Da steht ein Hafen im Feld

Kehrseite I Da steht ein Hafen im Feld, zu dem laufen wir hin, beinahe jede Woche, manchmal mehrmals, wir laufen langsam, wir wollen erzählen und manchmal haben ...

Da steht ein Hafen im Feld, zu dem laufen wir hin, beinahe jede Woche, manchmal mehrmals, wir laufen langsam, wir wollen erzählen und manchmal haben wir uns etwas zu sagen, so ist das, wenn man sich kennt und was heißt schon sich kennen, woran macht man es aus, sich zu kennen, lange kennen wir uns nicht, ein Jahr immerhin, ich könnte auch sagen: zwölf Monate, aber dann würde ich übertreiben, denn es sind nur zehn und überhaupt, was heißt denn lange kennen mehr, als dass sich etwas lange anfühlt, schließlich, wenn man so viele Schritte nebeneinander her geht, dann darf man sagen: man kennt sich und meint dabei, dass man mehr voneinander kennt, als die Geschichten des anderen, die er abends in Kneipen erzählt und die einen langweilen, das darf man dem Anderen sagen, wenn man sich kennt, ich sage dir das jedenfalls und jedenfalls kennen wir einander sogar gut, so gut, dass wir über den Schritten die Fragen teilen an unserem Fluss, und dass es unser Fluss ist, obwohl er nicht uns gehört und eigentlich ein Kanal ist und nicht einmal das, er wird nur so genannt, eigentlich handelt es sich um ein stehendes Gewässer, unser Fluss jedenfalls ist geeignet für Fragen, die trägt er weiter, wenn wir neben ihm und neben einander die Schritte gehen und ganz wie wir bleiben die Fragen nicht stehen, bis wir am Hafen sind, dort tauchen die Fragen unter und wir setzen uns ins Gras, denn der Hafen ist kein richtiger Hafen, obwohl er einmal einer werden sollte und wahrscheinlich nicht wollte, jedenfalls steht er inzwischen recht zufrieden im Feld, ohne Schiffe und Boote freilich, dafür aber mit Anglern und Gras, in das wir uns setzen, manchmal scheint die Sonne und manchmal ist das Gras feucht vom Regen, aber immer halten wir inne dort und atmen ein paarmal tief durch und fragen uns, wie das sein kann, so ein Hafen inmitten der Stadt und während der Hafen der Stadt ein Ende setzt, ihrem Lärm und ihrer Verstopfung, warten wir mit dem Hafen und seiner Stille ein wenig, bevor wir zurück gehen und die Fragen mitnehmen, jedes Mal krame ich aus meinen Taschen Feuer und Tabakzeug und drehe mir eine Zigarette für den Weg, dir keine, du rauchst nur abends, wenn du deine Geschichten in den Kneipen erzählst, abends drehe ich auch für dich, aber dann mag ich dich nicht, oder nicht wirklich, oder anders und meistens gehst du mit Frauen nach Hause, die du auch nicht magst, oder nicht wirklich, oder anders und manchmal gehen wir zusammen nach Hause, aber dann gehe ich niemals mit zu dir, nur beinahe, wir wohnen nicht weit voneinander entfernt, so nah, dass du einmal gesagt hast, du könntest von meinem Küchenfenster aus sehen, dass du nicht zu Hause bist, da habe ich laut gelacht, irgendwie ist das wie mit unserem Fluss und mit dem Hafen, der keiner ist, aber eigentlich war es nur eine deiner Geschichten damals und du hast sie erzählt abends, als wir in einer Kneipe saßen, es ist lange her, aber was heißt schon lange, jedenfalls konnte ich mir damals nicht vorstellen, dass ich dich einmal kennen würde, ich meine: richtig kennen und dass man dich überhaupt richtig kennen könnte, das haben meine Freunde auch nie verstanden, als es schon so war und heute frage ich mich, wer die gewesen sind, meine Freunde, heute bist du mein Freund, so einer, der nicht weg gehen wird und ich gehe auch nicht weg, nicht wirklich zumindest, also nicht, ohne wieder zu kommen und du bist einer, den das trotzdem traurig macht, der mich beim Gedanken ans Weggehen noch einen Moment länger umarmt bei der Begrüßung und einmal mehr mit mir zum Hafen läuft und dann am Abend, am Ende des Heimweges, beim Abschied mit traurigen Augen sagt, dass ich ihm fehlen werde, du bist einer, der, wenn ich dann traurige Augen bekomme und selbst nicht mehr weiß, ob ich wirklich weggehen soll, sagt, dass es mir gut tun wird und mutig lächelt, was ich gar nicht kann, wenn ich am nächsten Abend vor meinen neuen Briefbögen sitze, während du in irgendeiner Kneipe deine Geschichten erzählst und irgendeine Frau mit nach Hause nimmst, die du nicht magst, oder anders, weil du mich jetzt schon vermisst und weil ich nach dem Heimweg nie mit zu dir komme und auch nicht da sein werde, wenn diese Frau mir Fragen über dich stellen will und weinen, das musst du dann selbst richten, du bist ja ein großer Junge, denke ich, auch wenn du das nicht denkst und dich wahrscheinlich gerade nicht so benimmst, während ich aus dem Fenster schaue, über die dunkle Straße zu deinen dunklen Fenstern und beschließe, eine Jacke anzuziehen, mir Fragen, Feuer und Tabakzeug in die Taschen zu stecken und am Fluss entlang zum Hafen zu gehen.

Katrin Merten ist 24, sie lebt, studiert und schreibt in Leipzig.


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