Der Bankier, den die Bilder verfolgten

Bunte Blätter In Stendal sind die Knittelreime und Collagen von John Elsas zu sehen. Ihre Fundgeschichte ist abenteuerlich
Christian Mürner | Ausgabe 25/2014

Ein Zahnarzt aus dem schweizerischen Bremgarten entdeckte sie vor gut zehn Jahren in einer Züricher Brockenstube, einer Art Secondhandbuchladen: eine graue Mappe, wenig größer als DIN A4, mit Bildern und handgeschriebenen Versen. Dr. med. dent. Stephan Gottet dachte zuerst an Kinderzeichnungen und staunte, ihm gefielen die eigenwilligen Bilder mit den einfallsreichen Versen. Die bunten Blätter erinnerten ihn an seine viel zu früh verstorbene Tochter Florence. Der Name John Elsas, der auf der Mappe stand, sagte ihm nichts.

Kurze Zeit nach seiner Entdeckung und dem Kauf der Mappen erfuhr Stephan Gottet durch das Museum im Lagerhaus in St. Gallen, einer Stiftung für schweizerische naive Kunst und Art brut, von deren Entstehung und der Lebensgeschichte ihres Urhebers. John Elsas (1851–1935) entstammte einer angesehenen jüdischen Frankfurter Familie und war Bankier. Mit über 70 Jahren begann er für seine Enkel und später künstlerisch autodidaktisch zu zeichnen und Verse zu dichten. Der Titel der aktuellen Ausstellung in Stendal – Mein ganzes Leben war ein Fehler, da wurd ich Maler und Erzähler – kann biografisch gedeutet werden, da Elsas als Börsenmakler gescheitert war und viel Geld verloren hatte.

Kein Kinderkram

In den letzten zehn Jahren seines Lebens entstanden über 25.000 solcher Blätter. In den 20ern wurden einige davon durch Galeristen und Kunsthistoriker bekannt und gerieten dann in Vergessenheit. Seine Tochter Irma Elsas verpackte den Nachlass 1935 in stabile Holzkisten. Sie wurde 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie 1944 umkam. Die Kisten mit den Blättern blieben – man weiß nicht wie – erhalten und gelangten 1954 nach Zürich zu John Elsas’ Enkel Herbert Raff.

In Stendal sind nun 250 Collagen und Aquarelle von John Elsas aus der Sammlung Florence Gottet zu sehen. Die Schau gliedert die Vielfalt der Verse und Motive in Kapitel wie Kinder und Kunst, Liebe und Tod, Religion und Politik. Am besten kommen die Blätter zur Wirkung, wenn sie schlicht im Schaukasten liegen. Beispielsweise ein Blatt vom 10. Juni 1934 mit dem Vers „Ist man von Blumen auch umgeben, so bleibt doch immer ernst das Leben“ – gestaltet mit getrockneten Kleeblättern, stilisiert als fröhliche Figuren mit rotem Mund, die auf eine kleine, schwermütige Person mit Zipfelmütze hinunterschauen.

Das Blatt vom 24. Juni 1932 mit dem Vers „Wohin ich sehe, welche Qual, verfolgen mich Bilder, überall“ zeigt eine schwarze Schlange, die sich aufbäumt. In jeder Windung sind ein Auge und ein Mund erkennbar, aber auch in der Negativform entstehen zwei Gesichter, die den Betrachter stumm zu beobachten scheinen. Motive wie dieses machen deutlich, was sich auch Dr. med. dent. Stephan Gottet schnell erschloss: Dass die Collagen und Aquarelle von Elsas anfänglich zwar für Kinder gedacht waren, aber über reine Kinderzeichungen hinausgehen. Faszinierend ist die Kombination von Bild und Vers, die eine gelungene Einfachheit erzeugt und zugleich nachdenkliche Akzente setzt. So auch „Wo die Ausnahm’ nicht besteht, die Masse leicht zu Grunde geht“ – veranschaulicht oder parodiert durch den erhobenen Zeigefinger einer aus schwarzem Papier ausgeschnittenen Figur.

„Mein ganzes Leben war ein Fehler, da wurd ich Maler und Erzähler.“ John Elsas (1851 – 1935), seine Collagen, Aquarelle und Knittelverse Winckelmann-Museum Stendal, bis 7. September 2014

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