Das Haus des Volkes

Bukarester Abende Kolumne

Schuld ist fast immer die Literatur. Wenn ich reise, fahre ich den Büchern hinterher, die ich gelesen habe, oder ich breche auf, weil ich aufgrund meiner eigenen Texte zu Lesungen eingeladen werde. Manchmal fällt beides zusammen.

So komme ich mit anderen Schriftstellern nach Bukarest, in jene lang ersehnte Stadt, die ich vor allem aus den Büchern rumäniendeutscher Autoren kenne. Noch am ersten Tag blicke ich den Boulevard B-dul Unirii hinauf zum Palatul Parlamentului, dem ehemaligen Haus des Volkes. Ceaucescus Monsterwerk hat aus der Ferne etwas von einem Maul mit einem stark ausgeprägten Unterkiefer, das alles, was sich ihm nähert, zu verschlingen scheint. Der Mensch, die Landschaft, die Historie, sie wurden an diesem Punkt zunichte gemacht und ausgeblendet. Die antiken architekturtheoretischen Kategorien des Vitruv, Nützlichkeit (utilitas), Grazie (venustas) und Festigkeit (firmitas), verwandeln sich vor meinen Augen in Sinnlosigkeit, Größenwahn und eine beängstigende Dauerhaftigkeit. Allein die Quantität des Materials wird dem Verfall trotzen.

Ein paar Antworten auf die Brechtschen Fragen eines lesenden Arbeiters erhält man, wenn man hinter die mächtigen, weißen Paläste blickt, die den Boulevard zu Ceaucescus ehemaliger Wohnadresse flankieren. Dort nämlich sind Teile des alten Bukarest zu finden, kleine byzantinische Kirchen, Bürgerhäuser aus dem späten 19. Jahrhundert und architektonische Juwelen aus den zwanziger und dreißiger Jahren, menschenwürdige Bauten mit Gärten fern aller Megalomanie. Das Ausmaß der Zerstörung kann eine wie ich, die immer in Freiheit gelebt hat, nur ahnen. Mit jedem neugesetzten Stein verbanden und verbinden sich Verluste; das nimmersatte Maul hat ganze Stadtteile leer gefressen und hungrige, ihrer Existenz beraubte Menschen zurückgelassen. So sind auch die Hunde herrenlos geworden und streunen noch immer durch Bukarest.

Er würde den Palast wegsprengen, sagt ein rumänischer Autor beim Abendessen und erzählt von den Zwiebeljahren. Als Ceaucescu sein Maul nicht voll genug kriegen konnte, aß der Autor leeres Brot und die Zwiebeln des Nachbarn. Ich muss an Herta Müllers Pech-Brot denken, an das, was sie Beschädigung nennt und höre im Laufe des Abends aus dem Mund des Rumänen ein ähnliches Wort: Deformation. Von Rumänien, schreibt Herta Müller in ihrem letzten Buch Der König verneigt sich und tötet, sei sie losgekommen, nicht aber von der gesteuerten Verwahrlosung der Menschen in der Diktatur, von ihren Hinterlassenschaften aller Art, die alle naselang aufblitzen.

Der rumänische Autor, der das Land nicht verlassen konnte, weil er seine Muttersprache braucht, sucht einen Weg in die Normalität und findet ihn nicht. Steuerung - begreife ich an diesem Abend - bedeutete für den einzelnen eine bis ins Innerste zerstörte Biographie. Man studierte beispielsweise Mathematik oder Physik, weil Philosophie Marxismus bedeutet hätte.

Ich will das riesige Maul aus der Nähe sehen und gehe ein zweites Mal hin. Der verfallene Palast, den ich erwartet habe, steht unvollendet aber unverletzt da. Als ich einer jungen Rumänin in die wenigen Prunk- und Prachtsäle folge, die für Touristen zugänglich sind, erfahre ich Länge, Breite und Höhe der Räume, sowie etwas über die Beschaffenheit der Materialien für die Vorhalle, Treppen, Korridore und Säle, in denen Platz für ein Fußballspiel wäre, sie verliert jedoch kein einziges Wort über jene, auf deren ruinierten Leben das Monstrum errichtet wurde. Der Boulevard, fährt sie fort, sei länger und breiter als die Champs-d´Elysées und vor dem Palast könnten 1,5 Millionen Menschen aufmarschieren, um eine halbe Million mehr als in Nordkorea. Es ist ein Vortrag der Superlativen, ein Vortrag, der - richtete er sich auf die ferne Vergangenheit - auf Grund eines fehlenden persönlichen Bezuges nachvollziehbar wäre, doch die junge Frau ist nicht einmal doppelt so alt wie die Revolution. Steuerung ist ein Wort, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht.

In mehreren Blendfenstern entdecke ich Caravaggio- und Bellini-Imitationen; sie sind Überreste aus der Costa-Gavras-Verfilmung von Rolf Hochhuths Der Stellvertreter; der Film war vor zwei Jahren in unsere Kinos gekommen. Ich frage nicht, warum die vergilbten und an manchen Stellen eingerissenen Bilder nicht aus den Blendarkaden entfernt wurden. Neben Ceaucescus Prunk nimmt sich selbst die reproduzierte Kunst wie ein Hoffnungsschimmer aus.


00:00 09.07.2004

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