Damokles

Kehrseite 2 Damokles

"Früher war es wirklich alles viel sicherer", behauptet Cölestine. Sie ist zwar erst 32, aber heute guckt sie wie eine alte Frau. Sie hatte einen schweren Tag, zwei Stunden hat sie in irgendeiner S-Bahn verbracht, die nicht weiterfuhr, weil es einen Bombenalarm gab. Natürlich entpuppte sich alles als Fake, die Bombe war eine Box mit leckeren Bagels, die jemand hatte stehen lassen, der nun ohne Frühstück zu Hause saß.

"Stimmt", sagt Georg, "früher hättest du zum Beispiel hier bei Gefahr nur vor die Tür treten brauchen, da stand nämlich ein Feuermelder. Du hättest die kleine Glasscheibe eingeschlagen und den Meldeknopf gedrückt. In Nullkommanichts wäre eine Horde Autos mit Sirenenton aufgefahren. Heute hast du dein Handy dabei."

Die beiden sitzen im "Feuermelder" am Berliner Boxhagener Platz zwischen lauter Seeräuberklimbim. Sie wären fast mal ein Paar geworden, und manchmal knistert es noch, wie man so schön sagt, zwischen ihnen. Aber ob aus allem Knistern noch mal was Richtiges zu machen ist?

Als der rote Namenspatron noch draußen am Bordstein stand, war der "Feuermelder" eine verrauchte Kiezkneipe. Tatoos hießen Tätowierungen, das Publikum trug sie, Kreuze und Nixen, auf der Brust, Stacheldraht um den Hals, die ganz Harten blaue Lidschatten. Heute haben die zumeist schwarz gekleideten Boys und Girls, die den Laden bevölkern, japanische Schriftzeichen überm Bizeps, sie laufen mit Strichcodes im Nacken rum, und man kann gar nicht glauben, dass ihnen der billige Piratenkitsch um sie her nicht auf den Keks geht.

Georg betrachtet Cölestine, die seufzend ihren schönen Kopf in den Nacken legt, ihre Augen schließt, sie muss sich entspannen, immerhin sah sie sich heute bereits zerfetzt und in Einzelteilen über die Gleise verstreut, ein Fall fürs THW. Im Hintergrund blinkt eine Kette Totenköpfchen, über ihrem Kopf hängen zwei Schwerter, die Klingen gekreuzt. Vielleicht fallen die ja gleich herab, denkt Georg. Bei dem Glück, das sie hat. Er erinnert sich, wie vor Jahren die Schöne der Anthrax-Hysterie anheim gefallen war und beim sonntäglichen Spazierengehen immer nach Tiefgaragen Ausschau hielt, in denen sie sich im Ernstfall würde verstecken können. "Wahrscheinlich hättest du dir da draußen beim Einschlagen der Scheibe die Hand aufgeschnitten und beim Knopfdrücken den Finger verstaucht." Er sagt das nur, um sie zu ärgern, aber Cölestine nimmt es für bar und stöhnt gequält. "Wo soll das noch hinführen?", fragt sie, klappt ihre Lider hoch und sieht Georg klagend an. Er gibt sich roh. "Ist mir egal. Geh ich eben drauf bei so´m Attentat. Immer noch besser, als von dieser ganzen Hysterie ne Meise zu kriegen." Cölestine ist schockiert. Am Flipper lachen sie, aber nicht über die beiden. "Die Bombe machte bumm", singt Georg leise, "da fiel mein Jonny um." Cölestine steht die Angst im Gesicht, und es bleibt unklar, ob es von der gruseligen Stimmung des Liedes kommt oder von der Art, wie Georg singt, oder ob sie fürchtet, gleich hier von einem Sprengsatz zerrissen zu werden. "Früher war es sicherer!", beharrt sie noch einmal, nippt an ihrem Bier und schöpft ein wenig Zuspruch aus der Vergangenheit.

Georg erzählt, wie er einst in seiner NVA-Bibliothek auf ein Büchlein stieß, in dem alles über Sprengmittel stand. Georg liebt es, nach einigen Bierchen von seiner Armeezeit zu sprechen, und heute ist diese Geschichte dran. Noch heute, behauptet er, stamme sein gesamtes Wissen über Granaten und Minen aus diesem Buch. Er erklärt Cölestine den Unterschied zwischen Zündschnur und Sprengschnur, und er bemerkt nicht, dass sie das nicht beruhigt. "Da gab es Zeichnungen drin, wie man am besten mit einem Teddy eine Sprengfalle baut und wie man kleine Sprengsätze in Kinderschokolade reinfummelt. Am spannendsten fand ich diese Flüssigkeiten, die bereits auf Licht reagieren. Du brauchst nämlich immer eine Initialzündung, weißt du, für jede Bombe, und die kann ganz verschieden sein. Bei bestimmten Substanzen reicht es bereits, wenn du Licht anschaltest. Du kommst nach Hause, machst knips und ..."

Aus ist mit Knistern. Ihre Fingernägel sind jetzt tief in seinen Arm verkrallt. Sie hatte vorhin ihre Hand auf seine gelegt. Das war der Moment, wo er hätte das Thema wechseln und Streicheleinheiten verteilen sollen. Aber nein, er musste ja witzig sein und von früher schwafeln. Kleine rote Sicheln erblühen auf seiner Haut, als sie ihre Hand löst. "So kann man doch nicht leben", sagt sie zart, "mit diesem Zynismus." Mit diesem was? Die Musik ist plötzlich so laut, dass die beiden sich kaum noch verstehen können. Zwei Mädchen kommen herein und bieten Gauloises zum Probieren an. Sie lassen sich eine Schachtel schenken und ordern zum nächsten Bier eine Runde Wodka. Mitten in dem Leben sind, denkt Cölestine - na denn! was für ein Tag! - mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen. Und ex.


00:00 02.07.2004

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