Das Vergnügen an der Katastrophe von gestern

Hauptsache melodramatisch Über den Geschichtsfilm-Boom im Fernsehen

Zum Lamento einer vorwiegend konservativen Kulturkritik gehört der Tadel für eine geschichtsblinde, unwissende junge Generation. Dabei findet Geschichte doch unentwegt statt. Medial vermittelte, bebilderte Geschichte erlebt eine nie gekannte Konjunktur. Ein Widerspruch? Wir werden sehen, was es damit auf sich hat.

Der moderne nationale Geschichts-Unterricht spielt sich vorzugsweise im Fernsehen ab, das auch in diesem Genre einst klassisches Kino-Terrain erobert hat. Dem chronisch pubertären, Komödien orientierten deutschen Film ist nach dem kritischen Gesellschaftsfilm und dem Krimi nun auch der Historienfilm abhanden gekommen. Eichinger-Hirschbiebels Untergang und Wolfgang Beckers Good Bye Lenin zum Trotz: Die Verfügungsgewalt und die Deutungsmacht über deutsche Zeitgeschichte hat das Fernsehen, gleich ob öffentlich-rechtlich oder kommerziell, spätestens mit millionenteuren und millionenfach gesehenen Filmen wie Dresden, der Berliner Luftbrücke und der Hamburger Sturmflut an sich gerissen. In den nächsten Wochen, Monaten, Jahren steht eine wahre Springflut von Filmen über historische Ereignisse bevor: Schiffsunglücke (Der Untergang der Pamir), Lawinenabgänge (Val Montana), Luftschiffabstürze (Hindenburg), explodierende Tanklaster (Taragona), Überlebens-Dramen (Flucht und Vertreibung).

Was auffällt bei dieser gewiss unvollständigen Titelsammlung: All diese Stoffe beruhen auf historisch verbürgten Vorfällen und schildern große, überlebensgroße Katastrophen. Hier werden Archetypen des Grauens beschworen wie das sinkende Schiff, der ertrinkende Mensch und vernichtende Feuersbrünste. Die Filme wecken apokalyptische Vorstellungen und suggerieren zugleich, dass die Zivilisation des 21. Jahrhunderts nur durch einen dünnen Firnis von urzeitlichen Verhältnissen getrennt ist.

Die Filme huldigen außerdem dem Prinzip der unbedingten Authentizität. Dieses Prinzip eines naturalistischen, detailverliebten Erzählens teilen sie mit einer anderen Gruppe von Geschichtsfilmen, jenen, die die katastrophalen Entgleisungen der Historie selbst, die Barbarei des Dritten Reichs, zum Gegenstand haben. Diese Art Geschichts-Filme wird vorzugsweise beglaubigt durch literarische, autobiographische Kindheitserinnerungen wie Neger, Neger, Schornsteinfeger oder Nicht alle waren Mörder. Wobei die Lebensgeschichten des schwarzen Deutschen Hans-Jürgen Massaquoi wie die des deutsch-jüdischen Schauspielers Michael Degen sich in mehreren Punkten berühren: Sie sind durch ihre ethnische und rassische Zugehörigkeit Opfer par excellence des NS-Regimes - doch sie sind zugleich Überlebende. Allein schon durch ihre physische Präsenz bürgen sie für ein happy ending einer ansonsten grausamen Geschichte. Diese Kinder hatten einen Schutzengel inmitten der Katastrophe: Die unbeirrbare Liebe ihrer Mütter und die tätige Hilfe von anonymen Menschen aus der deutschen Volksgemeinschaft oder gar von kleinen NS-Parteigenossen. Diese Umstände machen aus ihren Schicksalen den idealen Stoff für eine massenmediale Aufbereitung. Auf den Spuren von Spielbergs Schindlers Liste erfüllen diese Filme die tiefe (deutsche) Sehnsucht nach Retter-Geschichten und den Wunsch, dass es inmitten all des Schrecklichen Inseln der Positivität geben möge. Helden in einer pechschwarzen Zeit.

Auffällig ist, dass die Beschäftigung mit politischen, also von Menschenhand angerichteten Katastrophen mittlerweile von der verwandten Tendenz zur Naturkatastrophen-Geschichte in den Schatten gestellt wird. Hier ergießen sich die Elemente von Feuer, Erde, Wasser, Luft in einem steten Strom über den Zuschauer. Schon vermeldet das Branchenblatt Blickpunkt Film nicht ohne Stolz von der Fernsehprogramm-Messe in Cannes, die deutschen Produzenten hätten internationale Anerkennung als "Master of Disaster" gefunden. Was einer gewissen Ironie nicht entbehrt: Deutschland, das Ursprungsland fataler weltpolitischer Katastrophen des 20. Jahrhunderts, wetteifert mit Hollywood in Untergangsszenarien, wie sie bislang nur die US-Majors weltmarktkompatibel beherrschten.

Was sich derzeit im Fernsehen abspielt, hat allein schon durch die schiere Quantität der Produktionen eine neue Qualität erlangt. Geschichte ist vom Fernsehen als reicher, überreicher Steinbruch entdeckt worden. Und zwar spartenübergreifend. In der ARD werden derzeit Die großen Schlachten noch einmal geschlagen, im ZDF verlässt Chef-Historiker Guido Knopp sein unzählige Male durchgeackertes Terrain Hitler und das Dritte Reich und wendet sich der Hölle von Verdun und damit dem Ersten Weltkrieg zu. Diese Dominanz von Geschichte im Fernsehen war nicht immer so. Zumindest fiktionales Fernsehen interessierte sich noch vor wenigen Jahren nur für die Gegenwart. Nun ist das Pendel mit aller Macht zurückgeschlagen. Es besteht Heißhunger auf Geschichte. Warum?

Ein erster Erklärungsversuch: Gerade bei jüngeren Zuschauern besteht ein Nachholbedarf an Geschichte, an medial vermitteltem Geschichtsunterricht. Anders wäre nicht zu erklären, dass ein im Kino von einem Millionen-Publikum gesehener Film wie Der Untergang in der überarbeiteten zweiteiligen Fernseh-Fassung immer noch überproportional viele jüngere Zuschauer anlockt. Für Jo Baiers Stauffenberg haben die Zuschauerforscher ähnliche Werte ermittelt. Geschichte ist spannend geworden, sie lässt sich lesen wie ein einziger großer Thriller, sie hat einen besonderen Sex-Appeal erlangt, besonders für jüngere Zuschauer-Gruppen.

Diese demoskopische Erklärung mag erhellend sein, ist aber nicht hinreichend. Deshalb sei auf anderer Ebene noch einmal gefragt: Woher rührt dieses neu erwachte Interesse der Medien an Geschichte? Eine geschichtsphilosophisch belegbare Vermutung: Es hat zu tun mit einer Gegenwart, die nur noch grau in grau erscheint und in der selbst Zukunft keine Aussicht auf nachhaltige Besserung bereithält. Wo diese beiden Zeit-Ebenen an Strahlkraft verloren haben, bieten sich Reisen in die Vergangenheit verlockend an. Um mit dem französischen Historiker Pierre Nora zu sprechen: Wir erleben eine "Kultur der Erinnerung", in der Gedenkfeiern und Vergangenheitsschauen die Rolle der Moderne übernommen haben: "Die Moderne stellte bis vor kurzem immer den Motor einer dynamischen Geschichte dar. Das Erinnern war nur ihr bleicher Schatten. Mit dem Heraufkommen der so genannten ›Erinnerungsmoderne‹ ist es zu einer kompletten Umwertung dieser beiden Kategorien gekommen."

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nora ist nicht so vermessen, grundsätzlich zu behaupten, diese Umwertung bedeute eine Wendung zum Besseren oder zum Schlimmeren. Es ist ein ambivalenter Vorgang, der sich vor unseren Augen abspielt, der beide Möglichkeiten birgt.

Die positive Seite: Die Beschäftigung mit den tragischen Kapiteln deutscher Geschichte erscheint zwingend, da die biographischen Selbstvergewisserungen der Kinder und Enkel von Nazi-Tätern oder von Menschen aus Hitlers nächster Umgebung beweisen, dass dieser Teil von Geschichte nicht einfach abgelebt ist. Dazu kommen auf wissenschaftlicher Ebene die Publikationen von Autoren wie Götz Aly und Gerd Koenen, nicht zufällig beide keine gelernten Historiker, sondern Quereinsteiger, die die versteinerte Zunft der Geschichtswissenschaftler mehr auf Trab gebracht haben als viele hundert andere hochspezialisierte Veröffentlichungen zusammen genommen. Die massenhafte Rezeption all dieser Texte belegt, dass hier ein tiefer Nerv getroffen sein muss. Hinter dieser neuen Lust auf Geschichte und neuen Einsichten kommt aber auch gleich Diffuses zum Vorschein. Ist hier wirklich ein Bedürfnis nach historischer Aufklärung am Werk oder nur ein allgemeiner Grusel, hinter dem sich die Lust am Bösen verbirgt - gleichgültig, ob es sich um Hitler, Stalin, Gestapo oder Stasi handelt?

Ein Vierteljahrhundert nach der bahnbrechenden Ausstrahlung der US-Serie Holocaust ist auf dem Niveau der Luftbrücke- und Dresden-Filme von Tabubruch und Affekt-Erschütterung nicht mehr viel übrig geblieben. Was dominiert, ist ein einziger Taumel der Gefühle, der verstärkt wird durch das ewiggleiche Muster filmischen Erzählens. Was sich durchgesetzt hat, ist das Melodram. Ein Genre, das im Kino viele Triumphe gefeiert hat, wird vom Fernsehen für seine Zwecke genutzt. Nach wie vor geht es um die übergroße Liebe, die alle Widerstände überwindet. Mal sind es - wie in den Katastrophenfilmen - ganz klassisch die Naturgewalten, die von Liebe überragt werden. Leicht abweichend in den polit-katastrophischen Filmen: Hier sind andere dunkle Mächte im Spiel. Es ist die Politik, die große, unbegreifliche Weltpolitik, die das kleine, individuelle Glück unmöglich macht. Nicht zufällig spielen diese Filme auch immer kurzschlüssig zwischen den großen Zentralen der Macht und der kleinen Wohnküche, wo sich das familiäre oder erotische Glück gegen alle Anfechtungen und Versuchungen zu behaupten versucht.

Diese Form der Erotisierung von Geschichte fürs Fernsehen kann sich auf Kino-Vorbilder wie Casablanca und Pearl Harbour berufen, doch sie läuft Gefahr, sich als Masche totzulaufen. Denn mittlerweile hat so ungefähr jeder Fernsehkritiker mitbekommen, dass es immer die gleichen Dreiecksgeschichten sind, die hier vor veränderter historischer Kulisse erzählt werden. Eine Frau - ob Kellnerin oder Krankenschwester - zwischen zwei Männern; eine Frau, die sich in den ärgsten Feind verliebt, der mal ein US-General, mal ein britischer Flieger ist; eine Frau, die sich am Ende entscheiden und die Verzicht üben muss. Denn das Gefühl - so verlangt es das Gesetz des Genres Melodram - ist unvereinbar mit den Rollenbildern, den Klasse- und Rassegrenzen.

Was in den Hintergrund tritt, was auf der Strecke bleibt, ist vor lauter Emotionalisierung, das entscheidende Moment historischer Erkenntnis, das zum Beispiel darin liegen kann, wie je verschieden die Menschen ihren Alltag gelebt oder ihre Liebespartner ausgesucht haben. Selbst die Protagonisten dieser Filme sind nur scheinbar historisch. Sie tragen historische Kostüme, sie laufen durch pseudo-originale Kulissen, aber in Wirklichkeit sind sie ganz und gar gegenwärtige Gestalten. Figuren, mit denen sich der Zuschauer umstandslos identifizieren kann.

Ein Letztes: Bei vielen Geschichtsfilmen besteht der starke Verdacht, dass sie die Archive der Vergangenheit nur plündern, weil sie hier etwas finden, was der Gegenwart abgeht: Spannung, die sich personalisieren lässt; Dramatik, die als hautnah und authentisch empfunden werden kann; eine Handlung, deren versöhnlicher Ausgang stets garantiert ist. Es ist ja nicht so, als lebten wir in einer katastrophen-armen Zeit. Doch sinnlich fassbar, begreiflich, nachvollziehbar sind die mörderischen Auseinandersetzungen im Irak, Afghanistan und anderswo längst nicht mehr. Weder für die handelnden Akteure noch für das Millionenpublikum daheim vor dem Bildschirm. Hier bieten Geschichts- und Katastrophenfilme scheinbar bestechende Alternativen.

Der Geschichtsfilm, der sich mit dem Melodram verbrüdert hat, erzählt Historie als große Verhinderungsmaschine. Wo früher die übermächtigen Väter, das fehlende Geld, die starren Regeln der Gesellschaft das individuelle Glück verhinderten, da tut es nun die Geschichte als Katastrophe. Hier verbindet sich eine Form, die sich in der Reibung an der Gesellschaft im 19. Jahrhundert entwickelt hat, mit den Erfahrungen der Menschen des 20. Jahrhunderts. Geschichte wird zum Schicksal. Aber weil Schicksal seit der Aufklärung nicht mehr vorgesehen ist, wird der Mensch vor der Historie zum Opfer. Den mythischen Rang, den sie damit erhält, zementieren die Melodramen. Wobei die Anstrengung für einen gelungenen Geschichtsfilm darin bestehen müsste, dieser Mythisierung zu entgehen und seine Geschichte jenseits dieses eingeschneisten Musters zu erzählen.

Der Autor ist Redakteur-Dramaturg im WDR-Fernsehfilm und auf dem Gebiet der Geschichtsfilme selbst einschlägig vorbelastet. Er betreute zuletzt Hartmut Schoens ARD-Film Die Mauer - Berlin ´61.


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00:00 17.11.2006

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