Das Skalpell des Chirurgen

Menschheitsmärchen Vor einhundert Jahren starb Emile Zola

Mit dem Roman Der Totschläger (L´assommoir), der 1876 als Fortsetzungsroman und ein Jahr später als Buch erschien, gelang Emile Zola mehr als ein literarischer Durchbruch. Es war eine Sensation: in den vier Jahren bis 1881 wurden 91.000 Exemplare verkauft. Der Titel verspricht nichts Falsches. Der Roman ist ein wüstes Melodrama über das Elend, die Gewalt, den Alkohol, den Hunger und die Prostitution. Zola verteidigte sich energisch gegen die Vorwürfe, die einfachen Leute bloßzustellen. "Meine Gestalten sind nicht schlecht, sie sind nur unwissend und durch die Umwelt, die schwere Arbeit und ihr elendes Leben verdorben." Er bezeichnete seine typisierten Figuren und schroffen Charaktere als "in Aktion befindliche Moral", die er als Produkt herrschender unmoralischer Zustände verstand.

Geboren wurde Zola am 2. April 1840 in Paris, wuchs jedoch in Aix en Provence auf. Als Emile Zola sieben Jahre alt war, starb der Vater hoch verschuldet. Die Mutter zog mit dem Sohn nach Paris und schlug sich als Schneiderin und Putzfrau durch. Der junge Zola arbeitete zunächst als Schreiber bei der Zollbehörde, dann als Lagerarbeiter im berühmten Verlag Hachette. Hier stieg er auf zum Werbetexter und begann, nebenher eigene Texte zu schreiben. Sein erster eigenständiger Roman - Thérèse Raquin (1867) - wurde zum Skandal, weil die Dreiecksgeschichte drastisch vorführt, wie eine Liebesheirat durch einen Mord zustande kommt. 1870 schloss der mit dem Verlagsgeschäft vertraute Zola einen Vertrag mit seinem Verleger, der ihn gegen einen Vorschuss von 36.000 Francs verpflichtete, in sechs Jahren zwölf Romane abzuliefern. Der ungeheuer disziplinierte Arbeiter Zola schaffte in 22 Jahren 20 Romane und machte sich und seinen Verleger reich mit dem riesigen Romanzyklus Die Rougon-Macquart (1871-93).

Zola selbst verstand seinen drastischen, oft ans Makabre grenzenden Realismus als Naturalismus, den er "als analytische und experimentelle Methode" oder als "moderne Forschung" begriff, die sich auf "Tatsachen und menschliche Schicksale stützt." Diese Definition führte quer durch das politische Spektrum nur zu Missverständnissen. Von konservativer Seite warf man ihm vor, sich nur im Elend der Elenden zu suhlen, und linke Autoren von Friedrich Engels über Bert Brecht bis zu Georg Lukács betrachteten ihn als einen naiven Tor, der die Symptome, aber nicht die tieferliegenden Ursachen des gesellschaftlichen Elends darstelle. Zolas Naturalismus war kein literarisches, sondern ein gesellschaftspolitisches Kampfprogramm. Den Romanzyklus verstand er als "Gemälde einer toten Herrschaft, einer seltsamen Epoche von Wahnsinn und Schande", mit dem er "den Marsch der niederen Klassen durch den Sozialkörper" schildern wollte. Er verglich sein Schreiben gerne mit dem Skalpell des Chirurgen. Methodisch bediente er sich eines Mittels, das Heinrich Mann - sein großer Bewunderer und Erbe - später so beschrieben hat: "Die großen Romane sind immer und ausnahmslos übersteigert gewesen - weit hinausgetrieben über die Maße und Gesetze der Wirklichkeit ... Die Verfasser der großen Romane haben alle empfunden: Wahrscheinlichkeit und Echtheit hin oder her! Wichtig ist allein, ... daß die Seele der Menschen und ihrer Gesellschaft in meinen Romanen nackt und bloß handelt und dasteht."

In seiner intellektuellen Prägung war Zola der darwinistisch beeinflussten Vererbungstheorie des späten 19. Jahrhunderts ebenso verbunden wie dem positivistischen Determinismus des Philosophen Hippolyte Taine, demzufolge alles Soziale, Physische und Psychische von ehernen Gesetzen bestimmt wird. Die Arbeit der Triebe bewegt den "sozialen Mechanismus" (Zola), der das Leben der Menschen so unerbittlich bestimmt wie ein Naturgesetz. Menschen sind für ihn Arbeitstiere und Tiermenschen, deren Leben er mit dem Satz zusammenfasste: "Paris breitet sich aus." Nur wenige Glückliche und Starke sind autonom entwicklungs- und lernfähig. Der "Literatur-Ingenieur Zola" (Karl Korn) skizzierte seine Romane in Bauplänen, die die Funktionsweise des "sozialen Mechanismus", den er darstellen wollte, offen legen. Der subkutane Sozialist Zola war fasziniert von der Idee des sozialen Fortschritts und hat in seinen Spätwerken Die Fruchtbarkeit (1899) und Die Arbeit (1901) programmatische Sozialutopien entworfen, aber in den Romanen erscheinen fast nur "schwache Menschen" als Opfer der "eisernen Zukunft" (Zola), die euphemistisch unter den Namen "Fortschritt" auftritt. Sehr eindrücklich zeigt er dies in seinem wohl besten Roman Germinal (1885), der den Bergarbeiterstreik von 1884 im nordfranzösischen Anzin als Hintergrund verwendet. Er benutzte aktuelle Skandale wie den Panamaskandal oder neue Entwicklungen wie den Kaufhausboom ebenso als Vorlagen für seine Romane wie den Eisenbahnboom, die Bohème oder die "Pariser Commune", die in einem Blutbad endete, das Zola schlicht als "schreckliche Notwendigkeit" verbuchte.

Zola verstand sich immer als politischer Autor und arbeitete nebenher für Tageszeitungen, die unter der Repression Napolenos III. wie unter dem Regime der verängstigten Bourgeoisie der Dritten Republik freilich mehr "Klatschblätter" waren als Organe für "Freiheit und Recht" (Zola). Eine neue Qualität erhielt diese Nebentätigkeit in den neunziger Jahren, denn ohne seinen offenen Brief vom 13. Januar 1898 an den Präsidenten der Republik unter dem Titel J´accuse...! hätte es die Dreyfus-Affäre, die die Republik verwandelte, und den Begriff und die Figur des eingreifenden Intellektuellen nicht gegeben.

Am 15. Oktober 1894 wurde Hauptmann Alfred Dreyfus verhaftet, in einem geheimen Militärgerichtsverfahren des Hochverrats angeklagt und am 22. Dezember 1894 zu Degradierung und lebenslänglicher Deportation verurteilt. Nichts und niemand rührte sich, weil die Schuld des Offiziers erwiesen schien, obwohl die Anklage nur ein einziges Indizienbeweisstück vorgelegt hatte. Mitten im Prozess lancierte der Generalstab ein zweites Beweisstück ins Verfahren, das der Angeklagte sowenig zu Gesicht bekam wie sein Verteidiger. Beide "Beweise" erwiesen sich später als Fälschungen aus dem Militärapparat. Erst nachdem der Generalstabsoffizier Marie-Georges Picquart 1896 Zweifel bekam und Ungereimtheiten entdeckte, kam Bewegung in den Fall. Picquart wurde sofort danach kaltgestellt und strafversetzt, aber parallel dazu hatte schon der Journalist Bernard Lazare recherchiert. Der Anwalt von Dreyfus, dessen Bruder Matthieu, Bernard Lazare und der angesehene Senator Auguste Scheuner-Kestner informierten Ende 1897 Zola über ihre Zweifel an der Schuld von Dreyfus. Nun beschloss Zola zu handeln.

Er beklagte in seinem offenen Brief, dass ein als skandalös erkanntes Fehlurteil aus Gründen der Staatsraison und des berüchtigten Korpsgeistes und Ehrenschutzes für die Armee aufrecht erhalten werde; die angewandten Mittel reichten von der Kaltstellung des aufrechten Offiziers bis zur Mobilisierung von Antisemitismus und Chauvinismus gegen Dreyfus durch große Teile der Presse. Zola denunzierte vor allem die antisemitische Kampagne gegen den Offizier als "gesellschaftliches Verbrechen". Und er nannte die Namen der Verantwortlichen: fünf Generäle, drei gefällige Experten, das Pressebüro des Ministeriums und das Kriegsgericht. Das reichte für eine Verleumdungsklage und für die Verurteilung Zolas zur Höchststrafe von einem Jahr Gefängnis. Der Haft entging er durch die Flucht nach England.

Zola schwang sich in seinem Plädoyer für Dreyfus nicht zum Oberrichter auf, sondern verteidigte als Citoyen einen anderen im Namen von Aufklärung, Humanität, Wahrheit, Recht, Freiheit und Glück gegen das von staatlichen Institutionen eingefädelte Komplott.

Zwei Tage nach Zolas Artikel erschienen die ersten Petitionen zu Gunsten von Dreyfus mit den Unterschriften von etwa fünfhundert Professoren, Lehrern, Journalisten, Schriftstellern und Juristen. Gegen diese formierte sich der Widerstand von Antisemiten und Nationalisten. Maurice Barrès erklärte die Intellektuellen rundweg zur "Partei des Auslandes". Der Begriff "Intellektueller" wurde nun zum Schimpfwort für eine politisch und sozial heterogene Gruppe von Gebildeten, die eine Revision des Dreyfus-Prozesses forderten. Welche Intensität die Auseinandersetzung besaß, zeigt die Tatsache, dass der Publizist und Politiker Georges Clemenceau zwischen 1897 und 1901 166 Artikel mit einem Gesamtumfang von 3.305 Seiten verfasste zur Verteidigung des unrechtmäßig Verurteilten und Deportierten.

Der wurde am 9. September 1899 in einer Justizfarce erneut verurteilt - zu zehn Jahren Gefängnis -, aber schon zehn Tage später amnestiert. Dadurch hoffte man den Fall endgültig begraben zu können. Zola protestierte erneut gegen "die Abwürgung aller Verfahren", erlebte aber die Wiederaufnahme vier Jahre später nicht mehr.

Zola repräsentiert den bis zu Sartres (1980) und Bourdieus Tod (2002) in Frankreich existierenden Typus des Intellektuellen, der im Namen universalistischer Prinzipien auf eigenes Risiko und in eigenem Namen in öffentliche Debatten interveniert und eben deswegen geachtet wird. Zolas trotziges J´accuse ist zum Symbol geworden für den Protest gegen Konformismus und Einheitsdenkerei. Der Autor starb vor hundert Jahren am 29. September 1902. Nach vielen Winkelzügen wurde Alfred Dreyfus am 12. Juli 1906 rehabilitiert, was Thomas Mann 1931 mit dem doppelbödigen Wort "Menschheitsmärchen" kommentierte.

Veronika Beci: Emile Zola. Biographie. Verlag Artemis Winkler, Düsseldorf 2002, 360 S., 26 EUR; nach wie vor lesenswert: Karl Korn, Zola in seiner Zeit, 440 S., Frankfurt 1980, Taschenbuch 1984.


In der edition ebersbach, Berlin, erschien soeben: Emile Zola: Das Paradies der Damen in der Übersetzung von Hilda Westphal aus der Reihe Die Rougon-Macquart, hrsg. von Rita Schober, Berlin 2002, 576 S., 26 EUR

00:00 27.09.2002

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