Das Wir im Ich

Regie Viele finden, er war ein Genie: Einar Schleef, der dieser Tage 75 Jahre alt geworden wäre. Er brachte den Chor zurück ins Theater, unser Autor erklärt dessen Bedeutung
Das Wir im Ich
Anachronistisches Kollektiv? 2000 probte Einar Schleef (Mitte) mit Chor „Verratenes Volk“ am Deutsches Theater

Foto: Drama-Berlin/Imago

Was ist ein Chor? Wofür stand er in der Antike, wofür steht er heute? Betrachtet man die Situation an den Theatern, kommt man zu dem Schluss, dass das theatrale Zentrum aus dem Theater so ziemlich verschwunden ist.

Einar Schleef, der in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden wäre, gilt als der Wiederentdecker des Chores. Und, schnöde Randbemerkung, zu seinen Zeiten wurden Chordarsteller auch noch angemessen bezahlt. Schleef bestand darauf. Heute gilt ein klassischer Chor mit etwa 12 Chorstellen, auch wenn sie nur für den Mindestlohn arbeiten, als zu teuer. Es wundert nicht, dass es im deutschsprachigen Raum kein einziges Theater gibt, welches einen Sprechchor anstellt und ausbildet. Die einzige Chorformation, die über eine längere Zeit gespielt hat, war der Dresdner Bürgerchor, er wurde unter dem Intendanten Winfried Schulz ausgetrocknet. Und vielleicht ist es auch so: Wenn das Theater Teil (und Abbild) einer hochmobilen, total individualisierten Leistungsgesellschaft ist, wirkt der Chor als Kollektiv bizarr anachronistisch.

Es war religiös und affektiv

Aber was macht das Theater ohne sein Zentrum? Der große Universalgelehrte George Steiner beschrieb den Verlust des Chores in Die Antigonen wie folgt:„Die Frage, wie es kommt, dass Chorformen nach der Frührenaissance weitgehend aus dem abendländischen Sprechtheater verschwinden (...), würde uns auf den tiefen Grund unserer politischen und gesellschaftlichen Geschichte führen. Sie würde die Klärung zentraler, aber vielleicht schwer zu lösender Probleme in der Entwicklung der abendländischen Person zum Individuum und der damit einhergehenden Lockerung kollektiv gemeinschaftlicher Dispositionen von Identität, Sprechweise und Gestik verlangen. Sie würde, glaube ich, ein Verständnis für die allmähliche Verschiebung von Sprechakten hin zu musikalischen und gestischen Formen erfordern, die gewisse ursprünglich religiöse, affektive, gemeinschaftliche Impulse und semantische Konventionen im Abendland durchgemacht haben.“

Zum Beispiel die Jelinek-Texte. Sie sind für Chöre geschrieben. Anders gesagt: Sie bedingen ein überpersonales Sprechen und Agieren. Oft sind es Raumtexte, Klangerlebnisse, die wunderbar mit alten und neuen Bedeutungsebenen von Sprache spielen. Sie sind vielleicht sogar besser in U-Bahn-Stationen aufgehoben. Elfriede Jelineks Texte, die einzigen mir bekannten, relevanten Chortexte – abgesehen von Einar Schleefs legendärem Gertrud, dem fiktionalen Monolog seiner Mutter –, sind ohne Chor nicht zu spielen. Im jüngst bei Suhrkamp erschienenen Gesprächsband Vor dem Palast sagt die Theaterwissenschaftlerin Ulrike Haß: „Der Ort vor dem Palast ist der Ort der Transformation, des Figurwerdens, des Tragödiewerdens, er ist der eigentliche Ort des Theaters.“ Schleef schreibt in Droge Faust Parsifal (Suhrkamp, 1997): Was man dagegen wahrnehme, sei, dass der Chor, die Masse, die zur Bühnenlandschaft gehöre, selbst Landschaft sei. Er schreibt auch, dass sie daliege, die Masse, wie in Gerhart Hauptmanns Webern, röchelnd vor dem Palast, und gerechte Verteilung verlange. Sie habe sich als tierische Masse aus der Landschaft aufgemacht, um die Herrscher im Palast zu attackieren.

Massen bedrohen den Palast? Das ist eine nicht unproblematische Aussage. Müsste man heute nicht sagen, sie kämen aus Landschaften, die sie selbst (nicht) zerstört haben? Und wohnt nicht in den „Palästen“ die Mehrheit, weil es Einfamilienhäuser sind? Sind Flüchtlinge gemeint?

Wenn man den Chor als Masse versteht, kann man auf solche angeblichen Bedrohungen kommen. Die marschierende Masse hat freilich auch eine faschistische Konnotation. Die Massen, das kann man bestimmt sagen, bewegen sich hochmobil in wechselnden Formationen. Der Chor scheint mir aber ein Element der Binnenspiegelung zu sein, Binnenspiegelungen der Polis. Der Chor im Theater könnte die Bewegungen der Masse reflektierend aufnehmen. Wenn es ihn aber nicht gibt oder nur randständisch eingerichtet, wo könnte man ihn finden? Gibt es ihn womöglich als Gebilde der Zukunft? Vielleicht wartet er als nicht besiedeltes Gebilde auf eine andere Füllung, auf unser Theater des anderen Zusammenhalts. Der Chor erfindet sich aus der Leerstelle, definiert ein anderes Zentrum, ein anderes Ich-Wir-Zentrum, eine flüssige Innen-Außen-Figur. Vielleicht verdaut das Gebilde noch, was es von der Umgebung aufgefressen hat. Vielleicht knirscht der Palast noch zwischen den Zähnen und die Landschaften wälzen sich unverdaubar in diesen Mägen, aber alles wird flüssig in ihm, dem Chor. Denn es wird ein neuer Chorkörper angesetzt und in ihm werden sämtliche Hinterlassenschaften abgestoßen in die unendlichen Speicher.

Info

Im Berliner HAU-Theater aktuell zu sehen: Tarzan rettet Berlin Audick/Bosse/Cuvelier/Groß , ein Chorprojekt im Rahmen von „Einar Schleef zum 75.“, bis 15. Januar

Bernd Freytag war Chorleiter, Darsteller und Regieassistent in Inszenierungen von Einar Schleef, später von Volker Lösch. Er unterrichtet „Chorisches Sprechen“ an der Ernst-Busch-Schule und der UdK Berlin

06:00 12.01.2019
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