Das Recht des Stärkeren

QUÄLENDE FAMILIENBANDE Jeanne Willis erzählt, wie ein kleiner magerer Fratz sein Schicksal selbst in die Hand nimmt

Ich weiß nicht, ob ich meinen Vater umgebracht hab oder nicht. Ich bin nicht sicher, ob eine 22er einen Mann töten kann. Für ein Eichhörnchen reicht eine, das weiß ich, und ich hab die ganze Dose genommen. Lärm genug hat er gemacht, als ich gegangen bin." Mit diesen Sätzen beginnt Jeanne Willis´ atemberaubender Jugendroman Rückkehr nach Southend, den man nach diesem Einstieg nicht mehr aus der Hand legen kann. Das verdankt sich vor allem der virtuos aufgebauten Handlung und der lebendigen Sprache des Ich-Erzählers Mick.

"Ich hab nie irgendwas gewusst." Diese rückblickend gewonnene Selbsterkenntnis könnte exemplarisch für Micks gesamte Kindheit stehen. Seine Mutter präsentiert ihm einen Mann, von dem er glaubt, dass der sein Vater ist. Niemand widerspricht. Schattenhafte Erinnerungen lassen ihn annehmen, dass die Mutter die kleine Schwester im Krieg dem Lumpensammler verkauft hat, weil sie sie nicht ernähren konnte. Jeder schweigt - obwohl der Kleine durch die Alpträume zum Bettnässer wird.

Die Erwachsenen erlebt Mick in der von spießiger Enge geprägten Nachkriegszeit der frühen fünfziger Jahre als eigensüchtige und selbstgerechte Kreaturen, die Kinder bekommen oder wegschieben, ganz wie es ihnen passt, die Kinder nicht ernst nehmen und sie der Wahrheit für unwürdig halten. Dabei hofft Mick unermüdlich auf Geborgenheit: bei der Mutter, die die Männer wechselt wie die Unterwäsche; beim angeblichen Vater, der ihn schlägt, und beim echten, einem verkappten Homosexuellen, der den heranwachsenden Sohn missbraucht. Bei der beinharten Großmutter lernt Mick wenigstens ein ordentliches Zuhause und einen geregelten Alltag kennen, doch Wärme und Freundlichkeit sucht er auch hier vergebens.

So ist es kein Wunder, dass er die Welt schließlich als Kriegsschauplatz erlebt, in der das Recht des Stärkeren gilt. Aus dem kleinen, schmächtigen Jungen wird ein Kämpfer, der zwar einerseits die Hilflosen und Schwächeren verteidigt, aber auch die Angst, die die vermeintlich Mutigen vor ihm empfinden, ebenso rückhaltlos genießt wie das Gefühl der eigenen Macht.

Der Stil des Romans verlangt Aufmerksamkeit: Die Autorin wechselt häufig die Zeitebenen und verknüpft so Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Realität ihrer Hauptfigur. Dabei bedient sie sich einer Sprache, die Szenen und Charaktere lebendig werden lässt, die Mitgefühl für den gebeutelten Protagonisten einfordert. Nicht ohne Humor und mit vielen überraschenden Episoden und Szenen reißt der Text die LeserInnen zu einer Berg- und Talfahrt der Gefühle mit. Dieser Mick, der anfangs so kleine, magere Fratz, nimmt sein Schicksal schließlich selbst in die Hand und sagt sich los von den Schatten seiner Vergangenheit, von den bedrückenden und quälenden Familienbanden. Der Schluss des Romans überrascht und schockiert und verweist auf den Anfang: In Micks Leben hat sich ein Kreis geschlossen. Ein Abschnitt ist beendet. Ein neues Leben beginnt.

Jeanne Willis: Rückkehr nach Southend. Aus dem Englischen von Catrin Fischer. Verlag Erika Klopp, Hamburg 2001, 358 S., 34,- DM (ab 13)

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00:00 07.12.2001

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