Der Berlusconi beerben kann

Italien Gianfranco Fini gab sich einst als Mitverwalter des Mussolini-Erbes. Inzwischen wurde aus dem Neofaschisten ein Hoffnungsträger der „Mitte“ und einer neuen Partei

Sein gerade gegründeter Futuro e Libertà – per l’Italia (FLI) liegt nach jüngsten Umfragen bei gut fünf – Gianfranco Fini selbst erreicht eine Quote von 35 Prozent Zustimmung. Damit liegt er im Ranking des politischen Spitzenpersonals auf einem Mittelplatz und fast fünf Prozentpunkte vor Premier Silvio Berlusconi. Offenbar wird Fini also auch vom Anhang der Konkurrenz geschätzt. Als Präsident der Abgeordnetenkammer bekleidet er das dritthöchste Staatsamt – reserviert, zurückhaltend und ungleich seriöser als Berlusconi, der durch das im April anstehende Gerichtsverfahren um seine Sexäffare schwer angeschlagen ist. Für diesen, wie auch für viele der ehemaligen neofaschistischen Weggefährten, ist Fini ein Verräter und ein schlimmeres Hassobjekt als die Linke.

Im wildbewegten Jahr 1969 trat Gianfranco Fini als 17-Jähriger dem Jugendverband des neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI) bei. Dessen Schlägertrupps überfielen Aktivisten der Linken und Gewerkschaften, um nach einem „heißen Herbst“ die Straße zurückzuerobern und für „Ordnung“ zu sorgen. Nach mehreren Jahren an der Spitze der Jugendorganisation Fronte della Gioventù begann Finis Karriere im MSI. Sein Mentor war der langjährige MSI-Sekretär Giorgio Almirante, einst Vertrauter Mussolinis und Staatssekretär der faschistischen „Sozialrepublik“ während der letzten beiden Kriegsjahre. 1987, mit 35 Jahren, übernahm Fini von Almirante die Parteiführung, verlor 1990 sein Amt vorübergehend an den Hardliner Pino Rauti, kehrte aber ein Jahr später zurück.

Salonfähig dank Berlusconi

Zum Durchbruch kam es Ende 1993, als Fini für das Amt des Bürgermeisters von Rom kandidierte. In der Stichwahl erreichte er 46,9 Prozent und unterlag dem Mitte-Links-Bewerber Francesco Rutelli denkbar knapp. Dies war nur möglich, weil Silvio Berlusconi offen für Fini Partei ergriffen hatte. Die folgenden Geschehnisse des turbulenten Jahres 1994 sind bekannt: Berlusconi gründete die Retortenpartei Forza Italia und ließ sich im März als strahlender Wahlsieger feiern – verbündet mit der Lega Nord und dem MSI, der zu den Wahlen als Alleanza Nazionale (AN) antrat.

Auch wenn das Rechtskabinett schon im Dezember zerbrach – für Fini und den MSI brachte 1994 den großen Sprung nach vorn: Jahrzehntelang galt die Partei als nicht regierungsfähig. Nun war sie es – dank des skrupellosen Kalküls Berlusconis, der nur mit der äußersten Rechten eine Mehrheit erringen konnte. Für die Teilhabe an der Macht revanchierte sich Fini mit symbolischer Kosmetik am Erscheinungsbild des Neofaschismus. So setzte er Anfang 1995 auf dem Kongress von Fiuggi endgültig die Umbenennung des MSI in Alleanza Nazionale durch. Alessandra Mussolini, die Enkelin des Duce, Pino Rauti und weitere Nostalgiker wollten diesen Teil-Abschied vom faschistischen Erbe nicht mitmachen. Ihre diversen Parteiprojekte blieben indes bei Wahlen erfolglos. Die AN dagegen erreichte regelmäßig mehr als zehn Prozent, nachdem sie jahrzehntelang deutlich unter diesem Wert stagniert hatte. Das ließ auch die interne Opposition verstummen, der Finis Politik allzu gemäßigt erschien.

Der AN-Chef vollzog auch inhaltlich eine schrittweise Abkehr vom historischen Faschismus. Er distanzierte sich von seinem viel kritisierten Ausspruch, Mussolini sei „der größte Staatsmann des Jahrhunderts“ gewesen, um später den Faschismus „das absolute Böse“ zu nennen und die antisemitischen Rassengesetze von 1938 zu verurteilen. Auf Einladung von Premier Ariel Sharon besuchte er Ende 2003 Israel – dank dieser Aufwertung stieß die im Jahr darauf erfolgte Ernennung zum Außenminister kaum noch auf Widerstand.

Neue Alliierte

Der im Sommer 2010 vollzogene Bruch mit Berlusconi hatte sich lange angekündigt. Fini stieß sich an Berlusconis autoritärem Führungsstil und nannte dessen ständige Warnung vor der „kommunistischen Gefahr“ nicht hilfreich. Stattdessen forderte er, gleichgeschlechtliche Partnerschaften anzuerkennen, Migranten das kommunale Wahlrecht zu geben und schneller einzubürgern – für die Lega Nord stempelte ihn das zum linken Vaterlandsverräter.

Die seither nicht abreißenden wütenden Angriffe von rechts sollten freilich nicht vergessen machen, dass Fini 16 Jahre lang mit Berlusconi auf Tuchfühlung war. Seit Anfang 2009 gehörten beide sogar derselben Partei an, dem aus Alleanza Nazionale und Forza Italia fusionierten Popolo della Libertà (PdL). Zusammen mit seinem Lieblingsfeind Umberto Bossi schuf er ein rigides „Ausländergesetz“. 2001 während des G8-Gipfels spielte Fini in den Tagen des Staatsterrors von Genua eine bis heute nicht aufg eklärte Rolle hinter den Kulissen. Gleichfalls bleibt unklar, ob seinen geschichtspolitischen Korrekturen Opportunismus oder ehrliche Überzeugung zugrunde liegt. So verschwand die MSI-Flamme über dem Sarkophag Mussolinis erst im März 2009 aus dem Logo der Ultrarechten.

Zweifellos ist das Programm von Finis neuer Partei nicht faschistisch, sondern national-konservativ. Der FLI versucht, ein „dritter Pol“ der italienischen Parteienlandschaft zu sein und eine restaurative Mitte zwischen Rechtsblock und Mitte-Links zu gewinnen. Wichtigster Alliierter ist Pierferdinando Casini von der christdemokratischen UDC, ebenfalls ein ehemaliger Gefolgsmann Berlusconis. Oppositionsführer Perluigi Bersani von der Demokratischen Partei hat seinerseits eine Wahlallianz mit Fini kategorisch ausgeschlossen. Und das zu Recht: Strategisch gesehen will er den Mitte-Rechts-Block reanimieren, der unter dem Egomanen Berlusconi die Hegemonie verlor.

Jens Renner ist langjähriger Italien-Autor des Freitag

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11:50 22.02.2011

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