Das große Fressen

Frankreich 1969 Gehetzt und gejagt, angeklagt und verurteilt – weil sie einen ihrer Schüler liebt, bekommt die Lehrerin Gabrielle Russier die Rache der Autoritäten zu spüren

Sie wirkt mädchenhaft mit ihrer dunklen Kurzhaarfrisur, den Miniröcken, ihrem offenen Lächeln. Gabrielle Russier ist geschieden, Mutter zweier Kinder, eine 32-jährige Lehrerin, die 1968 am Lycée Nord de la ville in Marseille Französisch unterrichtet. Sie hockt nachmittags mit ihren Schülern im Café, debattiert über die Dinge des Lebens, der Gesellschaft, der Liebe, sie ist entwaffnend und unkonventionell. An den Wänden ihres kleinen Appartements, in einem Betonturm an der Autobahn, kleben Sprüche wie Leben, das heißt lieben. Manchmal hört sie mit ihren Schülern zuhause Musik. Christian ist oft dabei.

Christian Rossi, 17 Jahre alt, groß und breitschultrig, er trägt eine marineblaue Jacke und einen Bart, wirkt erwachsener und reifer als die anderen, physisch und intellektuell. Gabrielle Russier verliebt sich in ihren Schüler, der erst mit 21 Jahren volljährig sein wird. (1974 wird das Gesetz geändert und die Volljährigkeit auf 18 herab gesetzt).

Sie gehen gemeinsam auf die Straße, demonstrieren, er bringt ihr Skifahren bei, wenn sie ihn zuhause bei seinen Eltern abholt, fährt sie mit dem Citroën 2 CV vor. Christians Vater druckt in seiner Buchhandlung Flugblätter für die Revolution, sieht sie durch die Scheibe, er ahnt das Verhältnis. „Mein Sohn wird nicht kommen“, entfährt es ihm, als Gabrielle eines Abends wieder vor der Tür steht.

In eine Klinik gesteckt

Christian wehrt sich gegen die Wutanfälle seines Vaters. War der nicht selber Lehrer, Sympathisant der Kommunisten, radikal im Aufbruch gegen das Bestehende? Richtete sich nicht eine ganze Bewegung gegen autoritäre Eltern oder Lehrer? „Die Revolution hat nichts mit deiner Dummheit zu tun“, schreit der Vater. Der linke Enthusiasmus ist schnell verflogen, die Freude am Dagegen-Sein hört auf. „Revolution gewiss, doch darf sie unsere Gewissheiten nicht stören“, heißt ein französischer Slogan.

Tags darauf zitiert der Direktor des Lyzeums Gabrielle Russier in sein Büro. Ihr Privatleben vermische sich mit ihrer Profession, er könne sie leider nicht befördern, immerhin sei sie eine Staatsdienerin. Ein Skandal soll verhindert werden. Christians Vater legt Beschwerde bei Polizei und Justiz ein. Gabrielle Russier wird vorgeladen, muss sich erklären, sie wird verhört. Man wirft ihr die Verführung eines Minderjährigen vor, basierend auf Artikel 165 des Code Napoléon, der von 1804 stammt. „Für mich ist er ein Mann, ein junger Mann“, sagt sie ruhig. „Der Mai hat ihnen den Kopf verdreht“, erwidert der bürgerliche Justizbeamte starr. Er hätte wohl auch sagen können: „L’ Etat, c’ est moi.“

Christian wird von seinem Vater in eine psychiatrische Klinik gesteckt und Qualen ausgesetzt. „Mein Sohn ist verrückt, man muss ihn heilen“, erklärt er willfährigen Ärzten, die ihm Drogen verabreichen. Die Rolle des Paterfamilias ist damals noch ungebrochen, erst recht in Marseille, der Kapitale des mediterranen Frankreich. Um Christian zu befreien, geht Gabrielle Russier freiwillig ins Gefängnis Baumette. „Ich wollte mir beweisen, dass ich jemanden retten kann“, sagt sie, gespielt von der französischen Schauspielerin Annie Girardot, in André Cayattes Film Mourir d’aimer (Aus Liebe sterben). Als der im Januar 1971 in die französischen Kinos kommt, wird er von Polemik begleitet und mit 4,5 Millionen Zuschauern ein Kassenschlager. Christians Eltern strengen mehrere Prozesse gegen die Aufführung an, im Namen ihres Sohnes. Das eindringliche filmische Porträt einer kompromisslosen sanften Frau spiegelt die Widersprüche einer Epoche, in der sich große moralische Umbrüche anbahnen, doch die alten Strukturen zu dominant sind, als dass sie eine Beziehung wie diese zulassen könnten.

Christian und Gabrielle sehen sich heimlich, finden Verstecke. Auch wenn sie den Druck kaum aushalten, kämpfen sie um ihre Liebe. Im Juli 1969 wird Gabrielle Russier unter Anklage gestellt – der Prozess ist nicht öffentlich, aber ganz Frankreich redet darüber, die Medien haben ein Fressen gefunden. Die Lehrerin wird zu zwölf Monaten Haft verurteilt, allerdings erlässt der gerade ins Präsidentenamt gewählte Gaullist Georges Pompidou eine Amnestie. Das aber will das Bildungsministerium nicht hinnehmen – es wird Berufung eingelegt. Gabrielle Russier fühlt sich wieder gehetzt. Sie ist gefangen.

Eine private Liaison wird zur gesellschaftlichen Herausforderung. Dahinter steht die Frage, wer hat das Sagen im Land? Der Staat schlägt zurück, wenn sich Menschen das Recht herausnehmen, frei miteinander umzugehen.

Wie sich zeigt, will La France profonde Aufruhr und Umbrüche, wie sie mit dem unruhigen Jahr 1968 unaufhaltsam zu werden scheinen, nicht tatenlos hinnehmen. Gabrielle Russier wird immer einsamer und ängstlicher. Sie soll aus dem Schuldienst entlassen werden, dabei war sie schon zur Universitätsdozentin berufen. Ihre Kinder leben bei ihrem geschiedenen Mann, der sie ebenso unterstützt wie ihre Schüler, die immer wieder abenteuerliche Rendezvous mit Christian organisieren. „Aber ich glaube nicht an Wunder, und vielleicht wünsche ich sie mir nicht einmal“, hat Russier aus dem Gefängnis geschrieben. (Der Autor und Le Monde-Journalist Raymond Jean hat ihre Briefe in einem schmalen Bändchen unter dem Titel Wie man eine Flaschenpost ins Meer wirft gesammelt und veröffentlicht.)

Gabrielle Russier fährt zu einer Schlafkur, aber sie findet keine Ruhe. „Man müsste einfach natürlich sterben können“, wünscht sie sich. Schriftsteller und Intellektuelle protestieren gegen die öffentliche Diffamierung und Hetzjagd, die Feministin und Schriftstellerin Benoîte Groult macht „die rückwärts gewandte und frauenfeindliche französische Gesellschaft dieser Zeit“ verantwortlich, die sich zu der Lesart versteigt: Der verhexte Junge in den Händen dieser diabolischen perversen Frau.

Gabrielle Russier möchte ausharren, bis zum erneuten Prozess. Sie schafft es nicht. Am 1. September 1969 dreht sie den Gashahn auf. Sie kann dem Leben nicht mehr standhalten.

Friedhof Père Lachaise

Nach ihrem Suizid wird sie zum Mythos. Wer war schuld an ihrem Tod? Presse, Radio, Fernsehen, alle suchen nach Antworten. „In unserem so genannten freien Land ist Gabrielle Russier an den antisexuellen und antifemininen Vorurteilen gestorben, so wie vor ihr die Heldinnen des 19. Jahrhunderts“, klagt Benoîte Groult. Serge Reggiani schreibt von den „Wölfen, die sich auf sie gestürzt haben, um sie dafür zu bestrafen, dass sie die Liebe geliebt hat“. Eine moderne Anna Karenina? Die Illustrierte Paris Match beklagt das „Drama der Intoleranz“. Drei Bücher werden geschrieben, darunter Michel del Castillos Geschichte einer verfemten Liebe, eine flammende Anklage der bürgerlichen Moral in der Nähe von Émile Zolas J’accuse.

Doch es ist komplizierter. Der Drang, sich das Leben zu nehmen, ist häufig eine eigentümliche Mischung aus individueller charakterlicher Veranlagung und äußeren Ereignissen. Es habe in ihr einen „Zerstörungstaumel, eine ständige Versuchung der Extreme und Gegensätze“ gegeben, schrieb Raymond Jean. Der Schüler Christian Rossi lebt versteckt bei einem Pastor, bis er volljährig ist. Im September 1971 gibt er dem Nouvel Observateur sein einziges Interview: „Die Erinnerungen, die sie mir gelassen hat, hat sie nur mir gelassen, ich werde sie nicht erzählen. Ich fühle sie. Ich habe sie gelebt, nur ich allein“.

Der Rest? Eine Frau, die Gabrielle Russier hieß. „Wir haben uns geliebt, man steckte sie ins Gefängnis, sie brachte sich um. So einfach“. Dann ändert er seinen Namen und verschwindet. Auf einer Pressekonferenz zur „Affäre Russier“ befragt, zitiert Präsident Pompidou, der den Franzosen damals eine „neue Gesellschaft“ verspricht, aus einem Poem des Dichters Paul Eluard. „Verstehe da, wer will, wie hat sie mich gereut – die Unglückliche, die auf dem Pflaster liegenblieb.“

Gabrielle Russier hat bis zu ihrem letzten Tag nie verstanden, was man ihr vorwarf. Ihr Grab auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise kann man leicht übersehen, es ist vergessen, von Sträuchern überwuchert. Seit Jahren war niemand hier, sagt der Gärtner.

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13:00 31.01.2011

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