Den Himmel nach einer Fata Morgana absuchen

Moldawien Auch diese ärmliche Verliebte will einen Bund fürs Leben mit der Europäischen Union und hat noch nicht einmal ihre Herkunft und Identität geklärt

Die Moldau-Republik ...


... besteht seit einem kurzen Bürgerkrieg 1992 aus zwei getrennten Teilen: Aus der von Chisinau aus regierten Republik Moldawien auf dem linken Dnestr-Ufer und der abtrünnigen, mehrheitlich von Russen und Ukrainern bewohnten Dnestr-Republik (Transnistrien) am rechten Ufer. Es handelt sich um keinen reinen Minderheiten-Konflikt, weil die Russen in Moldawien durchaus integriert sind. Das russische Interesse an Transnistrien resultiert nicht nur aus dem Unbehagen über eine mögliche Verschmelzung zwischen Rumänien (in Bukarest aber kaum gewollt) und Moldawien, sondern auch aus der Schwer- und Waffenindustrie auf dem rechten Dnestr-Ufer.

Verbrannte Felder und Wüste entdeckte hier Alexander Puschkin. Der Zar schickte den Dichter 1820 zur Strafe nach Chisinau. Hier, im sogenannten "Südrussland", sollte der freie Geist seine Frische verlieren. Der junge Petersburger Dandy langweilte sich, sah bloß Leere, und als imperialer Zeitgenosse füllte er Bessarabien mit "russischem Ruhm". Die Zeit, als die Russifizierung der lateinischen Bevölkerung noch "Ruhm" hieß, ist nicht vorbei, heute heißt sie geschickter "Gleichberechtigung der russischen Minderheit". Das Puschkin-Museum, ein niedriges Haus, in dem das 21-jährige Genie mit seinem Diener hauste, duckt sich inmitten überkommener Hochhäuser. Der moldawische Dichter Grigore Chiper geht lieber nicht hin. Er wird den Okkupationsdruck nicht los. Tritt der leidenschaftliche Rumänisch-Lehrer auf die Straße, schlägt ihm Russisch entgegen.

Die slawische Minderheit dominiert die Städte eines Volkes, das sich nicht einig ist, wie es sich und seine Sprache nennen soll. Chiper und andere Intellektuelle nennen sich Rumänen, die meisten bezeichnen sich als Moldawier, ihre Sprache als Moldawisch. Dieses "Moldawisch" ist einfacher als das Rumänische in Rumänien und gespickt mit russischen Lehnwörtern. Chiper aber weiß: "Meine Sprache ist Rumänisch." Er verehrt Rumänien, das westlich von ihm hinter dem Fluss Pruth liegt, dort entsteht die reiche Literatursprache eines Mircea Cartarescu, dort ist die westliche Kultur. Weder teilen seine Landsleute diese Gefühle, noch werden sie aus Rumänien erwidert. Intellektuelle sind auch bei Contrafort unter sich - die ambitiöse rumänischsprachige Kulturzeitschrift versteht sich als Balken, der die Festung der eigenen Kultur stützt. Die Redaktion sitzt in einem Betonbau in Chisinau. Von hier aus stützt man eher mit dem Balken im eigenen Auge den Blick der durstigen Literaten, der durch das Guckloch den westlichen Himmel nach einer Fata Morgana absucht.

Draußen wälzt sich die Masse, die vor fast zwei Jahren die Kommunisten zurückgewählt hat (*). Ekel befällt den Contrafort-Chefredaktor, er wendet sich ab, beginnt zu träumen: "Wenn der Blick von Präsident Bush bei seinen Reisen bloß auf uns fallen würde! Könnte er uns doch von den Kommunisten befreien! Das Unglück kam über Bessarabien, weil die k.u.k. Monarchie uns nicht annektiert hat. Dadurch fielen wir dem Osten anheim."

Die Oberin des Klosters hat viel damit zu tun, den Teufel zu vertreiben

Auf einer Wiese am Rande des Städtchens Leova: Baumstümpfe in Reih und Glied, wie ein Soldatenfriedhof. Der Bauer friert im Winter, sägt die Apfelbäume ab, heizt damit. "Das ist Demokratie", verhöhnt der Förster diesen Modebegriff, der zum "Rette-sich-wer-kann" im neuen Experiment geworden ist. Angesichts einer abgearbeiteten Bäuerin mit einer Hacke auf der Schulter ruft er zynisch aus: "Ecce homo, der befreite Mensch!" Befreit von der Kolchose und 1993 beschenkt mit eigenem Acker, der sie nicht ernähren kann: "Zur Sowjetzeit war alles gut, Kolchosen, Sicherheit, Ordnung. Mit den Kommunisten wird der Wagen wieder vorankommen, wenn die Intellektuellen nicht den Stock ins Rad stecken." Die erst 1940 aus Moskau importierte graue Diktatur des Proletariats soll die einzige Blütezeit in der Geschichte dieses Landes zwischen Pruth und Dnjestr gewesen sein? Nicht einmal Utopien sind hier originell.

"Wir haben ein Identitätsproblem." Der Oppositionspolitiker Vlad Cubreacov meint sein Volk. Er selbst weiß, wo er steht: auf mehreren heißen Eisen. "Jos comunistii!" (Nieder mit den Kommunisten) ruft er kräftig und will auch, dass die moldawische orthodoxe Kirche Bukarest und nicht Moskau untersteht. Er wurde im Frühjahr von Unbekannten entführt, hörte seine Geiselnehmer Russisch sprechen, verweigerte vier Tage lang das Essen. Als sie ihm endlich gaben, was er wollte - die Bibel -, überkam ihn die Erleuchtung. Zuerst wurde er innerlich, dann auch äußerlich frei, nun verbindet er die höhere Ebene mit politischer Arbeit und organisiert eine Demonstration, ein erfüllter Mensch hat in Moldawien Seltenheitswert. Doch was er hat, fürchtet er zu verlieren. Er spielt eine Kassette, der rumänische Schlager ist zum Lied der Christdemokraten geworden - eine Frauenstimme ruft ihrem Liebesobjekt zu, er könne sie zertreten, zerfleischen, im Wasserglas auflösen, auf den Meeresgrund versenken, bloß - so der Refrain - Dar sa numi iei niciodata dragostea - nimm mir nie die Liebe weg!

Cubreacov klagte am Europäischen Gerichtshof, und Chisinau musste das Religionsgesetz ändern. Seit Juli kann die Oberin im Kloster Hincu entscheiden, ob sie weiter dem Moskauer Patriarchen gehorchen will oder lieber dem Bukarester. Aber sie ist viel mehr damit beschäftigt, den Teufel zu vertreiben, der umso frecher werde, je mehr in der 300 Jahre alten Kirche durch stundenlanges Beten und Singen "der Mensch zur Güte schmilzt wie Gold in der Glut". Die Hände der Oberin sind unruhig, sie nimmt ein Bild von der Wand: "Hier ist das Jüngste Gericht mit der Hölle für die vom Weg Abgekommenen."

Die Klöster füllen sich wieder mit geistigem Leben. Für die Alten ist Hincu ein anstrengendes, aber nährendes Pflegeheim. Auf den langen Esstischen liegt die Eigenproduktion: Weißbrot, Gurken, Tomaten, Käse, Milch, kalte, gelbe Maisquadrate. Die 74-jährige Bäuerin wollte den Kindern nicht zur Last fallen, nun versucht sie, ihren eigenen Weg zu gehen - zwischen Morgenmesse um vier Uhr früh, Feldarbeit, Kochen, Waschen, Aufräumen, Schweigen und Knien und Bekreuzigen bei der Abendmesse. Während die meisten der 70 Nonnen grimmig sind, vermag sie zu lachen. Dem Kloster gehören Land und Wald, Arbeitskraft wird gebraucht. Auch junge Frauen suchen neuerdings den weiten Horizont in einem Leben unter breitem Kopftuch und nach einem engen Reglement.

Im Westen sind statt Herzen eher warme Nieren gefragt

Die Studentinnen in Chisinau wiederum wählen als Umhang die moldawische Fahne und gehen samstags demonstrieren - für die Beibehaltung der rumänischen Sprache als einzige Staatssprache und mit dem Slogan "Unsere Herzen für Europa". Der charismatische Parteichef der Christdemokraten, Jurie Rosca, führt sie an, er hat das Beten vor dem Kreuz mit Politik gepaart, Christentum und Nationalismus und dazu das Parteiemblem, ein blaues Herz mit zwölf europäischen Sternen. Noch sind das fremde, das ersehnte Europa und das eigene Land getrennt, aber die ärmliche Verliebte will einen Bund fürs Leben mit dem gesetzten EU-Herrn. Auf dem Werbeplakat der Partei blickt eine schöne Studentin melancholisch ins Weite. Das Stirnband in den Nationalfarben schnürt ihren klugen Kopf ein. Im Westen sind statt Herzen eher warme Nieren aus Moldawien gefragt - für den Transplantationsmarkt, verkauft aus Not.

Begehrtester Bodenschatz des Landes ist jedoch der unversehrte Frauenkörper. Sich an den in Chisinau oder Tiraspol flanierenden Schönheiten zu erfreuen, ist schwer, wenn man weiß, dass auf dem Balkan zwei Drittel der Sexsklavinnen aus Moldawien und Transnistrien stammen. Auch die Kfor-Männer in Kosovo bevorzugen diese Ost-West-Annäherung. Es ist gespenstisch, wie die künftigen Verlorenen auf den löchrigen Dorfstraßen daherkommen: Nicht die junge Frau trägt ihr Kleid, nicht ihr Körper, nicht ihre Würde soll darunter geschützt bleiben. Hier hat der Fetisch des Kleides den weiblichen Menschen usurpiert. Die Halbwüchsige trippelt dahin, das Gesicht zur ernsten Maske eingefroren, so betet sie das schwer erkaufte Stück Stoff an, als zöge dieser Import aus der Türkei die Gefügige zu seinem Ursprung. Zehntausende verschwinden im Istanbuler Fleischwolf. Und die Fracht geht weiter nach Mailand, Amsterdam, München. Egal wohin, der geschlossene Kreislauf der Bars, der Bordelle ist globalisiert.

In den Kindergärten fragen die Kleinen: "Wann holt mich die Großmutter ab?" Denn die Mutter ist nicht nur Prostituierte, sondern auch Hausangestellte in Italien, Verkäuferin in Moskau, und der Vater verdingt sich als illegaler Bauarbeiter in der Ukraine, in Israel oder in Spanien. Die aktive Bevölkerungsschicht fehlt überall, es fehlt damit das Rückgrat der Gesellschaft, der Wertmaßstab, die reife Mitte. Die Halbwüchsigen, sich selbst überlassen, ohne ein identitätsstiftendes Vorbild, bereiten sich ebenfalls auf den Exodus vor. Schätzungsweise eine Million Menschen - ein Viertel der Bevölkerung Moldawiens und Transnistriens - hat das Land verlassen, über das Western-Union-Banksystem werden jährlich 200 Millionen Dollar nach Hause geschickt.

Grigore Chiper sieht in diesem Familienegoismus keinen Gewinn, das Geld werde für Hausbau, Möbel und Kleidung ausgegeben, kaum jemand gründe ein Unternehmen. Auf den Märkten werde drittklassiger Import angeboten - ob Chips, Sandalen oder Töpfe, selbst Souvenirs kommen aus Russland. Das schwächt die labile Ökonomie und den angeschlagenen Bürgerstolz.

Igor Smirnow ist Zar und Gott im schwarzen Loch

Moldawien wurde schon 1990 ein Glied amputiert: der schmale Landstreifen Transnistrien, ein verlängerter Arm Moskaus. "Eine Piratenrepublik", in der sich große und kleine Diebe tummeln, behauptet man bei der rumänischsprachigen Zeitung Tara in Chisinau. Ihr Korrespondent schreibt zum eigenen Schutz unter Pseudonym über das "schwarzen Loch".

Friedlich wirkt Transnistriens Hauptstadt Tiraspol, fast ohne Verkehr; hier gibt es keine Reklame wie in Chisinau, sondern unangetastete Symbole - Arbeiterlosungen, Lenin-Büsten, Karl-Marx-Straßen. Eine museale Mini-Sowjetunion ohne KP, mit eigenem Zoll und eigener Währung. Auf den transnistrischen Rubelscheinen prangt der Kopf Alexander Suworows, des zaristischen Generals und Eroberers Transnistriens. Aber das Staatsgebilde Pridnestrowskaja moldawskaja respublika, wie Transnistrien auf Russisch heißt, ist von der Welt nicht anerkannt. Das Staatswappen ist der übernommene sowjetische Ährenkranz mit Hammer und Sichel, unter dem der Präsident, der Russe Igor Smirnow, kapitalistisch waltet, gewinnbringend für sich und seinen Clan.

Die politische Offenheit der einfachen Untertanen erschöpft sich in: "Smirnow ist hier Zar und Gott" oder "Der Fisch fault zuerst am Kopf". Die das beliebte Roggengetränk kwass anbietende Frau erschrickt sogleich über ihren Mut: "Aber Sie werden mich deshalb nicht anzeigen?" Eine Angestellte im Tiraspoler Hotel Drushba sorgt sich flüsternd: "Unsere sowjetischen Pässe sind nur bis Ende dieses Jahres gültig. Was wird aus uns? Transnistrische Pässe sind im Ausland ungültig. Mein Sohn hat sich den rumänischen Pass machen lassen, meine Tochter den ukrainischen. Ich weiß nicht, was tun. Wenn ich den leeren Kühlschrank sehe, wird mir schrecklich zumute. Zur Sowjetzeit war er voll."

Den Kühlschrank der Mehrheit lässt die russischsprachige Zeitung Dnjestrowskij kurjer aus, sie berichtet von transnistrisch-russischer Freundschaft, druckt ein Pamphlet gegen die Angliederung an Moldawien und Smirnows Trauerrede zum zehnten Jahrestag der "Tragödie von Bendrey", des Bürgerkrieges mit über tausend Toten, als Moldawien mit Waffengewalt gegen den Separatismus Transnistriens vorging. Die aus Russland geschickte 14. Division unter General Alexander Lebed entschied die Schlacht - der im Vorjahr tödlich Verunglückte wird hier verehrt, sein Foto mit Trauerband hängt in einer Geschäftsvitrine.

In den fünfziger und sechziger Jahren kamen aus der ganzen Sowjetunion Spezialisten, herbeigelockt mit doppelten Gehältern, um die führenden Posten Moldawiens zu besetzen. "Statt Rumänisch zu lernen, haben sie ihre Befehle laut auf Russisch gegeben", sagt Grigore Chiper. Er hat einen Maßstab für Gut und Böse, den er an die 34 Prozent nichtrumänischer Bevölkerung in Moldawien anlegt, an die russische, ukrainische und gagausische (eine Turkminderheit): das Erlernen des Rumänischen. Er schätzt die russische Serviererin, weil sie Rumänisch kann. Auch den Nachbarn in seinem Dorf Copanca achtet er, einen russischen Altgläubigen mit langem Bart, dessen Vorfahren vor der zaristischen Intoleranz geflohen sind - dieser pflegt ebenfalls den seltenen sprachlichen Anstand.

Nachdem Rumänisch 1990 zur einzigen Staatssprache erklärt und Moldawien 1991 unabhängig geworden war, fühlten sich die meisten Russen ausgeschlossen. Immer wieder kam ihre Kränkung darüber zur Sprache, dass für eine Staatsstelle Rumänisch verlangt wird. "Wozu sollen wir diese unbedeutende Sprache lernen?" fragten sich viele, zogen sich hinter den Dnjestr zurück und gründeten mit der Hilfe Moskaus in Transnistrien ihren eigenen Staat im Staat.

Für Grigore Chiper ist der Dnjestr "ein unbeständiger Fluss", nicht als Naturphänomen, sondern als politische Grenze. Als ich vom moldawischen rechten Ufer auf das transnistrische linke will, findet er es politisch unkorrekt. Die Ufer des Flusses sollten getrennt bleiben, solange das Land getrennt sei. Den neuen, viel diskutierten Vorschlag, eine Föderation mit Transnistrien zu bilden, hält Chiper für eine Scheinlösung. "Das Wesentliche ist die Unbestimmtheit in allem, das Diffuse in den Menschen selbst. Wie kann man für einen amorphen Körper ein Kleid suchen?"

(*) Am 25. Februar 2001 siegte die KP Moldawiens bei den Parlamentswahlen mit 50,2 Prozent und stellt seither die Regierung.

00:00 06.12.2002

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