Denn sie fürchten das Ende

Technologie Der Mensch als Maschine: Die Transhumanisten gewinnen in Berlin und Brüssel an Einfluss

Können Roboter Krebs besser diagnostizieren als Ärzte? Wer kommt bei Unfällen mit autonomen Fahrzeugen für die Kosten auf? Wie wird sich der Arbeitsmarkt vor dem Hintergrund der beeindruckenden Fortschritte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz künftig entwickeln? In Wirtschaftskreisen wächst das Bewusstsein für Risiken der neuen Technologien. Nicht zuletzt geht es um die Akzeptanz bei den Kunden. Da ist der Rat von Fachleuten gefragt.

Deshalb war auch Nick Bostrom auf der diesjährigen Computermesse Cebit als Redner nach Hannover eingeladen worden. Der Philosoph von der Universität Oxford gilt als Experte in Sachen Technikfolgenabschätzung. Der Gastredner wollte sich allerdings, nachdem er auf der Hauptbühne in Halle acht Platz genommen hatte, mit so profanen Themen wie der Zukunft der Arbeitsgesellschaft nicht lange aufhalten. Ihn interessiert vor allem eines: Was wird aus der Menschheit, wenn es der Wissenschaft gelingt, eine künstliche „Superintelligenz“ zu schaffen? Er glaubt, dass dies schon bald geschehen wird: „Wahrscheinlich noch zur Lebenszeit der meisten aktuell lebenden Menschen.“

Letztere wären für den Fortschritt dann nicht mehr nötig: „Wenn wir eine Maschine entwickeln, die schlauer als der Mensch ist und weitere Maschinen entwickeln kann, wird das die letzte Maschine sein, die wir jemals bauen“, verkündete Bostrom. Wir hätten nur eine einzige Chance, es richtig zu machen. Wenn es uns nicht gelänge, den Maschinen rechtzeitig humane Werte beizubringen, drohe unsere Vernichtung. Das von Bostrom geleitete Future of Humanity Institute (FHI) sucht nach Wegen, um diese Apokalypse doch noch zu verhindern.

Die mit Spendengeldern finanzierte interdisziplinäre Einrichtung an der Universität von Oxford entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Ideenwerkstatt der „Transhumanisten“ – einer Weltanschauungsgemeinschaft, deren Technik-Kult irrationale Züge aufweist. Die Anhänger der in sich vielgestaltigen Bewegung sind davon überzeugt, dass der Mensch nichts weiter als eine komplexe Maschine sei. Und die gelte es mit den Möglichkeiten des Computerzeitalters stetig zu verbessern. Manche begreifen sich als Cyborgs und experimentieren mit Körperimplantaten. „Kyroniker“ lassen ihre sterblichen Reste einfrieren, um sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder zum Leben erwecken zu lassen. Andere hoffen, dass sich das menschliche Bewusstsein in wenigen Jahrzehnten digitalisieren lassen wird. Dadurch wäre der Weg zur individuellen Unsterblichkeit geebnet – auf nichtbiologischer Grundlage. Transhumanisten glauben, dass sich die meisten drängenden Weltprobleme – Hunger, Klimawandel, Krankheiten – binnen weniger Jahre oder Jahrzehnte auf technischem Wege lösen lassen werden.

Eine neue Religion

Der Gleichheitsgedanke gilt in diesen Kreisen als ein vorsintflutliches Relikt. „Wir sollten die Diversität fördern und es ermöglichen, dass manche Menschen sich weiterentwickeln möchten, andere nicht“, meint Natasha Vita-More, die Vorsitzende der internationalen Dachorganisation der Transhumanisten: „Humanity+“. Die Vereinigung war 1998 als World Transhumanist Association vom jungen Nick Bostrom mitgegründet worden.

Harmlose Irre? Weit gefehlt. „Solche Fantasien treiben viele – ich würde sogar sagen, die meisten – erfolgreichen jungen Unternehmer im Silicon Valley an“, sagt der Internetpionier Jaron Lanier. „Den meisten Außenstehenden ist entgangen, dass der Aufstieg der netzbasierten Monopole und ihre derzeitige Machtposition mit einer neuen Form der Religion zusammenfällt, die auf dem Streben nach Unsterblichkeit basiert.“ Der Transhumanismus ist heute die Ideologie des Kapitalismus digitaler Plattformen. Und die stößt im Zuge der digitalen Aufholjagd Europas auch bei den hiesigen Eliten in Politik und Wirtschaft zunehmend auf Resonanz.

Auch im britischen Parlament war Bostroms Expertise bereits gefragt: Vor einem Ausschuss des Oberhauses gab er seine Ansicht über die digitale Zukunft zum Besten, eingeladen von Anthony Giddens, dem mittlerweile in den Adelsstand erhobenen Soziologen und ehemaligen Direktor der London School of Economics. Und erst 2015 bewilligte der von der Europäischen Kommission eingesetzte Forschungsrat Bostrom für das FHI eine Förderung von immerhin zwei Millionen Euro.

Transhumanistische Einrichtungen wie das ebenfalls von Bostrom gegründete Institute for Ethics and Emerging Technologies (IEET), das Machine Intelligence Research Institute (MIRI) und viele weitere mehr nutzen die Gunst der Stunde und bieten den „Entscheidern“ in Wirtschaft und Politik ihre Expertise an. Während die letztgenannten Institute versprechen, die potenziellen Gefahren der kommenden Superintelligenz mittels erst noch zu entwickelnder präventiver Maßnahmen zu entschärfen, wird das Erwachen der künstlichen Intelligenz zu Selbstbewusstsein und eigenem Willen von anderen Transhumanisten mit geradezu religiöser Inbrunst erwartet. Sie nennen den Zeitpunkt, nach dem buchstäblich alles anders werden soll,technologische Singularität.

Geprägt wurde der Begriff vom Unternehmer, Futuristen und Google-Chefingenieur Ray Kurzweil. Mit dem Geld seines Arbeitgebers und weiterer Tech-Unternehmen gründete der wohl bekannteste Transhumanist gemeinsam mit Peter H. Diamandis im Jahr 2008 auf einem Gelände der US-Weltraumbehörde NASA die Singularity University. Hier werden Start-ups gegründet, Kontakte geknüpft und Manager aus der ganzen Welt über den neuesten Stand und die voraussichtlich nächsten Schritte in der Entwicklung von „Zukunftstechnologien“ unterrichtet.

Während in den USA milliardenschwere Unternehmer und Wagniskapitalgeber wie Peter Thiel die transhumanistische Ideologie offen unterstützen, glaubt man im Rest der Welt noch Aufklärungsarbeit leisten zu müssen. Auf Konferenzen, die jedes Jahr in einem anderen Staat veranstaltet werden, verbreiten „Botschafter“ der Singularity University die Heilslehre vom unvermeidlichen Siegeszug der „Hochgeschwindigkeitsökonomie“. Ihr Mann in Deutschland heißt seit 2015 Stephan Balzer. Er ist Geschäftsführer der PR-Agentur red onion, Veranstalter der deutschen TEDx-Konferenzen – die nächste am 4. September in Berlin widmet sich den „Game Changern“ in Politik und Unternehmen – und die hierzulande wohl wichtigste Schlüsselfigur für die Verbreitung transhumanistischer Ideen.

VW schickt seine Leute

„Wir treten ein in das Zeitalter superintelligenter Maschinen“, heißt es im Editorial des von ihm veröffentlichten Magazins Ahead. Die Publikation erschien Anfang September 2015 im Vorfeld der Berliner TEDx-Konferenz „Exponential Change“ als 24-seitige Beilage in der FAZ. Darin enthalten sind Porträts Natasha Vita-Mores sowie des Unsterblichkeitsforschers Aubrey de Grey. Am 20. und 21. April holte Balzer auch den „Singularity University Summit“ nach Berlin. Unter den Teilnehmern waren 100 Mitarbeiter des VW-Konzerns. Mit ihrer Hilfe will man „neue Denkweisen auf kürzestem Wege ins Unternehmen“ tragen, erläuterte Ralph Linde, der Leiter der unternehmenseigenen Bildungseinrichtung Volkswagen Group Academy.

Im EU-Parlament nehmen transhumanistische Ideen unterdessen offenbar schon Einfluss auf die Gesetzgebung. In seinen am 31. Mai veröffentlichten Empfehlungen an die EU-Kommission schlägt der aus Mitgliedern aller Fraktionen zusammengesetzte Rechtsausschuss vor, für die „ausgeklügeltsten autonomen Roboter“ einen eigenen rechtlichen Status als „elektronische Person“ einzurichten – neben dem der natürlichen und dem der juristischen Person. Außerdem soll die Kommission „Kriterien für ‚geistige Schöpfungen‘ für urheberrechtlich schützbare Werke“ ausarbeiten, „die von Computern oder Robotern erzeugt werden“. Außerdem zeigen sich die EU-Politiker besorgt, dass eine unregulierte Entwicklung künstlicher Intelligenz die Fähigkeit der Menschen, „Herr über ihr eigenes Schicksal zu bleiben und für das Überleben der Spezies Mensch Sorge tragen zu können, ernsthaft gefährden könnte“. Das klingt nach der Machtergreifung künstlicher Intelligenz und trägt unverkennbar die Handschrift von Nick Bostrom. Und tatsächlich: Die EU-Parlamentarier hatten vor der Veröffentlichung ihres Papiers einen gewissen Niel Bowerman konsultiert. Er ist stellvertretender Direktor des Future of Humanity Institute.

06:00 07.09.2016
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