Das größte Glücksspiel der Geschichte

Hiroshima und Nagasaki Die Menschheit gerät an den Rand ihrer Selbstvernichtung

Der 21. Juni 1945 - nach dreimonatigen erbitterten Kämpfen haben die amerikanischen Truppen im Pazifik-Krieg die japanische Insel Okinawa erobert und können in den Süden des Kaiserreiches vorstoßen. Die Verluste freilich erscheinen enorm, über 7.000 US-Soldaten sind gefallen, 30.000 werden verwundet. Als das Oberkommando diese Zahlen bekannt gibt, verlangt Präsident Truman eine Vorhersage über die zu erwartenden Opfer, sollten das japanische Kernland besetzt und die Kaiserliche Armee endgültig geschlagen werden. Die Auskunft ist niederschmetternd: Man müsse damit rechnen, dass Hunderttausende der eigenen Leute die letzten Gefechte des Zweiten Weltkrieges nicht überleben, bei den Japanern werde die Zahl der Toten vermutlich jenseits der Millionengrenze liegen.

Roosevelts Nachfolger will daher auf jeden Fall darauf bestehen, dass Stalin sein in Jalta gegebenes Versprechen einhält: Die Rote Armee soll in der japanisch besetzten Mandschurei für Entlastung sorgen. Details wird man auf der ab dem 17. Juli 1945 geplanten Potsdamer Konferenz der "Großen Drei" vereinbaren. Ansonsten wartet der Präsident auf Nachrichten aus New Mexico, wo das "Trinity-Projekt" der Forscher um Robert Oppenheimer den letzten Test bestehen soll.

Für die Konferenz der Sieger im besiegten Deutschland hat Winston Churchill kurz zuvor den Begriff "Terminal" (Endstation) geprägt. Da man - ohne sich darüber vollends im Klaren zu sein - an der Schwelle zum Atomzeitalter steht, klingt das zutreffend, doch der britische Premier meint etwas Anderes. Er ist zu Recht skeptisch, ob die Allianz der Sieger in Potsdam die erste Prüfung im Frieden übersteht. Man wird Stalin keine Nachkriegsordnung abringen können, die ihn dorthin zurückschickt, wo er mit 27 Millionen Kriegstoten im Rücken herkam.

Ohne jedes Zögern

Der 16. Juli 1945 - um 5.00 Uhr Ortszeit bleiben auf dem Testfeld in New Mexico noch 30 Minuten, bis Trinity zur Detonation gebracht wird - danach ist jeder Zweifel ausgeräumt: Die erste Atombombe ist erfolgreich gezündet worden. Vier Tage später, nach gründlicher Auswertung aller Daten, wird Truman während der Potsdamer Konferenz informiert, der wiederum in triumphaler Stimmung Stalin zur Seite nimmt, man habe eine neue Waffe, die mit einer Sprengkraft von mehr als 20.000 Tonnen TNT ihresgleichen suche. Der Generalissimus gratuliert mit stoischem Gleichmut, überrascht scheint er nicht.

"Ich betrachtete die Atombombe" - wird Truman Wochen später erklären - "stets als eine militärische Waffe und hegte nie Zweifel, dass wir sie einsetzen müssen. Als ich Churchill davon erzählte, gab auch er mir ohne jedes Zögern zu verstehen, wir müssten von der Bombe Gebrauch machen, sollte das dazu führen, den Weltkrieg zu beenden." Noch von Potsdam aus droht der US-Präsident der japanischen Regierung mit "einer schrecklichen Verwüstung", ohne anzudeuten, was genau geschehen wird. Durch Brandbomben-Angriffe der US-Air Force auf japanische Städte sind bereits Hunderttausende ums Leben gekommen (nach dem Krieg wird sich zeigen, dass dieser Luftkrieg mehr Menschenleben gekostet hat als die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki), so dass sich in Tokio niemand vorstellen kann, wie dieser Horror noch zu steigern ist. Der Kaiserliche Generalstab jedenfalls antwortet ausweichend auf Trumans Verlangen nach einer bedingungslosen Kapitulation. Damit sind die Würfel gefallen.

Am 6. August startet von seinem Stützpunkt auf den pazifischen Mariana Islands der B-29-Bomber Enola Gay, dessen Besatzung erst am Abend zuvor von ihrer Mission erfahren hat. Gegen 7.00 Uhr Ortszeit nähert sich die Enola Gay der japanischen Küste, nach zwei Stunden überfliegt die Maschine die Großstadt Hiroshima, um 9.11 Uhr werden die Bordklappen geöffnet, noch einmal vergehen vier Minuten, "Little Boy" wird ausgeklinkt - Sekunden später steht ein Atompilz über Hiroshima, 90.000 Menschen sind sofort tot.

Harry S. Truman - nach dem Ende der Potsdamer Konferenz mit dem Panzerkreuzer Augusta auf Heimatkurs - teilt in einer Rundfunkrede von Bord des Schiffes noch am Abend des gleichen Tages mit: "Wir haben Hiroshima für den Feind bis auf weiteres wertlos gemacht. Die Japaner haben in Pearl Harbor diesen Krieg begonnen, nun wird ihnen das mehrfach zurückgezahlt. Ein Ende ist noch nicht in Sicht. Mit dieser Bombe haben wir ein neues, revolutionäres Mittel der Zerstörung geschaffen... Wir haben über zwei Milliarden Dollar auf das größte wissenschaftliche Glücksspiel der Geschichte gesetzt - und gewonnen."

Ein Ende sei noch nicht in Sicht, hat Truman erklärt. Und so soll der Pilot der B-29 mit dem Namen Bockscar auf seiner Mission am 9. August 1945 eigentlich das Städtchen Kokura treffen, aber Nebel behindert die Sicht derart, dass er Kurs auf Nagasaki nimmt, wohl in der Absicht, die Waffenfabriken von Mitsubishi auszulöschen. Dem zweiten Abwurf einer Atombombe innerhalb von 72 Stunden fallen 73.900 Menschen zum Opfer, 75.000 werden verletzt, Tausende sterben noch Jahrzehnte danach an den Folgen.

Der Schlag gegen Nagasaki verfehlt seine Wirkung nicht. Am 10. August 1945 bietet der japanische Generalstab die Kapitulation unter einer Bedingung an - der Kaiser muss verschont bleiben.

Flucht ins Irrenhaus

Mit dem Inferno von Hiroshima und Nagasaki beginnt nicht schlechthin das Atomzeitalter. Die Vernichtung Hunderttausender wurzelt so tief im kollektiven Gedächtnis der Menschheit, dass davon eine existenzielle Rationalität befördert wird, die jede weitere Entscheidung über den Einsatz der Bombe an das Wissen um Hiroshima und Nagasaki bindet - so oft auch amerikanische Militärs und Politiker nach 1945 über den erneuten Gebrauch von Kernwaffen spekulieren. Ob in Korea oder 15 Jahre später, als der Krieg um Indochina kein kalkulierbarer Feldzug mehr ist. Oder mit George W. Bushs Präventivkriegsdoktrin, die sich eine "nukleare Option" ausdrücklich vorbehält.

Mit dem Anbruch des nuklearen Zeitalters ist eine letzte Unschuld verspielt, die wissenschaftliche Verantwortung vor politischer Hybris in Schutz nehmen könnte. "Die Menschheit ist noch nicht soweit", weigert sich der Physiker Johann Wilhelm Möbius in Friedrich Dürrenmatts Komödie Die Physiker, seine epochalen Erkenntnisse dieser Menschheit zugänglich zu machen. Er sucht stattdessen Zuflucht im Irrenhaus, damit die Welt kein Irrenhaus wird. "Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich ...", sagt Möbius und rät zur Kapitulation vor der Wirklichkeit, zum totalen Rückzug der Wissenschaft aus der Epoche, die sie selbst hervorgebracht hat. Ein logischer, aber irrealer Vorschlag, der genau genommen nur eine Schlussfolgerung erlaubt: Es hilft nicht viel, gegen "die Bombe" zu protestieren. Es kann nur helfen, eine Politik zu blockieren, die nicht ausschließt, dass der Einsatz von Kernwaffen irgendwann einmal unausweichlich erscheint. "Die Bombe" quasi als "Ultima Ratio" des Krieges, der sich nun gar selbst abschaffen kann, indem er Selbiges mit der menschlichen Zivilisation zustande bringt. "Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat", bemerkt Dürrenmatt in seinen "21 Punkten zu den Physikern".

Albert Einstein, der einst zum Bau der Atombombe geraten hat, fordert nach Hiroshima und Nagasaki, die Atomwissenschaft überall internationaler Kontrolle zu unterwerfen und eine "Weltregierung" zu bilden. Das sei doch "unpraktisch", belächelt man ihn, ohne zu bedenken, dass eine solche Regierung nicht unbedingt eine Institution sein muss, sondern auch als "praktische" Vernunft walten kann, die nach dem 9. August 1945 dafür Sorge trägt, dass Kernwaffen nie wieder eingesetzt werden.


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00:00 05.08.2005

Ausgabe 39/2020

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