Das Wunder, die Wahrheiten und die Literatur

Pflichtlektüre Josef Skvoreckys grandioser zeitgeschichtlicher Roman "Das Mirakel"

Unter den Lesern tschechischer Literatur gibt es zwei Parteien: die eine, die Bohumil Hrabal, und die andere, die Milan Kundera für den bedeutendsten tschechischen Schriftsteller nach 1945 hält. Dabei wird ein dritter Prätendent für diesen Titel regelmäßig übersehen: Josef Skvorecky. 1958, neun Jahre vor Kunderas erstem Roman Der Scherz, erschienen seine Feiglinge, die wohl beste und auf alle Fälle witzigste belletristische Darstellung der Nachkriegszeit im so genannten Ostblock. Dieser Roman wurde in deutscher Übersetzung in größeren Abständen in mehreren Verlagen veröffentlicht, aber niemals wirklich bekannt. Eine bornierte Literaturkritik, die ganze Nationalliteraturen gering schätzt und sich lediglich an kolportierten Namen entlang hangelt, bewies damit einmal mehr, dass ihr Maßstäbe für Qualität abhanden gekommen sind.

In seinem kanadischen Exilverlag Sixty-Eight Publishers brachte Skvorecky, der nach der militärischen Niederschlagung des Prager Frühlings seine Heimat verlassen hatte, 1972 seinen großen Roman Das Mirakel heraus, der bald nach der "samtenen Revolution" auch in der Tschechischen Republik erschien. Im selben Jahr, 1991, wurde auch die amerikanische Ausgabe veröffentlicht. Mit fast dreißigjähriger Verspätung liegt dieses opus magnum nun endlich in deutscher Übersetzung vor. In die Freude darüber mischt sich der Zorn über eine Literaturpolitik, die so achtlos und desinteressiert mit den Hervorbringungen unserer Nachbarn umgeht und auch erst dann an eine Übersetzung denkt, wenn kanadische (!) Stellen sie subventionieren. Für kulturellen Hochmut gibt es angesichts solcher Tatsachen hierzulande keinen Anlass.

Mit Hrabal teilt der 1925 geborene Skvorecky den Sinn für eine oft derbe, zugleich schräg-skurrile Volkstümlichkeit, mit Kundera teilt er den sarkastischen Blick auf die jüngste Geschichte, mit beiden verbindet ihn die absolute Unempfänglichkeit für eine verlogene Sentimentalität. Das Mirakel beginnt im Jahr 1949 und reicht bis ins Jahr 1970. 1949 auch soll sich das Wunder ereignet haben, das dem Roman den Titel gab: eine Statue des heiligen Josef hatte sich bewegt. In der Folge wird die Chronologie tüchtig durcheinandergerüttelt, um einer Spannungsdramaturgie zu dienen. Das Mirakel liefert, wie Der Scherz, aber auch wie Teile von György Konráds Der Komplize, ein ebenso bitteres wie illusionsloses Bild der Stalin- und Nachstalinzeit in den sowjetischen Kolonien. Skvoreckys Meisterschaft besteht, wie schon in Feiglinge, darin, diesem Stoff die komischen Seiten abzugewinnen, ohne die Ernsthaftigkeit und die Tragik seiner historischen Grundlagen zu verraten. Wo die deutsche Literatur mit Schaum vor dem Mund eifert, übt sich der tschechische Erzähler in Gelassenheit. Fragt sich, welche Haltung - mal abgesehen vom literarischen Vergnügen - politisch wirksamer ist. Wer die eigene Lächerlichkeit in sein Werk einbezieht, erscheint jedenfalls glaubwürdiger als jene, die im nachhinein alles besser wissen und tun, als wären sie nicht Teil der Geschichte, mit der sie nun risikofrei abrechnen.

Die zwei Welten der herrschenden kommunistischen Partei und der oppositionellen katholischen Kirche werden einander in Skvoreckys Roman, obwohl nicht mit gleichem Gewicht, gegenübergestellt und beleuchten sich gegenseitig. Geschichte ist im Mirakel in scheinbar private Handlung aufgelöst und in Dialoge, die partiell in ihrer bewussten Phrasenhaftigkeit den Zeitgeist verraten. Der Erzähler, der den selben Namen trägt wie der "Held" der Feiglinge und genau so alt ist wie sein Autor zur Zeit des Geschehens, verzichtet auf explizite Erklärungen. Die treten immer indirekt auf, etwa wenn die absolute Wahrheit ironisch definiert wird als die Summe der relativen Wahrheiten, "wobei im Prozess der historischen Entwicklung die eine die andere ersetzt, was, auf die Handlungen des Vereins übertragen, dann Irrtümer darstellt". Das kennzeichnet die erwähnte Stellung zwischen Hrabal und Kundera. Skvorecky kommt gelegentlich zu ähnlichen Befunden wie Milan Kundera. Aber während dieser zunehmend typisierte Figuren und Abläufe erfindet, die offensichtlich dazu dienen, seine vorausgegangenen Thesen zu illustrieren, verfügt Skvorecky über die von Jaroslav HaSek stammende Fabulierlust Bohumil Hrabals.

Skvorecky, ein ausgewiesener Kenner des Krimi-Genres, schafft es, mit Mirakel einen Widerspruch aufzulösen, nämlich jenen zwischen der Tendenz zur Ausführlichkeit des Geschichtsromans und dem Zwang zur Ökonomie im Kriminalroman. Er verflicht mehrere Erzählstränge, führt eine Vielzahl von Figuren ein, gestattet sich zahlreiche, oft satirische Exkurse - zum Beispiel über seine Schriftstellerkollegen im historischen Jahr 1968 oder über eine Konferenz der Österreichischen Gesellschaft für Literatur zum Nouveau Roman mit Robbe-Grillet (die es tatsächlich gab) -, die eine Epoche mit Leben erfüllen, ohne die (übrigens nicht gleich zu Beginn einsetzende) kriminalistische Spannung zu beschädigen. Dafür gibt es in der Gegenwartsliteratur wenig Beispiele. Dem Einmarsch der sowjetischen Truppen am 21. August 1968 widmet Skvorecky übrigens 80 eingeschobene Seiten, für die er die Perspektive der Erzählung verändert. Ganz am Schluss aber denkt der Erzähler an den schlechten Detektivroman, in dem der Täter nie vom Detektiv erwischt wird. "Manchmal blitzte vielleicht irgendeine Lösung auf, die immer an den Haaren herbeigezogen und unwahrscheinlich war. Sie mochte elegant erscheinen, hatte jedoch nur in der Literatur ihre Gültigkeit."

Ausdrücklich gepriesen sei die vorzügliche Übersetzung mit gelegentlichen Austriazismen, die um so mehr gerechtfertigt sind, als sich die tschechische und die österreichische Umgangssprache historisch wechselseitig beeinflusst haben. Der einzige Nachteil dieses dicken Buchs ist, dass man es schlecht halten kann. Wer aber diese Hürde überwindet, wird - ich verbürge mich dafür - für viele Stunden mit einem Vergnügen belohnt, das in der gegenwärtigen Literatur selten geworden ist. Und wer gar den "Sozialismus" der fünfziger und sechziger Jahre aus eigener Anschauung kennt, dürfte erstaunt sein, dass man so heiter und doch so genau darüber schreiben kann. Eins allerdings sei hinzugefügt: der Roman ist vom feministischen Standpunkt aus ebenso zu rügen wie vom kommunistischen. Jedenfalls wenn man mit der Zeit und den Figuren, die hier durch den Kakao gezogen werden, eines teilt: die Humorlosigkeit. Und die ist, wer weiß, nicht nur Folge, sondern auch Ursache des Übels, von dem der Roman handelt.

Josef Skvorecky: Das Mirakel. Ein politischer Krimi. Aus dem Tschechischen von Johanna Posset und Hanna Vintr. Deuticke-Verlag, Wien-Frankfurt/Main 2001, 655 S., E 25,51

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00:00 08.02.2002

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