Das Glück liegt meist im Bett

Liebeserklärung Brigitte Maria Mayers berührendes Bilderbuch "Der Tod ist ein Irrtum" über die kurze Zeit mit Heiner Müller

"Ihre Biographie durchzieht wie ein roter Faden eine Art Gleichgültigkeit. Sind Sie wirklich so ein Typ, den alles kalt lässt, oder verbirgt sich hinter dem eisernen Panzer aus Zynismus, Ironie und Ästhetizismus eine sehr verletzliche Seele?", fragt Klaus Bednarz bedenkenschwer auf der Frankfurter Buchmesse 1992 den Dramatiker Heiner Müller. "Ein unerträgliche Frage", tönt es aus dem Publikum. Aber Müller wehrt ab, natürlich könne man alle Fragen stellen, um dann zu antworten, dass seine wahre Existenz die des Schriftstellers sei, und dass der Schriftsteller notwendig ein defätistisches Verhältnis zur Realität habe, "das können Sie schon bei Thomas Mann nachlesen". Für den Schriftsteller sei alles Material. "Da gibt es schon eine gewisse Entfremdung, das muss ich eingestehen."

Zwei Jahre zuvor hatte Müller, ebenfalls auf der Frankfurter Buchmesse, die damals 25-jährige Fotografin und Performance-Künstlerin Brigitte Maria Mayer kennen gelernt. Beide verlieben sich ineinander und heiraten 1992, im gleichen Jahr wird die gemeinsame Tochter Anna geboren. Zehn Jahre nach Müllers Tod hat Brigitte Maria Mayer nun einen großformatigen Erinnerungsband vorgelegt, Der Tod ist ein Irrtum. Ein Fotoalbum, ein Skizzenheft, ein Familienbilderbuch; eine Art Heimholung aus der Entfremdung.

Alles beginnt mit dem Zettel von einem Kneipenblock ("Kronenbourg"), auf den der Dramatiker der Geliebten nicht nur seine Adresse und Telefonnummer kritzelt ("1136 Bln-Friedrichsfelde"), sondern auch eine Wegbeschreibung malt, in der dem gemeinsamen Glück bereits der Platz gewiesen ist. Von dem Rechteck, das den Plattenbau darstellt, in dem Müller damals lebte, deutet eine Linie auf zwei Händchen haltende Strichmännchen. Ortsangabe der Liebe: Zusammensein konzentriert sich in den Bildern von Brigitte Maria Mayer auf Innenräume, auf Wohnungen, auch auf Krankenzimmer und Hotelbalkone, die - obwohl Orte privaten Lebens - unbehaust und vorübergehend wirken. Dass die Fotos fast ausschließlich Polaroids sind ("Von Anfang an begleitet uns die Lust am Sofortbild"), verstärkt den Eindruck der Eile und Unmittelbarkeit. Polaroids sprechen eine direkte Sprache, weil sie ob mangelnder Tiefe fast immer Portraits sind, Blicke aus nächster Nähe, und weil sie den Prozess, den das Bildermachen normalerweise verlangt, verkürzen auf den festzuhaltenden Moment. Das Liebespaar hat nicht ewig Zeit. Zwei Jahre nach der Hochzeit erfahren beide von Müllers Sterben, dem der Dichter vom Krankenbett in München so illusionslos und müde ins Kameraauge schaut wie in seinen Gedichten ("Der Tod/Ist das Einfache sterben kann ein Idiot.")

Mehr noch als Müllers Krebserkrankung hat vermutlich Müllers Prominenz die Liebe des Paars in jene flüchtige Form gedrängt, in der sie auf den Bildern erscheint. Die Nacktheit, die Intimität, die Der Tod ist ein Irrtum auf eine angenehm ungezwungene Weise ausstellt, ist der letzte Zufluchtsort eines öffentlichen Menschen. Das Glück liegt meist im Bette, weil nach dem Aufstehen, hinter der Schlafzimmertür, schon der Hofstaat aus Assistenten, Journalisten, Theaterfreunden und anderen Bekannten lauert. Die Liebesgeschichte zwischen der jungen Frau und dem alten Mann ist nur eine Begleiterzählung jener neunziger Jahre, in denen der Popstar Heiner Müller als Akademiepräsident, BE-Intendant, Regisseur und Fernsehgast die Ehrenrunden seines literarischen Ruhmes drehte. In den Archiven der Bildagenturen könnte man unzählige Aufnahmen finden, die Müller mit jedem halbwegs bedeutenden Menschen dieser Jahre zeigen. Die Fotos, die Brigitte Maria Mayer von Mutter, Vater, Kind gemacht hat, sind dazu ein anrührendes, leises Kontrastprogramm.

Heiner Müller hat sich früh darum gekümmert, welches Bild die Welt sich von ihm machen soll. Auf den Fotos, die man von ihm aus den fünfziger oder sechziger Jahren kennt, ist dieses Bemühen noch zu sehen. Eine dürre Gestalt mit glatter Haut und spitzem Kinn, die sich die Insignien des Künstlertums dreist von den großen Alten kopierte - Zigarre, Hornbrille und Whiskyglas. Später, in den achtziger und neunziger Jahren, als der Erfolg den kühnen Selbstentwurf gerechtfertigt hat, ist die Pose zur natürlichen Bewegung geworden, gehören Zigarre, Hornbrille und Whiskyglas Müller mehr als jedem anderen. Der Zwiespalt zwischen kalkulierter Inszenierung und wahrer Größe macht den eigentümlichen Reiz von Müller aus, auch den seiner Texte.

Ist es nicht billig, einem Liebeserklärung betitelten Gedicht, das als Faksimile in dem Band angedruckt ist, durch den in Klammern gesetzten, englischen Untertitel Declaration of love ein Mehr an Bedeutung aufladen zu wollen, fragt man sich skeptisch. Und liest weiter, allerdings völlig berührt: "In deinen Augen grau/wächst meine Kindheit stirbt/mein Tod". Die Dichter-Pose hat in Heiner Müller eine charismatische Gestalt angenommen, von der sie auch das private Geborgenheitsbuch, das selbst Liebeserklärung ist, nicht wieder ablöst. Der Tod ist ein Irrtum zeigt uns keinen anderen Heiner Müller, wirft keinen Blick hinter Kulissen, die nicht existieren für einen, dem am Ende das Leben zur Bühne geworden war. Aber die Fotos schaffen ein Gefühl dafür, dass es den Riss zwischen Image und Person, Inszenierung und Wahrhaftigkeit gibt. Wenn Müller nach der Operation im Münchner Krankenhaus auf dem Bett liegend von unten fotografiert wird, den Kopf auf den unbequem-ungelenk verschränkten Armen, steckt in seinem gleichmütigen Blick auch etwas von einem Oberschüler, den die Aufmerksamkeit für seine Person noch geniert. Eine verletzliche Seele, würde Klaus Bednarz sagen.

Brigitte Maria Mayer/Heiner Müller: Der Tod ist ein Irrtum. Bilder, Texte, Autographen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, 160 S., 200 farbige Abb., 58 EUR


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00:00 06.01.2006

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