Der Bildungsprotz

GÜNTER GAUS IM GESPRÄCH MIT HARALD SCHMIDT Über Katholizismus, Kunstfiguren und den Kosovo-Krieg

GÜNTER GAUS: Worin sehen Sie ihre stärkste Kreativität? Was ist das, wo Harald Schmidt sagt, da bin ich nun wirklich bemerkenswert kreativ?

HARALD SCHMIDT: Ich denke, dass ich über eine gewisse Schlagfertigkeit verfüge, und die Fähigkeit habe, einen völlig alltäglichen Vorgang, den jeder schon mal erlebt hat, knapp, leicht vergröbert und überhöht so zu schildern, dass er vom Publikum als witzig empfunden wird.

Harald Schmidt, geboren am 18. August 1957 in Neu-Ulm, aufgewachsen in der schwäbischen Kleinstadt Nürtingen, ein betont katholisches Elternhaus, der Vater ein Verwaltungsangestellter, die Mutter Kindergärtnerin. Sind Sie Ihren Eltern auf die Nerven gegangen mit dem, was Sie eben als Ihre Kreativität beschrieben haben, ihrem Darstellungstrieb, oder war da überwiegend Stolz vorhanden auf den außergewöhnlichen Sohn?

Ich glaube, es war das zweite. Ich weiß nicht, ob außergewöhnlich, aber es war schon sehr unterhaltsam bei uns. Erst habe ich viel den Priester gespielt, mir ein Badetuch umgehängt und gepredigt, Oblaten als Hostien verteilt. Und später habe ich dann bei Kaffeerunden angefangen, die Nachbarn nachzumachen oder den Lehrer zu imitieren. Ich habe manchmal an die zwei Stunden geredet bei solchen Kaffeenachmittagen, im Grunde habe nur ich geredet, und alle anderen haben zugehört und gelacht. Es war ein Darstellungszwang.

Haben Ihre Eltern nicht manchmal gedacht, was haben wir da bloß ausgebrütet?

Meine Mutter kommt ja aus Südmähren und das erschöpfte sich eigentlich immer in einem kopfschüttelnden "Bua, Bua, Bua". Also ich habe zum Beispiel bei meinen Eltern im Wohnzimmer fiktive Feuilletonhymnen auf mich aus der Zeit vorgelesen. Da war ich ungefähr 16. Mein Vater sagte dann immer: "Kümmere dich mal lieber um die Schule", der lag so auf der Couch, und meine Mutter kam aus der Küche rein und sagte eben nur: "Bua, Bua, Bua".

Sie sind einmal sitzen geblieben?

Ja.

Wie stark ist die katholische Prägung bei Harald Schmidt? Ist sie stärker geworden mit dem Älterwerden?

Ich hätte das selbst nicht gedacht, denn ich war ja zuerst eine Art Berufskatholik durch das Orgelspielen, das heißt, ich war in dieser Kirchenabwicklungsmaschinerie drin, Sonntag für Sonntag. Man dachte von Ostern zu Pfingsten, von Pfingsten zu Fronleichnam, das ganze Kirchenjahr durch, und es ging eigentlich nur darum, welche Choräle müssen vorbereitet werden, wie wird die Kirche umdekoriert und so. Erst in den letzen Jahren habe ich festgestellt, dass da doch ein Fundament da ist, von dem ich gar nicht geahnt hätte, dass es da ist. Im Kabarett ist ja antikatholisches Denken Pflicht, der Papst ist böse und verbietet die Pille. Ich habe festgestellt, dass man sich mit dieser Sichtweise Möglichkeiten verbaut und beschlossen, der größte Verehrer des Papstes auf Erden zu werden.

Sie haben drei Kinder, waren das alles Wunschkinder?

Ich glaube, aus Sicht der Mütter schon.

Und aus Sicht des Vaters?

... wurde es von mal zu mal weniger überraschend. Ich war natürlich schon belastet mit meiner katholischen Mutter, das war nicht ganz einfach, in Deutschland sind es, sehr bürokratisch formuliert, nichteheliche Kinder ...

Sie haben Sie von zwei Frauen ...

Ja, einen ältesten Sohn,

... und eine Tochter und einen Sohn von Ihrer jetzigen Lebensgefährtin, einer Lehrerin ...

... wir leben auch als Familie zusammen. Ich war sehr erleichtert, als ich den französischen Ausdruck erfahren habe, "enfant naturel". Damit kann ich sehr gut umgehen.

Als es die Wunschkinder der Mutter wurden, waren es dann auch Ihre?

Das wurde ziemlich schnell so. Als mein ältester Sohn geboren wurde, war ich schon 36, und nachdem das anfangs chaotisch war, musste ich mir eingestehen, dass, wenn's nach mir gegangen wäre, wahrscheinlich nie der richtige Zeitpunkt gekommen wäre, weil immer gegolten hätte, jetzt gerade nicht. Mittlerweile bin ich ein sehr begeisterter Vater.

Was ist Ihre Einstellung zur päpstlichen Haltung gegen den Schwangerschaftsabbruch?

Der Papst muss diese Meinung vertreten, weil wenn der Papst den Schwangerschaftsabbruch freigibt, gibt er eine ganz zentrale Position auf.

Das ist richtig, denke ich, aber ich fragte, was Sie von der Position halten, und Sie sind ja nicht der Papst, Sie könnten sie ja aufgeben.

Ich glaube, die katholische Kirche funktioniert so, dass der Papst diese hohe ethische Meßlatte vorgeben muss und es danach wieder Möglichkeiten gibt für den einfachen Gläubigen, subjektiv zu handeln ...

Sie haben ihr jüngstes Kind, einen Sohn, abgenabelt, Sie waren bei der Geburt dabei. Können Sie Ihr Empfinden dabei beschreiben?

Großer Stolz und große Erleichterung darüber, dass alles gut verlaufen ist. Eigentlich wollte ich nicht dabei sein, denn man wird heutzutage als Vater schon fast zwangsverpflichtet, bei der Geburt dabei zu sein. Mich hat die abgegriffene Formulierung von anderen Vätern gestört: "Es war der größte Augenblick in meinem Leben" oder so ähnlich. Ich stand im Kreißsaal und habe diese Sätze in mir gehört und fühlte mich verpflichtet, das auch als den größten Augenblick in meinem Leben zu betrachten. Ich war sehr stolz und sehr erleichtert, aber ich muss ehrlicherweise sagen, dass der Augenblick, als ich zwei Stunden alleine auf der Bühne des Burgtheaters stand, in meiner subjektiven Empfindung da heranreicht.

Als Harald Schmidt angefangen hat darüber nachzudenken oder Empfindungen zu konkretisieren - wollte er immer ein Selbstdarsteller werden und ist es das, was er ist: ein Selbstdarsteller?

Ja, aber ich wusste das erst, als ich es dann wurde. Zuerst habe ich geglaubt, ich werde Schauspieler.

Das ist für Sie nicht dasselbe?

Nein.

Können Sie den Unterschied benennen? Zwischen einem bedeutenden Schauspieler und einem bedeutenden Selbstdarsteller, wie Sie es sind?

Ein großer Schauspieler schafft meiner Meinung nach das Verschwinden der eigenen Person hinter der Figur, aber immer bleibt die Persönlichkeit des großen Schauspielers sichtbar. Bei mir bleibt eigentlich immer nur Harald Schmidt oder die Kunstfigur Harald Schmidt sichtbar, und ich schaffe es nur sehr begrenzt und vor allem sehr kabarettistisch, eine andere Figur herzustellen.

Inwieweit ist die Kunstfigur Harald Schmidt inzwischen stärker geworden als der Mensch Harald Schmidt?

Die Kunstfigur wird wieder weniger. Ich war jüngst bei einem Konzert von Eric Clapton und da fiel mir das auf. Eric Clapton mit seiner erstklassigen Band steht nur noch auf der Bühne und spielt. Junge Bands liefern noch den Darstellungsmechanismus von Rockmusikern, werfen auch mal die Gitarre in den Lautsprecher. Wenn Sie ein gewisses Level erreicht haben, brauchen Sie das nicht mehr und können sozusagen wieder normal werden.

Ein Kabarettist will gewöhnlich eine Botschaft loswerden. Welche Botschaft hatte der Kabarettist Harald Schmidt?

Nie eine. Das war mein Problem beim Kommödchen. Ich wollte einfach nur der Lustigste sein und der, bei dem die Leute am meisten klatschen. Das Kommödchen hatte eine Botschaft: Sie haben immer gesagt, sie wollen das andere, das bessere Deutschland. Aber mir selber war es eigentlich immer egal, wer der Bundeskanzler ist. Ich wollte einfach rauskommen und Witze machen.

Haben Sie sich an Gerhard Schröder als Bundeskanzler gewöhnt?

Ich bin da emotionslos. Mein Vorbild Johnny Carson hat sieben US-Präsidenten, den Koreakrieg und den Vietnamkrieg in seiner Amtszeit erlebt. Da werde ich wahrscheinlich nicht mehr hinkommen, bei den Kriegen hoffentlich sowieso nicht. Aber sieben Kanzler könnten es vielleicht noch werden.

Sie sagen, Sie seien in ihrer Grundhaltung konservativ. Beschreiben Sie bitte, was für Sie konservativ ist.

Ein klares Wertesystem, ein Misstrauen allem Neuen gegenüber, und den Satz, "Früher war alles besser" sage ich nur deshalb nicht, weil ich weiß, dass man dadurch so alt wirkt. Eine intakte Familie, eine klassische Ausbildung der Kinder, also eine möglichst optimale Ausbildung, dazu gehört das Erlernen eines Instruments und im Groben auch die Orientierung am Christentum, nicht unbedingt am Katholizismus, sondern an den Werten, die das Christentum vorgibt.

Sie haben einmal gesagt, es gäbe keinen Komiker aus der Oberschicht. Sagen Sie das, weil es eindrucksvoll klingt oder meinen Sie das ernst?

Ich würde es noch ergänzen: Es gibt auch keinen Komiker, der Erfolg bei Frauen hatte, bevor er komisch wurde. Es entsteht aus einem Gefühl des sich Zurückgesetztfühlens; man ist entweder sportlich oder man ist der Schulclown. Man muss sich Aufmerksamkeit verschaffen mit Mitteln, die jemand, der ein schöner Mensch oder ein erfolgreicher Sportler ist, nicht braucht. Richard Gere ist nicht lustig. Und als Oberschicht hat man auch nicht den Traum, es unbedingt wohin bringen zu wollen. Ich weiß noch genau, wie ich mit 15 als Schüler zum ersten Mal in London war, da hing ein großes Plakat von Clint Eastwood am Piccadilly Circus, und ich stand davor und sagte mir, eines Tages steht da mein Name. Es war nicht London, aber in gewisser Weise hat es funktioniert.

Sie haben mit Polenwitzen, mit Zoten, als sogenannter "Dirty Harry" ihre Late-Night-Show begonnen. Seit einiger Zeit wirken Sie gelegentlich professoral, bieten dem Publikum Bildung an. Ist das eine neue Masche, die Distanz zum Publikum zu vergrößern? Ist es eine Form von Überhebung?

Die Sache mit den Polenwitzen bezog sich ja nur aufs Autoklauen. Das war aber nach einer gewissen Zeit durch, übrigens war es schon durch, bevor die große Aufregung begann. Es war dann einfach der Punkt, dass ich nach 20 Jahren beim Theater und beim Fernsehen das Gefühl hatte, jeden Witz in meinem Leben schon mal gemacht zu haben. Außerdem brach die große Spaßgesellschaft rings um mich herum aus. Ich musste also ein neues Feld finden und dachte mir, jetzt sollen mal Shakespeare, Schubert, Picasso usw. ran. Es ist sozusagen die Einführung einer Kultursendung durch die Hintertür.

Wie lange wird das Publikum mitspielen?

Ich glaube, lange, denn mir ist ja der Wechsel geglückt. Bislang war ich "Dirty Harry". Jetzt können Sie überall lesen: "Quält uns mit Bildungsbürgertum, gibt sich sehr oberlehrerhaft". Nach fünf Jahren ist das ein geglückter Richtungswechsel - ohne das eigentliche Feld zu verlassen.

Was ist das eigentliche Feld?

Dass die Zuschauer - oder auch vor allem der Sender - glauben, es wäre eine Unterhaltungssendung.

Ist das der Versuch, mit Arroganz Erfolg zu haben?

Arroganz ist es nicht. Es ist der Wunsch, mit etwas Erfolg zu haben, was eigentlich in den Schubladen verstaubt, wo niemand damit rechnet, dass ich das in diesem Augenblick mache.

Was bedeutet Ihnen Stefan Raab?

Ein kommerziell sehr erfolgreicher Kollege, den die Medien von Beginn an als Konkurrent zu mir zu etablieren versucht haben. Für mich war von Anfang an klar, dass ich nie in diese Konkurrenz eintreten werde.

Nun ist es nicht die eigene Entscheidung, ob man in die Konkurrenz eintritt oder ob man von denen, die Stimmung machen - und Stimmung macht auch Quote - in die Konkurrenz hineingedrängt wird. Fühlen Sie sich hineingedrängt?

Ich sehe die Versuche, die Konkurrenz einmal pro Woche mit neuen Artikeln zu verschärfen, mit großem Interesse und auch mit großem Lustgewinn. Aber ich habe mich rechtzeitig an der Politik orientiert: Der Amtsinhaber geht einfach nicht in Diskussion mit dem Herausforderer.

Wie weit kann jemand gehen, der das Publikum bedienen will, weil er das ganz redlich als seine Aufgabe ansieht, aber sich auch nicht dem Publikum unterwerfen will - wie weit kann ein solcher Mensch seine wirkliche Meinung über das Publikum sagen? Wie offen kann Harald Schmidt sein?

Hundertprozentig offen, weil ich ja nur eine Klientel von grob einer Million Zuschauer pro Abend bediene.

Seien Sie mal ganz offen über diese eine Million.

Diese eine Million sind Leute, die die Sicht der Dinge, die ich jeden Abend vertrete, teilen. Vielleicht auch hassen, und aus aggressiven Gründen jeden Abend einschalten, und ich nehme das Publikum sehr sehr ernst, weil es ja meine Kundschaft ist.

Wie weit ist das möglicherweise Selbstbetrug, den Sie sich gönnen, weil Sie sonst einsehen müssten, dass die Leute einfach dahin wollen, wo das Fernsehen stattfindet, nicht weil sie mit Ihnen auf einer Wellenlänge sind oder Ihre Wellenlänge verabscheuen, sondern weil sie zur Prominenz wollen, ganz egal was die Prominenz macht. Glauben Sie, das Publikum in seiner Mehrheit, Ausnahmen bestätigen die Regel, will einfach in so eine Sendung, oder wollen die einen zu Stefan Raab und die anderen zu Harald Schmidt?

Das weiß ich hundertprozentig, denn ich hab' ja auch mal geglaubt, ich könnte die große Masse erreichen am Samstagabend mit Verstehen Sie Spaß? Mein Irrtum war damals zu glauben, das deutsche Fernsehpublikum würde sagen: "Jawoll, das ist die Art von Unterhaltung, die wir wollen, endlich kommt einer und macht es." Ich musste schmerzhaft erfahren, dass das nicht so ist. Und bin davon geheilt und weiß, dass das Publikum, das nur dort sein will, wo das Fernsehen ist, bei den großen Shows am Samstagabend ist. Was ich mache, ist für eine ganz spezielle Klientel, etwas, das wir sozusagen durchgemogelt haben durch das Fernsehen.

Wie gut vertragen Sie Kritik?

Wenn die Ebene stimmt, auf der die Kritik kommt, oder wenn sie manchmal so ganz dumpf einfach an mich rangeschrien wird, aber etwas sehr wahrhaftiges trifft - dann kann ich gut damit umgehen. Aber ich bin niemand, der jeden fragt, was hältst du denn davon. Ich habe, und das mag pathologisch sein, einfach die Fähigkeit, die zwei positiven Aspekte, die sich in jeder Kritik finden lassen, auf mich zu beziehen.

Das war keine Pointe, sondern eine Realitätsbeschreibung?

Ich habe da eine große Nähe zu Helmut Kohl festgestellt. Er wäre heilig gesprochen worden, wenn er mit diesem verlorenen Wahlsonntag abgegangen wäre, und das zeigt einfach: So lange man am Drücker ist oder in Amt und Würden sitzt, ist es relativ egal, was um einen herum geschrieben wird, wenn man nicht selber die Nerven verliert.

Aber Majestät braucht Sonne, oder?

Das ist richtig, aber ich habe in dem Fall ja beide Arme gleich lang zum Umblättern.

Sie sind ein Bildungsprotz, nicht?

Ja, vertiefen Sie das jetzt nicht. Damit bin ich schon am Limit, mehr weiß ich nicht ...

... als dass Wilhelm II. einen verkrüppelten Arm hatte?

Ja.

Sind Sie ein Zyniker?

Ich fand das eine Zeitlang sehr schick, ich hatte gelesen, dass Rudolf Augstein so stolz darauf sei, ein Zyniker zu sein. Irgendwann habe ich festgestellt, dass der Begriff Zynismus inflationär gebraucht wird, meist ohne zu wissen, was er bedeutet: Wenn Sie lachen, wenn einer auf einer Bananenschale ausrutscht, heißt es gleich: Sie sind ein Zyniker. Da habe ich beschlossen, dieses Vormichhertragen des Zynismus abzustellen, auch weil Claus Peymann gesagt hat - ob das ehrlich war oder nicht, ich fand's naheliegend - eine permanent zynische Haltung schließt einen von sehr Vielem aus. Es lähmt die Empfindungsfähigkeit. Wenn Sie alles gleich ironisch sehen, berauben Sie sich vieler Möglichkeiten neue Erfahrungen zu machen.

Witze, haben Sie gesagt, kann ich doch nur machen über Dinge, über die man nach allgemeiner Auffassung keine Witze machen darf und keine Witze machen soll. Aber Sie haben sich auch gehütet, über den Kosovokrieg Witze zu machen. Also einerseits sagt der Profi: Wir müssen, um Witze reißen zu können, Grenzen des allgemeinen Geschmacks, Grenzen von Tabus überschreiten, andererseits sagt der Publikumsdompteur, aber da gibt es Grenzen, die ich dann doch beachten muss.

Eigentlich ärgere ich mich darüber, dass ich keine Witze gemacht habe. Mir war aber auch überhaupt nicht klar, welche Meinung ich eigentlich zu diesem Krieg haben sollte. Vielleicht hätte ich ein, zwei Bücher, die ich erst später gelesen habe, damals schon gelesen haben müssen, dann wäre mir mehr klar gewesen. Ich hole mir in solchen Situationen Hilfe von den Amerikanern, die da gar kein Problem haben, es wird einfach stramm gestanden und Patriotismus geflaggt. David Letterman hat seine Show für die Truppen in Bosnien übertragen, mit ironischer Distanz, aber da fallen eins zu eins Sätze wie "Our prayers are with them", "They are doing a great job", und es wird keine Sekunde gefragt, warum die Amerikaner in Bosnien sind, sondern der Humor bezieht sich darauf, dass man nicht weiß, wo Bosnien liegt. Das war der Einstiegsgag. Aber es ist keine Frage, dass da ein Patriotismus gefahren wird, den man sich bei uns nicht erlauben könnte, wenn Sie nicht sofort in eine dumpfe rechte Ecke gestellt werden wollen.

Bedauern Sie, dass dieser Patriotismus aus Gründen, die wir kennen, so ungebrochen wie David Letterman ihn in den USA praktiziert, hier nicht im Schwange sein kann?

Ja, es würde die Sache für mich wesentlich einfacher machen, und ich glaube, es würde auch insgesamt zur Entspannung der deutschen Befindlichkeit und zur Entkrampfung beitragen. Wenn die französische Mannschaft im Stade de France spielt, hat Chirac eine Trikolore um den Hals hängen, und 80.000 Leute singen "Allons enfants de la patrie". Stellen Sie sich die Situation mit der deutschen Hymne vor, sogar mit der richtigen Strophe, Sie würden sofort Bedenkenträger finden, die sagen: "Vorsicht!"

Das können Sie gar nicht verstehen?

Natürlich kann ich das verstehen.

Verwächst sich das, oder rechnen Sie darauf, dass der Nachfolger von Harald Schmidt in dreißig, vierzig Jahren so sein kann wie der Nach-Nach-Nachfolger von David Letterman?

Ich glaube, dass es dann nicht mehr notwendig ist, weil die Konzerne endgültig alles organisieren werden, und wir so etwas wie Nationalgefühle gar nicht mehr kennen werden.

Das vollständige Interview wurde innerhalb der Sendereihe "Zur Person" vom ORB ausgestrahlt.

00:00 23.03.2001

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