Da kommt nichts weg

Nachruf auf die kleinbäuerliche Kultur Bernhard Kathan leistet mit einer Studie, einer Erzählung und einer Ausstellung Erinnerungsarbeit

Spreizt sich eine Gesellschaft mit ihrem öffentlichen Gedenkkult, sollte man vorsichtig sein. Womöglich zermalmt sie, während sie noch die einen Opfer ehrt, die anderen schon unter den Stiefeln des Fortschritts. Vielleicht besteht zwischen beidem ein innerer Zusammenhang. Seit Jahrzehnten jedenfalls machen in Deutschland jeden Tag mehr als 50 Bauernwirtschaften dicht, was nur selten eine Zeitungsnotiz wert ist. Bauern spielen für uns lediglich eine Rolle, wenn wir uns auf unser Rustikalsofa setzen, im Fernsehen einen CSU-Politiker beim Almabtrieb das Landleben beschwören hören und in der nächsten Sendung von den Milliarden des europäischen Agrarfonds die Rede ist. Was das kleinbäuerliche Dasein zur Entwicklung des menschlichen Lebens beitrug, entzieht sich schon deshalb der Erfahrung, weil es gar nicht mehr oder nur in der Dumme-Bauern-Version präsent ist.

Zum Glück gibt es noch Menschen, die ein biographisches Band mit dem Land verbindet und die das Leben auf einem Hof so ausführlich durchlebt und durchlitten haben, dass sie uns die Eigenarten der kleinbäuerlichen Kultur in ihrer Widersprüchlichkeit auseinandersetzen können. Ohne Umstände geht das allerdings nicht, wie Bernhard Kathan, der in Innsbruck lebende Kulturwissenschaftler und Künstler, in seinen beiden jüngst erschienenen Büchern zeigt. Das eine präsentiert Fundstücke aus dem Bauernleben, das andere erzählt Geschichten vom Leben und Sterben im Niemandsland zwischen Bauernhof und Klinik. Das eine stellt ein exemplarisches Inventar bäuerlichen Lebens in Bild und Beschreibung dar, das andere hebt im Erzählton an und lässt teilnehmen an den Grenzüberschreitungen zwischen Gestern und Heute, ohne welche wir die Toten nicht vergegenwärtigen können.

Geschichten und Gegenstände, Literatur und Präsentation, Subjekt und Objekt, - zwei Weisen, mit dem Widerspruch umzugehen, dass uns unwiderbringlich Vergangenes nicht loslässt. Kathans Fundstücke vom Land befremden, seine Geschichten irritieren. Keine Mistgabeln, keine Kuhglocken, keine Tracht. Stattdessen beispielsweise ein Hornhalter, ein markiges symmetrisches Stück Holz, das den Hörnern der Kuh beim Wachstum eine schöne, gleichmäßig Form verleihen sollte. Ästhetische Gesichtspunkte bei der Viehhaltung? Oh, ja - viel mehr noch: Ein Bauer wusste jede seiner Kühe beim Namen zu rufen, kannte ihre Eigenarten, machte sie auf große Entfernung in einer größeren Herde aus. Doch stach er auch, einzige Rettung vor lebensgefährlichen Blähungen, den Trokar, einen spitzen Stichel aus Stahl, bis zum Schaft in den Leib des Tieres, zog ihn wieder heraus, um die Gase entweichen zu lassen. Das Tier als Mitbewohner und als Produktionsmittel, - wie müssen Beziehungen und Gefühle anders organisiert gewesen sein als in einer Welt, wo die Begegnungen mit Tieren auf Plüschsofa, Pudelfriseur, Tierarzt und Schlachthof verteilt sind!

Alte Dinge, selbst die ungewöhnlichen, haben ihre Tücken, sie tendieren unwillkürlich zur Reliquie. Die Aluminiumschüssel ist einfach schön mit ihren Gebrauchsspuren, ihrer interessanten Verbeulung, mit ihrer Patina. Bliebe es dabei, wäre der städtisch-antiquitätischen Verklärung des Landlebens Tür und Tor geöffnet. Kathan steuert mit Texten gegen. Seine Texte rekonstruieren den Lebenszusammenhang, aus dem die Dinge nun zwangsläufig herausgelöst sind. Die kleine Schüssel erweist sich als universell-praktische, ständig mobile Verbindung zwischen Küche, Keller, Garten, Stall und Komposthaufen. Sie verband, was heute strikt getrennt ist. "Ihr Platz war zwischen dem Reinen und dem Unreinen angesiedelt...". Und der Schein, sie sei einfach nur antik, löst sich in der Information auf, dass sie als Industrieware gegenüber den älteren Ton- oder Eisenschüsseln bereits den Einzug des Fortschritts in den Bauernhof markiere.

Überhaupt noch eine Vorstellung vom kleinbäuerlichen Leben wachzurufen, geht nur, wenn unser Panzer aus Vorurteilen gesprengt wird, - so das Rezept. Der neonfarben gepunktete Badeanzug, bei der Heumahd getragen, brüskiert die Vorstellung vom Hochgeschlossen-Prüden. Die Gelenkswelle bietet Anlass, über die Offenheit gegenüber technischen Neuerungen nachzudenken. Und der mit rotem Stift nummerierte Loszettel verweist auf die Verteilung von Gütern und Rechten nach einem Gottesurteil. Die dörfliche Gesellschaft kannte als sozialen Kitt, neben Ritualen und Zwängen, auch Vorstellungen von Gerechtigkeit und sozialem Ausgleich, die den heutigen kalkulierenden Privategoismus beschämen.

Bernhard Kathans Nachruf auf die kleinbäuerliche Kultur ist keine kulturgeschichtliche Abhandlung und kein Ausstellungskatalog, auch wenn er bei gelegentlichen Präsentationen seiner Sammlung durchaus als solcher fungieren kann.* Dazu kommen zu häufig provozierende Urteile und Meinungsäußerungen herein. "Was für eine Schande, Kühe dem Funktionskreis von Maschinen überantwortet zu haben, Melkrobotern oder Computerprogrammen, die entscheiden, wann eine Kuh als schlachtreif einzustufen ist. Ein beängstigendes Bild, spiegelt es doch, wie der Mensch sich selbst begreift." Ganz gegen jede Musealisierung zieht Kathan immer wieder wenige, starke Linien in die Gegenwart und zeigt, inwiefern wir die bäuerliche Vergangenheit nicht ohne Verlust verdrängt haben. Was uns am Bauernhof schmutzig und unwohnlich erscheint, ist der heute verlorene Zusammenhang von Leben und Tod. Darauf laufen viele der ein, zwei Seiten langen Studien hinaus, welche den Abbildungen beigegeben sind.

Dinge als Repräsentationen der Vergangenheit haben noch eine andere Tücke. Sie verführen nicht nur dazu, sich die falsche Geschichte dazuzureimen. Sie verleiten auch, als Exemplare, zu falscher Abstraktion. Schließlich haben die Gegenstände konkrete Menschen überlebt, von denen sie nun abgeschnitten sind. Auf diese Weise fehlt den Fundstücken einer untergegangenen Welt die Dimension des Erlebens, der Gefühle, die sich nicht präsentieren, sondern nur erzählen lassen. Die Menschen, welche einmal das Taufkleid trugen oder den so vieldeutigen Strick benutzten, haben jedoch ein Recht auf Ruhe, und sei es die Totenruhe. Ohne sie aber finden wir keine Ruhe, die wir unser Leben jeden Tag auf die Trümmer der bäuerlichen Kultur gründen.

Kathans Erzählung wählt das Sterben als Ausgangspunkt. Sie beginnt mit Jodoks Tod und kehrt zurück zur Hochzeit von Jodok und Agnes, geht fort zum Tod eines Onkels, einer Schwester und schließlich zu Agnes Tod. Tod ist nicht gleich Tod, der Tod hängt vom Sterben ab. Und wie jemand stirbt, bestimmt das gelebte Leben. So ziehen die Geschichten ihre Kreise aus den Sterbezimmern hinaus in das Leben zwischen dem väterlichen Hof und der Stadt, die häufig in Gestalt der Ärzte und Krankenhäuser die Übergänge, Krankheit und Sterben bestimmt. Der gewohnte Zeitstrom, vom Leben zum Tod, wird so umgekehrt in eine Erzählperspektive vom Tod zum Leben. Derart verliert der Tod nicht seinen Schrecken, wohl aber seine Endgültigkeit. Gehört er ja auch auf dem Lande zum Leben ganz anders dazu als in der Stadt, die den Tod in Krankenhäuser und auf Friedhöfe verbannt.

Die unvermeidlichen Verletzungen und Enttäuschungen lassen sich nicht rückgängig machen. Das bäuerliche Leben verfügte allerdings über eine tröstliche Ordnung der Dinge, welche, anders als die moderne klinische Entsorgung des Menschen, einen engen Sinnzusammenhang von Leben und Tod stiftete. Eine Katastrophe, wenn diese symbolische Ordnung in Kontakt mit einer Welt tritt, welche die Zeichen nicht mehr zu lesen versteht. Da verkehrt sich leicht eine Bestrahlung in eine Zerstörung der Persönlichkeit, eine Operation in eine Vergewaltigung. Die so genannte Nüchternheit der modernen Welt mit ihren Garagen, Totenkapellen, Wartesälen und Behandlungszimmern beruht auf der Trennung der verschiedenen Funktionen und Bedeutungen, welche sich früher in den wichtigen Dingen des Lebens überlagerten. Die so genannte nüchterne Betrachtung eines medizinischen Eingriffs bedeutet nur, den Zusammenhang, der einmal lebensstiftend war, zu zerreißen.

Das kleinbäuerliche Leben allerdings ist hartnäckig. Es war in seinem nichtlinearen, zyklischen Verlauf schon immer auf Selbsterhaltung angelegt. Das ist am Weg abzulesen, den viele Dinge nehmen. Da kommt nichts weg. Das Bullauge einer kaputten Waschmaschine findet sich als Fenster eines Schafstalls wieder, Eisenteile werden irgendwo gelagert, damit sie vielleicht Jahre später für die Reparatur einer Maschine dienlich sein können. Wie die Jahreszeiten wiederkehren, so kehren die Dinge wieder. Und da sollen die Toten ein für allemal fort sein?

* Die Fundstücke sind vom 20. Oktober bis 1. Dezember 2006 in Roland Albrechts Museum der unerhörten Dinge, Berlin-Schöneberg, Crellestraße 5-6, jeweils 15 - 19 Uhr zu betrachten. Eine Lesung findet am 23. Oktober 2006 um 19 Uhr statt.

Bernhard Kathan: Strick, Badeanzug, Besamungsset. Nachruf auf die kleinbäuerliche Kultur. StudienVerlag, 2006, 112 S., 19,90 EUR

Bernhard Kathan: Nichts geht verloren. Erzählung. Libelle Verlag 2006, 98 S., 14,80 EUR


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00:00 13.10.2006

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