Der barfüßige Millionär

Neubauer Russlands ­Neureiche entdecken die Reize der Landwirtschaft für sich und Aleksandr Brodowskij züchtet im Dörfchen Tolstoi Galloway-Rinder in Bio-Manier

Er erinnert sich an den Moment, als der Stein sein Wissen preisgab. Er hatte seine Hand auf einen Ziegel gelegt, und die Wärme eines Sommertages war vom Stein in seine Hand gewandert. Vielleicht war das der Moment, als alles begann. Und es ist zu früh zu sagen, ob es sein Glück oder sein Unglück sein wird.

Wir verließen Moskau am frühen Morgen, bevor die Ringstraßen unpassierbar wären. Wir würden vier, vielleicht fünf Stunden brauchen, um anzukommen. Fünf Stunden in einer direkten Linie Richtung Süden, auf Autobahnen, wo die Kolonne aus Lkws und Geländewagen durchlässiger wurde, je weiter wir uns von Moskau entfernten. Wir hielten, aßen Butterbrote und tranken Tee aus der Thermosflasche. Aleksandr Brodowskij legte seinen Kopf in den Nacken, studierte den Himmel und bat um Regen.

Oblast Tula: flaches weites Land, lichte Wälder, ein Himmel, der kein Maß kennt und verschweigt, dass die Ausdünstungen der Waffenschmieden und chemischen Fabriken den Kindern den Atem nehmen. Eine unbefestigte Straße führt von der Kreisstadt Suworow ins Dorf – ein Band von Schlaglöchern. Jeder Gewitterregen gräbt neue Löcher, in die sich im Winter das Eis schlafen legt. Das Saphirblau des Natternkopfs markiert den Weg, mannshohe Königskerzen zündeln im trockenen Gras. Wo zwei Sandwege sich kreuzen, unter dem Trommelfeuer des Mittagslichts, steht eine Telefonsäule mit einem helmartigen Dach von glänzendem Blau. Wir sind da.

Er war kein durak, kein Narr, dieser Brodow­skij, als er das Land kaufte. Da war nur diese Sehnsucht und das Bild vom Garten seiner Kindheit: Zwetschgenbäume, die tief ihre dicht besetzten Äste neigten, als schämten sie sich ihrer Fruchtbarkeit. Zwiebeln, die mit ihren prallen Körpern die Erde sprengten, Kohlblätter, hart wie die Schwielen an seinem Fußballen. Er ist kein durak, kein spät berufener Jünger Tolstojs, der im Russenhemd, mit ungeschnittenem Bart über das Land geht, den würzigen Geschmack der Askese auf den Lippen. Er ist kein narodnik, Volkstümler, der im Dorf Erlösung suchte, kein blinder Seher. Er ist ein Mann aus der Stadt, realitätsgetrimmt, konditioniert im Kampf um Marktanteile. Dass das Dorf oder besser die Reste eines Dorfes, die er fand, Lew Tolstoj heißt, war Zufall oder Schicksal. Er macht nicht den Eindruck, als habe er lange darüber nachgedacht.

Er hatte viel gelesen, war nach Bayern gereist, nach Österreich, sah die Höfe selbsternannter Agrarrebellen. Er importierte des Wissen des Westens: über geschlossene Kreisläufe, Permakultur, das harmonische Geben und Nehmen zwischen Mensch, Wasser, Erde und Licht – so wie die Wärme eines Steins in die Hand eines Menschen wandert.

Es war das Jahr 2004, Brachland gab es im Überfluss nach dem Ende der Kolchoswirtschaft, der Preis war günstig, dreißig Dollar für einen Hektar. Wenige Jahre später ist Land Spekulationsobjekt, gründen Russen und ausländische Investoren Agrarholdings: Mast­fabriken auf pflegeleichten Spaltböden, Schlacht­häuser, in denen Rinder und Schweine zerlegt werden wie Technikschrott, im Akkord – billiges Fleisch für einen riesigen russischen Markt.

Die Orthodoxie und der Markt

Am Tag vor unserer Abreise war Brodowskij in die Kirche gegangen. Er ist ein Glaubender. Ich weiß nicht, was dieser Mann zuerst entdeckt hat: die Lehre der Orthodoxie oder den Katechismus des Kapitalismus, der ihn reich machte, indem er Textilien in China fertigen lässt und in Moskau mit Gewinn verkauft.

Er ist 52, hat eine Frau, drei Kinder, ein Haus an der Peripherie der Hauptstadt, dessen teures Understatement von einem russischen Architekturmagazin gefeiert wurde. Er ist ein freundlicher Mann, nicht groß, das Haar licht, ein stumpfes Schrotblond. Sein Auftreten hat das Unprätentiöse von einem, der weiß, dass er es geschafft hat. Sein Himmelszeichen ist der Zwilling, das Rastlose sein Schicksal. Vielleicht kommt das der Wahrheit über sein Wesen näher als alle Ideologien oder der schwärmerische Glaube an die Exklusivität des slawischen Charakters, der Glaube daran, dass das Licht aus dem Osten kommt.

Unser erster Weg führt zur Quelle. Über einen Teppich aus Schatten und Licht, den Birken und Kiefern weben. Am Weg lauerten einst die Partisanen: wir sehen die langgezogenen Bodensenken, die aufgeschütteten Erdwälle. Immer führt der erste Weg zur Quelle. Wir schlittern, in jeder Hand einen leeren Kanister aus Plastik, einen Abhang hinunter, beugen den Rücken unter einem halbtoten Ast, biegen die störrischen Stengel des Zinnkrauts seitwärts. Sind alle Kanister gefüllt, schöpfen wir mit der hohlen Hand das Wasser, das kalt ist und grün, weil es sich die Farbe von Moos und Ackerschachtelhalm leiht. Es gibt zwei Russlands, schrieb Aleksandr Herzen: das intellektuelle und das bäuerliche. Die Quelle – das ist der Transitraum zwischen zwei Welten, der Schluck Quellwasser – das Ritual, das einen Unternehmer aus der Stadt in einen Bauern verwandelt.

Am nächsten Morgen kommt der Mann ins Haus von Brodowskij, den hier alle nur den Oberst nennen. In der Hand die Schüssel mit Kascha, lauwarmem Haferbrei. Sein athletischer Köper teilt das hüfhohe Gras, wie ein Schwimmer das Wasser teilt mit mächtigen Armstößen. Aleksandr Georgewitsch, auch er zog sich, Gott allein weiß warum, ausgerechnet in dieses Dorf zurück. Er klopft an die Tür des zweistöckigen Holzhauses, wartet auf ein Echo, zieht die Stiefel aus, marschiert auf Wollsocken durch den Vorraum, tritt in die Küche, wo Brodowskij an einem langgezogenen Holztisch sitzt, schuhlos wie der Oberst. Das Schuhlose macht sie gleich: den Millionär aus der Stadt und den pensionierten KGB-Offizier. Der Oberst hat eine Terrierkonstitution, einen Instinkt für Verräter, eine metallische Spannung strafft diesen Körper, der hinter dem Rücken den Feind spürt. Er ist geduldig, wenn er oben sitzt, im Baum, auf der selbstgebauten Plattform, und der Feldstecher die Schritte eines Verdächtigen heranzoomt. Er wartet geräuschlos hinter dem Camouflagenetz aus gezackten Ahornblättern, bis ihm die Zeit den Verdächtigen als Täter ausliefert. Er stellt den Dieb, der Kraftstoff abzapft aus der Dieselstation und auf eigene Rechnung verkauft. Er stellt den Bauarbeiter, der Werkzeug aus dem Dorf schleppt. Er hat es zum Status einer Autorität gebracht, dieser Aleksandr Georgewitsch, Verwalter und Richter in einer Person, einem Starosta ähnlich, dem gefürchteten Dorfältesten aus vorrevolutionärer Zeit.

Abends öffnet er sein Haus den Gästen: ein opalgrün gestrichenes Holzhaus, schuhlos gehen wir über den Teppich, versinken tief im weichen Polster des Divan und fühlen uns klein wie die Kinder. Durch den Raum schwebt das Aroma der Pilzsuppe, der würzige Duft der aufgeschnittenen Wurst, fließen die Harmonien der Musik. Ravel, seufzt der Oberst, und schließt die Augen, Prokofjew, er legt seine rechte Hand flach an die Brust, dort wo das Herz müdes in munteres Blut verwandelt. Manchmal sitzen sie stundenlang so da, der Oberst und Tamara Nikolajewna, seine Frau. Sie sehen uns zu, wie wir die Pilzsuppe kosten, es ist eine schlechte Pilzsaison, der Regen blieb aus, und die Suppe reicht nur für die Gäste. Die Männer trinken Wodka, der Oberst hebt sein Gläschen, ein Toast auf die Fremden, ein Toast auf das Ende des Kalten Krieges, und die Feuerpause, darauf trinken wir, soll ewig währen.

Er hat seine eigene Ethik

Am nächsten Morgen fahren wir hinaus zu den Koppeln. Es ist heiß, die Luft liegt scharf wie Glaswolle im Mund, die Sonne ist ein böses Zyklopenauge. Ein Kalb flieht in den Schatten einer Birke, die Haut des Tiers zittert unter den Angriffen der Bremsen wie von Strom durchschossen. Das Gras ist dürr. Es war der erste Fehler, den Brodowskij machte. Er hatte das Land mit den Augen eines Städters gesehen. Er kaufte 1.200 Hektar, der kleinere Teil fruchtbare Schwarzerde, der größere Teil ist schlechter Boden, er erkannte den Sandboden nicht, der jeden Wassertropfen preisgibt. In seinen Händen schlief nicht das Wissen, wie es ist, wenn trockener Sand wie nervöse Quecksilberkügelchen durch die gespreizten Finger rieselt.

Einem Geschäftsmann wie Brodowskij käme nicht in den Sinn, in dem Glanz eines Tierauges etwas Heiliges zu sehen. Vor wenigen Tagen ließ er zwei Pferde schlachten, das eine lahm, das andere asthmatisch. Er hat seine persönliche Ethik, eine Art Deal, der sich mit der Idee vom Geben und Nehmen verträgt: er gibt den Tieren ein kurzes gutes Leben und nimmt sich dafür ihr Fleisch, Fleisch ohne Rückstände von Antibiotika, Muskelfleisch, nicht genährt von gentechnisch verändertem Kraftfutter, sondern von freier Bewegung auf fester Grasnarbe. Er mag diese schwarzgeplackten Schweine, wie sie mit ihrer Schnauze den Boden pflügen, ihre Schwarte am Stamm eines Bäumchens wetzen, wie sie sich dicht aneinander drängen in den selbstgegrabenen Erdkuhlen, sobald die Dämmerung die Luft violett färbt. Er schenkt den Schweinen zehn Monate und kassiert dafür ihr marmoriertes Fleisch, durch das sich feine Fettlinien schlängeln wie Quarzspuren durch einen Stein.

Er importiert Galloways aus Österreich, robuste Tiere mit zweilagigem Fell, denen es nichts ausmacht, wenn der Winterwind unter ihr welliges Deckhaar fährt. Er plante keine Ställe, er wollte die reine Lehre von der Koppelwirtschaft: den steten Wechsel zwischen Abweiden und neuer Weideaussaat. Erst als die Raben einfielen und die neugeborenen Ferkel mit einem Schnabelhieb erledigten, ließ er einen Stall bauen für die Muttersauen.

Vielleicht ist er ein Bauer neuen Typs, dieser Aleksandr Brodowskij – frei vom Diktat des Plansolls, ungebremst in seinem unternehmerischen Tun vom Schlendrian der alten Kolchoswirtschaft. Inspiriert von den Ideen des Westens, an die Zukunft im Osten glaubend. Was er fürchtet: die Behäbigkeit der Bürokratie, die Kaprizen der Konsumenten. Er ist noch lange nicht in der Gewinnzone.

Er holt deutsche Kolonisten ins Land, die etwas verstehen von ökologischer Landwirtschaft: Metzger, einen brandenburgischen Bauern, ein Paar aus Bayern. Sie kommen und gehen. Die letzten gingen nach dem Winter, als im Schnee, in diesem weiten weißen Schweigen, ihre Liebe zum Land erkaltet war.

Am Rand des Dorfes leben die letzten Alten – mit ihren Partisanengeschichten und den Hochzeitfotos der Eltern, die mit ernsten Gesichtern in die Zukunft sehen. Sie leben mit den Klagen der Ahnen, die lieber ihr Getreide verbrannten, als es den verlumpten Arbeiterbrigaden, die Lenin aus der Stadt in die Dörfer schickte, auszuliefern. Sie erinnern sich an den widerlichen Geschmack erfrorener Kartoffeln in den Jahren der Hungersnot.

Hinter ihrem aus Eichenholzscheiten und Lehm gebauten Haus wuchert der Garten, den die Alten nach ökologischen Prinzipien bebauen, ohne es zu wissen. Ein Kater räkelt sich im welken Kartoffelkraut, inspiziert gleichgültig die Beute des Sommers: Kohl, Pastinaken und die kleinen runden Körper der Roten Beete. Auf den Enden des Staketenzauns stecken bodenlose Flaschen: freundliche Kobolde, die das Holz vor Verwitterung schützen. Die meisten Nachbarhäuser sind verlassen. Die Häuser werden immer kleiner, so wie ein Mensch, der altert, kleiner wird. Sie werden immer schwächer, unter der Last der Hopfenranken, und irgendwann stehen sie gar nicht mehr auf aus ihrem Bett aus Kartoffelrosen und Taglilien.

Es ist zu früh zu sagen, ob Lew Tolstoj sein Glück oder sein Unglück sein wird. Zu früh zu sagen, ob hier jemand auf Sand gebaut hat.

Sabine Riedel, geb. 1959, lebt als freie Autorin in München. Für eine Reportage aus Sarajevo erhielt sie 1998 den Theodor-Wolff-Preis

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05:00 24.09.2009

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