Das Mädchen von Seite drei

Boulevard Die „Sun“ machte Samantha Fox als Oben-ohne-Model groß. Sie brauchte lange, um sich zu befreien
Simone Meier | Ausgabe 05/2015 1
Das Mädchen von Seite drei
Nur Lady Diana wurde im England der 80er öfter fotografiert als Samantha Fox

Foto: Bob Rihajr/Wireimage/Getty Images

Sie haben Brüste, und die sind ein Wunder. Die Mädchen von Seite drei. Als der australische Verleger Rupert Murdoch die britische Boulevardzeitung The Sun 1969 übernahm, punktete er schon an seinem zweiten Tag mit einer Deutschen: Uschi Obermaier. Sie war das erste Oben-ohne-Model der Sun. Damals drehte Uschi Obermaier gerade den Girls-Kommunenfilm Rote Sonne und hatte eine Affäre mit Mick Jagger. Sie trug den verruchten Glamour der Revolte in den britischen Boulevard. Sie war Jugendkultur, Sex, Drugs, Rock ’n’ Roll – und eine Marke, wie es damals keine zweite gab.

Der Begriff Page Three Girl lässt sich die Sun für ihre nackten Frauen patentieren. Fortan wechseln sich prominente mit unbekannten jungen Frauen ab, und oft wird so aus einer Unbekannten auch eine Prominente. Der ganz normale Kreislauf der medialen Machbarkeit. Die Sun wirbt bei Studenten mit dem Page Three Girl. Und wie schön, wenn eine besonders Begehrte wiederkehrt und den Jungs erneut ein Lächeln und ihren Körper schenkt. Denn die Beziehung zum Mädchen von Seite drei ist eine wechselseitige: Es schaut zurück. Und es schaut fast immer auf Augenhöhe zurück, manchmal sogar leicht auf den Mann hinab. Nie himmelt sie ihn von unten an. Diese fotografische Perspektive muss man mitdenken.

Gelegentlich steigen die Girls auch von den Seiten ins echte Leben und gebärden sich wie Hollywoodstars: Die rasend populäre und immer sehr glamourös fotografierte Jilly Johnson etwa macht Truppenbesuche, 1974 in Belfast, im Bikini natürlich. Sie macht die Soldaten glauben, dass sie echte Männer sind. Und dann kommt irgendwann Samantha. Samantha Fox. Und überstrahlt alle. Aber bleiben wir noch einen Moment bei der Historie.

Lange ist und bleibt das Page Three Girl weiß, erst im Juni 2012 zieht sich die erste Schwarze in der Sun aus. Und am 20. Januar 2015 verkündet das Blatt plötzlich, dass es ab sofort nur noch angezogene Frauen zeigen würde. Klar, denkt man, die nackten Brüste auf Papier haben sich vollkommen überlebt, im Internet liegt das Pornoparadies, und das Rezept „ein hübsches Lächeln und ein schöner Busen versüßen den Tag“ kann man ja höchstens noch in Altenheimen ernst nehmen.

Der britische Komiker und Neorevolutionär Russell Brand, der heftig gegen den britischen Boulevard ins Feld zieht, twittert sofort lobend: „Es ist gut, dass die Page Three abgeschafft wird, sie war erniedrigend und bescheuert. Und das ist ein Satz, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich ihn einmal schreibe.“ Doch schon am 22. Januar bedankt sich die Sun für die kostenlose Aufmerksamkeit und dementiert den Abschied der Seite-drei-Mädchen. Russell Brand hat sich dazu nicht mehr geäußert, womit er auch wieder Recht hat. Es gibt wirklich Wichtigeres.

Mutter schickt die Fotos ein

Außer Samantha. Die taucht in den Tagen der Seite-drei-Debatte wieder auf wie die Schaumgeborene höchstselbst. Und aus dem Reigen der Entblätterten ist ihre Geschichte die einzige, die es wirklich verdient, erzählt zu werden. Sie beginnt mit einem Mädchen, dem alle eine bubbly personality, ein übersprudelndes Naturell, zusprechen. Fox spielt seit frühster Kindheit gern Theater. Die Mutter hat beim Fernsehballett gearbeitet, der Vater verehrt Boxer. Eine Familie also, die das Showbiz liebt.

Die Mutter schickt ein Foto der 16-jährigen Tochter in Dessous an die Sunday People, die Zeitung sucht das „Girl of the Year“. Ja, es gibt Mütter, die so etwas tun. Die Mutter von Brooke Shields, die zuließ, dass ihre Tochter mit zwölf eine Kinderprostituierte spielte. Die Mutter des Möchtegernmodels Samantha Geimer, die ihre Tochter mit 13 in die Villa von Jack Nicholson und damit in die Arme von Roman Polanski trieb. Mütter sind nicht besser als Väter.

Samantha Karen Patricia Fox aus London wird also Zweite unter 20.000 Mädchen, die Sun bietet ihr daraufhin sofort einen Vertrag für zwei Jahre an. Sie muss sich regelmäßig oben ohne zeigen und erhält dafür 2.000 Pfund die Woche. Ihr Vater macht sich zu ihrem Manager. Das ist 1982. Noch nie hat die Sun eine Jüngere gezeigt. Und auch nie mehr eine Erfolgreichere. Ihr Vertrag wird um zwei Jahre verlängert, dreimal hintereinander wird sie zum Page Three Girl des Jahres gewählt. Da ist sie noch keine 20 und hat sich selbst zum Riesengeschäft gemacht. Mit nichts als Äußerlichkeiten und einer einnehmenden Präsenz. A celebrity is born. Und das in Rekordzeit, wenn man bedenkt, dass dies noch das analoge Zeitalter war.

Doch eigentlich wollte Samantha Fox nie Toplessmodel, sondern immer Popstar werden. 1986 gelingt ihr tatsächlich ein Welthit, es ist der Soundtrack zu einer Erotikkarriere, Touch Me (I Want Your Body). Der Song ist kein Schrei nach Liebe, sondern nach Sex, und die BBC will das Video dazu nicht zeigen, weil Fox rückseitig einen Riss in ihrer Jeans hat, der als genauso schlimm eingestuft wird wie ein nackter Busen. Als genauso Boulevard wie die Fotos, mit denen sie bekannt wurde. Fox kennt die Klaviatur der sexuellen Symbolik nur zu genau.

In den 80er-Jahren gibt es in England nur Lady Diana, die öfter fotografiert wird. Freddie Mercury wird Fox’ bester Freund. Die beiden gehören zu Englands wilder Partyprominenz. Der Schnurrbart und die Föhnblondine. In den 90ern verklagt sie ihren Vater, der Geld von ihren Einkünften abgezweigt hat. Sie spricht Zeit seines Lebens nicht mehr mit ihm. Als er stirbt, schickt sie ihrer Schwester 80 Pfund für die Beerdigung. Fox ist radikal in ihren Zu- und Abneigungen. Und sie zieht sich wieder aus. Für die Sun, für den Playboy. Schließt sich einer Erweckungsbewegung an.

Ihre offiziellen Beziehungen sind der Gitarrist Paul Stanley von Kiss, der spanische Stierkämpfer Rafi Camino, der australische Betrüger Peter Foster, der auf drei Kontinenten gesucht wird und mit seinen Machenschaften auch Cherie Blair fast zu Fall bringt. Inoffiziell lebt Fox aber jahrelang mit Frauen zusammen, was sie nach außen verleugnet. Es passt nicht zu ihrem Image. Sie nimmt Drogen, trinkt und schaut sich Nacht für Nacht Videos ihrer alten Shows als Popstar an. Judy Garland stellt man sich so vor. Aber nicht eins der frischgesichtigen Page Three Girls.

Mehrere öffentliche Auftritte, zum Beispiel als Moderatorin, geraten wegen ihres unkontrollierten Alkoholkonsums zum Debakel. Die Zahl ihrer verkauften Alben korrigiert sie Jahr für Jahr nach oben: 1995 spricht sie von zehn Millionen Exemplaren, 1999 von 20 und 2003 von 30 Millionen. Von ihrem Vater hat sie zudem offenbar die Liebe zum Boxen geerbt. Sie verprügelt nun andere Frauen in Promifights. Und sie geht ins britische Dschungelcamp, wo sie die Zuschauer mit ihrer „fantastischen Figur“ begeistert. Angeblich hat sie noch nie eine Brustvergrößerung machen lassen.

Offen lesbisch

2003 ist das Jahr, in dem Samantha Fox ihre Vergangenheit als zweidimensionale Anlaufstelle für bedürftige Männer endgültig hinter sich lässt. Sie befreit sich von ihrem alten Image und bekennt sich vor der ganzen Welt zu ihrer Managerin und Partnerin Myra Stratton. Die beiden sind bis heute zusammen. „Die Leute sagen, ich bin lesbisch. Ich weiß nicht, was ich bin. Ich habe schon früher mit Frauen geschlafen, aber ich war in keine verliebt, vor Myra Stratton. Ich liebe sie vollkommen und will den Rest meines Lebens mit ihr verbringen.“

2009 reden die beiden öffentlich vom Heiraten, zuerst auf Hawaii, dann in Sibirien: „Wir wollen Huskies und Rentiere, und Lemmy von Motörhead wird mein Trauzeuge“, sagt Fox damals. Bisher haben die beiden ihren Traum allerdings höchstens heimlich verwirklicht. 2011 dreht Fox mit dem Schauspieler Ian McKellen einen Werbefilm gegen die Diskriminierung von Trans- und Homosexuellen. Ihr Engagement kennt keine Grenzen mehr. Sie zeigt sich bei jedem Christopher Street Day zwischen London, Paris und Zürich und wird von der Lesbian-Gay-Bisexual-Trans-Community gefeiert, als gäbe es ohne sie kein Morgen. Bei ihren Auftritten küsst sie fröhlich Frauen.

Es ist, als wäre Samantha Fox von der Bühne ihrer eigenen Unzufriedenheit und Verunsicherung gesprungen und dankbar aufgefangen worden von den Abertausenden, auf deren Seite sie nun steht. It’s love. Sie hat noch immer schöne Brüste, doch sie selbst ist jetzt das Wunder.

Simone Meier ist Kulturredakteurin beim Schweizer Newsportal watson.ch

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