Dem Volk die Arenen

Sportplatz Kolumne

Im kommenden Jahr wird in den Alpenrepubliken Österreich und Schweiz die Fußball-Europameisterschaft ausgetragen. Wer dieses Fußballevent organisiert, muss allerhand um-, oder besser gleich neu bauen. Strenge Auflagen in Sachen Sicherheit, Akustik, Werbeflächen und mittlerweile sogar Umweltverträglichkeit gibt der Europäische Fußballverband (UEFA) vor allem in der Stadionplanung vor. Das hat zur Folge, dass sich immer dort, wo eine Welt- oder Europameisterschaft einnistet, die Stadionkultur des Landes nachhaltig ändert. So zu beobachten auch bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland im vergangenen Jahr. Sie wurde zum willkommen Anlass genommen, riesige, kommerziell höchst funktionale Arenen aus dem Boden zu stampfen. Merkwürdigerweise regte sich darüber kaum jemand auf oder brachte alternative Entwürfe in die Diskussion.

In der Schweiz und Österreich sieht das anders aus. Hier mischten sich von Anfang an die Bürger in die Planungen der neuen EM-Stadien ein. Sie wurden sogar dazu aufgefordert. Schließlich stehen die Arenen ja in ihrer Nachbarschaft. Dank dieser Partizipation entsteht eine besondere Stadionarchitektur - "eine Antithese zum Hexenkessel", wie die Neue Zürcher Zeitung über das neue Stadion "Letzigrund" in ihrer Stadt schreibt. Der Hexenkessel gilt als der moderne Entwurf des Stadionneubaus überhaupt, als herrschende Doktrin im Bau von Fußballarenen - städtischen Stadien, die sich nach außen streng verschließen und nur innen im gedrungenen Rund für Stimmung garantieren.

Im Züricher Letzigrund ist das anders, und dafür haben vor allem die Stadionanwohner gesorgt. Sie plädierten für einen Stadionneubau als öffentlichen, städtischen Raum, also das Gegenteil eines in sich und nach außen geschlossenen Hexenkessels. So wollten die Bewohner der angrenzenden Quartiere verhindern, dass sich die Nutzung des Stadions nach der Europameisterschaft auf ein paar Fußballspiele der beiden städtischen Fußballklubs, ein Leichtathletik-Meeting und einige Konzerte von Pop- oder Opernstars beschränken würde. Stattdessen forderten sie ein Stadion, das für alle und jederzeit bespielbar ist. Zwei Schweizer Architekturbüros vermochten diesen Anspruch einzulösen. Sie nannten ihr Stadionprojekt "Corculum impressum", was "eingegrabene Muschel" heißt. Der mittlerweile fertig gestellte Entwurf bedient sich der Tradition des (Ur-)Stadions im antiken griechischen Olympia. Das gleicht einer Grube in der braunen Erde, was dem Begriff "eingegrabene Muschel" seinen Sinn gibt.

Im Letzigrund gewährt diese Muschel überraschende Ein-, Aus- und Durchblicke in die Architektur der Nachbarschaft. Die, so hat es den Anschein, fließt förmlich in das Stadion hinein. Tatsächlich steht die Arena den Bürgern offen und ist frei zugänglich, die Alltagsnutzung steht im Vordergrund. Familien können Ausflüge ins Stadion unternehmen und von der Westribüne aus den Sonneuntergang beobachten. Kinder können den Innenraum des Stadions zum Spielplatz umfunktionieren. Selbst in der Farbgestaltung wurde diese wirklich multi- und hochfunktionale Stadionikone an die städtische Umgebung angepasst. Sie unterscheidet sich in ihren weichen braunen Tönen kaum von den Farben ihres Quartiers.

Auch im benachbarten Österreich, im Kärntener Wörthersee-Stadion in Klagenfurt, hat man neue Wege in der Stadionarchitektur beschritten. Hier entstand zwar für rund 50 Millionen Euro zunächst ein EM-taugliches Stadion, das 32.000 Zuschauer fasste. Doch nach dem Fußballspektakel im Mai und Juni 2008 wird es kaum wieder zu erkennen sein. Da hier ohnehin nur drei Gruppenspiele der EM ausgetragen werden und der heimische FC Kärnten in der zweiten österreichischen Liga nicht gerade als Publikumsmagnet gilt, wird man das Stadion nach dem Event wieder zurückbauen. Der gesamte obere Ring des Wörthersee-Stadions wird abgebaut, verpackt und in andere österreichischen Stadien transportiert, wo er weitergenutzt werden soll. Nach dieser architektonischen Reduktion bietet das Wörthersee-Stadion Platz für 12.000 Zuschauer, was einer Stadt wie Klagenfurt mit 97.000 Einwohnern angemessen erscheint.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare