Darauf kann ich verzichten

Landwirtschaft Grad mal wieder steht die ökologische Frage im Raum. Für die Schriftstellerin Katrin Seddig tut sie das jeden Tag
Darauf kann ich verzichten
Bundesministerin für Landwirtschaft Julia Klöckner (CDU) auf der Grünen Woche in Berlin

Foto: imago/Snapshot

Wie richtig leben? Die bescheidene Zufriedenheit unserer Eltern, sie hat kein Heim mehr, in meinen Kindern zum Beispiel. Die stehen schon mal der Staatsmacht gegenüber, die fahren auch zur „Wir haben es satt“-Demo nach Berlin. Mit dem Bummelzug. Ich setze viel Hoffnung in diese Generation. Meine eigene Generation sieht sich unversöhnt: „Du meinst, du kannst irgendwas ändern mit deinem Biowahn?“ Mein Vater fand es noch überkandidelt, wenn man Biolebensmittel einkaufte. Zu teuer. Die Bio-Kritiker meines Alters haben genug Geld für Denn’s und Co., aber sie schauen zynisch und fatalistisch auf jeden moralischen Lebensentwurf. Ihnen mangelt es an Glauben, und vielleicht haben sie ja recht?

Ich bin aufgewachsen mit Schweinen und Schafen, Gänsen, Hühnern, Enten und Karnickeln. Auch in der DDR fütterte man diese Tiere mit subventionierten Lebensmitteln. Dann schlachtete man sie und aß sie auf. Man nannte es Arbeit, und sie zahlte sich aus. Später wohnte ich auf dem Bauernhof der Familie meines Freundes. Da wurde Landwirtschaft in etwas größerem Maßstab betrieben, und auch sie lohnte sich. Die Grüne Woche 1990 war ein Ereignis, da standen wir vor einer monströsen Kuh. Was für eine Kuh! Wir dachten nicht: Wie schrecklich, die arme Kuh, nein, so was dachten wir damals nicht. Jetzt denke ich das. Jetzt denke ich über Züchtung nach, über Tierwohl, jetzt bin ich Vegetarierin. Ich frage mich jeden Tag, wie wir leben sollen, darüber streite ich mit Freunden und Fremden.

Im Rahmen der Grünen Woche war ich vor ein paar Tagen zu einer Diskussionsrunde in Berlin eingeladen, es ging um „Co-Dörfer“, das Projekt soll Städtern, die mobil arbeiten können, das Leben auf dem Dorf ermöglichen. Sie sehnen sich danach, die Großstadt zu verlassen, ein anderes, harmonischeres, natürlicheres Leben zu leben. Ich wohne jetzt in Hamburg, und auch ich sehne mich danach. Aber ich vergesse nicht, was ich in dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, vermisst habe. Ich weiß auch, wie viel Arbeit es kostet, ein Haus und ein Grundstück zu erhalten. Mag sein, dass diese Art der Arbeit einen ausgeglichener macht, aber die Welt hat sie nicht nötig. Es ist eben auch Egoismus, der die Menschen aus der Stadt aufs Land treibt. Weg vom Elend, weg von schlechter Luft und Lärm. Und wenn sie dann weg sind, verstopfen sie die Ausfallstraßen auf dem Weg ins grüne Heim. In der Stadt benötige ich kein Auto. Ich beanspruche nur wenig Lebensraum, verbrauche wenig Strom und Heizung. In einem Haus auf dem Land wäre das anders. Allerdings: Es gibt neue Lebensformen dort, ländliche Gemeinschaften, die auf Solidarität beruhen, auf Teilen, auf Bescheidenheit, auf Verzicht.

Verzicht ist alles. Aber sollen wir verzichten? Wer nötigt uns dazu? Nichts bringt die Leute mehr auf die Palme, als ihnen den Verzicht nahezulegen, habe ich festgestellt, man kann auch ein paar Grüne fragen. Unsere Gesellschaft ist nicht auf Verzicht angelegt. Verzicht verhindert Konsum, und Konsum schafft Wohlstand. Ökologische Landwirtschaft hat viel mit Verzicht zu tun, ständig ist von ihm die Rede. Wir verzichten auf chemische Düngung. Wir verzichten auf Pestizide. Wir verzichten auf das Kupieren von Schwänzen und Schnäbeln. Verzichtende sind es, diese Öko-Landwirte. Verzichten sogar auf Geld, denn sie haben weniger Ertrag pro Quadratmeter und bekommen also weniger Fördergelder von der EU. Damit sich dieser Anbau dann noch lohnt, kostet das Produkt mehr. Dieses „mehr“ bezahlt der Konsument, der dann seinerseits wieder auf etwas anderes verzichtet, damit er sich dieses „Bio“ leisten kann. Ich verzichte auf ein Auto, auf Flugreisen, auf Fleisch, auf Tomaten im Winter. „Das kann man sich ja nicht leisten“, sagen Leute, die einen BMW fahren, einen neuen. Die können sich biologische Lebensmittel nicht leisten. Ich kann mir den BMW nicht leisten. Und dann gibt es ja noch Leute, die können sich keinen BMW leisten, die können sich auch keine biologischen Lebensmittel leisten, die kommen kaum über die Runden, wenn sie beim Discounter einkaufen. Denen kann man kaum Verzicht predigen, oder?

60 Milliarden Euro verteilt die EU an Subventionen an die Landwirte. Der größte Teil geht an Großgrundbesitzer, selbst wenn sie im Großen und Ganzen gesellschaftlichen Schaden anrichten, weil sie nicht nur produzieren und versorgen, sondern auch zerstören. Die Umwelt zerstören. Da könnte man also auf eine Demo gehen und von Frau Klöckner fordern, dass sie sich in Brüssel für eine andere Verteilung der Subventionen einsetzt. Und dann wäre es natürlich noch besser, wenn wir für Kartoffeln das bezahlen könnten, was die Produktion von Kartoffeln nun mal kostet, plus einem Gewinn für den Landwirt, damit der von seiner Arbeit auch leben kann.

Und wenn man sich mit dem Thema globale Landwirtschaft einmal richtig beschäftigt, dann wird man vielleicht selbst zynisch, und dann glaubt man am Ende vielleicht sogar, dass es sinnlos ist, Biolebensmittel zu kaufen und auf Demonstrationen zu gehen. Und dann hielte man jede Art von moralischem Engagement einfach nur für pittoresk. Möglich. Aber so will ich nicht leben. So will ich nicht sein.

Katrin Seddig, geboren 1969, veröffentlichte zuletzt den Roman Das Dorf (Rowohlt Berlin)

06:00 28.01.2019
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