Das Zarte im See

Empathie Dea Loher bringt mit ihrem faszinierenden Roman „Bugatti taucht auf“ gegenwärtige soziale Fragen auf den Punkt

Der erste Eindruck von Dea Lohers Roman Bugatti taucht auf ist rätselhaft, scheinen die drei Teile des Buches doch nur eines gemeinsam zu haben: den Namen Bugatti. Der erste Teil, „Aus dem Tagebuch von Rembrandt Bugatti“, sind fiktive Aufzeichnungen des Bruders von Ettore Bugatti, dem berühmten Autokonstrukteur. Der Künstler, der für seine kleinen Tierfiguren aus Bronze bekannt war, nahm sich 1916 in Paris das Leben. Dea Loher schildert ihn als einen sensiblen, introvertierten Mann, der sich tagelang im Zoo von Antwerpen aufhielt, um Studien für seine Skulpturen anzufertigen. Der sich immer wieder unglücklich verliebte und für den die Arbeit im Lazarett während des ersten Weltkriegs ein Schock war.

Im zweiten Teil, „Der Mord“, geht es um den Tod von Luca Mezzanotte, einem jungen Politikstudenten, der in Locarno während der Fassnacht von drei Männern zu Tode getreten wurde. Ein Fall, der authentisch ist, für den Loher nur die Namen geändert hat und bei dem sie minutiös den Tathergang mithilfe der Zeugenaussagen beschreibt. Für die Tat selbst und die Zeit unmittelbar danach wählt sie die Zukunftsform: „Enrico wird sagen“, „Bianca wird beschreiben“ heißt es, so als wäre die Zeit mit dem Tod Lucas stehen geblieben.

Und schließlich im dritten Teil, „Die Bergung“, steht der Berufstaucher Jordi Polar im Mittelpunkt. Als er von seiner Freundin während einer Reise in Venezuela erfährt, dass Luca, der der Sohn eines Bekannten ist, getötet wurde, ist er so erschüttert, dass er sofort die Reise abbricht und nach Hause zurückkehrt. Wieder in Locarno scheint ihm, dass er etwas gegen diesen Mord setzen muss, „etwas Schwerwiegendes, das man nicht ignorieren, nicht wegmessen, nicht verwerfen konnte; etwas gutartig Schönes, dessen Kraft einen Teil der Gewalttat überstrahlen könnte ... eine Geschichte, die von irgendwoher kam und von der man nicht sagen konnte, wo sie enden würde. Ein Riesending, ein Zartes.“ Und dieses Schöne, Große und Zarte ist die Bergung eines Bugattis, von dem die Legende geht, dass er seit mehr als 70 Jahren vor Locarno im Lago Maggiore liegen soll.

Er versteht sie nicht

Dea Loher erzählt diese Geschichten so gekonnt, dass man zeitweise die Frage vergisst, wie alles miteinander zusammenhängt. Aber dann ist es wie mit der Bergung des tief im See liegenden Bugatti: Mit fortschreitender Lektüre und vor allem mit fortschreitender Reflexion des Gelesenen tauchen Ideen auf, die dann doch einen tieferen Zusammenhang herstellen.

In der mittleren Geschichte, „Der Mord“, bleibt trotz minutiös erzählter Rekonstruktion des Tathergangs eine Frage offen: Warum wurde Luca Mezzanotte getötet? Es bleibt eine sinnlose Tat, so sinnlos, wie wahrscheinlich Rembrandt Bugatti am Ende sein Leben empfand. Und auch als die Plattform, mit der Jordi Polar den alten Bugatti aus dem Lago Maggiore bergen will, in einem Unwetter untergeht, ist dies kein Zeichen für irgendetwas. „Es bedeutete nicht mehr und nicht weniger, als dass ständig Dinge passierten, die wir nicht verstanden und nie verstehen würden, und dass das Leben letztendlich nichts anderes wäre als ein einziges Sichaufbäumen gegen all das, was geeignet war, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen und uns glauben zu machen, dass unsere Existenz vergeblich und wertlos war.“

Ein weiteres Bindeglied zwischen den drei Teilen des Romans ist die Problematisierung der Gefühle der Protagonisten. Bei den drei Männern, die Luca Mezzanotte getötet haben, ist es die Abwesenheit von Empathie. Nach der Tat haben sie sich in aller Seelenruhe vom Tatort entfernt und weitergefeiert. Offenbar reichte weder ihr Vorstellungsvermögen noch ihr Gefühl aus, die Tragweite der Tat zu begreifen, sodass selbst der Drang, flüchten zu müssen, nicht entstand: Noch in der Nacht der Tat konnten sie verhaftet werden. Und fehlt nicht letztlich auch Rembrandt Bugatti die Fähigkeit, die anderen zu verstehen, zur Empathie? Nur, dass es bei ihm nicht zur Gewalt gegen andere, sondern zur Gewalt gegen sich selbst führt. Zwar verliebt er sich immer wieder, aber wie wir seit Freud wissen, ist der andere in diesem Stadium meist narzisstische Projektionsfläche der eigenen Wünsche. Umso verwirrender für den Künstler ist dann die Ablehnung, die ihm die Frauen immer wieder entgegenbringen. Er versteht sie nicht.

Und auch in der letzten Geschichte von der Bergung des alten Bugatti spielt Empathie eine Rolle. Nur dass Jordis Polars Empathie hier einem mehr oder weniger Fremden gilt, dem Sohn eines Bekannten, den er nur wenige Male gesehen hat. Eine Form von Empathie, wie sie heute weitverbreitet ist und oft gerade nach dramatischen Gewalttaten in Hunderten von Kerzen und Blumen an den Tatorten zum Ausdruck kommt. Und von der man fürchtet, dass dieses Verständnis und diese Gefühle aus der Ferne die andere Seite der Gleichgültigkeit gegenüber Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld sein könnte.

Dea Loher hat mit Bugatti taucht auf einen faszinierenden Roman geschrieben. Ein Buch, das gegenwärtige Probleme auf eine ganz eigene Weise thematisiert. Deren Rätselhaftigkeit auch deshalb fesselt, weil man das Gefühl hat, sie trifft damit den Kern heutiger Fragen. Fragen allerdings, die sie dann nicht vollständig beantwortet.


Bugatti taucht auf Dea Loher Wallstein 2012, 208 S., 19,90

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10:00 05.05.2012

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