Deals mit Deppen

Krimi Hannelore Cayre schreibt so böse wie heiter. Welch ein Glück!
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Ganz frisches Haschisch aus Marokko. „Kurkuma“ zählt übrigens zu den Trendfarben 2019

Foto: Fadel Senna/AFP/Getty Images

Die Französin Hannelore Cayre gehört zu jenen Autorinnen, die schreiben können, aber nicht müssen. Im Hauptberuf ist sie Strafverteidigerin, ihre Romane sind jedoch keine Liebhaberei: Cayre verbindet Menschenkenntnis und Lebenserfahrung mit einer bewundernswerten Kunstsinnigkeit. Ihr Blick auf die menschlichen Schwächen ist mild, doch ihr Stil ist geschliffen scharf. Die stählerne Härte, mit der Schwerverbrecher und Anwälte in Paris kämpfen, dürften ihr jede Empfindlichkeit ausgetrieben haben.

Schon in ihren schwarzen Komödien um den verkrachten Winkeladvokaten Christophe Leibowitz bewies Cayre viel Gespür für die Lächerlichkeit des Lebens, aber auch insofern einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit, als sie niemanden von ihrer Spottlust ausnahm. Ihren bösen Witz muss man als Antidot zu jedem Konformismus betrachten. In einem Interview zu ihrem Roman Der Lumpenadvokat, der 2007 im Unionsverlag erschien, bilanzierte sie ihre Arbeit als Anwältin mit einer Entspanntheit, die zwölf Jahre später anmutet wie von einem fernen Planeten: „Wirkliche Schweine gibt es nur wenige. Ich bin in meinem Leben nur vier oder fünf begegnet.“ Ein solcher Mangel an Hysterie kann heute nur als poetische Intervention durchgehen.

Nach mehr als zehn Jahren Pause, in denen Cayre etwas glücklos an der Verfilmung ihrer Leibowitz-Geschichten arbeitete, kehrt sie mit einem schmalen, aber vor Witz und Intelligenz überbordenden Roman zurück, der es glücklicherweise auch auf den deutschen Buchmarkt geschafft hat. Die Alte erscheint beim Ariadne Verlag in lustvoller Übersetzung von Iris Konopik und mit einem Warnhinweis versehen: „Dieser Roman enthält diverse politisch unkorrekte Ausdrücke. Um den Sarkasmus der Autorin nicht zu entstellen, wurden sie präzise ins Deutsche übernommen. Alles andere wäre erst recht unkorrekt.“ Man kann es dem Verlag nicht verübeln: Die Bereitschaft, böse Stimmen auszuhalten, schwindet rapide.

Die hinreißende Heldin ihres Romans ist die 53-jährige Patience Portefeux, der es bisher nicht recht glücken wollte, die Abenteurerlinie ihrer jüdisch-tunesischen Familie fortzusetzen. Ihr Vater war ein Pied-Noir, der auch nach seiner Rückkehr ins französische Mutterland nie seine Kolonisten-Mentalität aufgeben wollte, die ihm das Recht auf Waffen und kein Mitleid zusprach. Ihre Mutter hatte den Holocaust überlebt, nun sollte die Welt zusehen, wie sie ohne sie zurechtkommt: Sie träumt nur noch von einem Leben als furchtloser Jüdin. In Frankreich versteckten die beiden stets sehr sorgsam das Geld, das der Vater mit seiner Spedition in Pakistan, Afghanistan und Iran ergaunerte, aber sobald sie die Grenzen überquert hatten, lebten sie in Saus und Braus in den Luxushotels von Zermatt, Luzern und Ascona.

In einem dieser Hotels begegnete die kleine Patience einer Märchenfee namens Audrey Hepburn und wünschte sich von da an für ihr Leben nichts anderes, als Feuerwerke zu sammeln. Also heiratete Patience vielversprechend einen Mann, der sein Können in Sachen Lottospiel und Pferdewetten an afrikanische Länder verhökerte, doch leider starb er bereits an ihrem siebten Hochzeitstag, während Leuchtfeuer den Himmel über Oman erstrahlen ließen.

Vom Leben plattgebügelt, aber mit unschlagbaren Kompetenzen in Betrug und arabischen Sprachen verdient Patience Portefeux jetzt selbst ihr Geld, als Dolmetscherin für die Justiz, schwarz. Ihre beiden Töchter sind aus dem Haus und ihre alte demente Mutter in einem kostenträchtigen Pflegeheim. Sie weiß, dass man ihr einen schlechten Charakter nachsagt, aber sie hält diese Einschätzung für „voreilig“, auch wenn ihr die unerschütterliche Redlichkeit ihres momentanen Geliebten furchtbar auf die Nerven geht, auch wenn sie ihre chinesischen Nachbarn in Belleville nicht ertragen kann und auch wenn sie für die arabischen Jungs nur Verachtung übrig hat, deren abgehörte Telefonate sie übersetzen muss.

Aber dann, auf einmal, verschalten sich Geldsorgen, die Angst vor dem verpassten Leben und die in quälenden Jahren abgelauschte Expertise im Drogenhandel, und in Patience bricht sich die kleine Feuerwerkssammlerin Bahn: „Ich hoffe nicht mehr, ich will!“ Sie warnt einen Lieferanten vor einer Polizeifalle, und der Junge versteckt die Ladung Haschisch aus Marokko rechtzeitig an einer Ausfahrt der Autobahn. Einige Zufälle, einige Verbrechen und zwei unbetrauerte Todesfälle später ist Patience im Besitz von mehr als tausend Kilo Khardala-Hasch, allerbeste Qualität, und sie wird zu der gleichermaßen verlachten wie gefürchteten „Alten“, der Chefin, die mit ihren unerprobten Praktiken den Markt aufmischt. Mit Hidschab und Sonnenbrille getarnt, schleppt sie ihre „marokkanischen Koffer“ durch die Stadt und organisiert die Übergaben direkt vor dem Gefängnis oder in der Brautmoden-Abteilung von Tati. Natürlich bringt sie sämtliche Klein- und Großdealer in Paris gegen sich auf, und mit einer gewissen Verzögerung auch das Drogendezernat.

An mein Herz, Dumpfbacken

Der Plot erinnert ein wenig an Jérôme Enricos Filmkomödie Paulette, und auch der Zauber dieses anarchischen Romans besteht darin, dass einen die griesgrämige Patience mit ihren boshaften Invektiven durchaus zum Lachen bringt, aber je mehr sie über die Volltrottel und Dumpfbacken herzieht, mit denen sie ihre Geschäfte machen muss, umso mehr wachsen einem diese Jungs aus der Banlieue ans Herz, die nach zehn Jahren Wirtschaftskrise und Terrorismusabwehr die Letzten sind, die noch einen Job bekommen und die doch von ihrem Dealer-Leben so überfordert sind, dass sie nur noch ächzen können: „Das stresst mich, Bruder!“ Oder: „Beim Koran, das nervt!“ Ihre verzweifelten Mütter lernen Computerspiele, um mit ihnen abhörsicher sprechen zu können, bevor sie sich in den Pflegeheimen um renitente Alten kümmern dürfen. Und das honorige Frankreich versteht es, ganz straffrei vom illegalen Drogenhandel zu profitieren.

Cayre spaziert in ihrer Groteske mit großer Heiterkeit an Abgründen entlang, die sich in der aufgeheizten Banlieue ebenso auftun wie in den kalten Marmorhallen des Justizpalastes. Ihrem wachsamen Auge entgeht dabei nichts, trotz Sonnenbrille.

Info

Die Alte Hannelore Cayre Iris Konopik (Übers.), Argument Verlag mit Ariadne 2019, 208 S., 18 €

06:00 17.11.2019
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