Das Gegenteil von „Lügenpresse“

Würzburg Wenn Medien sich nicht an wüsten Spekulationen beteiligen, ist das nicht „Kleinreden“ oder „political correctness“, sondern ganz einfach: journalistisches Handwerk
Das Gegenteil von „Lügenpresse“
Nach dem Anschlag in Würzburg: Über die genauen Motive des Täters ist nach wie vor wenig bekannt

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Neulich sprach ein Journalist beim Deutschlandfunk Kultur mit einem Internetsoziologen über einen Vorwurf, der wieder aktuell sei: „Wir erleben hier Gewalt von Zuwanderern und Geflüchteten und die Medien schauen weg.“ Seine Frage an den Wissenschaftler: „Ist dieser Vorwurf gerechtfertigt?“. Ich bin jedes Mal erstaunt, wenn Journalist*innen rechtsextreme Erzählungen übernehmen und in scheinbar sachliche Fragen verwandeln, ohne sie einzuordnen. Denn „wegschauen“ ist nicht irgendein Vorwurf. Er unterstellt, dass Medien bewusst Dinge unterschlagen und Entwicklungen nicht sehen wollen. Er bedient das Narrativ der „Lügenpresse“. Und seit vergangener Woche kursiert es wieder besonders stark. Die Medien, so heißt es sinngemäß, seien in Wirklichkeit eine flüchtlingsfreundliche Lügenpresse, die die Gefahren durch Migration kleinreden.

Auslöser war ein brutaler Anschlag in Würzburg: Ein Mann hat drei Frauen mit einem Messer erstochen und weitere verletzt. Über den Täter ist bekannt, dass er als Geflüchteter aus Somalia kam und dass er bereits auffällig und in psychiatrischer Behandlung war. Seither wird über das Motiv diskutiert: War er ein Islamist – oder psychisch krank? Oder beides? Wir wissen es nicht, die Ermittlungen laufen noch.

Rechte fordern Konsequenzen, bevor ermittelt wird

Doch im Internet fordern Rechtsradikale schnelle Konsequenzen. Die einen wollen über die Gefahr des Islamismus reden, die von naiven Linken angeblich unterschätzt würden, die anderen über Abschiebungen und Asylpolitik. Immer gepaart mit der Unterstellung, „die Medien“ würden Informationen verschweigen und aus Rücksicht gegenüber Geflüchteten und Muslimen an der Sache vorbei berichten. Sogar in der taz stand, es gäbe „die Tendenz“, solche Anschläge kleinzureden, „weil man vermeiden möchte, Rechtsradikalen und Populisten Futter für ihre rassistischen Vorstellungen zu liefern.“ Wow.

Wann bitte wurde ein islamistischer Anschlag kleingeredet? Charly Hebdo, der LKW-Anschlag in Nizza, der LKW-Anschlag vom Breitscheidplatz, der Lehrer Samuel Paty, die Terroranschläge von Wien und leider noch viele weitere Fälle – alle wurden von Medien ausführlich begleitet und diskutiert. Zurecht. Es waren schreckliche und schockierende Anschläge. Aber ich kann nicht erkennen, wo da etwas verschwiegen worden sein soll. Im Gegenteil, es wurde sehr genau hingeguckt und viel recherchiert. Es stimmt einfach nicht, dass Medien aus Rücksicht vor Minderheiten in medialen Großlagen Fakten unterschlagen.

Wer ist auf welchem Auge blind?

Auch der Vorwurf, Medien oder Behörden seien auf dem islamistischen Auge blind, ist an den Haaren herbeigezogen. Es gibt keinen vergleichbaren Fall wie den NSU-Komplex, bei dem Behörden und Medien die Täter jahrelang im Umfeld der migrantischen Opfer gesucht haben, statt die Mordserie als das zu erkennen, was sie war: Rechtsterrorismus.

Islamismus wird ernst genommen. Im Fall von Würzburg sieht das so aus: Die Generalstaatsanwaltschaft München hat die Ermittlungen übernommen und an ihre Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus übergeben. Das Landeskriminalamt hat eine Sonderkommission eingerichtet und rund 130 Polizeikräfte sind an den Ermittlungen beteiligt. Medien berichten jeden Tag über den neuesten Stand der Ermittlungen. Von Kleinreden keine Spur.

Dass die meisten Medien sich nicht auf wüste Spekulationen und verfrühte politische Forderungen einlassen, ist keine „political correctness“, sondern journalistisches Handwerk. Ihr Job ist es, die Ermittlungen kritisch zu begleiten und nachzuhaken, aber auch auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Zu den Tatsachen gehört, dass es Hinweise auf eine psychische Erkrankung des Täters gibt, ebenso wie Hinweise auf ein islamistisches Motiv. Das eine schließt das andere aber nicht aus: Man kann psychisch erkrankt und trotzdem einer islamistischen oder rechtsextremen Ideologie anhängen. Wichtig ist, dass der Fall nicht vorschnell zu den Akten gelegt, sondern ordentlich ermittelt wird. Und im Fall von Würzburg wird offenbar ordentlich ermittelt.

Rückgrat, statt vor rechten Diskursen einzuknicken

Wenn Medien dafür angegriffen werden, dass sie ihren Job richtig machen, sollten sie nicht vor den „Lügenpresse“-Vorwürfen einknicken, sondern Rückgrat zeigen. Sie brauchen Angriffe von Rechtspopulisten nicht als scheinbar sachliche Fragen aufgreifen. Wenn sie darauf eingehen wollen, könnten sie erklären, warum sie sich nicht an Spekulationen beteiligen.

Ach ja, und noch etwas: Wenn ein Geflüchteter eine Straftat begeht, gibt es bei vielen den Reflex, über strengere Asylpolitik und Abschiebungen zu reden. Diese „Diskursverschränkung“ (so heißt das in der Wissenschaft) ist falsch. Denn nach dieser Logik könnte man auch jedes Mal, wenn ein Asylbewerber etwas Gutes tut, darüber diskutieren, die Asylpolitik zu lockern. In Würzburg war es schließlich auch ein Geflüchteter, der sich dem Mörder heldenhaft in den Weg gestellt und wahrscheinlich Menschenleben gerettet hat.

Ferda Ataman ist Journalistin, Autorin und Politologin und hat ihre Diplomarbeit über Diskursverschränkungen in Migrationsdebatten verfasst. Sie ist Vorsitzende im Verein „Neue deutsche Medienmacher*innen“, der sich für eine diversitätssensible Sprache und guten Journalismus im Einwanderungsland einsetzt

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15:32 01.07.2021

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