Das Weiche steht für Formbarkeit

Geplatzte Hoffnung auf Verständigung John Bocks Uraufführung "ZeroHero" im Münchner Theater im Haus der Kunst

"Entropie!" trifft es gut. Opulent, ungeordnet, verzerrt, überdreht, übertrieben, grotesk, eine ziellos spaßige Chaospraxis war die Show zwar auch, aber "Entropie!" klingt besser, da hat Außenwelt (Rudolf Waldemar Brem) Recht. Im Erlebnisparcours von ZeroHero sind Vernunft und Folgerichtigkeit suspendiert. Nur die Gesetze der Schwerkraft gelten noch.

Der Prolog versucht selbst ihr zu widerstehen. Zwischen den Sprossen einer Bockleiter turnt ein Quasi-Me (Oliver Möller). Darüber sitzt das zweite (Philipp Wirz) und schimpft über die kaputte Melkmaschine, die entzündeten Eutern nur "Eitermoddermilchsod" abzutzelt. Solcherart die konkrete Poesie, die seine Frustration gebiert. Abwechselnd greift er zu Agrar-Jargon und glibberigen Neologismen. Gewaltig wackeln das Standbild - und die ersten Erwartungen. Erst nebenan finden wir, inmitten Sperrmüllkonstruktionen auf fahrbaren Podesten, kurz zur flanierenden Gelassenheit des Ausstellungsgastes zurück.

Seit Herbst 2001 hat das Bayerische Staatsschauspiel im Westflügel des Münchner Haus der Kunst eine Nebenspielstätte. Für Grenzgänge zwischen den Künsten hat sie sich schon empfohlen. Die Auftragsarbeit ZeroHero wird im Zusammenhang mit der Schau GROTESK! - 130 Jahre Kunst der Frechheit im selben Haus uraufgeführt. Konzept, Text, Bühne und Kostüme stammen von dem Berliner Aktionskünstler John Bock, für die Regie zeichnet Jochen Dehn. Auf die stillen Exponate im Ostflügel wirkt das Installations-Performance-Happening durchaus belebend.

Ohnehin tendiere die bildende Kunst zum Prozess, räsoniert das Programmheft. Missbrauch durch die Konsumgesellschaft habe das "Produkt" desavouiert. Was macht dann die künstlerische Arbeit aus? "... kein irdisches Gut, kein edles Material oder schickes Design. Vielleicht der Umgang mit der ›software‹ der Gesellschaft." Gut möglich, denn das Weiche steht ja für Formbarkeit. Eine bei Künstlern beliebte Eigenschaft.

Auch wegen des Unfassbaren, Dissidenten. Statt am System zu zerschellen, quetscht es sich unter der Tür durch ins Freie. Es besiegt Ordnung mit Flexibilität, und weil es scheinbar kontur- und haltungslos ist. Gaga und Dada verlassen sich auf die Macht des Unsinns - der seinen eigenen Sinn beinhalten mag, aber nicht preisgibt. In Bocks Universum stapeln sich also konsequent textile Weichwürste, Strickstoff-Gefängnisse, ausgestopfte Buntwäsche und gares Gemüse. (Vorsicht, das fliegt!) Vier Schauspieler zermanschen Textbrocken von Stotterdialogen zu breiigem Gefasel. Nicht leicht verdaulich, aber immerhin unzusammenhängend. Können Sie noch folgen? Nicht nötig. "Objektivität ist eine Sache von Vereinbarung", tröstet das Beiheft, "Logik übrigens auch." Einfach mitgehen.

John Bock, Jahrgang 1965, aus dem norddeutschen Gribbohm, fantasiert sich in einen Assoziationsstrudel aus Handgestricktem, Dosensuppe, Winnetou und Glamrock. Ikonen und Schrott aus den kreativitätsprägenden Teenagerjahren seiner Generation säumen den Pfad des Theaterbesuchers. Flankiert von den erinnerten "Uschis" (Obermaier und Glas) steht Fassbinder der versunkenen Epoche Pate. Szenenhachée aus Liebe ist kälter als der Tod folgt dicht auf die Wiedergeburt der Hitparade mit Fernsehballett-Einlage. Seventies-Trash, vom Rück-Blick des traktorfahrenden Bauernsohns verklärt, vom erwachsenen Künstler unverschämt püriert. Aber die deutlichen Traditionslinien sollen nicht täuschen: ZeroHero ist keine kunsthistorische Nostalgieveranstaltung. Der Prozess läuft noch. Schnell, multimedial, unter ständiger Beimengung diskursiver Gegenwart. Quantenphysik, Humangenetik, Bio Engineering, New Economy.

Als Handlungsfolie dient der aktualisierte Kaspar Hauser-Mythos. Per Video-Live-Schaltung sind wir schon im Uterus dabei: Kaspar 2003 (Thomas Loibl) hockt im Bauch des riesigen Pullibergs und schwankt zwischen "Raus hier!" und "Lieber nicht!" Schwere Geburt. Schließlich helfen die Quasi-Mes nach. Die Strickleinen werden abgenabelt. Der reine Tor ist in der Welt und beginnt, Kontakt aufzunehmen. Er stößt natürlich auf Befremden. Wenn die Kunst den Nürnberger Findling bemüht, geht es immer um eine Konfrontation von Unschuld und Perversion. Ein hilfloses Bündel Mensch, ohne Arg und Kenntnis im Umgang mit Außenwelt wird zum lüstern bestaunten Objekt öffentlicher Neugier. Zum Versuchskaninchen. Er bleibt tapfer und will lernen, im "Zahnrad der Selbstkonkurrenz" zu bestehen. Kaspar kämpft mit den sinnlosen Signifikanten, trotzt der fremden Sprache Bedeutung ab. Während, nach Bocks Urteil, diese längst in Fachsprachen-Kauderwelsch und Marketing-Gelalle zersplittert ist. Die Verständigung, die Kaspar sucht, ist ein Versuchsballon Hoffnung. Kaum aufgeblasen wie Außenwelts Phrasen - schon zerplatzt.

Leben ist Technologie, der Mensch Funktion. So ist seine Sozialisation ein Rundlauf von naivem Unvermögen zu hochspezialisiertem Unvermögen. Man müsste meinen, dass die gescheiterte Entwicklungsgeschichte ihren Protagonisten niederdrückt. Doch der steigt über dem Stoffhaufen auf, aus dem er gekrochen ist. Himmelfahrt in der Narrenkappe. "Das war´s!" Sagt´s und stirbt auf halbem Weg.

00:00 18.07.2003

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