Dasein, ohne Denken

Lago Maggiore Unser Autor verbringt zwei Nächte im Grand Hotel „Des Iles Borromees“ und begibt sich auf die Spuren des Schrifststellers Ernest Hemingway, der sich einst im Hotel von Kriegsverletzungen erholte

Endlich Sonne in Mailand. Die klare Luft der Berge liegt im Tal. Es wird dunkel, lange bevor die Tage zu Ende sind, es wird angenehm auf den Straßen, sobald die letzten Modepuppen am Abend geschafft aus Geschäftchen kommen und ihre Einkäufe nach Hause schleppen oder schleppen lassen. Die guten Mailänder Mädchen sind immer noch dünn, blass und braunhaarig, sie arbeiten als Töchter.

Wir wollen Corona jetzt vergessen und tun es. Das stille Licht der Auslagen fällt leise auf das Pflaster und man schlendert eingehakt, den Kopf im Kragen, an den Schaufenstern vorbei, wirft, von seinem Glück aus, einen Blick rein, in die Welt der toten Dinge. Einmal besuchte ich schon Mailand, vor ein paar Jahren, allein. Ich erinnere mich an Regen und eine Gardine und einen Park im Nebel, den ich von meinem Hotelfenster aus sehen konnte. Heute strahlt der Park im letzten Licht. Er heißt Giardini Indro Montanelli und wir gehen durch ihn durch, auf den Platz, auf dem zu dieser Uhrzeit keiner mehr ist, außer uns und einem, der Nothing Else Matters spielt – es ist wunderbar, jung und verliebt und auf Reisen zu sein.

Am Morgen gehe ich ins Cova und schreibe Briefe. Mittagessen: Schnitzel Milanese. Gefühlslage: tragische, erhabene, schöne Schwere. Ich reduziere die Stadt nicht mehr nur auf Menschen, die gut gekleidet durch schlechtes Wetter gehen und ihre Sachen umhertragen. Mailand ist dieses Mal mehr, ich habe Ernest Hemingways 1929 geschriebenen Roman In einem andern Land gelesen.

An klaren Tagen kann man von Mailand über die Ebene bis zu den Bergen blicken. Ich wusste nicht, dass die Alpen der Stadt so nahe stehen. Die Schneeberge der Schweiz stürmen manchmal auf die Stadt, wie eine Armee aus Wetter, wie das Ende von etwas, eine gewaltige Undurchdringlichkeit, die den Blick auf die Welt versperrt, auf Sonne, Leben, Hoffnung. Man sitzt im Zug und fährt den Lago Maggiore hoch und denkt, wie schön das ist und dass da mal Krieg war und keiner mehr hinging, so wie Hemingway es schrieb.

Denke ich an Hemingway, sehe ich einen traurigen, gebrochenen Mann, der versucht ein fröhliches Gesicht zu machen und mit jedem einen trinken muss. Ich hab mir im Fernsehen Dokumentationen über ihn angeschaut. Sie erzählen davon. Davon, was hinter der demonstrativen Männlichkeit steckte. Dass er im Bett wie eine Frau „rangenommen“ werden wollte, erzählen zumindest die Frauen, die das getan haben. Seine Mutter quetschte ihn in Mädchensachen und nannte ihn Ernestine. Mit Stierkampf, Schwertfisch und Schlagzeilen muss er sich abgrenzen. Ich sehe jemanden, der ein Leben kämpft, um einer fremden Rolle gerecht zu werden, und am Ende an eigenen Idealen scheitert.

Nördliche Tristesse

Als junger Mensch hat man noch die Kraft, seinen Erwartungen gerecht zu werden, aber auch die Aufgabe, sie mit der Zeit zu überkommen. Ich sehe das als eine Lehre am Horizont eines Lebensabends. Egal, wie weit ich bin, mit Homer, Hölderlin, Horaz, wobei Homer liest keiner, den blättert man nur, ich kehre immer wieder zu Hemingway zurück. Ich gebe das ungern zu, aber zu spannend ist der Kampf zwischen drinnen, draußen, Muskel und Obsessionen, und zu sehr kämpfe ich ihn selbst. Ein Vorbild ist er mir nie gewesen, aber ein Freund, der Mut macht, zu schreiben, auch mit Muskeln, auch wenn Manuskripte manchmal fürchterlich sind, bis sie anständig lektoriert wurden. Hemingway verdankt seine Klarheit nicht sich selbst, sondern dem Lektor Maxwell Perkins. Wer das nicht glaubt, sollte Fiesta lesen, bevor Max dran war, oder Schau heimwärts, Engel von Thomas Wolfe. Die Reduktion, also die Fähigkeit, etwas auf den Kern herunterzubrechen, bis es frei ist von Eitelkeiten und Zwang und damit wahrer als jene Realität, die einer Geschichte zugrunde liegt, haben wenige Autoren eigen.

In Hemingways In einem andern Land geht es um einen jungen US-Amerikaner, der als Sanitätsoffizier im Gebirgskrieg zwischen Österreich und Italien stationiert ist. Hier lernt er eine Krankenschwester kennen, in die er sich verliebt. Nach schwerer Verwundung gibt man ihm einen Orden und schickt ihn zur Belohnung für ein paar Tage ins Grand Hotel Des Iles Borromees in Stresa, am Lago Maggiore. Hier macht Hemingway – die Geschichte ist autobiografisch – seinen ersten Kontakt mit Noblesse – und ist hingerissen. Im Buch zeigt sich das in der Szene mit dem Conte Emanuele Greppi. Der Graf lässt ein paar Flaschen springen und man spielt Billard. Von der Bar sieht man auf den See. Von hier rudert sich das Paar eines Nachts auf der Flucht vor dem Krieg in die Schweiz.

Für ein Liebespaar im Herbst 2021 ist es bizarr, das Ende der Saison und das Ende der Welt im Bett zu verbringen und aus dem Balkon über den See in die Berge zu gucken. Es ist eigentümlich schön.

Südlicher Charme

Stresa ist wie Mailand mit Meer. Nördliche Tristesse mit südlichem Charme. Die Blätter braun, wenn sie nicht die von Palmen sind, eine Promenade, verschlafene Villen im Schatten der Nadelbäume. Wenn die Sonne rauskommt, lässt sie alles in den Farben der Dinge erstrahlen, genau wie Ferdinand Hodler das malt. Am Bahnhof sind drei Schilder, das muss ich erzählen. Eins für die Bar, eins zur Toilette und das, auf dem Uscita steht, zeigt einen Menschen, der sitzt und liest. Über ihm hängt eine Uhr. Irgendwie find ich das schön. Alles ist geordnet und pünktlich, meine Freundin kann nicht glauben, dass das dasselbe Land ist, in dem auch Neapel liegt. 14 Uhr ist aber auch hier immer noch ein guter Morgen. Wir kommen mindestes genauso kompliziert an wie Hemingway. Einen verpassten Zug später und falsch umgestiegen, fertig ist der Streit. Ich meinte, ich könnte die Karte besser lesen, und dann die Explosion. Man hat das Gefühl, das man hat, wenn man durch Orte geht, die sonst sehr belebt sind. Immerhin: Mit Wut lässt sich das Gepäck leichter bis zum Hotel schleppen.

Es ist das Zimmer mit Blick auf den See, das uns versöhnt. Wir hatten schon viele solche Zimmer, die auf Seen und Meere blicken, bringen unsere Liebe schon lange an schöne Orte, so schön, dass wir uns die Schönheit durch die Erwartungen unserer Liebe nehmen lassen. Ich kenne das Gefühl, das auch Hemingway treibt. Gut schreiben zu müssen und gut lieben zu müssen, jeden Tag. Es reicht nicht, es hundert Mal zu tun, man muss es immer hundertundeinmal tun, sich von diesem bestimmten Gefühl befreien, allen Zweifeln, von sich selbst. Glück kann zum Zwang werden, wenn man es hat und halten will. Man braucht es aber eigentlich nicht halten, um glücklich zu sein, man kann es auch einfach so haben.

Hemingway hat es in Wahrheit nie geschafft, seine geliebte Krankenschwester mit in dieses Hotel zu nehmen. Im Buch verleben Miss Barkley und er hier wundervolle Stunden, bevor sie sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vor Morgengrauen aus dem Krieg in die Schweiz rudern. Nach dem Krieg wollte er nie mehr wieder hierher. Mussolini hatte seine Bücher verboten. Sein gebrochenes Herz lag hier. Erst dreißig Jahre später kommt er wieder. Es ist dasselbe Hotel, in das ein anderer Mann kommt, vier Ehen und drei Kinder später. Am Abend ihrer Ankunft schreibt Mary Hemingway in ihr Tagebuch: Vor dreißig Jahren träumte „Hem“ davon, sein Mädchen hier mit herzunehmen, aber es gelang ihm nicht. Laut ihrer Aufzeichnung hat er es 31 Jahre später „nicht mehr gebracht“ und der Anblick der Berge entfachte in ihm nicht die gleichen Gefühle.

Der Schriftsteller will viel. Er beschreibt den Barkeeper besser, als er ihn in Wahrheit kennenlernt. Heute bleibt kaum einer mehr so lange in solchen Hotels, der Barkeeper ist eine Randfigur. Francesco, der Mixer, und ich verbringen zwei Abende zusammen an der Bar. Von ihm weiß ich, dass er so humpelt, weil er beim Steinpilzesammeln gestürzt ist, und 45 Minuten mit dem Auto zur Arbeit braucht. Er sei seit 23 Jahren hier und die Bar nicht immer an diesem Ort gewesen. Ich konnte das gleich fühlen, weil man in die Bar nicht reinkommen kann. Sie steht mitten in der Lobby wie eine Kulisse, eine Attrappe. Sie hat auch nicht den im Buch beschriebenen Blick auf das Boot und ist auch nicht so ruhig, wie vor einer Flucht im Krieg, auch zwei Tage vor Saisonende nicht. Man sieht den Steg und den See und man sieht sich im Spiegel, sieht, wie man an der Bar sitzt, die Hemingway Bar heißt. Es ist ganz fürchterlich, dass diese Bar so heißt und auch ein Bild von ihm hier hängt. Die Hocker sind viel zu tief und man traut sich gar nicht, einen Brief zu schreiben oder sonst irgendwas, weil man zu Kitsch verkommt.

Francesco meint, „komm, ich zeig dir, wo die Bar war“. Wir gehen in einen dunklen Raum des Seitenflügels und er stellt sich am Ende des Raumes hinter eine imaginäre Bar und ich ziehe an meinem imaginären Drink. Das ist der Raum, in dem Frederic Henry Billard spielt und das Boot des Mixers sieht, das ihn am nächsten Tag hier wegbringt. Im Raum ist Stille. Francesco steht stolz hinter der Bar und etwas traurig. Es donnert. Gewitter seien im November hier nichts Normales, meint er.

An den Bars der Welt ist Hemingway doch nur Amerikaner. Das habe ich im Chicote in Madrid gemerkt und in Harrys Venedig Bar, so ein Drecksloch. 25 Euro für ein Milchglas mit Martini, 15:1, Montgomery, mir egal, wer den trinkt, in keinem Grand Hotel kostet der so viel. Francesco lacht. Er ist ein lieber, wortkarger Mann und will morgen Basilikum besorgen für meinen Drink. Zum Abendessen empfiehlt er ein kleines Lokal im Zentrum. Nur die Straße runter, aber immer der Promenadenseite entlang. Keine Ahnung, warum er das sagt.

Die Promenade ist lang und wird von Straßenlaternen beleuchtet. Wir gehen über Laub auf langen Wegen, mit Bäumen auf beiden Seiten. Links liegt der See, menschenleer und schwarz und was es mit einem macht und in den Bergen die Nacht. Lichter funkeln auf am anderen Ufer. Es sind die gleichen Lichter, die man vor hundert Jahren gesehen haben muss, vielleicht mehr, aber auch ein paar von früher. Es ist kalt und nass. Morgen, nach dem Regen werden all die Berge weiß sein, hat Francesco gesagt.

Nach dem Abendessen und den Drinks im Hotel, in unserem Zimmer, mit dem Gewitter draußen, und uns im Bett, nach den leeren Gängen, den nassen Kieswegen, dem Schwarz des Sees, auf den der Mond strahlt, wenn die Wolken ihn lassen und man die Isola Bella sieht, die nachts aussieht wie die Hagia Sofia, und nach den Geschichten von Hemingway und mitten in unserer eigenen Geschichte, kann man das Gewicht des Himmels vergessen. Dasein, ohne Denken, Leben, ohne Tod. Einmal lieben, für immer.

Von Konstantin Arnold erschien 2020 Libertin – Briefe aus Lissabon (Proof Verlag), eine Liebeserklärung an eine Stadt, hinter der sich auch die Liebesgeschichte zu einem portugiesischen Mädchen verbirgt

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