Das Volk Gottes trifft auf das Volk Satans

Mit der Religion gegen Saddam Kaum ein US-Präsident hüllte sich bisher so fest in den Mantel des Glaubens wie George W. Bush

Mit Blick auf das Weiße Haus möchte man die alten LPs von Bob Dylan ausgraben. Ein Lied aus den Sechzigern fürs frühe 21. Jahrhundert: With God on their Side - Dylans Satire, dass Politiker letztendlich immer behaupteten, sie kämpften auf Seiten Gottes.

Von Gott wird zur Zeit viel gesprochen im offiziellen Washington. Gott muss herhalten für Bushs Anti-Terrorismuspolitik, für die Vorbereitungen auf den Irak-Krieg, selbst für Kürzungen bei den Sozialprogrammen. Dieses Gottvertrauen erklärt auch die Selbstsicherheit, mit der Bush Co. trotz der weltweiten Proteste gegen einen Waffengang im Mittleren Osten auf Kurs bleiben. Eine Art des Fundamentalismus auch in den USA.

Fromme Worte kommen gewöhnlich an in diesem Land, Amerika versteht sich als gläubige Nation und ist auch tatsächlich ein religiöses Land. Etwa 40 Prozent sagen bei Umfragen, sie gingen mindestens einmal pro Woche in einen Gottesdienst. Mehr als 90 Prozent glauben an Gott oder eine »höhere Macht«. Präsident Dwight Eisenhower sagte einmal, ein amerikanischer Präsident müsse an »etwas« glauben. Nixon ließ im Weißen Haus beten. Carter sowieso. Reagan sprach gelegentlich von den USA als der »leuchtenden Stadt auf dem Berge« und über angebliche biblische Prophezeiungen vom Ende der Welt, beunruhigend damals zu Zeiten der nuklearen Hochrüstung. Bill Clinton war gleichfalls ein Meister biblisch verbrämter Rhetorik und meinte, dass alle Menschen zu Gottes Familie gehörten. »God Bless America« - »Gott Segne Amerika«, sagt man nicht erst seit dem 11. September 2001.

Aber kaum ein Präsident hüllte sich so fest in den Mantel des Glaubens wie George W. Bush. Das fing schon im Wahlkampf an mit Versicherungen für die anfangs gar nicht so begeisterten rechtschristlichen Stammwähler, dass die Bibel wichtig sei für den Kandidaten. Und ging weiter in der Antrittsrede über die göttliche Vorsehung, wird seitdem fortgesetzt mit Bekundungen, dass der Präsident bete und der Glaube alles heile. Die »Terrornetze« der Welt verabscheuten die USA, weil »wir in diesem großartigen Land den allmächtigen Gott so anbeten können, wie wir es wollen«, sagte Bush vergangene Woche bei der Jahresversammlung der christlichen Rundfunkindustrie. In dieser Rhetorik sei ein Trend bemerkbar, zunehmend spreche Bush nicht nur von seinem persönlichen Glauben, sondern von einem göttlichen Plan, den es zu erfüllen gelte, analysierte die Redakteurin der Website www.beliefnet.com. Und der Präsident versteht sich anscheinend als Mitwirkender bei der Planerfüllung. Die USA seien gerufen, »die Welt zum Frieden zu führen«, behauptet er.

Da die Argumente für einen Krieg gegen den Irak immer weniger gut ankommen, gewinnt die religiöse Rhetorik noch an Bedeutung. Wenigstens die gläubigen US-Amerikaner sollen mitmachen. Nach Ansicht von Kritikern überquert der Präsident die Grenze zwischen der traditionellen amerikanischen Religiosität und dem Manipulieren des Glaubens zu politischen Zwecken. Präsidenten dürften sich »nicht der Illusion hingeben, sie seien Propheten«, warnt der Baptistenpastor Welton Gaddy von der multireligiösen Interfaith Alliance in Washington. Wer eine »absolutistische Sprache« von Gut und Böse spreche, blockiere die in einer Demokratie unerlässlichen Debatten. Die Theologin Elaine Pagels (Princeton Universität) weist auf die Gefährlichkeit religiöser Argumente hin: Wenn das Volk Gottes das Volk Satans bekämpfe, würden zwangläufig »die einen die anderen vernichten«. Fromme Worte findet dieser Präsident auch für seine Sozialpolitik des »mitfühlenden Konservatismus«. Religiöse Verbände müssten den Armen helfen; das wolle er bezuschussen. Gleichzeitig setzt er bei herkömmlichen Sozialprogrammen den Rotstift an.

Nach eigenen Angaben hat George W. Bush es nicht ernst gemeint mit seinem Glauben bis zu einem eindringlichen Gespräch mit dem Evangelisten Billy Graham im Jahr 1986. Danach habe er zu trinken aufgehört. Nominell gehört Bush jetzt der US-Methodistenkirche an - die freilich seine Irak-Politik deutlich kritisiert. Seelenbrüder findet Bush bei konservativen Evangelikalen, die der Auffassung sind, Gott habe die Vereinigten Staaten zur mächtigsten Nation der Welt gemacht. Nach Darstellung von Richard Land, einem hochrangigen Vertreter des konservativen Südlichen Baptistenverbandes, in www.beliefnet.com, hat Bush schon 1999 gesagt, Gott wolle, dass er einmal Präsident werde.

Der irakische Vizepremier Tarik Asis betet derweil mit dem Papst, und Osama bin Laden ruft im Namen Allahs zum heiligen Krieg gegen Bushs heilige Krieger auf. Gott kann einem leid tun.

00:00 21.02.2003

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