Deckel zu

re:publica Die Digitalkonferenz fand jetzt auch in Accra statt. Afrika, erstmals! An den Ghanaern ging sie weitgehend vorbei

Ich betrete das Gelände der re:publica in Accra. Ein paar Wochen ist das Digitalfestival vorbei. Mittlerweile sind die letzten Plastikbecher eingesammelt, der Dreck zusammengefegt, die Kisten gepackt. Der dreistöckige Pavillon steht wieder so verlassen inmitten des weiten Geländes da, als wäre nichts gewesen. Aber was war denn? Ich bin mir nicht sicher, was der Ansturm aus Medienschaffenden, Digitalisierungsfans und Gesellschaftskritikern mit der Hauptstadt Ghanas angestellt hat.

Mitte Dezember hatte das Digitalfestival in Kooperation mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erstmals in Afrika stattgefunden. Mehr als 200 Redner aus 32 Ländern waren zusammengekommen, die freiwilligen Helfer teilten an den zwei Tagen über 2.000 Teilnehmerbändchen an ein internationales Publikum aus. Im Fokus des Festivals standen Workshops und Diskussionen in den wesentlichen Bereichen: Kunst, Kultur, Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Journalismus. Gefragt wurde nach Netzneutralität, Datenschutz, Bürgerrechten ... Genug Themen, um 110 Stunden Programm zu füllen. Themen, die man so auch in Berlin hätte machen können. Dort hatte die re:publica über zehn Jahre lang stattgefunden. Oder in Dublin, Thessaloniki und Los Angeles, wo sie danach stattfand. Oder eben hier in Accra, wo sie Ende 2018 stattfand. Warum soll es hier anders sein?

Vielleicht darum: Es ist Freitagmorgen, die re:publica Accra wird offiziell eröffnet. Auf dem Dach des Pavillons treffe ich Robert, der extra aus dem 100 Kilometer entfernten Ada Foah anreiste. Die Sonne steht noch nicht im Zenit, und doch brennt die schwüle Hitze auf der Haut. Während ich meinen Blick durch die Stuhlreihen in die glänzenden, blassen Gesichter schweifen lasse, fällt mir auf – nicht nur mir ist heiß.

Robert und ich schlendern durch das arenaartige Gebäude. Der 30-Jährige nippt an seinem Wasser und zeigt sich verwundert, dass er einer der wenigen Ghanaer ist, die zu diesem Festival gekommen sind. Die Mehrheit der Teilnehmer sei aus Deutschland oder zumindest aus Übersee, schätzt er. Kaum Afrikaner und noch weniger Ghanaer würden partizipieren. Man kennt sich, Experten im Digitalen dominieren. „Natürlich gibt es auch ein paar Besucher, die nichts mit Medien oder Technologie zu tun haben“, sagt Robert, „die neugierig und interessiert sind, die mehr wissen wollen über Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Aktivismus – so wie ich. Irgendwo dazwischen gibt es auch diese Personen. Sie sind aber die Ausnahme.“

Der Blick in die Keksdose

Nach der offiziellen Eröffnung der re:publica zerstreut sich die Masse. Man holt sich frisch gepressten Mango-Ingwer-Saft, tauscht Visitenkarten aus, lässt sich in der Health Lounge massieren, man macht Yoga. Und natürlich geht man auch zu den Vorträgen. Eine Gruppe fährt mit einem bunten Tro-Tro auf Mobile-Reporting-Tour durch die Straßen, organisiert von der Deutsche Welle Akademie. Der Berliner Ursprung des Festivals ist in Anbetracht des Flairs und Settings unverkennbar.

Bei einer Diskussion treffe ich auf Fred. Er ist 28. Die afrikanische Gesellschaft ist jung. Während das deutsche Durchschnittsalter bei 42 liegt, ist es in Afrika bei Mitte 20. Fragen zu seinem Job weicht er aus, stattdessen erzählt er mir über seine Heimat im Norden Ghanas. Seit einigen Jahren wohnt er nun im boomenden Accra, das nicht nur die Hauptstadt ist, sondern auch das digitale Epizentrum des Landes darstellt. Durch Twitter und Facebook wurde er auf das Event aufmerksam, man hatte vor allem in den Sozialen Medien viel Werbung für die #rpAccra gemacht. So erreichten die Veranstalter zwar ihre engere Zielgruppe, aber die breitere Masse wurde nicht angesprochen, kritisiert Fred. Denn in den Sozialen Medien tummeln sich eh nur die Menschen, die bereits ein großes Interesse an Digitalisierung hätten, obwohl dieses Thema aber von allumfassender gesellschaftlicher Relevanz für den afrikanischen Kontinent ist. Aber auch innerhalb der Zielgruppe fühlte sich offenbar vor allem die Crowd von Internationalen eingeladen, zumeist Deutsche, die in Ghana leben oder häufiger eingeflogen werden, resümiert Fred.

Auch Chris, ein Australier, der vor einigen Monaten nach Ghana zog, um ein Start-up zu gründen, fremdelte mit der re:publica. Ihn treffe ich einige Tage später in Osu, einem hippen Stadtteil, sozusagen dem Neukölln Accras. Er zündet sich eine Zigarette an, nimmt einen tiefen Atemzug und pustet den Rauch durch seine Nasenlöcher wieder aus. Was macht es für einen Sinn, wenn die Netz-Elite unter sich bleibt? Er vermisste die ghanaische Elite. Sogenannte Policy-Maker, Vertreter von Wirtschaft und Regierung – wo waren diese Menschen während der re:publica? Menschen, die wirklich was bewegen können. „Impact statt Input!“ Bedeutungsvoll drückt er seine Zigarette im Aschenbecher aus.

Zurück zu Fred. Er war ein wenig enttäuscht über die Diskussionen. Viele Themen, zu viele vielleicht, da habe es an Tiefe gefehlt. Er vergleicht die Sessions mit einem kurzen Blick in die Keksdose: schmackhaft, aber dann Deckel zu. Dabei wäre es so einfach gewesen, die metaphorischen Kekse herauszunehmen, zu probieren oder eigene Rezepte zu entwickeln. In den meisten Vorträgen seien die Ghanaer in der Unterzahl gewesen, wodurch landesspezifische Themen nicht ausgewogen dargestellt wurden.

Fred ist nicht zufrieden

Damit meint er etwa das Zusammenspiel von Wirtschaft und Agrarkultur. Immerhin: Im Programmpunkt „Disrupting Financial Power Structures – African FinTech“ wurde das Verhältnis am Beispiel von Mobile Money diskutiert. Mobile Money ist eine progressive Art der bargeldlosen Bezahlung, die mit Sim-Karte statt Bankkonto funktioniert. Während in weiten Teilen Afrikas dieses System schon lange Praxis ist – in Kenia haben mehr als Dreiviertel der Volljährigen einen „M-Pesa“-Account – fängt die deutsche Regierung gerade erst an, darüber zu diskutieren. Tausende ghanaische Bauern wirtschaften heute mit Hilfe dieses Systems, die Benutzerzahl hat sich seit 2014 vervielfacht. Darüber wurde diskutiert, aber es wurde nicht als ein Anfang verstanden. „Millionen Bauern haben nun Zugang zu Handys und Darlehen – doch was ist der Einfluss dessen? Welche Möglichkeiten lassen sich daraus schöpfen?“, fragt er.

Auf der Abschlussveranstaltung treffe ich Fred wieder. Aus großen Boxen dröhnen Afrobeats, ghanaische Künstler performen auf der Bühne. Fred trinkt den letzten Schluck seines Cocktails, betrachtet das Grüppchen tanzender Menschen und erzählt. Von der re:publica kommt er auf die Entwicklungsarbeit, die in vielen Feldern eben auch an den Bedürfnissen der Einheimischen vorbeigeht. Am Ende des Tages sollte der Fokus auf die Zukunft gerichtet werden, statt nur in der Gegenwart zu verweilen. Er hätte sich das ganze viel zielorientierter gewünscht. Die Macher hätten sagen sollen, „Am Ende der Veranstaltung wollen wir, dass X, Y und Z passieren. Nun lasst uns einen Weg finden, wie wir an dieses Ziel kommen“, kritisiert Fred. Die wichtigste Frage sei die nach Veränderung und wie diese erreicht werden könne, stellt er fest, während er den dünnen Plastikbecher, den er noch immer in seiner Hand hält, zerdrückt. „Next Level Cocktail“ steht in kleinen Lettern auf ihm geschrieben.

Diese Gedanken lassen mich auch Wochen nach dem Ende der re:publica nicht los. Ich laufe über das brache Gelände und nähere mich dem Ausgang. So schnell, wie die re:publica gekommen war, verschwand sie auch wieder. Was bleibt? Letztendlich, denke ich, ist die Idee, digitalaffine Menschen in Afrika zusammenzubringen, um Zukunftsvisionen zu diskutieren, sinnvoll. Aber auch vorhersehbar. Weil eben ein bestimmtes Publikum dominierte. Die Oberschicht, die Gruppe der Start-up-Gründer, Influencer und Digitalaffinen blieb unter sich – obwohl sie aus verschiedenen Teilen der Welt kamen.

Die re:publica wäre ein guter Nährboden gewesen, den Digitalisierungsspirit bei den Menschen zu versprühen, die nicht bereits Teil des Netzwerkes sind. „Lasst die Ghanaer das Event organisieren!“, meint Chris, „sie sind es, die wirklichen Einfluss auf ihre Lebensrealität haben. Wir müssen einen Bottom-up-Ansatz verfolgen, statt zu versuchen, einen extern angestoßenen Wandel zu erzwingen.“ Ansonsten könnte die nächste re:publica Accra unter dem Credo „Game Over“ statt „Next Level“ stehen.

Sophie Wenkel, 23, studierte Ethnologie und Politikwissenschaft. Sie arbeitet nun als freie Journalistin. Zur Zeit lebt sie in Ghana

06:00 01.02.2019

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