Daimlers Irrfahrt

Kommentar Am Ende wird es allen schlechter gehen

Schauplatz: das Stuttgarter Haus der Wirtschaft zu einer Zeit, als die Stimmung noch besser war. Gegenstand: das Unternehmerische. Auf die Frage, was denn den Unternehmer auszeichne, kommt prompt und bündig aus dem Munde eines altgedienten Beamten des Wirtschaftsministeriums: "Ha jomera muaß´r kenna!" Wie wahr! Jammern, das können sie alle, und sie jammern nicht darüber, worüber sie allein Grund zu jammern hätten: Über ihre eigene Unfähigkeit, über das Toll Collect-Fiasko, über gescheiterte Expansionspläne mit Milliardenverlusten, sondern über den Standort Deutschland im Allgemeinen und die "Baden-Württembergische Krankheit" im Besonderen. Früher waren sie stolz auf das, was sie heute als krank bezeichnen: Auf die Leitfunktion ihrer Region für die industriellen Beziehungen, auf die Humanisierung der Arbeit. Jetzt heißt es: Vorwärts, wir müssen zurück, zurück zu mehr Arbeit für weniger Geld.

Wie sie diese Wende aufhalten wollen, der sie selbst zugestimmt haben mit den Abmachungen bei Siemens und Daimler, wissen die Gewerkschaften nicht. Beides sind Großunternehmen mit Vorbildfunktion, da kann man noch so oft wiederholen, dass die Vereinbarungen Ausnahmen seien. Das große Tariföffnen kann jetzt beginnen, nachdem diese Keile eingeschlagen sind. Wie ist eigentlich, so könnte man doch zumindest verwundert fragen, die Arbeitsplatzgarantie für die Beschäftigten von Mercedes-Benz zustande gekommen? Wenn es zutrifft, dass "beim Daimler" manches nicht effizient genug läuft, dann haben nicht die Gewerkschaften, dann hat Vorstandschef Jürgen Schrempp ein Erklärungsproblem. Will er weiter bei den ineffizienten Prozessen bleiben und sich damit begnügen, die Löhne gedrückt zu haben? Oder war das McKinsey-Gutachten, das eine Überbelegung der Daimler-Werke feststellte, ein Bluff?

Die Unlogik hat System: Daimler ist kein notleidendes Unternehmen, wenn auch der Profit üppiger sein könnte. Man braucht nur auf BMW zu schauen. Dort hat das Management in den vergangenen Jahren weniger Dummheiten gemacht. Die deutsche Industrie insgesamt jedenfalls, so bestätigt die Bundesbank, erfreut sich einer singulären Position, der Exportüberschuss steigt und steigt. Wenn trotzdem der Jammerchor anschwillt, dann auch deswegen, weil bei grassierender Arbeitsplatzangst sich auch die Gewerkschaften dem archaischen Ritual nicht zu verweigern vermögen, das angesagt ist, wenn die Oberpriester verkünden, dass es der Nation schlecht gehe, dass Opfer unvermeidbar seien. Nun schmeißt sogar das Management ein paar Milliönchen in den Beutel. Und wenn alle anderen ihren Teil gebracht haben, die darbenden Ungarn wie die widerspenstigen Franzosen, werden wir wieder dort stehen, wo wir zuvor waren, nur dass es uns allen dann tatsächlich schlechter gehen wird.

00:00 30.07.2004

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