebildete Mittelschicht. Dazu gehören viele Ashkenazim, also europäische Juden, die oft einen Zweitpass besitzen.

Abwanderung der Mittelschicht

Im letzten Jahrzehnt wurden an die 60.000 Doppelpass-Neuanträge gestellt. Dahinter steht kein Rückkehrer-Phantasma, ein europäischer Pass ist ein Statussymbol und gilt als Rettungsanker in Krisenzeiten. Bezeichnenderweise stiegen die Antragszahlen zwischen den Jahren 2000 und 2006, also während der 2. Intifada, besonders an. Damals wurden allein in Tel-Aviv drei Busse in die Luft gejagt.

Die Abwanderung der Mittelschicht ist ein heikles Thema: Seit ein paar Jahren schon wächst die ultra-orthodoxe wie keine andere Bevölkerungsgruppe. Die Familien haben im Schnitt zwischen fünf und zwölf Kindern, die Männer arbeiten nicht, sondern besuchen ein Leben lang die Thora-Schulen. Und die Frauen, denen höhere Bildung verweigert wird, gehen einfachen Arbeiten nach. Demographen, Linke und Liberale fürchten um das Bruttoinlandsprodukt, den Bildungsdurchschnitt und eine Übernahme des Landes durch national-religiöse Kräfte.

Der 22-jährige Politikstudent Nimrod Flaschenberg lässt sich von all dem nicht aus der Ruhe bringen. Er will in Israel bleiben. „Für mich ist der Gedanke wegzuziehen absurd. Die Verbindung zu diesem Ort gebe ich nicht auf.“ Nimrod sitzt in seiner WG im südlichen Tel-Aviv vor einer Bücherwand, in grellem Rot sticht die hebräische Ausgabe des Marx’schen Kapitals hervor, über der Tür hängt ein kleines Porträt von Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus. Nimrod scheint Lapid recht zu geben: „Lange Zeit hatten Juden nicht die Option zu sagen, ich bin glücklich, dort zu sterben, wo ich geboren bin. Das ist eines der wenigen Dinge, die an Israel unproblematisch sind: das Recht der Leute, zu bleiben.“

Kann er sich ein Szenario vorstellen, das ihn doch bewegen könnte, wegzugehen? „Nicht, solange nicht mein Leben bedroht ist. Und ich wäre gern vor Ort, das zu verhindern. Die Absurdität des israelischen Regimes ist doch, dass es versucht, uns einzureden, die Besatzung sei eine unerhebliche Nebensache. Ich bin Teil der Bewegung, die das Gegenteil sichtbar macht.“ Den Berlin-Hype kann Nimrod nachvollziehen, nicht teilen: „Manchmal glaube ich, die Leute ziehen da hin, um zu sterben. Viele neigen einfach dazu, nichts mehr zu tun, sobald sie dort ankommen.“ Und trotzdem: „Es ist ein Unterschied, ob du physisch hier bist oder nicht.“ 

Nach den Sozialprotesten

Dieser Unterschied war im Sommer 2011 in Israel so deutlich spürbar wie nie zuvor. In Tel Aviv versammelten sich zum Höhepunkt der Sozialproteste eine halbe Million Menschen, ein Zwölftel der Bevölkerung, zu einer Demo gegen zu hohe Mieten und politische Resignation. Neben ein paar schönen Erinnerungen und einem Mann Stav Shaffir, der heute für die Sozialdemokratie für die damaligen Anliegen kämpft, ist von der Aufbruchseuphorie wenig geblieben. Von 139 Vorschlägen für mehr soziale Gerechtigkeit, die ein Komitee als Reaktion auf die Proteste umsetzen sollte, wurden 112 auf Eis gelegt. Lediglich 27 wurden umgesetzt.

Mati Shemoelof war damals ganz vorn mit dabei: „Ich war lange politisch aktiv, wir träumten von den Protesten, schon Jahre bevor sie kamen“, sagt er. „Nichts hat sich verändert. Palästinenser werden weiter entmachtet. Zionismus ist wie ein Auto, man kann links, rechts oder geradeaus fahren. Israels Regierung driftet immer mehr nach rechts.“

Seit ein paar Monaten ist er jetzt in Neukölln. „Berlins größtes Problem“, meint der heute 41-jährige Schriftsteller: „Die Stadt verspricht Dinge, die sie nicht halten kann. Auch hier gibt es Rassismus.“ Wenn Mati spricht, hagelt es Wörter wie Nakba, Kolonialismus, Besatzung. „Ich sehe mich als politischen Flüchtling. So müssen meine Eltern sich gefühlt haben, als sie vertrieben wurden. Meine Mutter kam aus Bagdad, mein Vater aus Syrien.“ Und was hat ihn vertrieben? „Es wurde zu teuer. Doch wirklich ausschlaggebend für mich waren die letzten Bomben auf Gaza.“

Panarabistische Verbundenheit

Matis Berlin-Erfahrung ist speziell. „Die Ängste und Traumata, die viele Ashkenazim mit Berlin verbinden, treffen mich kaum. Für mich ist das Ausländer-Sein existenzieller, ich folge da einer panarabistischen Idee. Wenn ich in Berlin jemanden aus dem Iran treffe, merke ich, dass uns als Araber etwas verbindet. Das ginge in Palästina nie.“

Auch Mati will nicht falsch verstanden werden: „Ich verleugne mich nicht. Jüdische Tradition ist etwas Wunderbares. Ich würde mich nicht als säkular bezeichnen, ich halte das für eine europäische Erfindung. Mein Judentum steht nicht im Widerspruch dazu, dass ich queer bin oder Araber. Religion ist ein hybrider Text.“ Gerade sucht Mati nach einem Weg, sein Visa zu verlängern. Wenn er über Zukunft nachdenkt, wird er grüblerisch. „Ich weiß noch nicht, ob ich bleibe. Heute leben mehr Juden außerhalb Israels als innerhalb. Zionismus ist nicht mehr zeitgemäß.“ 

Was Tal, Mati und Nimrod verbindet, ist ihre kritische Haltung. Entsprechend ist die Immigration von Israelis nach Berlin, was viele übersehen, nicht nur ein Beleg für eine neue Offenheit. Sie ist auch Zeichen einer politischer Entmutigung.

Hanno Hauenstein reist als freier Journalist immer wieder nach Israel


AUSGABE

06:00 19.02.2014

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