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25. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt Die Kritik vergaß die Kritik

Es krönt die Krone das Stadtfest". Mit dem selbstgereimten Lobgedicht auf den Sponsor des diesjährigen Klagenfurter Stadtfestes, das jeden Sommer um das Wahrzeichen der Kärntner Landeshauptstadt herum tobt, auf dem St. Georg und der Lindwurm ihre Mythennummer abziehen, hätte Stadtrat Dieter Jandl von der Österreichischen Volkspartei gewiss nicht den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen, den seine Heimatstadt jedes Jahr zur gleichen Zeit ein paar Häuser weiter, im Landesstudio Kärnten des Österreichischen Rundfunks vergibt. Natürlich ist es ganz unfair, die launig dahergesagte Alltagslyrik auf einer multimedialen Gaudibühne zum Gradmesser für das poetische Bewusstsein in der Geburtsstadt Ingeborg Bachmanns zu machen. Aber im Jahr des 25ten Jubiläums eines der wichtigsten Preise der deutschsprachigen Literatur darf man vielleicht doch einmal nach der Reichweite dieses ästhetischen Ereignisses fragen. In den Eröffnungsansprachen wird gern die ästhetische Potenz einer bedeutenden Tochter der Stadt gepriesen und gefordert, "dem kreativen Wort seinen gebührenden Stellenwert" zu geben. Wenn´s drauf ankommt, kommen dann aber doch nur ein paar Knittelverse heraus. Und während Ingeborg Bachmann jetzt eine Gedenktafel in Rom besitzt, ihr Geburtshaus in Klagenfurt aber fast abgerissen ist, bekommt der bekannte Lyriker Udo Jürgens die Ehrenbürgerschaft der Stadt.

Soviel zur ganz normalen Heuchelei im deutschsprachigen Kulturbetrieb. Vielleicht ist sie einer der Gründe dafür, dass die Kunst sich zeitweilig lieber in sich selbst verkriecht, als sich auf eine Welt einzulassen, die sie im Zweifelsfall vergisst. Die Binnenorientierung, das Interesse an der Rolle des Autors und an den Problemen von Konzeption und Konstruktion - das waren die signifikantesten Merkmale der Klagenfurter Texte in diesem Jahr. Das zerknüllte weiße Papier, das der Künstler Heinz Peter Maya in diesem Jahr zur Studiodekoration im ORF-Theater erkoren hatte, symbolisierte diese Obsession trefflich. In Ute Christine Krupps Geschichte über die Biochemikerin Carolin, ein Versuch in indirekter Personenzeichnung via E-Mail, Postkarte, Handy, ist der Ausgangspunkt symbolisch: ein Labor, in dem eine Versuchsanordnung entsteht. Der Berliner Autor Norbert Müller wählte für seinen sich in die Hysterie ängstigenden Helden den Beruf des erfolglosen Schriftstellers. Der deutsch-polnische Autor Artur Becker lässt seinen nach Amerika emigrierten Onkel Jimmy zu Beginn seiner Geschichte einen Kehlkopfgenerator stehlen, mit dem er forthin spricht. Wie erschaffe ich eine eigene Sprache? Die Schweizer Autorin Brigitte Schär erweckte eine Leiche wieder zum Leben. Die mordet schließlich aus Verzweiflung über ihre Konturlosigkeit ihren Erschaffer. Ein sprachlich missglückter, aber motivisch interessanter Laborversuch, Kunst als Schöpfung und die Verantwortung des Autors in eine Allegorie zu bannen.

Noch in einem der politischsten Texte, des Österreichers Ludwig Lahers Philippika eines unbekannten Erzählers gegen den gleichmacherischen Sog der Globalisierung, in dem Kirche und Fischmehl, Datenhighway und Fließindex zu einem mondialen Einerlei zusammengerührt werden, sprach eine innere Stimme, ohne Hoffnung. Deren Fluchtversuche konnten nur in geschlossenen Anstalten enden. Zum "Weltwirtschaftsforum Osteuropa" wurde das nahe Salzburg von der Polizei gegen die Globalisierungsgegner hermetisch abgeriegelt. In Klagenfurt vernahm man als Begleitstimme einen resignierten inneren Monolog. Mitunter nervig in seinem dräuend kulturkritischen, mit schwerstem Humanismus geschwängerten Unterton, bestand sein Spezifikum darin, keinen Ausweg in die abgelehnte Welt da draußen zu finden.

Ein Desaster erlebte auch die Kritik der Affirmation. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass von den Adepten des Techno kaum noch Widerstand zu erwarten ist, brachte ihn der 1971 in Berlin geborene, heute in Zürich lebende Philipp Tingler. Der schwule Dandy, der da in ein fiktives Tagebuch die Eindrücke seiner Wanderungen durch die Stadt an der Limmat notiert, Diätprobleme erörtert, sich in Abziehbildchen verliebt und Markenartikel verwirft, war ein Musterbeispiel für den allgemeinen Übergang vom Agonalen zum Epigonalen. Der Vergleich mit Bret Easton Ellis, den die Schweizer Jurorin Elisabeth Bronfen bemühte, war vollkommen verfehlt. Hier bewegte sich höchstens ein schlechter Christian-Kracht-Verschnitt durchs Zürcher Faserland. Der selbstverliebte Stil- und Geschmacksterrorist, den der deutsche Juror Denis Scheck vom Kölner Deutschlandfunk in Tinglers unverkennbar autobiographischem alter ego zu erkennen glaubte, war so gefährlich wie ein Gummibärchen: Bei Berührung quietschts.

Vielleicht waren die Juroren deshalb so froh über Jenny Erpenbecks Geschichte Sibirien. Ein unbekannter Erzähler sitzt mit seinem Vater auf dem Dachboden, kramt in alten Erinnerungsstücken. Es steigen die Erinnerungen des Vaters an die Eheprobleme seines Vaters unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Die Mutter kehrte aus Sibirien zurück und warf die Freundin des Großvaters des Erzählers aus dem Haus. Die Geschichte der 1967 in Ostberlin geborenen Schriftstellerin reflektiert einen Perspektivwechsel in der Erinnerung. Die Jüngstgeborenen können sie nur noch aus den Erinnerungen zweiter und dritter Hand rekonstruieren. Nicht mehr aus eigenem Erleben. Der Text kokettiert mit seiner Lakonie. Der ermüdend repetierte Satz: "sagte mein Vater" erinnert an "erklärt Pereira"; die Geschichte, die den Assoziationsüberhang ihres Titels nicht einlöst, bekam aber trotzdem den zweiten, den Preis der Jury (gestiftet von der österreichischen Telekom). Immerhin kümmert Erpenbeck sich um Geschichte. Genau das Problem, an dem die Berliner Autorin Tanja Langer scheiterte. Der Versuch ihrer Protagonistin, die Geschichte des Hitler-Förderers Dietrich Eckart, dem Hitler sein Buch Mein Kampf widmete, im Archiv zu erarbeiten, wird von einer Gefühlswolke der Erzählerin für ihre Kinder verdeckt. Die triefende Sprache, die selbst Jurorin Birgit Vanderbeke in dem Text entdeckte, veranlasste den scharfsinnigen Denis Scheck zu der gezielten, sogleich von der ebenso scharfsinnigen Wiener Germanistin Konstanze Fliedl konterkarierten Provokation: "Mutterschaftsprosa". Eine der wenigen, unausgefochtenen Dissense in dem freundlichen Kritikerlager in diesem Jahr.

Erpenbeck und Langer sind nur zwei Beispiele für die Spätfolgen des seit Jahren herbeigeredeten Erzählbooms, deren jüngste Widergänger langsam aber sicher mangels Substanz durch eine sehr dünne Erzähldecke brechen. "Man hat ihnen riesige Raketen gebaut. Und jetzt sind die Treibstofftanks leer", resümierte Matthias Gatza, Lektor für deutschsprachige Literatur beim Berlin-Verlag, die strategisch geplante Revolution des "welthaltigen" Erzählens. Die Deutschen wollten endlich auch einmal einen Mann auf dem Planeten des amerikanischen Erzählens. Jetzt kommen ihre Astronauten immer schwerer vom Fleck. Bis auf die Ausnahme, die natürlich immer die Regel bestätigt. Wie bei der 1974 in Potsdam geborenen Antje Ravic Strubel. Die Geschichte von Katja, dem stillen, aber selbstbewussten Mädchen aus der Fräserei in der DDR, die sich 1978 in den westdeutschen Kaufmann Perkoff verliebt, der mit dem deutschen Sozialismus Geschäfte macht, war eine der wenigen glaubwürdigen Figuren, für die man in diesem Wettbewerb wirklich ernsthaftes Interesse entwickeln konnte. Der dritte, der Ernst-Willner-Preis war mehr als verdient für diese Autorin, die selbst Jenny Erpenbeck in den Schatten stellte.

Dem unausgesprochenen Erzähldogma erlag bei näherer Betrachtung letztendlich sogar der grandiose Preisträger in diesem Jahr: Michael Lentz. Der 1964 in Düren geborene Rheinländer lebt jetzt in München. Die Geschichte Muttersterben des furiosen Philosophen und ausgewiesenen Experten für Lautpoesie in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 eroberte die Zuhörer schon am Freitagmorgen um neun Uhr mit ihrer mitleidlosen Lakonie und Sprachwucht so nachhaltig, dass von da an keiner mehr Zweifel über den Sieger haben wollte. Ein Text voll Wut und Verzweiflung über das Verlöschen einer Biographie. Der trotzdem keinen Raum für falsche Sentiments ließ. Das "Betriebssystem Mutter" als "selbst verglühender Herd". Lentz war vor zwei Jahren schon einmal in Klagenfurt aufgetreten. Mit einem reinen Klanggedicht. Diesmal hatte er den Rat seines Mentors, des Jurors und Münsteraner Schriftstellers Burkard Spinnen befolgt, und das Experimentelle in eine erzählerische Grundstruktur eingebettet. Wenn man so will ein Kompromiss, der Lentz den Sieg sicherte. Doch der vielleicht raffinierteste Text des Wettbewerbs war Christoph Schlotmanns experimentelle Variation über den Spruch, wie man "dem Hasen Salz auf den Schwanz streut". Die Jury lobte pflichtgemäß die "Sauerstoffdusche in Sachen Sprachempfinden" (Denis Scheck). Dass sich hier hinter den fast unmerklich aufsteigenden Ausfällen eines ominösen Sprechers gegen Schwule und champagnerfarbene Negliges klammheimlich ein protofaschistisches Ich Luft verschafft, das nicht allzu weit entfernt von einer Psyche war, wie sie auch das FPÖ-geführte Kärnten hervorgebracht hat, fand eher am Rande Erwähnung. Die Hoffung Katja Lange-Müller, die sich in ihrer diesjährigen "Klagenfurter Rede zur Literatur" ein "unglattes Gegenteil des neuen Erzählens" nach Ingeborg Bachmann erwünscht hatte, wurde nicht nur in diesem Fall nicht so recht erfüllt. Der vielleicht zeitgemäßeste Text kam nicht einmal in die Endauswahl.

Ein Versäumnis der Jury. Die sich so zahm präsentierte wie noch nie zuvor. Zwar gibt es keinen Grund, sich auch für den Klagenfurter Wettbewerb den Theaterdonner zu wünschen, mit dem sein Mitbegründer, Marcel Reich-Ranicki, das unersetzbare Exemplum der Selbstaufklärung der bürgerlichen Gesellschaft in den TV-Ruin treibt und sich selbst zur lächerlichen Figur macht. In der Postmoderne hat die kalte, filigrane Diskursarbeit eben über das ästhetische Richteramt obsiegt. Doch die widerspruchsarme Come-Together-Übung, die hermeneutische Selbstbegnügung, zu der in diesem Jahr die Arbeit der Kritik geriet, sucht ihresgleichen. "Ich möchte einmal da anschließen", war der häufigste Satz für dieses emsige, aber konfliktvermeidende Ensemble der Weber am Teppich der Interpretationen ohne Urteil. "Häkelarbeit" muckte Thomas Widmer aus der Schweiz versuchsweise einmal gegen Jenny Erpenbeck auf. Mit dem Satz "Ich habe ein Faible für Texte, die scheitern", lieferte die meistüberschätzte Kulturwissenschaftlerin dieser Tage, die Züricher Anglistin Elisabeth Bronfen, das Urteil über ihre Rolle gleich selbst mit. Überall sah die begriffslose Jurorin nur Filme, nirgends Literatur. Und mit seinem steten "Herzlichen Dank", fügte der immer professoralere Burkard Spinnen salbungsvoll-präsidial zum Schluss jeder Runde an, dass auch er sich den bereits geäußerten Meinungen anschließe. Die neue Nettigkeit grassierte bei fast allen Autoren. Kaum eine(r) versäumte es, am Ende seiner Lesung ebenfalls "ganz herzlich Danke" zu sagen, statt den miesen Kritikastern den Kopf abzureissen.

Auch wenn einem diese Leistungsschau der deutschsprachigen Literatur in Zeiten der Globalisierung seltsam vorkommen kann. Am Ende ist der Wettbewerb nicht. Dafür stand in diesem fünfundzwanzigsten Jahr der Frankfurter Verleger KD Wolff vom Verlag Stroemfeld. Seit zehn Jahren war er zum ersten Mal wieder in Klagenfurt. Wollte sich mal wieder blicken lassen. Der eigensinnige Alt-68er, hinter dessen angeborenem Lächeln eines Barockengels sich eine tiefe Abneigung gegen den Betrieb mit seinem Firlefanz verbirgt, strahlte über das immer fröhliche Gesicht: "Ich war völlig überrascht, dass sogar ich sofort gemerkt habe, was hier gut und schlecht ist und wie das hier so abläuft", grinste der Herausgeber der ungeschminkten Klassiker der Weltliteratur kokett wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal ein Buch in der Hand hält. Wenn das kein Erfolg ist!

Klagenfurt und kein Ende - Immer wieder Klagenfurt. Zwischen diesen beiden Stoßseufzern bewegt sich jedes Jahr die Klage über ein nur scheinbar totes Ritual. Doch warum soll man diese unentrinnbare Dialektik nach der einen oder anderen Seite auflösen? Denn damit ist es wie im ganz normalen (Autoren-) Leben: Man schreibt und weint ein Leben lang.

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00:00 06.07.2001

Ausgabe 42/2021

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