Das Grüne vom Himmel

Leseprobe Ein Auto mit BioPower? Klingt gut. Ist aber „Grünfärberei“, genauso wie umweltfreundliches Fliegen. Ein Buch über die gezielte Irreführung des Verbrauchers

Unternehmen wollen Geld verdienen. Unternehmen sind nicht dazu da, den Hunger auf der Welt zu stillen, Krankheiten zu besiegen oder den Klimawandel zu stoppen. Sie versuchen, Produkte zu möglichst niedrigen Kosten herzustellen und zu möglichst hohen Preisen zu verkaufen.

All das ist banal. Man braucht auch nicht drüber zu klagen – man sollte es nur nicht aus dem Blick verlieren.

„Als Unternehmen sind wir im Kern dem wirtschaftlichen Erfolg verpflichtet“, schrieb der Energieriese RWE im Vorwort seines Nachhaltigkeitsberichtes 2005, und für diese Ehrlichkeit sollte man dem Unternehmen eigentlich danken. Erst an zweiter und dritter Stelle folgten ökologische und gesellschaftliche Verantwortung. Doch weil Unternehmen, wieder in den Worten von RWE, mit „bislang ungewohnten öffentlichen Erwartungen und Ansprüchen“ konfrontiert sind, weil „die Öffentlichkeit … kritischer, aufmerksamer, sensibler geworden“ ist, müssen sie halt reagieren.

Seit ca. zwanzig Jahren ist Umweltschutz in den Augen von Konsumenten wichtig – und zwar nicht nur bei irgendwelchen Randgruppen, sondern bei so vielen potenziellen Kunden, dass selbst große Unternehmen spürbare Umsatzeinbrüche zu fürchten haben, wenn sie nicht darauf eingehen. Spätestens seit der Boykottkampagne von Greenpeace gegen den Ölmulti Shell, der 1995 seine Ölplattform Brent Spar in der Nordsee hatte versenken wollen, ist das auch dem letzten Manager klar. Der Weltkonzern musste damals dem öffentlichen Druck nachgeben – obwohl der direkte Umweltschaden durch die ursprünglich geplante Entsorgungsart vermutlich wirklich, wie Shell stets beteuert hatte, relativ klein gewesen wäre. Hinterher versuchte der Konzern dann, mit einer großen Kampagne unter dem Motto „Wir werden uns ändern“ das Image zu reparieren.

Schon 1928 schrieb Edward Bernays, ein Neffe von Sigmund Freud und der Vater der modernen Public Relations (PR), in seinem Klassiker „Propaganda“: „Angesichts eines gesteigerten gesellschaftlichen Bewusstseins mussten die großen Konzerne sich von der Einstellung verabschieden, dass ihre Geschäfte niemanden etwas angingen.“ Ökologie war damals natürlich noch kein Thema, geradezu rührend wirkt Bernays Beispiel aus den zwanziger Jahren: „Eine Ölgesellschaft, die um ihre vielfältigen Beziehungen zur Öffentlichkeit weiß, wird nicht nur gutes Öl anbieten, sondern auch einen vernünftigen Umgang mit ihren Mitarbeitern.“

Heute sind umweltbewusste Zielgruppen so wichtig geworden, dass Marketingexperten ihnen eigene Namen geben: „Lohas“ zum Beispiel – das steht für „Lifestyle of Health and Sustainability“, also einen gesunden und „nachhaltigen“ Lebensstil. In Deutschland werden etwa 15 Prozent der Konsumenten dazu gezählt – und sie sind nur eine der ökologisch ansprechbaren Kundengruppen. „Lohas“ verdienen überdurchschnittlich viel Geld und geben es überdurchschnittlich gern aus. „Grünkern und Gucci“ hat der Spiegel vor ein paar Jahren eine Reportage über die „Lohas“ betitelt. Sie kaufen teure Ökokosmetik (ohne Tierversuche entwickelt, aber oft aufwendig verpackt) und essen Biofleisch (dabei sollte man glückliche Kühe doch eigentlich erst recht nicht schlachten, oder?). Sie machen Outdoorurlaub (zu dem sie gern mit dem Flieger anreisen) und kaufen Hybridautos (obwohl ein Kleinwagen mit sparsamem Dieselmotor ökologisch sinnvoller wäre). Ein Teil dieser „Lohas“ wäre sicherlich zu weitergehenden Änderungen des Lebensstils bereit, würde vielleicht mitmachen bei politischen Kampagnen gegen Kohlekraftwerke oder für strenge Klimagesetze. Aber natürlich werden weder RWE noch die „Klima-Queen“ Angela Merkel sie je in bunten Anzeigen oder wohlgesetzten Reden dazu aufrufen. Und eine wirklich unbequeme Wahrheit ist, dass viele Hartz-IV-Empfänger eine bessere Klimabilanz haben als Ökomuttis, die im Hybridgeländewagen zum Biomarkt fahren und mitten im Winter fair gehandelte Erdbeeren aus Ägypten kaufen. „Strategischer Konsum“ (zu dem die Internet-Community utopia.de seine User aufruft) kann auch sein, nichts zu konsumieren. Für das Klima ist deshalb oft die Werbeanzeige am besten, die gar nicht erst erscheint. Aber Unternehmen wollen verkaufen.

Für sie ist es mittlerweile nicht nur notwendig, das Thema Ökologie im Blick zu haben – es kann sogar sehr lukrativ sein. Das Problem: Viele Produkte und Produktionsprozesse sind einfach nicht grün. Und werden es niemals sein. Viele Unternehmen müssten sich so radikal umstellen, dass es über die Vorstellungskraft ihrer Manager geht – und den Renditeerwartungen der Aktionäre zuwiderläuft. (Und manche müssten, wollten sie der Umwelt wirklich etwas Gutes tun, sich selbst abwickeln.) Klaus Wiegandt, Ex-Vorstandschef beim Handelsriesen Metro, gründete nach seinem Ausstieg vor zehn Jahren die Stiftung „Forum für Verantwortung“. Heute wirbt er mit Büchern und auf Podien für ein nachhaltiges Wirtschaften, und im Rückblick gesteht er ernüchternd: „Im Maximum hätte ich damals 30 Prozent dessen tun können, was ich heute für richtig halte und was notwendig wäre. Und davon sind etwa 70 Prozent Soziales – im ökologischen Bereich ist unter den aktuellen Rahmenbedingungen wenig möglich.“ Und: „Einen Konzern auf ökologischen Kurs zu bringen, ohne dass sich die Rahmenbedingungen ändern, das geht nicht.“ Ein Manager würde damit den Bestand des Unternehmens gefährden – und könnte vermutlich sogar von seinen Aktionären wegen Untreue verklagt werden, weil er nicht den Gewinn maximiert. „Da können Sie nur die persönliche Konsequenz ziehen und sagen: Ich mach das nicht mehr mit“, so Wiegandt. „Aber dann kommt ein anderer und macht’s an meiner Stelle.“

Strategische Verzögerung und vorgetäuschter Dialog

Kein Wunder eigentlich, dass viele Unternehmen und Manager lieber auf greenwash setzen. Der Begriff fand 1999 Eingang ins „Concise Oxford Dictionary“ und wird dort definiert als „Desinformation, die von einer Organisation verbreitet wird, um der Öffentlichkeit ein umweltbewusstes Image zu präsentieren“. Schon 1992 zum Umweltgipfel in Rio ist „The Greenpeace Book on Greenwash“ erschienen, das am Beispiel von Unternehmen wie Shell, Sandoz oder General Motors Marketing und wirkliches Handeln vergleicht. „Entgegen all ihrer Rhetorik“, schreiben die Autoren Kenny Bruno und Jed Greer in einer erweiterten Neuauflage vier Jahre später, „haben die Konzerne ihr Umweltverhalten nicht substanziell verändert“. Transnationale Unternehmen seien nach wie vor „die wichtigsten Verursacher und Verbreiter von dreckigen, gefährlichen oder nicht nachhaltigen Technologien“ auf der Welt. Aber dank ihrer grüngewaschenen Weste gelinge es ihnen, sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene wirksame Umweltvorschriften zu verhindern. Eine Strategie, wie sie auch die deutsche Automobilindustrie perfekt beherrscht: Sie stellt sich selbst (entgegen der Realität, aber im Einklang mit dem Selbstbild der meisten Deutschen) als Vorreiter hin beim Klimaschutz – um den Eindruck zu vermitteln, strengere Grenzwerte für den Spritverbrauch von Neuwagen seien unnötig. Dank dieser PR-Schimäre fiel es Angela Merkel und anderen deutschen Politikern dann Ende 2008 leichter, entsprechende Pläne der EU-Kommission in Brüssel zu vereiteln.

Oder die Energiewirtschaft. Über Jahrzehnte hat sie gezielt Zweifel gesät an den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Klimawandel. In den USA förderte beispielsweise Exxon mit Hunderttausenden von Dollar klimaskeptische Publikationen, hierzulande finanzierte die deutsche Braunkohlelobby noch 2003 eine Beilage zum Fachmagazin journalist. Doch das sind fast schon die Instrumente von gestern. In der „3-D-Strategie“ der Grünfärberei, wie sie im Buch „Battling Big Business“ von Caroline Lubbers beschrieben ist, sind die meisten Firmen schon mindestens einen Schritt weiter: Auf das Leugnen, dass es überhaupt ein Problem gibt (deny), folgt der Versuch, wirksame Gegenmaßnahmen zum Beispiel gegen die Erderwärmung zu verzögern (delay), und dabei ist es hilfreich, die öffentliche Debatte oder auch internationale Verhandlungen zu beherrschen (dominate). Hinzugekommen ist inzwischen ein viertes „D“, dialogue: Man tue so, als wolle man mit Kritikern oder der breiten Öffentlichkeit „in einen Dialog treten“ – natürlich ohne zu echten Änderungen des eigenen Handelns bereit zu sein. Der Kohlekonzern Vattenfall zum Beispiel oder die deutschen Akw-Betreiber tun gerade mit aufwendigen Internetplattformen so, als ob sie ihre Geschäfte zur Diskussion stellten.

Farbwechsel: Blau ist das neue Grün

Seit ein, zwei Jahren ist „Grünfärberei“ – so die wohl treffendste deutsche Übersetzung von greenwash – auch in Deutschland endgültig angekommen. Seit im Frühjahr 2007 die Berichte des Weltklimarates IPCC die hiesige Öffentlichkeit aufrüttelten, vergeht praktisch keine Woche, in der sich nicht irgendein Großunternehmen als umweltfreundlich und klimabewusst präsentiert. Da werden riesige Annoncen in überregionalen Zeitungen geschaltet, „Live-Earth“-Konzerte gesponsert, winzige Modellprojekte bei erneuerbaren Energien zu wahren Meilensteinen stilisiert. Der größte Betreiber von klimakillenden Braunkohlekraftwerken veranstaltet eine „Klima-Akademie“ an Brandenburger Schulen (Vattenfall). Ein Konkurrent verkauft Elektrizität, die spottbillig in alten und ziemlich riskanten Atomkraftwerken erzeugt wird, nun als „PrimaKlimaStrom“ – zu Preisen, die sogar noch über denen unabhängiger Öko-Anbieter liegen (RWE). Ausgerechnet ein Autohersteller, dessen verkaufte Neuwagen in den vergangenen Jahren noch klimaschädlicher geworden sind, chauffiert Al Gore in einer seiner Limousinen durch die Gegend (Audi).

Sicherlich geht das auch 2009 so weiter, denn im Dezember wird in Kopenhagen die UN-Konferenz zur Nachfolge des auslaufenden Kyoto-Protokolls stattfinden. Mark Grundy vom PR-Riesen Edelman legt diesen Termin seinen Kunden (zu denen übrigens auch E.on gehört) wärmstens ans Herz: „Das ist die weltgrößte Gelegenheit fürs Klimamarketing in den nächsten vier Jahren. Mindestens“.

So groß ist die Flut grüner Werbung inzwischen, dass die internationale Fotoagentur Getty Images kürzlich bereits davor warnte, diese Farbe zu benutzen. „Es ist extrem langweilig. Alles sieht gleich aus und sagt das Gleiche“, so Rebecca Swift, die bei Getty den klangvollen Titel „Global Creative Planning Director“ trägt. „Mit Bildern von den Polkappen oder mit Eisbären wird man künftig keine Resonanz mehr erzielen können.“ Als neue Trendfarbe gilt Blau (Assoziation: „Wasser“, „der Blaue Planet“). VW vermarktet die Spritspar-Varianten seiner Autos schon unter dem Namen „BlueMotion“, bei Daimler gibt es neuerdings „TrueBlueSolutions“, von BMW stammt die Wortschöpfung „BluePerformance“. Und bei RWE ist die Grundfarbe der neuen Imagekampagne (Motto: „voRWEg gehen“) ein freundliches Hellblau.

Carbon messaging und Ökomarketing sind längst ein Multimillionen-Geschäft, viele Kommunikations-Agenturen haben sich für diesen Bereich Spezialabteilungen zugelegt. Zu den Branchenführern gehören die US-Unternehmen Burson-Marsteller und Hill Knowlton. „Image is perception“, beschreibt Burson-Marsteller auf seiner Homepage das Firmenmotto: „Wahrheit ist, was der Mensch wahrnimmt. … Mit Ihnen gemeinsam nehmen wir deshalb gezielt Einfluss darauf, wie Ihr Unternehmen und Ihre Produkte von der Umgebung wahrgenommen werden … Ein Image hat jeder – lassen Sie es nicht von anderen bestimmen.“ So halfen die PR-Profis beispielsweise in den neunziger Jahren der US-Industrie bei Kampagnen gegen Umweltgesetze der Regierung Clinton. In Brüssel war Burson-Marsteller unter anderem im Auftrag von Chemieunternehmen gegen EU-Umweltauflagen aktiv. Die Spezialisten von Hill Knowlton gingen vor ein paar Jahren Vattenfall in Deutschland dabei zur Hand, teure Auflagen beim CO2-Emissionshandel abzuwenden – und wurden für diese „kurzfristige Einflussnahme auf ein Gesetzgebungsverfahren“ auch noch von der Zeitschrift PR Report mit einem Preis ausgezeichnet. Die Journalisten John Stauber und Sheldon Rampton schätzen, dass allein US-Unternehmen jährlich eine Milliarde Dollar für offene oder verdeckte Anti-Umwelt-PR ausgeben.

In ihrem Buch „Giftmüll macht schlank“ schildern die beiden, wie einerseits freundliche Image-Annoncen geschaltet – und andererseits Kritiker ausspioniert, verklagt, verleumdet oder aufgekauft werden, wie Einfluss genommen wird auf wissenschaftliche Diskurse, wie Lobbyisten zum Schein Bürgerinitiativen gründen. Sie beschreiben, wie PR-Profis die Aktivisten von Umweltgruppen oder lokalen Bürgerinitiativen in verschiedene Kategorien einteilen, um sie dann nach dem Motto „teile und herrsche“ gegeneinander auszuspielen. „Eine gebildete und kritische Öffentlichkeit“ wünschen sich Stauber und Rampton, „die Informationen skeptisch aufnimmt, Autoritäten hinterfragt und sich eine eigene Meinung bildet“. Um Grünfärberei zu entlarven, genügt es häufig schon, ein paar gezielte Nachfragen zu stellen, einige verschwiegene Informationen zu ergänzen, ausgeblendete Zusammenhänge zu erwähnen – und über manche PR-Tricks sollte man auch einfach nur lachen. Der Blog klima-luegendetektor.de, getragen vom Internetportal wir-klimaretter.deund dem greenpeace magazin, versucht all dies seit Anfang 2008. Ein Teil der dort veröffentlichten Texte floss in dieses Buch ein, und auch künftig werden dort Woche für Woche neue Fälle aufgegriffen.

Natürlich, es gibt Firmeninhaber und Manager, die sich wirklich um die Umwelt sorgen (aber um sie geht es nicht in diesem Buch). Es gibt Firmen, die ihren Ausstoß an Treibhausgasen zu senken versuchen und ihre Produktion umstellen. Es gibt sogar Unternehmen, die von überzeugten Umweltschützern gegründet wurden, um ökologisch vertretbarere Produkte herzustellen. Doch auch sie alle müssen letztlich drauf achten, dass die Gewinne stimmen. Und gerade jenen, die das Thema ernst nehmen, rät der britische Marketingexperte John Grant, ihr Geld nicht in grüne Werbung zu stecken, sondern in die Produkte. „Stell dir vor, du stehst vor einem brennenden Haus“, erklärte er in einem Interview mit dem Magazin Ecologist. „Würdest du Wasser heranschleppen und, so gut es geht, beim Löschen helfen? Oder würdest du davorstehen und rufen: Schaut, was wir mit dem Eimer hier machen, und seht seinen wundervollen Holzgriff!“

Für Ökomarketing gibt es seit etwa zehn Jahren einen allgemeinen Standard. Die internationale Normungsagentur ISO erließ 1999 die Richtlinie 14021, weil – um in Grants Bild zu bleiben – die Zahl der Marktschreier mit Löscheimern zu groß und ihre Selbstpreisungen zu anstößig geworden waren. Werbeaussagen mit Umweltbezug, heißt es dort, sollten „akkurat, überprüfbar und nicht irreführend“ sein. Für eine Reihe von Adjektiven wie „kompostierbar“, „energieeffizient“ oder „wassersparend“ wurden Kriterien definiert. Unter Berufung auf diese ISO-Norm hat die Internationale Handelskammer ICC Empfehlungen herausgegeben – aber weder das eine noch das andere Dokument ist bindend für Unternehmen oder Werbeagenturen.

Das Klima kann sich nicht beschweren – es kippt einfach irgendwann um

„Marketingkommunikation“ muss so konzipiert sein, dass sie das Verbraucherinteresse an der Umwelt oder mögliche Wissenslücken der Verbraucher in Bezug auf die Umwelt nicht ausnutzt“, heißt es in dem ICC-Papier. Doch viele der darin genannten Ratschläge werden in der Realität laufend missachtet. Über weite Strecken lässt sich das Dokument lesen wie eine treffende Beschreibung üblicher Grünfärber-Tricks: Aussagen über einzelne vorteilhafte Produkte, rät die ICC etwa, sollen nicht implizit auf das ganze Unternehmen übertragen werden. Werbesprüche sollten für das beworbene Produkt auch wirklich relevant sein. Es sei klarzumachen, ob sich eine Aussage auf das ganze Produkt oder bloß auf Teile oder gar nur auf seine Verpackung bezieht. Eine bereits lange existierende Eigenschaft dürfe nicht plötzlich als neu präsentiert werden – das übliche Gegenbeispiel hierfür sind „phosphatfreie Waschmittel“, die vorher niemals Phosphate enthalten hatten.

„Vage oder unspezifische … Aussagen, die für Verbraucher verschiedene Bedeutungen haben können, dürfen nur getätigt werden, wenn sie, ohne Einschränkung, bei jeder vernünftigerweise vorhersehbaren Sachlage gelten“, lautet eine weitere hehre Forderung. „Ist dies nicht der Fall, müssen allgemeine umweltbezogene Aussagen entweder qualifiziert oder vermieden werden. Insbesondere dürfen Aussagen wie ‚umweltfreundlich’ oder ‚ökologisch sicher’, die implizieren, dass ein Produkt oder eine Aktivität keinen Einfluss – oder lediglich einen positiven Einfluss – auf die Umwelt hat, nur dann gemacht werden, wenn sie hohen Beweisanforderungen genügen.“

Grünfärberei, das klingt hier bereits an, arbeitet nur selten mit offensichtlichen Lügen. Meist werden Informationen „nur“ verdreht oder weggelassen oder in irreführende Zusammenhänge gestellt. In den meisten EU-Staaten sind die genannten Ratschläge in „Ethikkodizes“ von Werbeverbänden eingeflossen. Und in einigen Staaten werden Verstöße sogar geahndet – nicht als strafbewehrte Gesetzesverstöße natürlich, wohl aber mit öffentlichen Rügen von branchengetragenen oder halboffiziellen Schiedsstellen (bei denen einzelne Verbraucher oder auch Umweltverbände Beschwerden einreichen können). So sind in Großbritannien in den vergangenen Jahren mehrfach Fluggesellschaften und Autofirmen getadelt worden. EasyJet beispielsweise hatte in seiner Werbung davon gesprochen, wegen einer besonders modernen Flugzeugflotte niedrigere Schadstoff-Emissionen zu verursachen – die Kohlendioxid-Emissionen pro Passagier sind bei dem Billigflieger tatsächlich etwas niedriger als bei Konkurrenten, was aber schlicht an den engeren Sitzreihen liegt und der damit verbundenen höheren Passagierzahl pro Flug. Die Toyota-Tochter Lexus fiel mit ihrer Werbung für den Hybridgeländewagen RX 400h auf die Nase: „High Performance, Low Emissions, Zero Guilt“, hatte eine Annonce geprahlt – angesichts eines CO2-Ausstoßes von 192 Gramm pro Kilometer aber war „niedrige Emissionen, keine Schuld“ schlicht gelogen. In Irland wurde Saab von der dortigen Werbekammer für die Aussage gerügt, ein mit Agro-Ethanol betankbares Fahrzeug gebe „der Natur etwas zurück“. Der Claim „Saab 9-3 BioPower. Gefahren von der Natur“ war angesichts der oft schlechten Klimabilanz alternativer Kraftstoffe nicht gerechtfertigt. In Schweden ist es grundsätzlich nicht erlaubt, Autos als „umweltfreundlich“ zu bewerben – weil dieser Terminus nur zutreffe, sofern „ein Produkt die Umwelt verbessere oder sie zumindest überhaupt nicht belaste“. In Frankreich dürfen Autos in der Werbung neuerdings nur noch auf Straßen gezeigt werden und nicht mehr in der offenen Natur.

Und hierzulande? Beim Deutschen Werberat, dem Selbstkontrollgremium der Branche, halten sich diesbezügliche Beschwerden – wie es dort heißt – „bisher in Grenzen“. Auch beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) gehen Hinweise auf alles Mögliche ein, auf irreführende Preisangaben von Elektronikmärkten oder zweifelhafte Lockpreis-Angebote von Fluggesellschaften. Aber über Grünfärberei, so der vzbv, machten sich deutsche Verbraucher wohl einfach noch keine Gedanken. Die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs in Frankfurt/Main konstatiert in ihrem Jahresbericht 2007 zwar, dass die „Werbung mit Umweltargumenten“ deutlich zugenommen habe, zum Beispiel in der Energiewirtschaft. Und „gerade weil Energiekonsumenten, bedingt durch die öffentliche Debatte, hochgradig sensibilisiert sind und die Neigung zu einem klimapolitisch verantwortungsvollen Handeln erfreulicherweise zunimmt, ist die Marktrelevanz solcher Werbeaktionen in diesem Bereich ganz erheblich“. Doch wird der Verein meist nur bei klaren Verstößen gegen explizite Vorschriften aktiv. Wenn beispielsweise ein Autohaus es versäumt, in Werbeannoncen den Kohlendioxidausstoß eines Fahrzeugs zu vermerken (wie es seit 2004 in Deutschland vorgeschrieben ist), dann verschickt die Wettbewerbszentrale eine Abmahnung. Reklamiert aber beispielsweise Lexus für einen Hybridgeländewagen, dieser habe „weniger Emissionen“, dann ist das erstmal kein Bruch der einschlägigen „Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung (Pkw-EnVKV)“, ganz egal wie hoch die Emissionen tatsächlich sind – jedenfalls solange die Annonce im Kleingedruckten brav eine Angabe über den nach EU-Vorschrift ermittelten Ausstoß an Kohlendioxid enthält. Spezifische Regeln zur Grünfärberei jedenfalls fehlen in Deutschland. Und in der hiesigen Rechtstradition ist der Verbraucherschutz eher ein Nebenprodukt der Marktordnung. Das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) von 1909 soll Unternehmen eine Handhabe geben, um gegen unsauber arbeitende Konkurrenten vorgehen zu können. In der Theorie profitieren davon auch die Verbraucher. Aber was ist eigentlich, wenn es gar keinen sauber arbeitenden Konkurrenten gibt?

Und in der Praxis ist es oft schwierig, irreführende Werbung ahnden zu lassen. Im Frühjahr behauptete beispielsweise ein Lobby-Institut der deutschen Heizölbranche in bundesweiten Anzeigen, dass „moderne Ölheizungen“ nur noch „extrem niedrige Emissionen“ verursachten, die denen von Erdgasheizungen „in nichts nachstehen“. Das mag für eine Reihe von Luftschadstoffen gelten, beim Klimagas Kohlendioxid aber liegen die Werte von Heizöl deutlich höher. Ein frisch gegründeter Bundesverband Deutscher Gasverbraucher versuchte, dagegen vorzugehen und erstattete Strafanzeige gemäß UWG. Doch die Staatsanwaltschaft Hamburg ließ den Verband kühl abblitzen: Die bemängelte Annonce sei, so der in feinem Juristendeutsch formulierte Bescheid, eine „erkennbar aus dem subjektiven Blickwinkel eigener Interessenverfolgung und -gewichtung getroffene Wertung ohne jeden konkreten, wissenschaftlich determinierten Hintergrund [gewesen], die weder einer bestimmten Fragestellung noch einer wissenschaftlich fundierten Verifizierung von ‚falsch’ oder ‚richtig’ zugänglich ist“. Genau dies ist zwar in den internationalen Regeln für Umweltwerbung untersagt, doch das reicht eben nicht für eine Strafverfolgung durch deutsche Behörden. Die Erdgaslobbyisten beschwerten sich daraufhin bei der Hamburger Generalstaatsanwaltschaft über die Einstellung des Verfahrens – und bekamen eine Auskunft, die einem (strafrechtlichen) Freibrief für Grünfärber gleichkommt: „Nicht jede Werbung, die unwahre Angaben über das beworbene Produkt enthält, ist mit Strafe bedroht.“

Bei der Grünfärberei, das ist das Perfide, fehlt das Opfer. Die Konkurrenz, die vielleicht das klimafreundlichere Produkt hat, wird eher versuchen, mit „besseren“ Annoncen auf sich aufmerksam zu machen als Prozesse mit ungewissem Ausgang anzustrengen. Einen geschädigten Verbraucher gibt es ebenfalls nicht – ihm wurde ja kein klappriges Fahrrad angedreht, bei dem er hinterher Garantieansprüche geltend machen oder eine überteuerte Küchenmaschine, für die er sein Geld zurückverlangen könnte. Wer genau ist der Belogene, wenn RWE in bundesweiten Zeitungsanzeigen wahrheitswidrig behauptet, sein neues Braunkohlekraftwerk Neurath werde künftig weniger Kohlendioxid ausstoßen? (Im Zweifelsfall geht der „verständige, aufmerksame und durchschnittlich informierte Verbraucher“ sowieso davon aus, dass jede Annonce verlogen ist.) Bei falscher Werbung mit Sozial- oder Umweltversprechen sind die Geschädigten weit weg – etwa die ausgebeuteten Arbeiter in der Dritten Welt – oder ganz stumm. Denn das Klima jammert nicht. Es kippt halt irgendwann um.

© 2009 by Verlag Kiepenheuer Witsch, Köln

Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen Lügen, bis das Image stimmt, Toralf Staud, Kiepenheuer & Witsch 272 Seiten, 8,95

Das Buch ist am 25. Mai 2009 erschienen.

Toralf Staud, Jahrgang 1972, engagierte sich als Jugendlicher in Umweltgruppen. Nach seinem Journalistik- und Philosophiestudium arbeitete er von 1998 bis 2006 als Politikredakteur und Hauptstadtkorrespondent der Zeit. Heute ist er freier Journalist und schreibt u. a. für das Greenpeace Magazin

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15:50 22.07.2009

Ausgabe 27/2020

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