Das erstaunliche Dorf

Horno in der Lausitz Seit 25 Jahren bedroht, seit zehn Jahren kämpfend, fast resigniert, da taucht plötzlich eine neue Hoffnung auf, im fernen Schweden

Das Interessanteste in unserer Wirklichkeit ist alles Widerständige. Meist ist es eine David-Goliath-Geschichte. Hier: ein Dreihundert-Seelen-Dorf gegen einen Braunkohlekonzern. In den besten Momenten macht Widerstand euphorisch, doch ihn begleiten Angst, auch große Freundschaften und die Verluste. Er macht hellsichtig, doch ist er aufreibend bis zur Ermattung.

In der Berichterstattung verliert der Widerstand oft seine Farbe. Auch die Skepsis (vielleicht die heimliche Missgunst) der Zuhörer raubt ihm den Glanz. Kleinteilig kommen die Protokolle der Gemeinheiten und Lügen daher, atemlos ist meist die Aufzählung der Wendepunkte, Namen, Daten. Die Emotionen scheinen geliehen aus der Geschichte. Selbst die Beteiligten glauben sich später fast nicht mehr. Das haben wir durchgehalten? Zehn Jahre lang?

Die Ausdauer von Horno hat mehrere Voraussetzungen. Die mussten erst zusammenkommen: Am Anfang steht das unabweisbare Wissen, dass die Abbaggerung gar nicht nötig ist. Es gäbe die ökonomisch vertretbare andere Lösung, das »Umfahren« des Dorfs. Eine Strapaze von fünf Jahren. Dann wäre der Spuk vorbei. Eine weitere Voraussetzung ist die intakte Dorfgemeinschaft, die durch ihre Vereine wie Spielmannszug, Chor, Sportgruppen, eine Burschenschaft, über ein perfektes Kommunikationsnetz verfügt. Auch das Bewusstsein von einer weit zurückreichenden Geschichte stärkt. Und die Vermischung der alteingesessenen Familien mit den Umsiedlerfamilien, die nach dem Krieg aus dem Osten hinzukamen. Sollen sie etwa alle zusammen wieder vertrieben werden?

Die Schönheit des Dorfs ist sicher ebenfalls zu den Ursachen des Beharrungsvermögens zu zählen, so scheint es, wenn man nach Horno kommt. Der Ort wurde 1993 unter Denkmalschutz gestellt, wegen seiner Gesamtanlage im großen Oval um Dorfanger und Kirche, wovon die lang gestreckten, nicht von Umbauten verfälschten Gehöfte abgehen, deren Gärten am Ende in die Felder münden. Backsteinarchitektur mit kargen Ornamenten.

Und dann gibt es einige Hauptmatadoren des Widerstands. Sie blieben trotz aller Zermürbung bei der Sache. Um diesen Kristallisationskern gruppiert sich die Dorfgemeinschaft. Da ist der Dorfvorsteher Bernd Siegert, Schlosser in der Bauern AG, ehemaliger Bürgermeister - ehemalig, weil dem Dorf der Gemeindestatus entzogen wurde -, da ist der Amtsleiter Klaus Richter, die Pfarrerin Dagmar Wellenbrink, die ihren Wohnsitz hierher verlegt hat und nicht im Pfarrhaus der Nachbargemeinde geblieben ist. Und als Sprecher der Horno-Allianz, eines Bündnisses von Unterstützern und Sympathisanten des Dorfs, Michael Gromm.

Nicht Michael, sondern Meikel. Er kommt aus England. Als ihn ein Zufall nach Horno brachte, sprach er längst gut Deutsch mit einem englischen Akzent. Graue Locken mischen sich mit dunklen und reichen zu den Schultern. Über das Gesicht ziehen unverhohlen seine Emotionen: Hoffnung, den Zuhörer zu verblüffen, Empörung über Politikerlügen, Verachtung für käufliche Experten. Manchmal zeigt sich auch Verwunderung, fast ein Erschrecken über die lange Dauer seines Engagements für die Sache von anderen Menschen.

Aber Horno ist sein Dorf geworden. Er fährt hin wie nach Hause, begrüßt die Leute über den Zaun, öffnet gern eines der Gartentore, setzt sich mit an den Küchentisch, ihm schmecken die Pellkartoffeln mit Quark und dickem gelben Leinöl, als würden sie ihn an etwas Vertrautes erinnern.

An den Backsteinmauern von Haus und Stall entlang sausen Schwalben. Das Pferd stampft leise. Frau Happatz zupft im Hof mit blauen Händen Kräuter zum Trocknen. Im noch erhaltenen Rest des Waldes hat sie mit einer Freundin einen Eimer Blaubeeren gesammelt. Das Wohnhaus auf der einen Seite, die Ställe gegenüber, hinten die Scheune, so ist der Hof eingegrenzt. In seiner Mitte die Fundamente des früheren Misthaufens. Herr Happatz lässt hinten in der Scheune die Kreissäge aufheulen. Die Oma kocht im Stall alte Kartoffeln für die Schweine. Sie ist der gute Geist des Hauses, immer anwesend und immer beschäftigt. Klein, die Hände aber groß, tut sie alles mit dem gleichen geduldigen Maß. Von den Schweinen zu den Gänsen, zu den Hühnern, zu den Johannisbeeren, zu den Blumen. Mit den Augen, die von der Brille vergrößert sind, tastet sie das Gesicht des Gastes ab. Lässt auch sich betrachten. - Raten Sie, wie alt ich bin. - Vielleicht 80? - Da legen Sie man noch zehn Jahre drauf, antwortet sie mit Freude über die gelungene Überraschung. »Hier wegziehen? Was soll ich dann machen im neuen Haus? Den ganzen Tag sitzen und aus dem Fenster gucken? Da stirbt man gleich.« Und sie sagt: »Alles wird vernichtet. Für nichts. Das Dorf. Der Wald. Und die ganzen Vögel ...«

Ihr Schwiegersohn, der das Brettersägen beendet hat, aber sagt: »Das können die mir nicht erzählen, dass das rentabel ist, alles zu vernichten wegen dem Kraftwerk. In einigen Jahren ist alles weg, aber dann für immer. So konnten auch schon die Kommunisten wirtschaften. Alles wegen den paar Arbeitsplätzen? Die trotzdem immer weniger werden? Da können sie gleich Krieg machen, dann haben sie wieder Arbeitsplätze ...«

Seit acht Jahren entzündet sich Michael Gromm für das Dorf tief im Osten. Das waren acht Jahre Kampf gegen die Braunkohlenfirma LAUBAG und ihre Lobby, gegen Stolpe, gegen Juristen, auch gegen die Gewerkschaften, die um der Arbeitsplätze willen alles zu tun bereit sind. Der bestgehasste Ausländer Brandenburgs wurde er schon genannt. Das gefällt ihm. Er hat einen Zipfel des Dorfs mit drei Ahornbäumen erstanden, ist Ehrenbürger, hat zwei Bücher über Horno herausgebracht. Michail Gromm führt eine alte Erfahrung vor: Je länger man an einer Sache bleibt (Heiner Müller: je tiefer man gräbt, egal wo), desto fündiger wird man. Das kann einem überall geschehen. Die Hauptsache, man gräbt.

In einem Buch hat er die Hornoer zu Wort kommen lassen: den dickköpfigen Bürgermeister Bernd Siegert, seine wendischen Schwiegereltern Scheppan, den Wirt Domain, der bis zuletzt ausharren will, den versoffenen ehemaligen Lehrer, der die Topografie und Geschichte der Gegend noch bis ins Detail kennt und viele andere. Die Tochter von Frau Happatz erzählt im Buch von einer Besichtigungsreise nach Garzweiler, von der LAUBAG veranstaltet, um die Umsiedlung in neue moderne Häuser attraktiv zu machen. Dort aber traf sie verschuldete, in ihrer Vereinzelung entmachtete und mutlose Leute an und wurde also nicht bekehrt.

Horno ist für Gromm der Punkt, an dem er sich ohne Abstriche und innere Vorbehalte gegen rücksichtslose wirtschaftliche Macht stellen kann. Schließlich ähneln sich die Mechanismen dieser Konflikte überall auf der Welt. In Horno waren schon indische Bauern zu Gast, die Staudämmen weichen sollen, wie auch Indianer aus den USA und Kanada, die wegen geplanter Kohleförderung verdrängt werden. Sie erkennen sich im andern wieder. Wahrscheinlich werden es bald dieselben Firmen sein, gegen die sich Menschen auf verschiedenen Kontinenten wehren. Michael Gromm wünscht sich einen Erfolg gegen den Konzern und dessen Philosophie. Der Konzern wiederum und offenbar auch die Politik wollen jenseits von ökonomischer Notwendigkeit den Präzedenzfall verhindern, der anderen Orten ein Beispiel geben könnte. In diesem Herbst wird wahrscheinlich die Entscheidung fallen.

Die Lausitzer Braunkohle AG (LAUBAG) fördert den Brennstoff für das Kraftwerk Jäntschwalde. Das wird von der Vereinigten Energiewerke AG (VEAG) betrieben, die trotz der Überkapazitäten an Strom über Abnahmegarantien in Brandenburg verfügt. Mit rund 4.000 Arbeitsplätzen sind das die beiden letzten großen Arbeitgeber in der Region. In dieser exklusiven Rolle können sie sich im gebeutelten Brandenburg mit fast allem durchsetzen. Auch die Justiz sieht eher in den Arbeitsplätzen ein Anliegen des »Gemeinwohls« (und nur das kann vor Gericht gelten) als im Erhalt des Dorfes. Beide AGs wurden inzwischen an die Hamburger Elektrizitätswerke (HEW) verkauft, für eine Summe, die nur den Bruchteil der Investitionen ausmacht, die in den vergangenen zehn Jahren in die Energiebetriebe geflossen sind. Hauptaktionär der HEW aber ist das schwedische Staatsunternehmen VATTENFALL (Wasserfall).

Vom Dorf aus sind die weißen Wolken, die periodisch von den sechs Kühltürmen im nahen Jäntschwalde ausgestoßen werden, zu sehen, wie auch seit einigen Monaten der gigantische Bagger der LAUBAG, der sich dem Dorf nähert.

Im vergangenen Jahr wurde ein großer alter Eichenwald in kürzester Zeit abgeholzt. Jetzt ist der Horizont kahl. Mehrere Familien haben das LAUBAG-Angebot schon akzeptiert und sind weggezogen in neue Häuser. Wie hoch Abfindung und Kredit jeweils lagen, bleibt im Dunkeln. Im Dorf hat man sich offenbar vorgenommen, sie nicht zu verdammen. Ihre Kapitulation scheint keine Anfechtung mehr für die Dagebliebenen zu sein: Es kommen keine Nachrichten von ihnen, dass sie am neuen Ort glücklich wären.

Und doch müssen die Dagebliebenen auch über eine Umsiedlung verhandeln. Sich einerseits verbeißen am Ort und zugleich über Alternativen nachdenken, das verlangen sie sich ab. Sie haben einen Anwalt mit den Verhandlungen betraut. Ihre Idee: wenn eine Umsiedlung, dann in den Maßstäben des heutigen Dorfs. Bei Forst an der Neiße wird von der LAUBAG schon das Baugelände erschlossen.

1977, noch in tiefen DDR-Zeiten, wurde die Gegend um Horno zum »Bergbauschutzgebiet« erklärt. Schutz für den Abbau der Braunkohle - kein Schutz mehr für die Wälder, Seen, das Grundwasser, die Dörfer. Hier sind es noch dazu sorbische oder wendische Dörfer, slawische Einsprengsel, Dörfer einer zu schützenden Minderheit.

Erst allmählich, so ist zu erfahren, wurde den Hornoern klar, dass eine Mondlandschaft entstehen würde: monumentale Terrassen bis zum Horizont, stille, in die Tiefe der Erdkruste gestaffelte Flächen, von denen die lebendigen Schichten abgetragen sind. Dieser Anblick kann sogar faszinieren. Ein Bauer aus Horno sagt zornig zu Schülern, denen das gigantische Panorama imponiert: Guckt euch einmal ein großes Roggenfeld an, das ist genauso beeindruckend. Unter Horno selbst liegen keine Braunkohleflöze, sondern Eiszeitfindlinge in dichten Lehmschichten mit unterirdischen Wasserläufen, die als Quellen hervortreten. Hornoer Berg wird die Erhöhung genannt. Seit1977 durfte hier kein neues Haus mehr gebaut werden.

Im heißen Sommer 1989 fassten die Hornoer Mut, an Erich Honecker eine von allen Einwohnern unterzeichnete Petition zu schicken, das wendische Dorf vom Abbaggern zu verschonen. Sie bekamen keine Antwort mehr. Doch gleich nach der Wende haben sowohl Helmut Kohl auf dem Cottbusser Marktplatz als auch Manfred Stolpe bei einem Auftritt in Horno selbst versprochen, die Umsiedlung von Dörfern nicht mehr fortzusetzen. Die für den Erhalt des Dorfs engagiertesten Hornoer wurden bei den ersten Wahlen Bürgermeister und Ortsvorstände. Alles schien für Horno gut zu stehen. Dann setzte sich die LAUBAG durch.

Freitag-Herausgeber Günter Gaus hat ein Interview über Horno gegeben. Wussten Sie das? werde ich gefragt. Die Tonkassette wird geholt, und da höre ich: »Wenn es überhaupt noch Sinn macht, sich öffentlich einzumischen, dann muss man sich überschaubare, konkrete Gegenstände denken. Dieses Dorf ist so einer.

Deshalb bin ich noch einmal von meiner festen Gewohnheit abgewichen, nichts zu unterschreiben und habe unterschrieben. Wenn es meinen Parteivorsitzenden ärgert, soll es mich umso mehr freuen.

Selbst wenn es wirtschaftliche Gründe gibt, die sich ›besser rechnen‹, (wenn man also den Braunkohletagebau über Horno hingehen lässt), selbst wenn das so sein sollte, muss man doch sagen: Das ganze Leben kann nicht regiert werden von wirtschaftlichen Geboten.

Irgendwann muss man mal Halt machen.«

Zu einer sehr eigenartigen Veranstaltung kam es, als im September 2000 auf die gerichtliche Klage eines Hornoers hin der Vorraumbagger zeitweilig gestoppt wurde. Die Bergarbeiter richteten Mahncamps unter dem Motto »Recht auf Heimat und Arbeit« ein. Arbeit ist Heimat, natürlich. Beides verlieren und verlassen alljährlich an die hunderttausend Ostdeutsche und ziehen in den Westen. Einzeln, unspektakulär, kaum bedauert. Der Braunkohlebau hält da nur vorübergehend etwas auf.

Horno war während der Mahnwachen vor einem Jahr wie belagert. Drohanrufe begleiteten die vierwöchige Aktion. Die Puhdies gaben ein Solikonzert. Kanzler Schröder reiste an und versicherte, die ostdeutsche Braunkohle nicht im Stich zu lassen. Man überreichte ihm später einen herausgebaggerten Stein, einen uralten Granit, in der Eiszeit von Schweden bis in die Lausitz geschoben.

Und nun Schweden als letzte Hoffnung. Und nicht einmal eine unrealistische. Das Energieunternehmen Vattenfall würde sich gern aus dem deutschen Konflikt heraushalten. Aber als Haupteigentümer wird ihm das kaum gelingen, wenn der Fall Horno in Schweden bekannt wird. Schon ist der Staatsbetrieb im eigenen Land in die Kritik geraten wegen seiner zu wenig transparenten internationalen Aktivitäten. Schweden hat einen Ruf zu verteidigen - als musterhaft beim Schutz der Umwelt und nationaler Minderheiten. Michael Gromm hat sein drittes Horno-Buch gemacht, diesmal in Schwedisch. Mit neuen Porträts von Hornoer Bürgern, darunter diesmal viele Kinder. Er sucht in Stockholm Unterstützung, er weckt Sympathien für das ferne Dorf, das sich so lange schon gegen seine Vernichtung wehrt. Und stößt tatsächlich auf Interesse und Verständnis. Für den September hat das dortige Parlament eine Anhörung zur Horno-Frage angesetzt. Das Dorf hofft auf ein schwedisches Veto.

00:00 24.08.2001

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