Der Archäologe

Ratsplatz Am Rasthof Stuttgart las ich ihn auf, einen hochgewachsenen, stark bepackten Tramper. Er trug eine Stahlbrille, ein schlichtes T-Shirt und Jeans und ...

Am Rasthof Stuttgart las ich ihn auf, einen hochgewachsenen, stark bepackten Tramper. Er trug eine Stahlbrille, ein schlichtes T-Shirt und Jeans und begann, ich hatte den zweiten Gang eingelegt, zu erzählen.

Er studiere Archäologie, erzählte er, und sei jetzt35. Er studiere dieses Fach seit sieben Jahren, das sei, verglichen mit anderen Studenten dieses Faches, keine Zeit. Normalerweise, erklärte er, komme man da unter zwölf Jahren nicht heraus, die Professoren, etwa 30 im ganzen Lande, ließen einen nicht. Er habe ja erst relativ spät begonnen, habe in den USA gearbeitet, sei vorher kaufmännischer Angestellter gewesen, und als er zurückgekehrt sei, habe er zunächst wieder in seinem Lernberuf rackern wollen, aber die Kollegen hätten ihn als Studierten nur dumm angeredet.

Im Grunde mochte er in Deutschland nicht studieren. Er hätte das, damals, geahnt, gewusst. Seinen Magister aus den Staaten bequemte man sich erst nach langem Hinundher anzuerkennen, in Gießen, so dass er das Grundstudium habe überspringen und gleich Richtung Promotion marschieren können, alles andere sei sinnlos, und Arbeit werde er, wenn er denn im nächsten Frühjahr abschließe, wahrscheinlich ohnehin nicht finden. Er werde Deutschland wieder verlassen.

Da saß er auf dem Beifahrersitz, zusammengerollte Poster und andere "Materialien" zwischen den Knien, und redete. Redete ohne Pause. Heute früh sei er aufgebrochen aus Freiburg. Seine Bekannten waren umgezogen, ohne jemandem Bescheid zu geben - auch ihm nicht, der vor vier Wochen seinen Besuch angekündigt hatte. Oberstdorf strebe er jetzt an - da lebten sie nun -, obwohl er weder über Zeit noch Geld verfüge. Die Polizei habe ihn am Autobahnkreuz entdeckt und zum Waldparkplatz zurückbeordert und vergeblich zu 30 Mark verdonnert. Froh sei er, endlich ein Stück voranzukommen, telephonisch werde er seine Freunde nicht erreichen, die igelten sich ein, er müsse einfach sein Glück versuchen.

Dabei dürfe er keine Zeit verlieren. Er sitze täglich von acht bis 22 Uhr an der Doktorarbeit. Freizeit kenne er seit Jahren nicht. Seine ehemaligen Freunde verstünden das nicht. In Basel habe er, von Freiburg aus, Quellen und Dokumente einsehen wollen, und zwar an Tagen, an denen der Museumseintritt kostenlos erfolge. Daraus sei leider nichts geworden. Auf das Wochenendzugticket habe er drei Monate gespart. Nun zwinge man ihn, per Anhalter fortzukommen. Vielleicht werde er retour über die A 7 nach Fulda, um seine Eltern kurz zu sehen, die von einer kleinen Rente am Rande des Existenzminimums lebten, der Vater sei Amtsmann mit Hauptschulabschluss, der Staat für ihn alles gewesen.

Man müsse dieses Ziel, den Abschluss der Promotion, vor Augen haben, dauernd, sonst schaffe man es nicht. Er schaffe es sonst nicht. Die Leute glaubten immer, Archäologiestudenten lebten wie Schluris. Unter fast 15 Jahren, die notwendige Graduierung eingeschlossen, komme man da nicht raus. Eine Bekannte, der er ab und zu eine Tafel Schokolade als Vergütung schenke, tippe auf der Schreibmaschine seine Arbeit. Einen Computer besitze er nicht, keinen Fernseher, keinen Kühlschrank, ein kleines Radio, er wohne in Bochum für 140 Euro, weil der Wohnung die Heizung fehle, die Installation einer kleinen USA-Solaranlage sei ihm untersagt worden, deshalb heiße es: im Winter bis 22 Uhr Bibliothek und zu Hause in Kleidung unter die Decke.

Neulich sei er auf der Straße zusammengebrochen. Die Leute hätten den Rettungswagen gerufen, der habe ihn 15 Euro gekostet. 15 Euro aber habe er nicht. Er lebe für 80 Cent am Tag. Er kaufe das 1.250-Gramm-Brot von Aldi, dazu esse er im Sommer Packwurst, im Winter halte sich bloß der Quark, ohne Kühlschrank. Die Ärzte hätten einen Eisenwert von 20 festgestellt. Normal sei das Zehnfache. Abends, wenn er die Zeit erübrigen könne, denn die Promotion verlange vollen Einsatz, frage er bei den türkischen Geschäften, ob er die Gemüsereste einsammeln dürfe. Sähe er eine Bierpfandflasche herumliegen, schäme er sich nicht, sie aufzulesen. Zehn Bierpfandflaschen - und ein Tag Versorgung wäre gewonnen.

Im Kino sei er seit Jahren nicht gewesen. Die Zeitung bekomme er nach einer Woche von der Nachbarin. Die ehemaligen Freunde verstünden ihn nicht, die BWLer und Germanisten. Kürzlich habe ihm der Professor beschieden, er müsse noch eine Höhle da in der Eifel untersuchen. Er sei hin, habe ausdauernd die Bauern befragt und zwei Tage später gesehen, dass sie zugeschüttet worden sei. Ach so, habe der Professor gesagt.

Das Gute am Ruhrgebiet: Er falle mit dieser Kleidung, die er nachts aus den Containern fische, nicht unbedingt auf. Hier unten, in Süddeutschland, schon. Ob er vielleicht vereinsamt sei, fragte ich. Er erzählte und erwog, ja, das könne stimmen, vielleicht rede er deshalb ohne Punkt und Komma. 5.000 Seiten werde die Doktorarbeit umfassen, der Standard. 2.800 seien durch. Er müsse bald fertig werden, sonst schaffe er es vielleicht nicht mehr. Seine Bekannte, die ihm hilft und abschreibt, trage mittlerweile ein Kind aus. Er müsse sich beeilen. Die Eltern in Fulda übrigens wüssten nicht, wie es um ihn bestellt sei.

Ob er diesen 1-Euro-Überlebensmenschen kenne, erkundigte ich mich nach einer Stunde. Ja, der habe ja Haus und Frau, und die heize und koche für ihn. Das erzürne ihn regelrecht, wenn er den im Fernsehen sehe. Wenn er mal fernsehen könne.

Vor Memmingen verabschiedete er sich, herzlich wie noch kein Mensch, dem man nicht einmal einen besonderen Gefallen getan hatte.

Er wünschte mir alles Gute.



00:00 02.07.2004

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