Das Provisorium

Westberlin Versuch über die Haltbarkeit unhaltbarer Zustände

Es gab einen Gedanken, der mich all die Westberliner Jahre hindurch begleitete. Gleich in den ersten Tagen hier hatte er mich in Form einer schlagartigen Erkenntnis überfallen und bis zum Fall der Mauer konnte ich nicht genau bestimmen, ob er eher eine Hoffnung oder eine Befürchtung ausdrückte. Es war auf dem Weg zu Freunden in den Norden der Stadt; ich fuhr zum ersten Mal mit der S-Bahn. Der Anblick der brach liegenden Bahnsteige am Anhalter Bahnhof, der letzten Station im Westen, hatte mich bereits in leichte Gruselstimmung versetzt. Als der Zug dann mit gedrosseltem Tempo die Geisterbahnhöfe unter dem Territorium der DDR, genauer gesagt Berlin-Mitte passierte, als ich im Halbdunkel die vom Staub der Jahrzehnte bedeckten Schilder in altmodischer Schrift ausmachte, »Potsdamer Platz«, »Unter den Linden«, und angestrengt versuchte, einen Blick auf die Details zu erhaschen, auf die Uhren, die gekachelten Wände, die übriggebliebenen Utensilien, kurz, auf das ganze Ensemble des dunklen Bahnsteigs, den man anscheinend in aller Eile verlassen und dann nie wieder betreten hatte - aber stand da nicht jemand in Uniform in einer Ecke? - da war er dann auf einmal da, der Gedanke: Das konnte doch nicht so bleiben, das war ja bloß ein Provisorium!

Kaum jemand, der schon länger in West-Berlin gelebt hatte, konnte meine Aufregung über die abgesperrten S- und U-Bahnhöfe, die der westliche Personennahverkehr auf seinen Nord-Süd-Verbindungen wie selbstverständlich passierte, noch richtig nachvollziehen. Bald hatte auch ich begriffen, woran das lag. An nichts gewöhnt man sich so schnell wie an das Provisorium, gerade weil man sich ja nur auf Zeit darin einrichten muss, ist es so leicht, die störenden Momente auszublenden. Von dieser Doppelstrategie des Einrichtens und Ausblendens war der ganze Westberliner Alltag bestimmt; ihr verdankte er seine spezifische Gemütlichkeit, die bekanntlich dann entsteht, nimmt man das Hässliche für das Bequeme in Kauf. Dass hier anstelle des »Eigentlichen« irgendein Ersatz-Zustand herrschte, konnte man sich sogar von amtlicher Seite bestätigen lassen - was ich lange lediglich für eine Redewendung gehalten hatte, fand sich schwarz auf weiß in meinen Papieren: Bei der Ummeldung bekam ich einen »behelfsmäßigen Personalausweis«.

So war das mit vielen Dingen in Westberlin: An die Stelle der »richtigen« Benennungen und Vorgänge waren Spitznamen und Übergangshandlungen getreten. Die Stadthälfte verfügte über ein symbolisches Raum-Zeit-Gefüge, das sich über die realen Dimensionen geschoben hatte: Ringsum in allen Himmelsrichtungen lag der Osten, jenseits davon »Westdeutschland«, stark auf der ersten Silbe betont. Wer das hörte, begriff schnell, dass »Westdeutschland« für den Westberliner so etwas wie »The continent« für den Briten sein musste. Egal was man über dieses Gebilde sagte, es schwang leise Herablassung mit. In der Tat hatte das Lebensgefühl in Berlin (West) etwas von der Freude über die »splendid isolation«. Die Mauer war von hier aus gesehen auch ein Schutzwall, aber nicht vor Faschismus oder Sozialismus, sondern vor dem Leben »draußen». Es gab auffallend viele, die geflohen waren: vor dem Wehrdienst, vor den Ansprüchen der Eltern, vor erlebten Vergangenheiten oder einer geplanten Zukunft. Einmal heimisch geworden auf der Insel, konnte man der typisch westdeutschen Frage »Fühlst du dich in Berlin denn nicht eingesperrt?» nur noch mit verständnislosem Kopfschütteln begegnen; es war nämlich eher das Gegenteil.

So war hier nicht nur das Sichtbare Bezugspunkt, sondern vor allem das Unsichtbare, hinter den Dingen und Orten liegende. Oder auch in der Vergangenheit: Es zog mich fast magisch hin zu den Stellen und Plätzen, denen man die lebendige Geschichte gar nicht mehr ansah, die vollkommen leer waren, die kein Bebauungsplan wieder aufgeforstet hatte und die sozusagen den reinen Geist der Stadt verkörperten. Der Potsdamer Platz war so ein Ort, oberflächlich gesehen ein bloßes Stück Sandwüste, über die Wim Wenders im Himmel über Berlin den Schauspieler Curt Bois stolpern ließ, der ratlos vor sich hin murmelte: »Hier muss er doch irgendwo sein, der Potsdamer Platz.« Er war nicht wiederzuerkennen, aber in einer Ecke gab es den Krempelmarkt, wo an Wühltischen Secondhand-Kleider verkauft wurden und man für zwei Mark so ziemlich alles bekam, was man in der Kleingeld-Ökonomie Westberlins brauchte. Dass sich unweit davon heute die »Arkaden» befinden, bezeugt vielleicht, dass der Platz seinem »Handelsgeist« treu blieb, könnte aber kaum augenfälliger veranschaulichen, wie inzwischen die seelenvollen Provisorien durch ausstrahlungsarme, wenn auch »richtige« Gebäude ersetzt wurden.

Die symbolische Topographie Berlins mit ihren Leerstellen und Projektionen war auch ein Schauplatz des Kalten Krieges, ausgetragen wurde er hier nicht zuletzt auf Straßenschildern. So gab es im Westen nur Hinweise in Richtung »Berlin«, lediglich wo es unbedingt nötig war, wurde ein (West) hinzugesetzt. Da die Gegenseite ähnlich verfuhr, musste man, um zu verstehen, wohin die Schilder führten, immer schon wissen, wo man sich gerade befand. Auf diese Schwierigkeit war ich von meinem großen Bruder vorbereitet worden, der in den späten sechziger Jahren auf dem Weg nach Berlin den Schildern gefolgt und in Pankow herausgekommen war. Solche Verwechslungen waren zwar nach dem Ausbau der Transitstrecken seltener geworden, trotzdem konkurrierten die Straßenschilder weiter darum, auf welcher Seite denn nun das »richtige« Berlin lag und wurde mit dem Suffix West oder Ost der jeweilige Feind gedemütigt.

Mitten in Schöneberg wies ein Schild nach Berlin-Mitte, die Potsdamer Straße hinauf direkt zur Mauer, wo es keinen Grenzübergang gab, vielleicht aus Nostalgie-Gründen? An einem Bahnübergang in meiner Nachbarschaft hing eine Werbung für den »Internationalen Flughafen Schönefeld« (das Gleisgelände gehört zum Osten, lernte ich daraus), und gleich daneben war eigens ein Schild aufgestellt worden, das für den »Flughafen Tegel - ein freies Tor zur freien Welt« warb. Bevor ich das lang gehegte Vorhaben umsetzen konnte, diese markante Stelle zu fotografieren, hatte sich dann doch auf einmal ereignet, was mir von Anfang an so zwingend erschienen war, und was doch gestern noch weit in der Zukunft gelegen hatte: Das Provisorium und mit ihm die Systemkonkurrenz hatte sich aufgelöst, beide Schilder waren in brüderlicher Einigkeit abmontiert worden.

Womit ich beim speziellen Zeitgefühl Westberlins angekommen wäre. Zugrunde lag der dialektische Zwiespalt jedes Notbehelfs: Nichts hält so lange wie das Provisorium, aber keines hält ewig. Vor allem für Studenten besaß dieses Lebensgefühl in der andauernden Kurzfristigkeit eine besondere Affinität. Wer langfristig dachte, Karriere machen wollte, der studierte an anderen Universitäten. In Berlin saßen die Selbstverwirklicher und Augenblicksjäger, für die das Leben jetzt und nicht später Sinn machen sollte, weshalb sie viel Zeit mitbrachten, um über das Wie und Was des Moments zu diskutieren.

Diese eigenartige Mischung aus Verlangsamung und Beschleunigung - denn zugleich trug man hier den Anspruch vor sich her, Avantgarde zu sein - sorgte in den achtziger Jahren für die Hochzeit der Alternativbewegung mit ihrem »Utopie jetzt!«-Begehren. Westberlin wurde zur Hauptstadt der »Projekte«, und damals verstand man darunter keinesfalls Immobilengeschäfte. Der erste Reiseführer, den ich mir kaufte, hieß bezeichnenderweise Handbuch Berlin, betonte im Layout das Handgemachte durch Schreibmaschinen-Typographie und war eben »alternativ«, will heißen, hier wurden keine Sehenswürdigkeiten für flanierende Touristen beschrieben, sondern lebenspraktische Hinweise auch zur ideologischen Orientierung gegeben. Von Vernetzung, kollektivem Wirtschaften, von den Vorzügen des Einheitslohns und der dezentralen Strukturen war da viel die Rede. Der Fall der Mauer hat es als traurige Wahrheit ans Licht gebracht: all das konnte in Westberlin nur deshalb so den Ton bestimmen, weil es eben keine Hauptstadt mehr war, weil keine Macht und kein Geld mehr hier saßen, weil Westberlin letztlich reduziert war auf den symbolischen Ort der »Frontstadt«. Schließlich bekam man dafür, dass man es hier aushielt, eine Zulage von stattlichen acht Prozent.

Das wäre das Stichwort, um all den Vergünstigungen nachzutrauern, den billigen Telefontarifen in den Westen und dass man für eine Einheit beliebig lange sprechen konnte und was es dergleichen noch gab. Aber in Wahrheit ist die Trauer gar nicht so groß, was nicht zuletzt daran liegt, dass es selbst dem eingefleischtesten Westberliner schwer fällt, Bedauern über den Fall der Mauer zu empfinden. Ich merkte jedenfalls, als sie geöffnet wurde, dass ich mich ganz und gar nicht an sie gewöhnt hatte, ich hatte sie lediglich ausgeblendet, mit freundlichen Phantasien überzogen, so wie ihre bunte Bemalung auf der Westseite ja auch nie ihre Brutalität ganz verdecken konnte. »Das Chaos ist vorbei. Es war die schönste Zeit«, heißt es am Ende von Brechts Im Dickicht der Städte. In diesem Sinne habe ich manchmal Sehnsucht nach dem dauerhaft frei schwebenden Zustand des Provisoriums. Mehr nicht.

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00:00 03.08.2001

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