Das gibt Kraft

Porträt Anna Sans lebt in Barcelona. Als die Immobilienblase platzte, fürchtete sie, alles zu verlieren. So wurde sie Aktivistin und kämpft bis heute – um Wohnraum für alle

Anna Sans ist seit 2013 Aktivistin bei der Plataforma de Afectados por la Hipoteca, der Plattform der Hypothekbetroffenen. Die PAH ist eine Bürgerbewegung, die Anfang 2009 als Gegenwehr zu Spaniens Krise entstand. Seither hat ihr Engagement gegen Immobilienspekulation, Zwangsräumungen und für ein allgemeines Recht auf Wohnen in der Bevölkerung große Zustimmung gefunden. Zur PAH kam die 65-jährige Physiotherapeutin Sans als Opfer der Immobilienblase. Heute ist sie eine selbstbewusste Frau, die so stolz wie sensibel ihre Geschichte erzählt – im Arbeiterquartier La Bordeta, 50 Meter vom Sitz der PAH Barcelona entfernt und gegenüber einem von der Plattform besetzten Häuserblock. In Spanien gibt es hunderte PAH-Gruppen. Aber Barcelona ist besonders. Weil die PAH hier gegründet wurde, und weil im Mai 2015 eine ehemalige Aktivistin der Plattform, Ada Colau, zur Bürgermeisterin der Stadt gewählt wurde.

der Freitag: Frau Sans, was hat Sie zur PAH geführt?

Anna Sans: Einige Jahre vor der Wirtschaftskrise übernahm ich die Bürgschaft für die Hypothek einer eingewanderten Familie. Ich hatte eine gute Beziehung zu ihnen geknüpft, vor allem zu den vier kleinen Töchtern. Wir waren Freunde. Alles ging gut, bis 2008 die Krise ausbrach. Der Vater verlor seine Arbeit auf dem Bau, die Mutter war Hausfrau und sprach kein Spanisch. 2013, in der Hochphase der Krise, verließ die Familie Spanien, sie konnten ihre Hypothek nicht mehr bedienen.

Was wurde aus der Hypothek?

Nun, ich hatte ja die Bürgschaft für die Familie übernommen. Uns war es zwar gelungen, ihre Armutssituation nachzuweisen, die Bank aber meinte: „Sie bürgen für die Familie – und Sie sind nicht armutsgefährdet.“ Tatsächlich bekam ich einen anständigen Lohn, hatte eine Eigentumswohnung. Darauf hatte es die Bank abgesehen, um die Hypothek zu tilgen. Eines Tages saß ich weinend auf dem Sofa. Ich war sicher, dass mir die Bank alles wegnehmen würde, dass ich in eine Sackgasse geraten war. Und dann ging ich zur PAH. Über das Internet erfuhr ich, dass gerade an jenem Tag die wöchentliche Willkommensversammlung stattfand. Ich kannte die PAH aus den Medien. Ada Colau war schon damals, 2013, ihre Galionsfigur.

Wie wurden Sie zur Aktivistin?

Es war ein langsamer Prozess. Zur Plattform kommen keine Aktivisten, sondern Menschen, die ihre Hypothek oder ihre Miete nicht mehr bedienen können, denen die Zwangsräumung droht. Ich spürte also in der Willkommensversammlung eine riesige Beklommenheit. Allen Anwesenden ging es wie mir. Ich hielt es nicht aus und verließ das Treffen. Als ich aber in die U-Bahn stieg, schoss mir durch den Kopf: „Anna, wohin gehst du, was machst du? Ich muss mit anderen sprechen, muss mir Hilfe holen.“ So kehrte ich zur Versammlung zurück. Just als ich wieder in den Raum trat, wurde ich aufgerufen, da ich mich zuvor in die Liste eingetragen hatte. Ich nahm das Mikro und sprach. Ein Hilfsbombardement kam mir entgegen: „Mach dies, mach jenes. Morgen wirst du nicht arbeiten, sondern dir einen Anwalt holen.“

Wie ging der Fall aus?

Die Verhandlungen mit der Bank dauern immer noch an.

Sie kämpfen weiter.

Ja. Ich war zuvor weder Aktivistin noch Parteimitglied. Zur PAH kam ich mit meinen Problemen. Doch dann sah ich, was für ein soziales Drama vor sich ging, mit Gesichtern und Eigennamen. Das allgemeine Leid erzürnte mich: „Wohin haben sie uns bloß gebracht, wie haben sie uns bloß betrogen und angelogen.“ Aber zum Lernprozess gehört eben auch, mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Rationaler, kalkulierender, stärker zu werden. Gemeinsam mit anderen, so verschieden sie sein mögen. Der kollektive Schmerz weckt ein kollektives Bewusstsein. Alleine bist du ein Nichts. Mit anderen zusammen besitzt du eine Kraft, die du nie vermutet hättest. Der kollektive Kampf gibt Menschen, die am Boden zerstört waren, eine zweite Chance: ein würdiger Wohnort, eine soziale Miete, die Tilgung der Hypothek. Es lohnt sich, gemeinsam zu kämpfen.

Im Zusammenhang mit der PAH fällt oft der Begriff Ermächtigung. Was bedeutet er für Sie?

Die Angst verlieren. Davor, dass du ein Niemand bist, keine Ahnung hast, gegen die Mächtigen chancenlos bleibst. Das schaffst du, indem du dich informierst und begleiten lässt. Nicht alleine, sondern gemeinsam mit anderen. Das gibt Kraft. Es ermächtigt.

Spanien im Umbruch

Spanien erlebte in den letzten Jahren vielseitige Umbrüche. Die Wirtschaftskrise, von 2008 an, traf das Land hart und wuchs sich hier zur Finanz- und Immo-bilienkrise aus. Die Arbeitslosigkeit schnellte hoch, sie liegt aktuell bei 18 Prozent, parallel fielen die Löhne.

Wer im Boom der Vorkrisenjahre eine Hypothek aufgenommen hatte, konnte diese häufig nicht mehr bedienen. Pfändungen und Zwangsräumungen von Wohnungen wurden zur Normalität. 2016 gab es in Spanien mehr als 60.000 Zwangsräumungen, alleine in Barcelona täglich neun. Die Wirtschaftskrise wurde durch politische Umbrüche flankiert. Die Bewegung der Indignados, der Empörten, stieß eine Protestwelle an, aus der Anfang 2014 die linkspopulistische Partei Podemos hervorging. Bei den Parlamentswahlen 2016 kam sie auf 21 Prozent – gut, aber weit hinter den 33 Prozent des konservativen PP, der derzeit eine Minderheitsregierung stellt. Auf kommunaler Ebene gelang der Sprung vom Protest in die Regierung. In den Kommunalwahlen vom Mai 2015 kamen vielerorts neue linke Bündnisse an die Macht, in Madrid etwa mit der Richterin Manuela Carmena, in Barcelona mit Ada Colau. Die ciudades del cambio, Städte des Wandels, wollten mehr sein als eine freundlichere Verwaltung.

Sie verstanden sich als Labor, um die Regierungspraxis der europäischen Linken neu zu erfinden. „Wir können anders regieren“, sagte Ada Colau. Heute, zwei Jahre später, bleibt noch offen, inwieweit dieses Versprechen wirklich eingelöst werden kann.

Das Motto der PAH lautet „¡Sí se puede!“ (Ja, man kann!).

Unser Motto hört man vielerorts. Aber es bekommt eine ganz andere Dimension, wenn du Leute siehst, die ihre Wohnung verloren haben und mit ihren Kindern auf der Straße schlafen – und davon gibt es bei der PAH viele. Wenn diese Menschen dank der Anstrengung aller wieder eine Wohnung bekommen, sagst du dir: „Ja, man kann.“ Es ist nicht bloß ein Satz, es ist die Wirklichkeit. Du sagst es aus dem Herzen. Auch, wenn es schwer ist, trotz gewaltiger Mühen: Ja, man kann.

Aber viele Betroffene fassen die PAH als bloßen Dienstleister auf.

In der Tat. Vor allem jetzt, da es mehr Zwangsräumungen wegen Mieten als wegen Hypotheken gibt. Eine Hypothekpfändung ist ein langer Prozess. Die Leute haben Zeit, sich auf die PAH einzulassen. Bei den Mieten ist das anders. Alles geht viel schneller, schon nach wenigen Monaten kann eine Zwangsräumung anstehen. Die Betroffenen haben also viel mehr Angst. Sie sehen uns quasi als Hilfsdienst in der Not, nach dem Motto: Löst mein Problem, ich fliege aus der Wohnung.

Wie reagiert die Plattform?

Bewundernswert. Ein Beispiel: In einer Versammlung wurde ein zwielichtiger Fall verhandelt. Der kollektive Beschluss lautete: „Es kann sein, dass uns diese Person manipuliert, uns anlügt. Dennoch hat sie ein Recht auf würdevollen Wohnraum. Dafür sind wir da, und nicht, um moralische Urteile zu fällen.“ Die Plattform hat eine ethische Basis. Viel mehr, als dies bei klassischen Parteistrukturen der Fall ist. „Vorwärts, Genossen!“, rief man sich zu. Aber zu Hause gab es Macho-Verhalten.

Was beeindruckt, ist die starke Frauenpräsenz.

Ja, die PAH ist sehr weiblich. Ich fühle mich an die Häuserblöcke von früher erinnert, in denen die Frauen einander unterstützten. Während sich die eine um die Kinder kümmerte, machte die andere das Essen, die dritte erledigte den Einkauf. Bei uns geht es ähnlich zu. Es herrscht ein Prinzip der Gegenseitigkeit: „Heute für mich, morgen für dich.“ Wenn eine Bank nicht verhandeln möchte oder die Sozialdienste keinen Wohnraum zur Verfügung stellen, setzen wir uns alle in Bewegung – und besetzen die Bankfilialen oder Ämter.

Lässt sich die PAH mit der Hausbesetzerbewegung vergleichen?

Die PAH wahrt gewisse rote Linien, um möglichst breit zu bleiben. Sie hilft nur jenen bei der Besetzung, die sich in einer sozialen Notlage befinden: Menschen ohne Dach über dem Kopf, ohne Arbeit, ohne finanzielle Mittel. PAH besetzt nur jene Wohnungen, die Banken gehören. Anders als die Hausbesetzerbewegung ist die PAH keine Systemgegnerin, sondern verteidigt ein basales Menschenrecht, das auf Wohnen.

Also besitzt die PAH keine politische Ideologie?

Keine ausdrückliche jedenfalls.

Aber eine implizite?

Sogar da bin ich mir nicht sicher. Bei uns gibt es Aktivisten, die bei der konservativen Volkspartei PP Mitglieder sind. Bei den Aktionen gegen den PP kamen auch sie mit und hielten der Partei als Zeichen der Empörung ihre Mitgliedsausweise entgegen. Das war mutig. Bei uns sind alle möglichen politischen Tendenzen vertreten. Aber die Grundüberzeugung der PAH ist die Idee des „Gemeinwohls“ – die war schon immer eher links.

Beim Begriff des Gemeinwohls denkt man unweigerlich an das linke Parteienbündnis Barcelona en Comú, mit dem Ada Colau seit Juni 2015 Barcelona regiert. Wie hat sich die Beziehung der PAH zu den Institutionen verändert, seit sie Bürgermeisterin ist?

Seitdem Barcelona en Comú regiert, hat sich das Rathaus gewandelt. Die Bezirksbürgermeister und Dezernenten stehen nun oft selbst vor den Haustüren und verhindern Zwangsräumungen. Sie sprechen direkt mit der Polizei oder der Justiz. Auf Verwaltungswegen werden viel mehr Räumungen als früher abgewendet. Ferner gibt es bei der Bereitstellung sozialen Wohnraumes Fortschritte. Die Stadtregierung kämpft den Banken und anderen leerstehenden Wohnraum ab. Das jetzige Rathaus ist sicher nicht perfekt, aber ich vertraue seinen ehrlichen Absichten.

Sind die Institutionen keine Feinde mehr, sondern Verbündete?

Hier steckt in der Tat eine Gefahr. Aber die eigentlichen Feinde sind andere, nämlich die Banken. Sie sind die eigentliche Macht. Eine Macht, die nur nachgibt, wenn man sie dazu zwingt. Ich sage das ohne Wut und Hass, ohne diesen „Feind“ emotional aufzuladen. Es ist so. Die Banken stehen auf der einen Seite, wir auf der anderen. Und die Verwaltung, nun, unter konservativer Führung war auch sie der Feind. Für sie gab es nur die wohlhabenden Viertel. Wer einen nicht wertschätzt, der sollte auch keine Gegenliebe erwarten.

Ich erinnere mich, wie Colau kurz nach ihrer Vereidigung überraschend zu einer Versammlung der PAH Barcelona kam. Im Saal brach Euphorie aus. Colau sagte: „Wir möchten anders regieren, wir möchten gehorchend befehlen.“ Und seitens der PAH wurde unterstrichen: „Wenn wir dich rauswerfen müssen, dann werden wir dich rauswerfen.“

Wenn Colau Maßnahmen ergreifen würde, die gegen das Allgemeininteresse gerichtet wären, würden wir sie natürlich rauswerfen. Zugleich ist es wichtig, von Maximalpositionen abzurücken. Colau stellt eine Minderheitsregierung, die ständig Kompromisse eingehen muss. Ihre Spielräume sind klein, zudem stößt sie auf viele Anfeindungen. Bei der PAH liebten wir Colau. Dagegen versuchen nun viele in der Politik, im Rathaus, sie mundtot zu machen.

Nachdem Colau jenes Treffen verlassen hatte, wurde die Tagesordnung wieder aufgenommen. Neue Aktionen wurden geplant – gleichwohl mit gewisser Trägheit. Plötzlich rief eine Aktivistin: „Was ist in euch gefahren? Los jetzt! Der Krieg fängt wieder an!“

Der Krieg tobt jeden Tag. Für mich ist der Aktivismus immer präsent, nicht bloß in guten Zeiten. Vor allem treibt mich die Erinnerung daran an, wie es mir damals ging. Verzweifelt kam ich an einen Ort, der mich willkommen hieß. Bis heute kommen tagein, tagaus Leute zur PAH, denen es ähnlich elend geht. Mit meinem Engagement möchte ich das zurückgeben, was mir einst derart geholfen hat. Das ist Ermächtigung. Es glüht von innen.

06:00 21.06.2017

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