Ludwig Watzal
08.10.2004 | 00:00

Das männliche Auge als Spiegel

Rollenprobleme Die weibliche Stimme widerspricht immer häufiger in der islamischen Welt

Die arabische Welt wird im Westen vielfach nur klischeehaft wahrgenommen. Zu diesem Image haben zu einem wesentlichen Teil Abenteurer, Schriftsteller, Politiker, aber auch Islamwissenschaftler beigetragen. Der renommierte Literaturwissenschaftler Edward Said hat für dieses Zerrbild den Begriff "Orientalismus" geprägt. An diesem vom Westen geschaffenen Klischee haben aber auch einige arabische Staaten kräftig mitgewirkt, meistens im vorurteilsbestätigenden Sinne. Keinem arabischen Land ist es gelungen, die Kluft zwischen Tradition und Moderne intellektuell zu überbrücken. Die zur Schau gestellte Modernität in Form westlicher Technik hat sich als dünner Firnis und Torso erwiesen. Die Verwestlichung entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Rechtfertigung für die Aufrechterhaltung überkommener traditionell-reaktionärer, männlich-kontrollierter Machtstrukturen. Sie manifestieren sich oft am Thema der Sexualität, mit der Gewalt und Unterdrückung von Frauen ausgeübt wird. Durch diese repressive Ordnung, die islamischen Vorschriften, das Rechtssystem der Scharia, aber auch durch die Tradition werden Frauen an ihrer Emanzipation gehindert.

Der Syrer Suleman Taufiq, freier Schriftsteller und Publizist, hat in seiner Anthologie berühmten und weniger bekannten arabischen Schriftstellerinnen ein Forum geboten, in dem sie ihre persönlichen und politischen Probleme darstellen und aufarbeiten konnten. Noch vor einigen Jahrzehnten hatten die Frauen in der arabischen Welt keinerlei Rechte, folglich gab es kaum schriftstellerische Äußerungen von Frauen. Heute haben sie wenigstens eine Stimme.

Die meisten Beiträge kreisen um die gesellschaftliche und familiäre Stellung von Frauen, ihre Gefühle und Sehnsüchte in einer repressiven, männerzentrierten Welt. Die Beschreibung intimer, persönlicher Ereignisse konnte sich nur im Rahmen der feministischen Literatur peu à peu durchsetzen. Auf diese Aktivitäten reagierten die Männer mit Ignoranz, Verachtung oder manchmal sogar mit Intrige. So gehört die syrische Schriftstellerin Ghada Samman zu den ersten, welche die Sexualität und die Stellung der Frau in der arabischen Welt problematisiert hat. Sie zeigt diese Zwiespältigkeit durch die Darstellung der Rolle von westlichen wie arabischen Männern. In einem Zwiegespräch zwischen Jacques und Aiousch stellt sich dieser als traditioneller Macho dar, dem die Selbstständigkeit seiner Ehefrau, die eine Firma leitet, Angst macht. Er wünscht sich eine "Orientalin", für die Liebe geboren, und aus den "Zelten von Tausendundeiner Nacht" kommend. Sie entgegnet ihm, sie wolle Chefredakteurin einer Zeitschrift werden und hasse Männer "in der alten Bedeutung des Wortes". Ebenso bedroht fühlt sich ihr Freund und "Kollege". Er erreicht durch eine perfide Intrige, dass sie ihren Job als Redakteurin verliert. Parallel dazu tauscht er sie gegen eine pflegeleichtere, weniger bedrohliche Partnerin aus - Nadia, ihre Freundin und Kollegin.

Das Problem der arabischen Frauen beginnt eigentlich schon mit ihrer Geburt. Als Mädchen sind sie unerwünscht und werden sofort in eine Rolle sozialisiert, in der sie ihre männlichen Pendants achten und fürchten lernen. Die meisten Frauen werden von den Oberhäuptern ihrer Familien verheiratet - ihre Meinung ist dabei nicht gefragt. Sie müssen natürlich jungfräulich und dem Mann sexuell gefügig sein. Die Hochzeitsnacht kommt einer Vergewaltigung gleich, und dies ist sowohl juristisch als auch gesellschaftlich legitimiert. Von der Gesellschaft anerkannt wird die Frau in der islamischen Welt nur dann, wenn sie schüchtern und zurückhaltend auftritt. Geradezu tödlich kann es für eine Frau enden, wenn sie außerhalb der Institution Ehe eine Beziehung zu einem Mann unterhält. Der Mord zur Rettung der Sippenehre ist immer noch üblich und wird, wenn überhaupt, nur milde bestraft.

Diese traditionellen und muslimischen Konventionen tragen dazu bei, dass der Körper der Frau in der Öffentlichkeit in den Nimbus der Unberührbarkeit, ja der "Heiligkeit" gerät - seine Berührung ist tabu. Erotik ist immer an Intimität gebunden. Dies geht männlicherseits natürlich mit einer großen Portion Doppelmoral einher. Diese drückt sich in der Behandlung von "muslimischen" und "westlichen" Frauen aus. So gibt es fast keine öffentliche Belästigung von muslimischen Frauen - ausgenommen sind westliche Touristinnen. Das Image, das ihnen vorauseilt - ob zu Recht oder zu Unrecht -, sollte vielleicht Anlass sein, einige touristische Verhaltensweisen zu überdenken. Aber auch die arabischen Männer müssen Abschied vom Klischee der westlichen Frau als "Freiwild" nehmen.

So schildert die Ägypterin Alifa Rifaat die Zerrissenheit einer Frau, die gegen ihren Willen verheiratet wurde und mit ihren geheimen Sehnsüchten und Gefühlen zu ihrem eigentlichen Wunschpartner alleine fertig werden muss; bei einem späteren Wiedersehen verhält sich ihre heimliche Liebe sehr einfühlsam. Dass sie ihre Werke erst nach dem Tod des Ehemannes, eines Polizeioffiziers, 1999 veröffentlichen konnte, zeigt die repressive Mentalität arabischer Familienstrukturen.

Das traditionelle Erscheinungsbild der arabischen Frau wird von der Libanesin Hanan al-Shaykh in Frage gestellt. Sie zeigt den Widerspruch zwischen Konvention und Wunsch und dessen irritierende Wirkung auf die arabische Männerwelt auf. Gleichzeitig wird dem westlichen Schönheitsideal die Schattenseite vor Augen geführt. Dünn zu sein gilt in der arabischen Welt als krank und psychisch schwach. Diese "Krankheit" geht mit Blässe und Schwäche einher: Die Audrey-Hepburn-Nachahmung der Autorin erregte nicht nur Aufsehen, sondern machte den Männern auch Angst. Sie wurde abgelehnt und schief angesehen. "Hügel und Berge von Fleisch" gelten noch immer als erstrebenswertes Ideal arabischer Frauen. "Denn diese Frauen halten sich an die Regel, die besagt, dass das männliche Auge der einzige Spiegel ist, in dem sie ihr wahres Bild sehen können". Aber hat nicht auch das westliche Schönheitsideal zu Erscheinungen wie Anorexie und Bulimie geführt, fragt die Autorin? Auf der anderen Seite hängen die arabischen Männer just dem westlich-männlichen Schönheitsideal an.

Verwunderlich ist, dass in keinem der Beiträge eine Kritik der islamischen Glaubenslehre geübt wird. Ist doch seit Ludwig Feuerbach bekannt, das jedwede Gesellschaftskritik mit der Kritik der Religion zu beginnen habe. Wie gefährlich eine solche Religionskritik sein kann, haben die Fatwas gegen Schriftsteller und Wissenschaftler in der jüngsten Vergangenheit gezeigt. Den Schriftstellerinnen kann also kein Vorwurf gemacht werden.

Diese Anthologie ist deshalb besonders wertvoll, weil sie einen kleinen Beitrag zur Emanzipation der arabischen Frauen leisten kann und deutlich macht, dass sie sich gegen sexuelle Gewalt und Unterdrückung erheben und für ihre Selbstbestimmung eintreten wollen.

Suleman Taufiq (Hrsg.): Frauen in der arabischen Welt. Erzählungen, dtv, München 2004, 217 S., 9 EUR