Das Prinzip der geschlossenen Türen

Spitzbogen In seinem großartigen Roman "Die Schönheitslinie" entdeckt Alan Hollinghurst den Grafiker William Hogarth neu

"Von einem Scheiß-arraba im Boule geschlagen". Gerald Fedden ist außer sich. Zwar hat er nur eine kleine Niederlage beim Boule-Spiel erlitten. Noch dazu im Urlaub in Südfrankreich. Doch dass ihn ausgerechnet ein arabischstämmiger junger Mann namens Wani Ouradi beim Wettkampf geschlagen hat, hat das Selbstwertgefühl des britischen Großbürgers empfindlich angekratzt. Wenn die Nachwuchshoffnung der englischen Tories, früh zum Staatssekretär im Innenministerium aufgestiegen, zu diesem Zeitpunkt schon gewusst hätte, dass der schwerreiche Sohn libanesischer Immigranten auch praktizierender Homosexueller wäre, seine robuste Contenance wäre wahrscheinlich endgültig ins Rutschen geraten. So ertränkt er seinen Ärger nur in einer Flasche teuren Bourdeaux.

Wer angesichts der jüngsten Diskussion um eine neue Bürgerlichkeit schon ins Schwärmen für die Wiederauferstehung einer längst im Off von Posthistoire und Globalisierung gewähnten Gesellschaftsschicht geraten ist - in Alan Hollinghursts Roman Die Schönheitslinie wird er noch einmal mit der Nase auf die Schattenseiten des Bürgertums gestoßen: Unter der Samtmaske der Liberalität verbirgt sich ein Stahlgerüst aus Ressentiment und Abwehr. Als die scheinbar großzügige und tolerante Familie Fedden wegen eines Sex-Skandals ihres Oberhauptes plötzlich in der Öffentlichkeit unter Druck gerät, spürt der junge Nicholas Guest, schwuler Freund ihres Sohnes Toby aus gemeinsamen Studententagen in Oxford, plötzlich den unsichtbaren inneren Kern seines zeitweiligen Zuhauses: "Ein Gefüge aus Befehl und Gehorsam, lange Zeit in Samt gehüllt und verstaut, kam in Sekundenschnelle wieder zum Vorschein."

Zugegeben - bei dem bürgerlichen Milieu, das der 1954 geborene Hollinghurst in seinem dritten Roman beschreibt, handelt es sich um den Spezialfall der britischen Bourgeoisie, einer besonders veränderungsresistenten Form der europäischen Klassengesellschaft. Noch dazu spielt der Roman in den achtziger Jahren. Die Handlung liegt also rund 20 Jahre zurück. Doch gedieh nicht schon unter dem Schatten "der Lady", der über diesen Jahren liegt und der auch durch dieses Buch geistert, ein ganz anderes Bürgertum als das Kontinentalklischee von der gerontokratischen upper class mit stiff lip? Höchstens Lady Partridge, Gerald Feddens Mutter, könnte man noch zu dieser Spezies rechnen - ein Schlachtross der klassenbewussten Bürgerlichkeit. Durch Nobodys wie den Hausfreund Nick, der so verblüffend dem opportunistisch begabten Tennislehrer Chris Wilton in Woody Allens jüngstem Film Match Point ähnelt, sieht sie immer nur mit frostiger Freundlichkeit hindurch. Das Landhaus aus dem 16. Jahrhundert, das ihr Sohn neben seinem Stadtsitz im vornehmen Notting Hill bewohnt, ist nur noch eine historische Kulisse für das ignorante Erwerbsbürgertum, das die zehnjährige Regentschaft der Krämerstochter Margaret Thatcher stützte. Daran kann auch die Ehe mit der jüdischen Bankierstochter Rachel nichts ändern.

Hollinghursts Buch ist keineswegs die "Chronik" des Thatcher-Zeitalters, als das es jetzt überall gepriesen wird. Der Wahlsieg der legendären Premierministerin kommt nur als Schlagzeile vor. Auch nach dem Bergarbeiterstreik, Thatchers umstrittener "Poll-Tax" oder dem Falkland-Krieg sucht man in diesem Buch vergebens. Wie im Gesellschaftsroman üblich, entwickelt Hollinghurst das Bild einer Epoche nicht durch die Schilderung der politischen Machtverhältnisse, sondern immanent, durch das Erzählte: Wie sich das bürgerliche Bewusstsein unter der "Eisernen Lady" formiert, lässt sich bei Hollinghurst daran ablesen, dass die Damen des konservativen Establishments plötzlich alle in demselben, "premierministerinverdächtigen" hellblauen Kostüm auftauchen wie ihr großes Vorbild. Und der latente Rassismus der jovial herrschenden Klasse bricht sich in scheinbar unachtsam dahin geworfenen Nebenbemerkungen wie "schwarzes Kerlchen" für einen von Nicks früheren Liebhabern Bahn.

Mitten in diesen großbürgerlichen Mainstream sieht sich über Nacht der kleinbürgerliche Nick versetzt. Vom unbedarften Studenten aus beschränkten Verhältnissen verwandelt er sich allmählich zu einem postmodernen Yuppie. Zu Beginn des Romans bricht der gebildete junge Anglist, der über Henry James promovieren will, noch mit pochendem Herzen zu seinem ersten Date in der Großstadt auf: nachts in den Kensington Park Gardens, hinter der Stadtvilla der Feddens. Zwei Jahre später lässt er die Gespielen für sich und seinen heimlichen Liebhaber Wani, einen sexbesessenen Banausen mit reichem Vater, in dessen "neoneogeorgianisches" Stadthaus kommen. Dort vergnügt man sich dann bei Champagner und Pornos. In der Öffentlichkeit halten die beiden ihre Liebschaft aber genauso geheim wie im gemeinsamen Urlaub mit den Feddens.

Homophobe Spießer werden sich an den ziemlich expliziten Sexszenen stören, die das fast altmeisterlich gezeichnete Sittenbild mit seinen tausend Verästelungen und Nuancen wie ein lüstern blinkender Neonstreifen durchziehen. Doch sie geben den nötigen Kontrast zu der bürgerlichen Kulisse ab. Der verpönte Sexus hat sich im holzgetäfelten Traditionsgehäuse der "Heteromeute" eingenistet. Während im Salon die staatstragende Gesellschaft mit der Premierministerin feiert, geht es in Nicks Badezimmer einen Stock höher mit dem Kellner Tristão zur Sache.

Das geht so lange gut, bis die Presse Wind von diesen und allerlei weiteren kompromittierenden Leidenschaften hinter der noblen Fassade bekommt. Auch die bürgerliche Erotik hat ihren doppelten Boden. Dann wird aus der "Politik der offenen Türen", deren sich die Feddens immer rühmen, über Nacht eine Politik der Ausgrenzung. Alle soziale Mimikry, das sonst bewunderte, gebildete Auftreten und seine stetig perfektionierte Kunst der kalkulierten Schmeichelei nützen Nick nichts. "Miese kleine Schwuchtel", schleudert ihm ein Parteifreund Feddens auf dem Höhepunkt des Skandals entgegen. Wenn es eng wird, entledigt sich das Bürgertum seines schmückenden Beiwerks - der Ästhet der Familie muss gehen. Am Horizont dämmert eine Krankheit namens AIDS auf. Die achtziger Jahre sind zu Ende.

Wie subtil und komplex er die camouflierten Begierden, die Kraftfelder aus Anziehung und Abstoßung, aus Sex und Liebe darzustellen vermag, hatte Hollighurst schon mit seinen - nicht nur in interessierten Kreisen legendären - Romanen Die Schwimmbad-Bibliothek (1993) und Die Verzauberten (1999) bewiesen. Bewegten sich diese beiden Bücher jedoch ausschließlich im schwulen Milieu, ist er diesmal über die Grenzen seiner eigenen Neigung hinausgewachsen. In Die Schönheitslinie beweist Hollinghurst, viele Jahre Leiter des Times Literary Supplement, endgültig, dass er weit mehr ist als ein begabter Nischenautor. Psychologie und Typologie der Gäste des "heterosexuellen Schnellzugs" gelingen ihm genauso raffiniert und facettenreich wie die der Reisenden des Sonderzugs nach Priapien. Und jede der Figuren weiß Hollinghursts allwissender Erzähler mit einem Hauch undurchdringlicher Ambivalenz zu umgeben.

Die Schönheitslinie ist aber auch ein aufregendes Beispiel dafür, wie man Politik und Ästhetik kongenial kombinieren kann. Denn Hollinghurst verbindet einen hierzulande unerreichten sozialen, politischen und psychologischen Scharfsinn mit einem fast dekadenten Interesse an formaler Schönheit. Der Titel seines Buches knüpft an eine Formel des englischen Malers und Grafikers William Hogarth an, einem der frühen Wegbereiter der Comics. Hollinghursts Die Schönheitslinie, im englischen Original The Line of Beauty, variiert Hogarths Hauptwerk The Analysis of Beauty von 1753. Hogarth geißelte mit seinen Bilderzyklen zu Prostituierten oder sozial Gestrauchelten wie Alkoholikern die bürgerliche Gesellschaft des 18. Jahrhunderts mit schneidender Ironie und moralischer Kritik.

Hollinghurst erreicht sein Ziel mit einer nicht enden wollenden Empathie für alle, ausnahmslos alle Protagonisten seines Romans und einem - typisch schwulen - Bekenntnis zum Stil. Leitete Hogarth - gegen den Akademismus seiner Zeit - Schönheit noch realistisch, also von der direkten Beobachtung der Natur ab, definiert Nick sie nur noch als "reinen Ausdruck". "Es bedurfte längst einer neuen Analyse der Schönheit", lässt Hollinghurst ihn einmal nach dem Sex mit Wani sinnieren. Für ihn ist die gekrümmte Rückenlinie seines Liebhabers die Verkörperung der elegant geschwungenen Schlangen-Linie, die Hogarth seinem Standardwerk auf einer Radierung metaphernhaft vorangestellt hatte.

Folglich soll auch das Kunstmagazin, das die beiden nouveaux riches herausgeben wollen, Ogive heißen - wie der aus sich überschneidenden Rippen gebildete Spitzbogen. Mit diesem Symbol einer dekorativen Ästhetik gelingt Hollinghurst ein überzeugendes Bild für die gegenläufigen Tendenzen der englischen Klassengesellschaft: Zwei gegeneinander geschlagene Kurven ergeben das Bild einer spannungsgeladenen Schönheit. Hollinghursts überragendes, 2004 zu Recht mit dem Booker-Prize ausgezeichnetes Werk, macht so süchtig wie der Koks, dem seine beiden Hauptprotagonisten immer mehr verfallen.

Das ist erstaunlich. Ein Projekt der zeitgenössischen politischen Ästhetik um das andere scheitert an der dürftigen Gesellschaftsanalyse oder den unzulänglichen Darstellungsmitteln. Und plötzlich läuft der gute alte (Gesellschafts-)Roman zu einer neuen, atemberaubenden Höchstform auf. Aber vielleicht ist das ja einer der wenigen Hoffnungsschimmer eines neuen bürgerlichen Zeitalters: Dass man seine ästhetischen Formen nutzen kann, um ihm das einzuschreiben, dessen es sich zu entledigen trachtet. Ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit, der womöglich nur noch der Kunst gelingt.

Alan Hollinghurst: Die Schönheitslinie. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Stegers. Blessing, München 2005, 572 S., 22,90 EUR


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00:00 13.01.2006

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