„Den Status Quo bedrohen“

Interview Mit Rilke, Marx und Bibel kämpft der Demokratische Sozialist Cornel West in Donald Trumps Amerika für Veränderung
„Den Status Quo bedrohen“

Foto: Andrew Burton/Getty Images

Den US-amerikanischen Philosophen und Theologen Cornel West und die britische Ökonomin Grace Blakeley trennen 40 Jahre Altersunterschied und ein Kontinent. Was sie verbindet: Beide sind demokratische Sozialisten, und beide leben in Ländern, in denen das gerade ein hartes Los ist. Ein Gespräch über politische Integrität, Vorbilder, Demokratie von unten, Solidarität und Strategien gegen die kapitalistische Landnahme.

Grace Blakeley: Herr West, in einem Interview mit dem Sender Al Jazeera haben Sie kürzlich gesagt: „Gegen den neofaschistischen Gangster im Weißen Haus müssen wir eine antifaschistische Koalition bilden.“ Glauben Sie, so eine antifaschistische Koalition gegen Donald Trump kann Erfolg haben? Und trauen Sie es Joe Biden zu, dass er als Präsident den Wandel in Gang bringen könnte, den die USA jetzt dringend brauchen?

Cornel West: Zuerst möchte ich sagen, dass es mir eine Freude ist, mit Ihnen zu sprechen. Ich bewundere Ihre intellektuelle Arbeit und Ihren Mut als Aktivistin. Ich sehe bei uns viele Überschneidungen, bei den Argumenten und bei der Haltung. Wir sagen beide, dass wir konsequent sein müssen in unserer Kritik des Imperialismus, des Kapitalismus, des Patriarchats, der Homophobie und Transphobie und der White Supremacy. Wir wollen uns unsere politische Integrität und unseren Mut nicht nehmen lassen. Wir sagen die Wahrheit über Donald Trump, den Neofaschisten und Gangster, und wir sagen die Wahrheit über seine Förderer und Helfer. Er treibt das Land wirklich in Richtung Faschismus: Rechtsbruch im großen Stil, Militarismus, Herrschaft von big money, von Wall Street und Silicon Valley, Unterdrückung der Arbeitenden, Marginalisierung von Frauen, und als Sündenböcke: die Mexikaner, die Muslime, die Juden, die Schwarzen, die Nichtweißen, die Indigenen. Biden wiederum steht für die neoliberale Katastrophe. Er kann das schnelle Abdriften in einen amerikanischen Faschismus verhindern. Das ist wichtig: Setzt sich der Faschismus durch, habe ich keine Stimme mehr, und vermutlich wird er viele von uns töten. Diese Entwicklung kann Biden stoppen. Aber auch seine neoliberale Regierung wäre mit der Wall Street verwoben, mit dem Kapital, dem Militarismus, der Einmischung des US-Armeekommandos Africom in Afrika, einer zutiefst reaktionären Nahost-Politik, Netanjahu und so weiter. Die Linke sitzt in der Klemme, wie eigentlich immer in den letzten 50 Jahren.

Laut einer CNN-Umfrage lässt der Rückhalt für „Black Lives Matter“ in der US-Bevölkerung nach. Im Juni waren es noch 67 Prozent, die die Bewegung unterstützten, jetzt sind es 55 Prozent. Glauben Sie, dass wir den Trend umkehren können, oder wirkt Trumps Strategie?

Ich glaube, da wirkt Trumps Pauschalangriff auf „Black Lives Matter“ als angebliche Terrorvereinigung. Was allerdings ein Zeichen für den Erfolg von „Black Lives Matter“ ist: Wir können eine echte Bedrohung für den Status quo sein. Nicht nur für eine Polizei, die ihre Macht missbraucht, um Menschen zu töten, sondern auch als Kritik an der Macht und den Verbrechen der Wall Street und des Pentagon. So gesehen spiegelt die Heftigkeit des Angriffs die Größe der Bedrohung wider. Und das ist keine schlechte Nachricht.

Was gerade wirklich die Welt verändert, ist ja die Pandemie. Nun hat eine Umfrage des Radionetzwerks NPR ergeben: Corona vergrößert das ethnische Wohlstandsgefälle. 60 Prozent der schwarzen Haushalte in den USA, 72 Prozent der Latino-Haushalte und 55 Prozent der Haushalte von Native Americans sind seit Beginn der Pandemie in finanzielle Not geraten. Bei den weißen Haushalten sind es 36 Prozent. Wie können People of Color und ihre weißen Verbündeten in den USA einen Ausweg aus dieser tiefen Krise finden?

Dafür eben brauchen wir Systemkritik und alternative Lebensentwürfe – um unsere Resilienz gegen das System aufrechtzuerhalten. Solange wir unsere Anliegen isoliert betrachten, solange wir in unseren Blasen bleiben, ohne Solidarität zu üben, haben wir keine Chance. Es ist allzu leicht, Race oder Gender als Identität zu fetischisieren, ohne damit eine Kritik des Raubtierkapitalismus zu verbinden. Aber nur die lässt uns erkennen, wie stark unsere Solidarität mit den Arbeitenden und mit den Armen ist.

Ihr Leben und Ihre Karriere als Philosoph und Aktivist sind unglaublich breit gefächert. Sie sind einer der führenden Intellektuellen der USA und für die US-Gesellschaft eine Art moralische Autorität. Ihre Laufbahn ist eine akademische. Sie haben Philosophie und Theologie studiert und lehren heute. Was hat Sie daran gereizt, sich mit diesen großen Ideen zu befassen? Und was hat Sie radikalisiert?

Ich komme aus einer sehr liebevollen Familie. Die größte Ehre für mich ist es, der zweite Sohn von Irene und Clifton West zu sein. Ein Mensch wie mein Vater, der vor 26 Jahren starb, werde ich nie werden. Meine Mutter lebt noch, 88 Jahre alt, und nach ihr ist eine Grundschule benannt. Die Liebe und Unterstützung, die ich von ihr und meinem Vater erfuhr, haben mir viel Freiheit gegeben. Als Heranwachsender war ich allerdings ein Rabauke, habe mich dauernd geprügelt. Von der Schule flog ich, weil ich mich weigerte, die Flagge zu grüßen. Mein Großonkel war gelyncht worden, und dann haben sie ihn in die Flagge gewickelt. Bei meinem intellektuellen Coming of Age fand ich mich einerseits in der Kirche verwurzelt – ich habe mich immer als revolutionären Christen in der Tradition von Martin Luther King und Fannie Lou Hamer gesehen –, und andererseits fühlte ich mich der Black-Panther-Partei verbunden. Eine Kritik am Kapitalismus, Imperialismus, auch an Homophobie und dem Patriarchat habe ich also damals schon entwickelt, denn über diese Dinge redeten wir im Black-Panther-Hauptquartier. Da hielt ich die Frühstücksvorlesungen. Ich unterrichtete im Norfolk-Gefängnis, wo Malcolm X in Haft saß. Allerdings wurde ich nie Parteimitglied, ich war Christ, sie waren antireligiös. In meinen College-Jahren war ich dann dieser herrlichen Flut von Ideen und Geistesleben ausgesetzt. Ich verliebte mich in ganz viele von den großen Figuren. Karl Marx natürlich, in den britischen Sozialisten William Morris, in den Essayisten William Hazlitt, in Virginia Woolf, den Kulturtheoretiker Raymond Williams und schließlich in Edward Said. Ich studierte bei John Rawls und Hilary Putnam, bei Stanley Cavell und Martha Nussbaum, bei Martin Kilson und Preston Williams. Danach in Princeton bei Richard Rorty und Sheldon Wolin. Das waren beeindruckende Gestalten, die mich für das Denken begeisterten und meine provinziellen Haltungen wegfegten. Ich bin immer ein freier schwarzer Mann geblieben, der Jesus liebt und sich um die Armen und die Arbeiter sorgt. Aber so konnte ich Teil eines größeren Gesprächs werden. Schwarze Intellektuelle der USA, wie der Kulturkritiker C. L. R. James und der Bügerrechtler W. E. B. Du Bois, waren wichtig für mich, aber auch der Panafrikanist Kwame Nkrumah und der indische Sozialtheoretiker Ashis Nandy. Ich fühle mich wohl beim Denken, aber ich versuche immer, es als eine Art Waffe zu nutzen, zur Stärkung, zur Erbauung und als Stütze für die Verletzlichen, egal, wer sie sind.

Zur Person

Cornel West, Jahrgang 1953, lehrt Afroamerikanische Studien und Theologie in Princeton und Philosophie in Harvard. 1980 promovierte West mit einer Arbeit über ethische Aspekte des Marxismus. Seine Essaysammlung Race Matters von 1993 wurde zu einem Bestseller. West ist Ehrenvorsitzender der Democratic Socialists of America

In der hebräischen Bibel gibt es das Konzept der Chesed: Die höchste Form des Menschseins besteht darin, mit Fürsorge und beständiger Liebe den Waisen, den Witwen, den Unterdrückten zu begegnen. Deshalb glaube ich, wenn ich ein Teil dessen sein will, worum es Mose ging – Rettung und Befreiung –, dann muss ich nicht nur den Pharao von Grund auf kritisieren, sondern das System, das den Pharao am Platz hält. Die Pyramiden haben mich nie groß beeindruckt. Ich habe eine tiefe Abneigung gegen Pharaonen, egal welcher Farbe und welchen Geschlechts. Sie mögen prachtvolle Bauwerke vorweisen, aber schaue ich mir das System dahinter an, sage ich: Nein, ich stehe auf der Seite der Armen, der Arbeitenden, die die Pyramiden errichtet haben, aber für immer ausgeschlossen bleiben, vergessen, unsichtbar gemacht. Mit ihnen bin ich solidarisch.

Da bin ich bei Ihnen, ich sehe mich selbst als Christin und Sozialistin, so wie eines meiner größten Vorbilder, der linke Labour-Politiker Tony Benn. Ein Wandel der Gesellschaft ohne einen spirituellen Wandel scheint mir unmöglich, ganz gleich, von welcher Religion, welcher Spiritualität er ausgeht.

In der Tat. Und das muss offen gesagt werden, denn eine Art, wie der Kapitalismus sich reproduziert, ist die Kommerzialisierung von allem und jedem – um die „hohlen Männer“ zu erzeugen, von denen T. S. Eliots berühmtes Gedicht handelt: moralisch und spirituell entleerte Kreaturen, die sich lebendig fühlen, wenn sie mit Konsumangeboten überschüttet werden. Martin Luther King ist natürlich ein weiteres großes Vorbild als demokratischer Sozialist. Oder der frühe Reinhold Niebuhr, Autor von Moral Man and Immoral Society, ein demokratischer Sozialist. Und so viele mehr, die versucht haben, einen Sinn für tiefe Liebe und Gerechtigkeit lebendig zu halten. Aber auch für das Schöne, die Liebe zum Schönen. Ich komme aus einer Bevölkerung, deren vorherrschende Formen der Spiritualität die Liebe zum Schönen war. Nach 244 Jahren der barbarischsten Form moderner Sklaverei; keine Chance, ohne weiße Aufsicht lesen und schreiben zu lernen oder Gott zu preisen, und im Durchschnitt starben die Sklaven mit 26 Jahren. Sie schlichen sich nachts davon, um ihre Stimmen zu erheben, standen im Kreis und hielten sich bei den Händen. Und sangen diese wunderschönen Lieder, Swing Low, Sweet Chariot und Wade in the Water, God’s Gonna Trouble the Water. Das war Kunst. Ein Festhalten am Schönen im Angesicht von Terror und Trauma. Das, woran uns Rilkes Gedichte erinnern: Die Schönheit wird zum Quell der Resilienz, wo Terror und Trauma über viele Jahrzehnte hin institutionalisiert sind, und die Musik wird lebenswichtig. Darum sind die Liebe zur Wahrheit, die Liebe zum Schönen, die Liebe zur Gerechtigkeit und für mich auch die Liebe zu Gott so eng miteinander verflochten.

Sie sind nicht nur ein herausragender Intellektueller, sondern auch künstlerisch tätig. Sie haben Hip-Hop-Alben aufgenommen, mit Prince Musik gemacht, Sie haben in Kinofilmen wie „Matrix Reloaded“ mitgespielt und sprechen auf eine ganz eigene, besondere, sehr erhellende Weise über Kultur, vor allem über schwarze Kultur in den USA. Und trotzdem frage ich mich, ob die heutige Mainstream-Kultur, von Fernsehen bis Hollywood, so weiß und so kommerzialisiert, wie sie ist, nicht zwangsläufig repressiv sein muss. Oder kann man das ändern, indem man selbst dabei mitwirkt?

Adorno und andere haben uns gelehrt, dass es in jeder hegemonialen Struktur etwas gibt, das querschießt, eine Saat, die aufgehen kann. Die Kritik der hegemonialen Struktur entsteht in ihr selbst, sie wohnt ihr inne. Und das gilt auch für Hollywood. Es gilt für das Musikgeschäft, für die Malerei, für alles. Aber es bleibt etwas Zwiespältiges. So, wie es ist, wenn man Rembrandt aus einer linken Perspektive deutet oder andere große Gemälde, in denen die Gesichter und Körper all unsere Widersprüche und Inkongruenzen abbilden. Aber bezahlt wurden sie von den Reichen und Herrschenden, die sie dann zum Beispiel in ihren Amsterdamer Palästen aufhängten …

Wo sehen Sie die Auswirkungen der imperialen Rolle der USA auf die Struktur der amerikanischen Gesellschaft und Wirtschaft?

Martin Luther King hat gesagt: „Die Bomben, die ihr auf Vietnam werft, fallen auch auf die Ghettos in Amerika.“ Auch auf arme Weiße in den Appalachen, auf die Barrios unserer spanischsprachigen Brüder und Schwestern, auf die Reservate unserer indigenen Brüder und Schwestern. Es besteht eine direkte Verbindung zwischen dem US-Militarismus im Ausland und Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Gesundheits- und Bildungsmisere im Inland – und ebenso mit der Militarisierung des Alltags. Das ist das große Problem, das wir jetzt mit der Polizei haben. Seit jeher war die Polizei für die finanziell Schwachen gefährlich, vor allem für die Schwarzen. Aber unter der Herrschaft des Neoliberalismus sind die Polizeireviere den US-Armeeposten in Bagdad immer ähnlicher geworden. Die Antwort auf jedes kleine Vergehen ist militärisch. Nehmen wir den Fall Breonna Taylor: Mitten in der Nacht brechen sie ihr die Tür auf, als wäre sie von der Mafia und hätte jemanden umgebracht. Dabei suchen sie nur nach einem kleinen Paket Drogen. Und dann töten sie sie, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Es besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen imperialistischer Außenpolitik und einer Innenpolitik, die an den Interessen der Konzerne ausgerichtet ist. Das Resultat ist eine verarmte Arbeiterklasse, die obendrein spirituell bombardiert wird, weil sie und ihre Kinder kaum Zugang finden können zu nicht vermarktbaren Werten wie Intimität und Verletzlichkeit. Immer musst du tough sein und in Stellung, jede Sekunde kampfbereit, denn es geht um das Überleben des Schnellsten. Das ist fast noch schlimmer als der Sozialdarwinismus von Herbert Spencer und Konsorten mit seinem „survival of the fittest“. Das Überleben des Flinksten treibt den Thrasymachos auf die Spitze, der in Platons Der Staat das Recht des Stärkeren propagiert: Erlaubt ist, womit du durchkommst. Gier ist geil. Es geht um Herrschaft und Manipulation. Das ist die Grimmigkeit unserer Welt, die „eisige Finsternis und Härte“, die Max Weber als Zukunft der Menschheit befürchtete. Wobei er nicht nur die Entzauberung der Welt sah: Er sagte, die eisige Finsternis schreitet voran, indem sich Kommerzialisierung, Bürokratisierung, Verdinglichung und Herrschaft zu einem eisernen Käfig für unsere Spezies verbinden.

Glauben Sie, Demokratie von unten kann eine Waffe gegen den Kapitalismus sein?

Dear sister Grace, ich komme aus einer schwarzen Gemeinschaft, deren Hymne ist: Erhebe jede Stimme! Und wenn diejenigen ihre Stimme erheben, die Sly Stone die Everyday People nannte, und zwar in all den Entscheidungsprozessen und Institutionen, die ihr tägliches Leben bestimmen und regulieren, dann werden sie sich nicht für die Armut entscheiden. Nicht für marode Schulen. Nicht für eine miese medizinische Versorgung. Nicht für Häuser voller Ratten. Demokratie von unten nimmt die Stimmen ernst, die gegen das soziale Elend kämpfen, und erlaubt es ihnen, ihr Schicksal so zu gestalten, dass ihre Kinder gute Schulen besuchen können, so wie die Kinder der herrschenden Klasse. Dass ihre Eltern die gleiche medizinische Betreuung erhalten wie die Mächtigen. Demokratie von unten ist eine Bedrohung für jede hierarchische Macht, ob in der politischen oder in der ökonomischen Sphäre. Und das ist das Entscheidende, der Punkt, an dem Eugene O’Neills Der Eismann kommt ansetzt – das großartigste Theaterstück, das je in den USA geschrieben wurde, mit seiner gewaltigen Anklage gegen kapitalistische Zivilisation. O’Neill war ein entschiedener Linker. Ein Anarchist, so wie mein Bruder Noam Chomsky. Aber wie Dostojewski war er der Meinung, dass die meisten Menschen ihre Gier höher stellen als ihre Freiheit. Und dass sie sich eher an den Gierigen orientieren würden, als Solidarität mit den Armen zu riskieren. Das ist natürlich eine Kritik an unserer Spezies selbst: O’Neill und Dostojewksi glaubten, dass die Menschen lieber Autorität als Freiheit wollen. Eher würden wir dem Rattenfänger hinterherlaufen, als uns zu organisieren und unsere Arbeit selbst zu verwalten. Und das radikal demokratische Projekt möchte zeigen, dass sie unrecht hatten. Aber das ist ein sehr harter Kampf, zweifellos.

Sie haben angedeutet, dass der liberale Individualismus ein entscheidender Faktor dafür ist, wie sich der Kapitalismus erhält und fortschreibt. Jetzt aber gibt es individualistischen Feminismus, individualistischen Antirassismus, individualistischen Umwelt-Aktivismus, sie benutzen keine Plastik-Strohhalme mehr, machen Mülltrennung, und plötzlich ändert sich alles ...

O ja – und einen individualistischen Umgang mit White Supremacy gibt es auch. Toll, ein schwarzer Präsident. Hurra, er repräsentiert uns. Wir haben gewonnen, die Bürgerrechtsbewegung hat erreicht, was sie wollte. Aber trotzdem sind immer noch all diese Schwarzen arm, ohne Krankenversicherung, arbeitslos, unterbezahlt, unterprivilegiert. Bei einem solchen Individualismus von oben, bei solchen bürgerlichen Individualismen – egal, wie viele unterschiedliche Hautfarben sich an der Spitze versammeln, wie viele Frauen und so weiter es schaffen – bleibt: die Klassenhierarchie. So gesehen ernten wir gerade nur das, was wir gesät haben. Wir sehen, wie all die Schwarzen oder all die Frauen an der Spitze der Klassenhierarchie aufgestiegen sind, ohne dass die Klassenhierarchie selbst infrage gestellt wurde – und sehen, wie sie damit immer noch in den Herrschaftsstrukturen gefangen bleiben.

Ich schließe Gespräche gerne damit, dass ich meine Gäste nach einer Kampagne oder einem Projekt frage, mit dem sie sich beschäftigen. Hätten Sie da was?

Da würde ich gern den Scheinwerfer auf die Progressive Internationale richten. Sie begreift das subtile Wechselspiel der Eigenheiten: Wir alle stecken in unseren speziellen Nationen, unseren speziellen Gemeinschaften, unseren speziellen Körpern – stehen aber für Solidarität in allen Teilen der Welt ein. Denn ohne diese Solidarität steht die Grundlage der Menschheit selbst infrage. Wir können lokal und global zugleich denken. Wir können zugleich intellektuell und spirituell sein. Politisch und privat. Existenziell und ökonomisch. Aber im Zentrum soll die radikale Demokratie stehen und mit ihr das Augenmerk auf die Armen und Arbeitenden aller Hautfarben, sexuellen Orientierungen, Herkünfte und so weiter. Diese Art von Internationalismus ist sehr anders als der liberale Kosmopolitismus. Wir reden hier nicht über die prickelnden Gesellschaftsspiele einer multikulturellen Elite. Wir reden über echte Kämpfe, über soziale Bewegungen vor Ort, hier und überall auf der Welt.

Das Gespräch führte Grace Blakeley für ihren Podcast A World to Win. Blakeley, Jahrgang 1993, ist Oxford-Absolventin, marxistische Ökonomin, Verfechterin des demokratischen Sozialismus und Aktivistin der Labour Party. Wer wie sie mit der Finanzkrise aufgewachsen sei, wisse, dass der Kapitalismus nicht mehr funktioniert, hat sie einmal gesagt. Grace Blakeley schreibt als Journalistin über Politik und Ökonomie, war Wirtschaftskommentatorin des New Statesman und ist jetzt Mitarbeiterin bei dem Magazin Tribune. 2019 erschien ihr Buch Stolen: How to Save the World from Financialisation

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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06:00 30.10.2020
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