Das glückliche Entkommen

Heiterkeit der Verzweiflung György Konráds Roman »Glück«

Glück, das als »Roman« bezeichnete Buch des siebzigjährigen György Konrád, ist 2001 bereits auf Ungarisch erschienen. Ein Budapester Gewährsmann erklärte, dass es dort eher zurückhaltend aufgenommen worden sei, denn zum einen sei Konrád als Präsident der Akademie der Künste in Berlin in Budapest einfach zu wenig präsent, zum anderen kenne man das alles schon aus anderer und seinen früheren Büchern - Holocaust, ungarische Nationaltragödie, die Frage nach Freund und Feind, nach Sünde und Vergebung. Gewiss ist das als Eindruck richtig und der Eindruck mag noch dadurch verstärkt worden sein, dass der ungarische Titel Abreise und Heimkehr bedeutete und damit an eine Erzählung von etwa zehn Jahren zuvor erinnerte, 1992 unter dem Titel Heimkehr bei uns erschienen. Tatsächlich nimmt Konrad die Elemente dieses Textes wieder auf, die Heimkehr bei Kriegsende Anfang 1945 aus Budapest in das Dorf seiner Geburt und Kindheit - nun um die Abreise und ihre Vorgeschichte oder um weitere Erinnerungen an Personen, Orte, Dinge und Umstände ergänzt. Doch nicht nur deshalb liest der Text sich nun anders.

Abreise und Heimkehr - das war schon ein nahezu sarkastischer Titel, denn die Abreise war Flucht und Vertreibung, und die Heimkehr fand keine Heimat mehr vor. »Mein Vaterland, so glaube ich, wollte mich töten.« So lautet das Fazit des Zurückgekehrten, nun wieder Schüler, der einen Aufsatz schreiben soll: Warum liebe ich meine Heimat? Der Schüler bezweifelt, dass sich sein »Vaterland von der Heimat derjenigen unterschied, die diese Dinge angeordnet und durchgeführt haben.« Da ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass dort, wo man sich offenbar schwerer tut, die Vergangenheit an der Seite der Achsenmächte und unter den Pfeilkreuzlern ebenso intensiv aufzuarbeiten wie die im Gulaschkommunismus, und wo die Verfolgung der Juden keineswegs dasselbe Pathos erzeugt wie die Repressalien gegen Priester, man sich eher verhalten zeigte.

Was aber nun hierzulande, wo das Buch nun unter dem noch sarkastischeren Titel Glück erschienen ist? »Einer Verkettung von gnädigen Zufällen habe ich mein Leben zu verdanken. Mit elf Jahren die trockene Objektivität kennen zu lernen, dass man jederzeit getötet werden kann, und sich in einer solchen Lage nicht töricht zu verhalten, das ist eine beständige Gabe.« Ein zweifelhaftes Glück, was hier derart spröde resümiert wird. Das glückliche Entkommen. Der Zufall, nicht deportiert worden zu sein, der Zufall, dass der Pfeilkreuzler bloß den Onkel neben einem erschießt. Das Glück, zusammen mit der Schwester als einzige jüdische Kinder im Ort überlebt zu haben. Ein bitteres Glück, das das Schicksal als eigenes und die Besonderheiten dieses Lebens so entwertet, wie es die nach Zerstörung und Plünderung zufällig im Elternhaus noch verbliebenen Dinge sind, wie es überhaupt die Heimat ist, wenn man erfahren musste, dass man von dort verjagt werden konnte. Aber das, so scheint es, ist nicht das bloße Glück des Textes. Es ist das, die Verschwundenen und das Vergangene in der Erinnerung lebendig zu halten. Ein nicht minder sprödes, fragiles Glück. Denn es ist nicht nur die Erinnerung an die Umgebrachten und ans Zerstörte, an die Wiederholung von Unrecht und Untaten, sondern auch an diejenigen die es und an die Umstände, unter denen sie es taten - an das Unwiederbringliche wie an das Unveränderte: Der »Nußbaum vor meinem Fenster, ja, sogar mein Fenster ist verschwunden, sie haben es zugemauert, und der jüdische Tempel dient auch weiterhin als Eisenwarenlager«. So endet das Buch mit der Erinnerung an die Rückkehr des Erwachsenen an den Ort der kindlichen Rückkehr. Eingerahmt vom scheinbar einzig Unabänderlichen, der Ähnlichkeit, vom wiederholten Satz: »Die Mädchen ähnelten den Müttern, die Jungen den Vätern«, entfaltet sich im ständigen Hin und Her der Erinnerung zwischen den Schichten der Vergangenheit, in Zeitsprüngen, Abschweifungen, Vergleichen, im Verweilen bei Details und summierenden Kommentaren eine Vielfalt an Menschen, Charakteren, Verhaltensweisen, Umständen und Dingen. Den Menschen so nah, wie es die unsentimentale Sprödigkeit, das Produkt der Erfahrungen mit ihrer anderen Seite, irgend erlaubt. Gegenüber den Verhältnissen so distanziert, wie die Menschen sie gemacht haben. Ein Blick auf Kultur und Kreatur zugleich. Geschrieben in jener Heiterkeit, die das eingewachsene Visier der Verzweiflung ist.

Da hindurch aber blickt der Text nicht nur auf die Zeit vor und nach 1945, nicht nur auf Brutalität und Sentimentalität der Täter und Leid und Glück der Opfer von damals: Unter diesem Blick scheint durch die erinnerte Zeit eine hindurch, die sich derzeit immer mehr in Erinnerung bringt, jene des Dreißigjährigen Krieges, von der uns die neueren Kriegstheoretiker sagen, dass sie in den bevorstehenden, »neuen« Kriegen wiederkehren werde. Derart liest sich Konráds Erinnerung heute anders. Und daher könnte, was Imre Kertész am Ende seiner Nobelpreis-Rede vom Nachdenken über Auschwitz sagte, auch für Konráds Erinnerungen gelten, dass nämlich darin eher über die Zukunft als über die Vergangenheit nachgedacht werde. Kein Zufall. Ein Glück?

György Konrád: Glück. Roman. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, 156 S., 19,90 EUR

00:00 21.03.2003

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