Danke, Pflanzen

Natur Zwei Bücher rücken die Verhältnisse auf der Erde zurecht: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, er nervt eher

Als „weltbildend“ hatte Martin Heidegger den Menschen sehen wollen, im Gegensatz zum „weltlosen“ Stein und zum „weltarmen“ Tier. Für andere Weltbaumeister ist da kein Platz, auch nicht für Pflanzen. Dabei weist kein Lebewesen außer Bakterien eine so stolze Tradition des Weltbildens auf wie die Pflanzen. Vor ungefähr 2,4 Milliarden Jahren – das ist die Hälfte des Alters der Erde – vergifteten Cyanobakterien und Gefäßpflanzen durch ihre Photosynthese das Milieu allen Lebens. Das war bis dahin ausnahmslos anaerob, konnte also Sauerstoff nicht verstoffwechseln. Die überlebenden Organismen mussten sich radikal umstellen.

Seither ist die Geschichte des Lebens die Besiedlungsgeschichte der sauerstoffreichen Atmosphäre. Auch wir Menschen sind ein Anpassungsexperiment der Natur an das Milieu, das die Pflanzen durch ihre Photosynthese ständig erneuern. Während alle Lebensformen darauf angewiesen sind, dass anderes Leben durch seinen Stoffwechsel die Grundlage für das eigene Leben bereitet, leben Pflanzen nämlich autotroph: „Sie formen alles, was sie berühren, in Leben um, sie machen Materie, Luft, Sonnenlicht zu dem, was für die übrigen Lebewesen Wohnraum, ja Welt wird.“ Das schreibt der italienische Philosoph Emanuele Coccia, dessen Philosophie der Pflanzen gründlich mit dem modernen Weltbild aufräumt. Der Mensch sei weder Krone der Schöpfung noch autonom, sondern einer unter vielen Anpassern an die Chemie der Atmosphäre. Die eigentlichen Schöpfer seien die Magier aus Blatt, Wurzel und Blüte, die ihr eigenes Milieu selbst hervorbringen. Das Abfallprodukt dieses kosmogonischen Vorgangs atmen wir unablässig ein.

Kein Wort über Flatulenzen

Dennoch sieht sich der Mensch gerne als einzigen Weltbildner und brüstet sich dabei noch seines naturkundlichen Analphabetismus. Unser Zeitgeist sei geprägt, so Coccia, von einer „Verdrängung des Lebendigen“ und einer Entfremdung von den Grundbedingungen des Lebens. Durch die einseitige Betonung menschlicher Intentionalität vergäßen wir, dass Welt immer im Werden begriffen ist und durch das Lebendige mitgestaltet wird. Dabei lebe jeder vom „Leben der Anderen“. Welt ist also Atmosphäre, von den Pflanzen gebildet und dann vom Gewebe des Lebens weiter umgestaltet. Deswegen bewohnen wir nicht die Erde, sondern die Atmosphäre. Das ist die eigentliche Bedeutung des heliozentrischen Weltbildes: Mit den Pflanzen wurzeln wir in den Kräften der Sonne.

Hier bleibt Coccia bedauerlicherweise stehen. Leichtfüßig hat er unser Weltbild auf den Kopf gestellt und in geschliffener Prosa dargestellt, dass die Welt „keine autonome, vom Leben unabhängige Einheit“ ist, sondern immer mit in Bewegung befindlichen Milieus wie dem Klima zusammengedacht werden muss. Doch statt dies zum Hebel für eine Kulturkritik zu machen, zieht er dann rasch die Gummistiefel des Feldbiologen wieder aus und verwandelt sich in einen „armchair philosopher“. Letztlich sind ihm sein Anaxagoras, Heraklit oder Lukrez doch wichtiger als der goldene Baum des Lebens. Teilweise verliert er sich in pantheistischer Rhetorik der Verschmelzung: „Leben heißt: atmen und im eigenen Atem die gesamte Materie umfassen.“ Coccia schreibt ein atomistisches und kein sozio-ökologisches Manifest. Der Blick auf die Pflanzen als unausrottbare Garanten unserer Atmosphäre soll Trost spenden. Das hat seine Schönheit und spirituelle Kraft. Aber es ist auch eine verpasste Gelegenheit, die luftige „Meteorologie des Denkens“ um eine „Ethik des Pflanzlichen“ zu erweitern. Wer von der Atmosphäre als dem „Lebenshauch“ spricht, „der die Erde in ihrer Gesamtheit animiert“, sollte 2018 auch etwas zu sagen haben über die Flatulenzen von 1,5 Milliarden Rindern und unzähligen Brennstoffmotoren. Wer eine zärtliche Sprache dafür hat, wie die Pflanzen die Sonne „zur Haut der Erde“ machen und mit allen Lebensformen in der Erde kommunizieren, muss heute auch eine zornige Sprache haben für Feuerwalzen, die bis Ende des Jahrhunderts alle Wälder in Asche gelegt haben werden. Jeder, der einmal in einer Monsanto-Maismonokultur gestanden hat, hegt Zweifel an Coccias Optimismus, dass „dank der Pflanzen Welt und Leben völlig kongruent“ seien.

Dieser fundamentale Zweifel prägt auch Bruno Latours Terrestrisches Manifest. Niemand hat die sozialen und ökologischen Bedingungen, unter denen wir heute leben, scharfsinniger analysiert als er. Latours Text führt politische Interventionen zusammen, die er in den letzten beiden Jahren veröffentlicht hat. Das führt zu einer gewissen Heterogenität, wodurch der Text auch phasenweise seinen Manifestcharakter verliert und zu wenig konkret wirkt. Über weite Strecken aber handelt es sich um eine kluge Gegenwartsanalyse und ein wütendes Plädoyer für mehr Lebendigkeit in der politischen Ökologie. Seit den 1980er Jahren – dies mache die Politik des Reaganite Donald Trump brutal deutlich – hätten die viel beschworenen „Eliten“ den Anspruch aufgegeben, „die Welt zu führen, vielmehr suchen sie außerhalb dieser Welt Schutz.“ Die plutokratischen Gewinner der Deregulierung gingen seitdem nicht mehr von einer „miteinander zu teilenden gemeinsamen Welt“ aus. Folgt man dieser Lesart, dann ist der Oikos – die von den Pflanzen geschaffene Atmosphäre – zur sozialen Frage geworden. Während die Plutokraten der Zukunft an ihren hochwassersicheren, klimatisierten Blasen in Florida, Dubai oder auf dem Mars arbeiten, hat die Bevölkerung die Wahl, sich zu hoch spezialisierten globalen Jetsettern auszubilden oder aber von Robotern ersetzt zu werden. Psychologisch ist die Folge ein radikales Gefühl der Heimatlosigkeit. Während Trump „Amerika noch ein paar Jahre“ davon träumen lässt, dass sein Way of Life mit der Nadel der Ewigkeit gestrickt sei, müsse uns allen klar werden, dass der Planet „für den Globus der Globalisierung“ zu klein sei. Die „Plus-Globalisierung“ mit dem Emanzipationsversprechen für alle Erdenbürger sei in eine „Minus-Globalisierung“ umgekippt, in der dem Volk ein endloses Weiter-so als Manna verabreicht werde: Wir sollen ungestraft die ökologischen Probleme ignorieren und weiter „von einem Wachstum für alle“ träumen, damit hinter unserem Rücken die Happy Few genug Zeit haben, die Zugbrücken hochzuziehen.

Das System kippt

Heute Ökologie zu betreiben bedeutet, weiterhin an eine gemeinsame Welt zu glauben, die geteilt werden muss. Unter erschwerten Bedingungen, denn die Erde reagiert auf menschliche Eingriffe in ihre systemischen Funktionen. Die„Rückkehr der Erde“ nennt Latour ironisch „das Terrestrische“. Die große Verblendung des Menschen sei es gewesen, die Heimat Erde mit den Augen Außerirdischer zu sehen. Das neuzeitliche westliche Wissenschaftsparadigma betrachte sie quasi „vom Sirius aus“. Jede sinnliche Weltwahrnehmung werde überlagert durch eine extraterrestrische Perspektive: Das physikalische Weltbild („Universum-Natur“) dominiere die biologische Lebensrealität („Prozess-Natur“). Dieser erkenntnistheoretische Kurzschluss sei in der kapitalistischen Globalisierung radikalisiert worden, in der unsere „Bindungen an die einstige Natur als Prozess dauerhaft vernichtet sind“.

Doch nun rege sich das „Terrestrische“ und mische die Politik auf, so Latour, denn die Übernutzung der Erde führe an immer mehr Punkten zu systemischen Kippmomenten. Die Erde beginnt, mit Isabelle Stengers zu sprechen, auf unsere Kitzelattacken mit Lachen zu reagieren. Und das zwingt uns, endlich von den Fernrohren, die wir vom Sirius auf die Erde gerichtet hielten, aufzublicken und die „erhitzte Aktivität einer endlich von Nahem erfassten Erde zu erkennen“. Wir tun damit das, wozu uns Coccia einlädt. Das Terrestrische zwingt uns, unsere Angewiesenheit auf die „kritische Zone“ zwischen Boden und Atmosphäre zu begreifen – und verweist uns auf die Rolle eines bescheidenen Mitgestalters. Im Zarathustra beschwört Nietzsche uns Moderne: „bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden“. Eine dieser überirdischen Hoffnungen ist der Glaube, dass die „unsichtbare Hand“ des Marktes uns unabhängig von den eigentlichen Weltbildnern machen könne. Diese säkulare Religion, schrieb schon Karl Polanyi sarkastisch, sei nicht von dieser Welt.

Info

Die Wurzeln der Welt: Eine Philosophie der Pflanzen Emanuele Coccia Elsbeth Ranke (Übers.), Hanser 2018, 192 S., 20 €

Das terrestrische Manifest Bruno Latour Bernd Schwibs (Übers.), Suhrkamp 2018, 136 S., 14 €

06:00 17.06.2018

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