Der doppelte Marx

Showstar Wem gehört der Denker, der sich aktuell großen Interesses erfreut? Auf zwei Konferenzen in Berlin reklamierten ihn sowohl Philosophen als auch die Linkspartei für sich

Das Audimax der Berliner Humboldt-Uni ist rappelvoll. Hunderte Menschen auf den Stühlen, auf dem Boden, auf den Rängen, und weil der Platz nicht ausreicht, sogar noch ein Stockwerk tiefer bei der Liveübertragung des Geschehens im Kino. Junge Menschen mit teils kühnen Frisuren unterhalten sich in aus- und inländischen Zungen, machen Handy-Fotos und schreiben auch mit. Immer dazwischen ältere und sehr alte Damen und Herren, die ungebeugt wirken und von alten Schlachten erzählen. Das Interesse an der Konferenz Re-thinking Marx vor gut zwei Wochen war riesig – warum, das erschloss sich aus den Vorgängen auf dem Podium allerdings eher nicht.

Schon die Einführung von Konferenzveranstalterin Rahel Jaeggi fiel arg langatmig aus. Aufs Äußerste akademisch ging es dann, teils ermüdend, teils subtil und teils ermüdend subtil weiter. Ein Event ohne Aufruf zur Revolution, ohne Knalleffekt und ohne Parolen. Nur ein bisschen postdramatisches Theater als Abenddekoration. Leicht grotesk schien recht bald das Missverhältnis zwischen beflissen-gelehrtem akademischem Tun und dem Ansturm der Menge. Bis man kapierte: Der Star saß nicht auf dem Podium, der Star war der Name im Konferenztitel.

Marx plus mein Lieblingsthema

Marx zieht die Massen. Immer noch oder wieder, jedenfalls: Audimax voll. Dabei war der Hörsaal als Veranstaltungsort bei Re-thinking Marx fast schon die zentrale These der Konferenz. Für Jaeggi und Gäste ging es nämlich sozusagen darum, die elfte Feuerbachthese vom Kopf auf die Füße zu stellen oder, wie man es nimmt, von den Füßen auf den Kopf: „Die Menschen haben die Welt mit Marx zu ändern versucht; es kömmt aber darauf an, ihn verschieden zu interpretieren!“ Mit anderen Worten: Das Ziel war die Rücküberführung des revolutionär-politischen Marx in den (sozial)philosophischen Denker.

Man wählte als Veranstaltungsform die komplett überfrachtete akademische Konferenz, mit großen Podien und kleinen Parallelseminaren. Ernüchternd anzuhören war, wie die Mehrzahl der Vortragenden Marx durch aktuelle Theoriediskurse von Gender bis Postkolonialismus jagten oder nur als Fußnote zu ihrem eigenen Lieblingsthema benutzten. Die fast schon bizarre Manier, in der etwa Terry Pinkard den armen Karl Marx postum wieder zum Hegelianismus zu bekehren versuchte, war ein extremer, aber kein Ausnahmefall. Von Etienne Balibar kam als Maximum der Referenz ans aktuelle Geschehen immerhin ein freundliches Nicken in Richtung spanische Revolution. Ansonsten philosophisches business as ususal. Am Schlusstag waren die Reihen sehr deutlich gelichtet. Und Marx selbst? Der schien zunehmend blass um die Nase.

Die Konferenz war vielleicht vor allem dies: ein institutionenpolitisch interessantes, effektbewusst platziertes akademisches Leuchtturm-Event. Die Organisatorin Rahel Jaeggi ist auf einen der sichtbarsten Philosophie-Lehrstühle der Republik nämlich recht frisch berufen. Sie ist an der Humboldt-Universität die Nachfolgerin des sehr öffentlichkeitswirksamen, sicher nicht linken und von neuerer Theoriebildung wenig angekränkelten Große-Themen-Denkers Volker Gerhardt. Die Neubesetzung ist ein Geländegewinn für die jüngste Generation der Kritischen Theorie, der man Jaeggi zurechnen muss. Revolution ist allerdings keine zu fürchten. Schließlich ist die einst so radikale Kritische Theorie in ihrem heutigen Kern und post Habermas eine oft ziseliert argumentierende, aber disziplinär sehr gebändigte Sozialphilosophie mit Ausläufern in Ästhetik und politische Theorie.

In verlässlich solide gearbeiteten Theoriestücken kreist das Denken ihrer aktuellen Vertreter um Begriffe und Konstellationen wie Anerkennung (Axel Honneth), Normativität und Freiheit (Christoph Menke) oder Aneignung und Entfremdung (Rahel Jaeggi). Damit findet die einstige Frankfurter Schule heute neue Freunde in Frankreich – die meisten von ihnen waren bei der Konferenz zu Gast; auch hält sich der Widerstand an deutschen Universitäten inzwischen in Grenzen. Die allmächtige Deutsche Forschungsgemeinschaft vergibt ihre Drittmittel – siehe Re-thinking Marx – offenbar gern. Auf der anderen Seite fehlt es dieser radikalmoderaten Sorte kritischer Sozialphilosophie doch etwas an außerakademischer Anziehungs- und Ausstrahlungskraft. Die borgt sie sich dann per Konferenztitel von Marx und denkt ihn unterm Schwinden der Zuhörerschaft recht gründlich klein.

Žižek was here

Szenenwechsel. Das Astra Kulturhaus an den S-Bahn-Gleisen in Berlin-Friedrichshain ist rappelvoll. Hunderte Menschen auf den Stühlen, auf dem Boden, nur eine Liveübertragung anderswohin gibt es nicht. Im Astra Kulturhaus spielt für gewöhnlich Musik. Indie-Bands wie die Eels und Death Cab For Cutie treten in diesem Monat noch auf. In der Hitze des vergangenen Samstagabends war der Saal aber bestuhlt. Vorn auf dem Podium ragten von links und von rechts je eine rote Flagge mit der Aufschrift „Die Linke“ schräg ins Bild. An der hinteren Wand eine geballte Faust auf schwarzem Grund, das Poster zur Konferenz, darauf deren neckischer Titel: Marx is Muss.

Auf dem Podium sitzt die Linken-Politikerin Janine Wissler und drischt munter die üblichen Phrasen. Neben ihr Dietmar Dath, der oft ziemlich tolle, erklärt linksradikale Schriftsteller, der einst als Spex-Chef- und FAZ-Kulturredakteur durch den Kulturbetrieb zirkulierte. Dann Alex Callinicos, ein aufrechter Trotzkist und als solcher in den entsprechenden Zirkeln sehr geschätzt. Sie alle jedoch waren kaum der Grund für den abendlichen Umzug der Konferenz von der Alten Feuerwache in Kreuzberg ins größere und hippere Astra Kulturhaus. Nein, für den Massen-Appeal war ein anderer zuständig: Slavoj Žižek.

Der Slowene ist wohl der größte Theoriestar unserer Zeit, an Universitäten und außerhalb weit rezipiert. Der Philosoph als Standup-Comedian und Dauerperformer eines sich an sich selbst ständig weiter entzündenden Denkens. Ein pointenwütiger Irrwisch mit Sprachfehler und wilder Gestikulation, einer, der eine theoretische Pointe erst für geglückt hält, wenn er sie als obszönen Witz reformulieren kann. Žižek ist aber nicht nur der Theoriestar als Meisterdenker und Hochleistungsperformer; er ist auch derjenige, der zusammen mit seinem Mitstreiter Alain Badiou den Kommunismus wieder ins philosophische Gespräch zu bringen versucht.

Auf dem Podium waren sich alle einig über die Wünschbarkeit und Möglichkeit eines radikal demokratisch zu erreichenden Kommunismus. Die Revolutionen in Arabien oder die Demonstrationen in Spanien nahm man mit aller Vorsicht als positive Signale; allerdings versäumte es Žižek nicht festzustellen, dass die Forderungskataloge der spanischen Jugend eigentlich auch jeder Faschist unterschreiben könnte. Umso nötiger seien ausgereifte Theorieangebote als Avantgarde des Denkens für die eines Tages eventuell auf den Straßen anzutreffenden kritischen Massen.

Lafontaines Marx

Die Marx is Muss-Konferenz war in vielerlei Hinsicht die Komplementär- und Konkurrenzveranstaltung zu Re-thinking Marx. Hier ging es auch um Wege zur Tat. Organisiert hatte die Gruppierung Marx21, die einmal Linksruck hieß und heute die Linkspartei, in die sie 2007 eintrat, auf Kommunismus, Systemkritik und Radikalopposition festlegen möchte. Von ihrem recht rabiaten Antizionimus – zweite Gaza-Flottille ahoi! – mal ganz sicher nicht zu schweigen. In der netzwerkeigenen und inzwischen recht fluffig-kulturalistisch daherkommenden Zeitschrift Marx21 wird freundlich über Ken Loach oder Stéphane Hessel geschrieben, es kommen Figuren mit viel kulturellem Kapital wie Dath und Žižek zu Wort, während zugleich Veteranen wie Elmar Altvater oder Arno Klönne neben Sahra Wagenknecht und Hans Modrow publizieren.

Die Leute von Marx21 sind – nicht weniger als Jaeggi Co auf ihrem Feld – Virtuosen der Vernetzung. Im derzeit tobenden innerparteilichen Programmkampf gelang ihnen bei Marx is Muss ein Coup. Als Eröffnungsredner war Oskar Lafontaine geladen. Der setzte in seiner Grundsatzrede deutliche Signale für die ganz klare Kante: für Fundamentalopposition und gegen die ostdeutsche Regierungsbeteiligungslinke. Marx21 sammelt für diese Linie die Truppen und rockt mit Slavoj Žižek das Haus. Viel mehr als theoretisch gepimpte Parteipolitik kam dabei nicht heraus.

Unübersehbar jedoch ist Marx, egal ob auf Kopf oder Füßen, wieder ein Star.

11:55 09.06.2011

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